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Full text of "Dichtungen"

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man... 











Dichtungen 


Audwig Gotthard Mogegarten. 





Eilfter Band. 





Zurischer Gedichte 
zweite Sammlung. 
Zebntes, eilftees, zwölftes Bud. 


RICO LTE DET EEE GG 





Sünfte Ausgabe 





Greifswald. 
In der Untverfitdes-Buhbandlung 
" . 1825. 


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Zehntes Bug. 


' Seite 
Elyſium......... ............. \ 
Unſterblichkeit. .......... .. ...... 2 
Was bleibet und was ſchwindet. ..... ..... 38 
Des Grabes Furchtharkeit und Lieblichkeit. ...47 
Ellwinens Klage um Ellwill............ 55 
Schlaͤfer rwah. -.-- ec 0er enen ....59 
Dos Andenken. ....... ............. 63 
Das Schattenreich.. .. . . . . . . . . . . . . . . 62 
An Alma's Schatten..4 ... 76 


- me. * 


no 

| on = Seite 
Drei Thhter an des Vaters Schatten. 81. 
Erhebung ihrer weenssrrne« 6 
Lehter Seufter. rennen nennen 9 


Eilftes Buch. 


ah. ee euere 8 
Agathon an Thelxrione. ee een ee 106 
Agathon an Wantbe » -- serie .. 112 
. Sunium. ER, u 
Theen und Thea... er ene ne . 127 
Die Lebenden und die Ereundinnen. . .. . . . 183 
Symende cc nnennerne. urn .. 138 
Die Lieblingeflur. ............ 143 
Diefelve. Beim Wiederfehn..... . 145 
Das neue Jahrhundert: nn... lern... 109 


Endymion. U Zu Zu, Yual Zur Br — —— Zur Su Zu Zu .... .. BON 
Mareiſſus.** DA 








i Seite 

. Der Rachtigallſchlag.·........ ...... 12 
Froſtblumen. ... . .. .. ...... 153 
Das Leichtere und Schwerere.... ... 154 
Die Schwane......... ....... . .. 155 
Die Namen". 22.2 ncn nn. ....... 156 
Letzte Bitte. ...... ........... 1851 


{ 
5 Zwoͤlftes Buch, 


Ekloge. ......... ........... 161 
Das Lied des Bundes. . - : Ense. « 209 
Ahnung... .... ..... . . . . ... ....... 214 
Die Todtenfelen. u ........... ..... 7 
Mundgefang. - -.. 2-0 ur ern nn . 220 
Lied der Eilfiahrigen. ........... 5. 
An die Erfigeborne. ... . .- .......... 2. 
Abends unter ber Linde... . . . .. ....... 234 
Letzte Ehre... .. .». ....... een 236 
\ 


Klage um Bottfried Gering. ...........237 
Erinnerungen.................... A 
Atlantis......................248 


Epilog. 
Der Schwan. Ein Geſicht. . .... ..... 952 


Zprischer Gedichte 


zweite Sammlung. 





Zebntes Buch. 








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Elyſium. 


Poräser die lange Nacht? 
Dom langen Schlummer erwacht? 
Bin ich? leb' ich? athm? ich wieder? 
Schwebe mit ſonnebeſtrahltem Gefieder 
Hervor? herauf aus dunkler Gruft? _ 
Hindurch die faufende Himmelsluft! 
Hindurch des Aethers fchwellende Fluten! 
Entgegen Aurorens Purpurgluthen! 
Entgegen dem uranfaͤnglichen Licht, 
Sein milder Schimmer blendet mich nicht!... 
. Staunen, Entzuͤcken, ich fafle dich nicht! 


No, 
— 10 — 
Ahnungvolles Bangen, 
- Namenlofe Luſt, 
Hoffen, Fuͤrchten, Verlangen, 
Heben die. lechzende Bruſt. 


Wechſelnde Schauer, 

Freud' und Trauer, 

Suͤße Webmutbh/ koͤſtlicher Sim 

Schuͤttern das bebende 
Strebende 

Herz. 


— 


Empfindung ſonder Namen, 

Bift du dem Stande verwandt? 
Leuchtende Scheibe dort oben? 
Sprich, ſprich, biſt du dieſelbe, 

Die drunten mir gebrannt? 

‚Anders iR diefer Himmel, 
Anders diefe Flur. 

- Blauer md milder der Himmel, 
Duftender, grümer die glur. 


\ 





—— — 
Ambrofifche Saaten durchfluten Die Felder. 
unſterbliche Stimmen bucchflöten die Wälder. 
Den Quellen entrieſelt Harmonicaklang, 
Ten Bachen entmurmelt Schlummmergefang. 
Jedes athmende Blümchen 
Nickt mir leiſen Gruß. 
In jedem ſchmeichelnden Luͤftchen 
Berghrt mich Geißerkuß. 


Sch. ſelbſt wie anders: 
Wie jugendlich Träftig, 
Die geniusſtark! 
Mir fchmwellet die Bruſt dämonifches Leben! 
Mir fpannet die Muskeln unendliches Stechen! 
Die Röhren füllet Heroenmark. 
Roͤthe des Aufgangs lichtet die Wange. 
Mir entrieſelt die Stimm’ im melgdifchem Klange. 
Mir entrolen die Locken wie ringelndes Gold. 
Gehoben von der azurenen Welle, 
Theil ich den Aether mit Lichtſtrahls Schnelle, 
Bon Glanz umflofien, von Strahlen umrollt 


— 
[0 


% 
.— 12 — | 
Wonne die mich durchſchauert, 

Wer biſt du, Maͤchtige? 
Leuchtende Scheibe, dort oben, 
Wer biſt du, Freundliche? 


Rieſelnde Quellen, kryſtallene Seeen, 

Funkelnde, ſonnevergoldete Höhen, | 
Amarantenduftenbes Blumrenter, 

Sagt mir, wer fend ihr, ihr NRimmerbeſungnen, 

Ninmmer mit Schwinge der Ahnung Erſchwungnen, 

Sagt, ach ſagt, ach verkuͤndet es mir! 


Stimmen 
Chor. 


Willkommen: 
Willkommen in Elofium! 
Du bifl dem Staub' entnommen, 
Vom Ettlen losgekettet, 
Ans Nacht und Grab gerettet, 
Bift in Elyſium; 








— 1 — 
Vo alle Dunkel tagen, 
Wo jedes bange Klagen 
Zum Jubel wird, die Schnfucht 
Genug wird, und die Hoffnung . 
Ihr Ziel erfliegt. . . Wilfommen, 

Willkommen in Elofium. 

Einzelne Stimmen. 


Defien Seele raftlos fchwärmt und firchte, 
Defien Bruft unſtillbar wogt' und webte 

Von der Leidenſchaften Sturm und Drang, 
Ruhe num in unſern ſtillen Thalen, 
Eingewiegt von lauen Abendſtrahlen, 

Eingelullt von Nachtigallgeſang. 


Der du lechtteſt drunten in der Enge, 
Weg dich ſehnteſt aus ˖ dem Weltgedränge 
In die Räume der Unendlichkeit; 
S. Waͤrme fröhlich nun durch Emigfeiten, 
Dur des Weltalls ungemeßne Weiten; - 
Schrankenlos bei uns find Raum und Zeit. 








— u — 


Weckten. dir des Rubmes Donnerglocken, 
Dir die Lorbeern in der Helden Locken 
| Unmuth, Eiferfucht und Thatbegier? 
Gnug der Kränze find bier zu erringen, 
Saͤulen zu erſtreben, Lorbeern zu erfingen; 
Yuf und wirb, und kuͤhn erwirb fie bir! 


Trachtete dein Geiſt mit regem Trachten, 
Schmachtete dein Herz mit beißem Schmachten 
Nach der Wahrheit ungeträbtem Duck; | 
Ibre Pforte fen dir hier entriegelt! 
Ihr geweibter Sprudel dir entfiegelt! 
Schöpfe, Lechzer, ſchoͤpfe tief und bei! 


s 


In der Heimath bunter Nichtigkeiten, 

Träumteft du die thöricht Seligfeiten, 
Die nicht Heberdruß nicht Reue trübt. 

Liebe lechiten deine - Slammentriche. 

Sey geliebt von- uns mit jener Liche, 
Welche schufach das Empfangne wiedergiebt. 


— 3 — 

Oder find Die Trauten die eintwichen, 

Freunde die im warmen Arm erblichen? 
Sey getrofi, die Flüchtlinge find hier. 

Halme, die des Schiäfals Finger knickte, 

Blumen, die det Froft des Todes pfluͤckte, 
"Sammeln, hegen und bewahren wir. 


Lichende, für jene Welt gefchteben, 
Wandeln bier in ewig ſuͤßem Frieden 
Arm in Arm in Haittesdämmerung. 
Ihrer Fackeln Brand verlodert nimmer, 
Ihrer vollen rm entſprudeln Immer 
Freuden, ewig friſch und ewig jung. 


Alle Thranen, fo die Erde weinte, 
Alle Wünfche, fo der Staub verneinte, 
Trocknet und erhoͤrt Elyſium. 
Alle Kämpfe, fo die Tugend kaͤmpfte, 
Alle Stuͤrme, fo die Weisheit dampfte, 

Endet und belohnt Elyſium. 


— 16 — 


Chor. 
u. Willkommen, 
Willlommen in Elyſium! 
Du biſt dem Staub eninommen, 
Der Eitelleit entſchwunden, 
Der Thorheit Arm entwunden, 
Des Feſſelzwangs entbunden, 
Biſt in Elyfium, 
Wo Feine Ketten Flirten. 
Wo Feine Klagen girren, 
Wo Feine Nebel irren, . - 
Wo Licht und Liebe und Tugend . 
Einpeimiich ‚find. Willkommen, 
Willkommen in Elyſium! ... 


.2 


— 


Welche Rube, welcher Friede, 
Welche wolluſtreiche Muͤde, 
Welche Agonie der Luſt 
ueberſchwemmt ‚bie ſel'ge Bruſt! 





\ - 1 — 
Alles vorüber! 
Alles verwallt 
Aller Kummer verfhwunden! 
Jede Klage verballt 
Jeder Hader geſchlichtet! 
Jede Schranke vernichtet! 
Jede Feſſel geſprengt! 
Allen Engen entſchwungen! 
Jedes Gewirre durchdrungen! 
Jedem Gedraͤng' entdrängt! - 


Jeder Seufier verfidhnt! 
Jebde Sünde verfähntt 

Ale Kämpfe gekämpft! 

Aller Tumult gedämpft! 
HOinausgehoben über Trug und Wahn, 
Heber des Eitlen ſtuͤrmiſchen wilden Orkan! 
Leber der Argliſt tüdifches Heucheln! 
neber der Falichheit vergiftetes Schmeichelnt 
Ueber des Neidharts Zahngefätfcher 
ueber der Klatſchſucht Luggetraͤtſche: 

XI. Band. [2] 


— 13 — 


ueber der Ebrſucht umdonnerte Höhn! 
ueber der Trennung zerfleiſchende Wehn! 


Schlaff der Bogen des Schickſals⸗ — 
Des Todes Schfe ſtumpf! 
Sieg, Sieg! 
Freude, Brendel . 
Triumph! Triumph! Triumph! 


Alles beflanden! 
Alles befiegt! 
Gecſchlagen jegliche Schlacht! 
Zegliches Opfer gebracht! 
Selige Tugend, dir num ewig tren! 
Himmliſche Wohrheit, ewig froh und frei 
Mich Ichnen an deinen reinen Bufen, 
Die ſchauen in dein hellſtrahlend Antlitz, 
Mid, weiden.an deiner Engelfchne..... 
Deinen Schleier zerreißen, ſproͤde Feie Natur! 
Dir folgen durch Feld und Wald und Zlur! 
Behorchen deine leiſeſten Tritte, 








— 19 — 


Belauſchen deine verhuͤllteſten Tritte, 
Mich wagen bis hart an die Saͤume des Nichts, 
Mich ſchwingen bis boch zum Duell des Lichte, 
Rud ern im weiten Raum der undurchſchiffbaren Leere, 
Durch der donnernden Schoͤpſung Inſelmeere, 
Von Pol zu Pol, von Sphäre zu Sphäre, 
Bon Regulus 
Zum Sirius, 
Von Präfeyens Strand bis zum Strand der 
Hyaden, | 
Bon Sonnengefladen gu Sonnengefladen, 
Die Tycho nicht, Kepler nicht, Herſchel nicht 
. ſah... 
Luft! Luft! | 
. Freiheit! Freiheit! on 
Victoria! DBiekortat "Victoria! . . : 


— 


und welche ſuͤße Botſchaft 
Drang dem Entzuͤckten in das trunkne Ohr! 
Euch ſoll ich wiederſchauen, 
Die ſich mein Herz erkohr! 


— 20 — 
Die ihr euch liebend zu mir fügtet, 
Die ihr mit Inbrunſt mich umfchmiegtet, 
ME eurem Muth mic, ſtuͤtzetet; 
Die the im Groß am eurer Bruſt mich wärmtet, 
Des Janglings Schwächen teugt, um meinen 
Sram euch härmtet, 
In meine Freuden jauchzetet; 
Geliebte meines Herzens, 
Vertraute meines Geiſte, 
Wo ſeyd ihr? 
In welchen Roſenſchatten, 
An welchen Silberquellen, 
In welchen Hainen wandelt ipr? 


Wo ſtaunt mein Agatbon in eis eruuem 
Schatten? 
Wo mufiert mein Ariſt die Flora neuer 
Matten? 
Wo flicht das fromme Weib, das mich 
gebar, 
Sich Blumen in ihr blondes Haar? 


. 
“ 








— 1 — 
In weichen bluͤhenden Gefilde 
Luſtwandeln Zilia und Roſilde? 

An weiches Baches veilchenblanem Rand 
Pfluͤckt Alma Fmmergrän und Amaranth? 
In welches Haines Daͤmmerungen, 

Von Nachtigallen angeſungen, 
Von ihrer Roſa Arm umſchlungen, 
Luſtwandelt ſonnenhell Herminia? 
Und die, fo mich mit treuem Arm umfchlang, 
Durch jedes Dorngeflecht des Lebens mit mir drang, 
Mit nimmer lauer Liebe mich begläckte, 
Mit nimmer müder Duldung mich erguicte, 
Und Labung noch in meine Seele blickte, 
Als mir das Licht entfchwand, und mir bie Erd 
. entwich... 
Wo, meine Traute, find ich dich? 


Die ihr mich im Staube liebtet, 
Mit mie vanget, mit mir- firittet, 
Mit mie jauchztet, mit mie Kittel, 

Himmliſche, wo find’ ich euch ? 


- 


| — 22 — 
Immer heißer, . . ſaumt nicht nunger. 


Immer lauter, immer banger 
Schlägt mein liebend Herz um euch. 


Schau! 
. &8 glängt! 
Des Haines Nacht 
Hellt fih. Dem Dunkel entfchmebet 


Eine Stenblengefilt. 


Bäimmergeindie, . | 


Actherumfloßner, 
Bluͤhender, ſirablenumgrteter Jungling/ 


Bi du eg, Theon, du? 


(Und während ſich die Seligen umſchloſſen, 
Geiſt In Geiſt ſich ergoſſen, 
Schimmer in Schimmer und Aether in Aether 
zerfloſſen, 
ward feierliche Stille 
Rings in Eliſium. 
Leiſer rauſchten die Haine. 





—, 3 — 
Melodiſcher quollen die Quellen 
Harmoniſcher weinten die Harfen. 
Beierliche Stile 
Ward in Elifium.) 


„Rab mich, mein Gellebter, \ 
Umfchlinge fo innig mich nicht! 
Biel barren noch dein der füßen Momente 
Des Wiehererblickens, bed Biedererkennens, 
Des Wiederumarmens in unſern gluͤckſeligen Fluren! 
Sichſt du die ſonnige Inſel, 
Jenſeit des Hlipenden Stroms? 
.. Döft’ umwblken fie, 
Jubel enttönen ihr. 
| Schimmer entglängen ihr. 
Es iſt das Land des Wiederſebus. 
Dort dichtet agathon in Fühlen Lorbeerſchatten; 
„Dort freuet ſich Yriß des. Flers der bunten Matten; 
Dort Hicht die Kromme, weiche dich gebar, 
- Sich Myrten in ihr blendes Haar. 


— U -_ 

Sulvina, Zilia, Roſilde | | 

Ruhn felig dort im Schooß der blühenden Geflde. 
Dort pflädt hie Alma an kryſtallner Bäche Hand 
Violen, Immortell und Amarant, 

Dort in des Haines Dämmerungen, 

Bon Nachtigallen rings umfungen, 

Bon ihrer Rofa Arm umſchlungen, . 

Wallt neunmal ſchimmernder, denn fonk, Herminia. 


Doc, die durch jenes Wallertand 
Dich leitet an getreuer Hand; 
Wallt drunten nach auf jenem blelchen Sterne, 
Schaut oft herauf zu uns aus ihrer trüben Berne, 
Beſucht im hleichen Mondenlicht | 
Des Heimgegangnen Grab und freut Veraig- 
meinnicht 
Und Roſenblaͤtter drauf. Ste naͤſſt ben beit? gen 
Hügel 
Mit frommer Thraͤuen Stat, fehwingt mit der 
Sehnfucht Fuͤgel 
Vorabnend ihren SGeiſt ans Tand und Eitelkeit 
Herauf zum goldnen Ci ber Unvergaͤnglichkeit. 











— 25 — 
Doch eil', ach eile, folge mie! - 

Sichf du den Tonnigen Hügel? 

Lichtere Schimmer umglänzen ibn. 

Lautere Jubel entſtuͤrzen ihm. 

Rufende Stimmen entgleiten ihm. 
Harret, Geliebte, wir Egmmen! 
Deffnet die Arme! Wir eilen, 
Toͤnenden Zittigs, faufenden Kluge, 
In eure offenen Arme, N 
An eure lichende Brufii 


Stimmen. 


Chor. 

Wounne! 

Wonne! 

Wonne! 

Entzädungreiches Wiederſehn, 

Aus deinem Nektarbecher 
Schtpft der geneſene Lecher 
Erſatz fuͤr alles Leiden, 


Den Fuͤnftellaft der Freuden, 
Die Seligleit der Gätter, 
Die ewig jung und ſchoͤn! 
Wonne? Wonne! Wonne 
Eutzuͤclungreiches Wiederſehn! 


N 


‘ 


Einzelne Stimmen. 


Dilger in den Trennungthalen, 
Waller zwifchen Todtenmaalen, 
Staubgeborne, trauert hicht! 
. Durch des Hades senfe Schatten 
Gührt der Weg in Edens Matten) 
Durch die Nacht zum ewigen Licht. 


und in diefes Lichtes Strahlen, 
Und in unfern Friedensthalen 

. Schwinden alle Lebenswehn. 
Thranen, die den Todten flofien, 
Thbraͤnen, Trennung, dir vergofien, 
Gliegen dier dem Wiederſehn. 





— 27 — 
Wiederſehen, Wiederſchauen 
Derer, die des Grabes Grauen, 
Die des Schickſals Strenge ſchied; 
Wicherfinden, Wiedergruͤßen, 
Innig's Geh in Geift zerfließen, 
Deine Wonne ſingt kein Lied. 


Deine Wonn' iſt überfchwenglicd, 
Rein und ſuͤß und unvergaͤnglich, 
Wie der. Gottheit Seligkeit. 
Ewig jung, wie Himmelslenze, 
Kranzet fie mit Weltengraͤnze, 
Endet ſie mit Ewigkeit. 


Chor. 


Wonne! Wonne! Wonne! 
Eutzuͤckungreiches Wiederſehn! 
Erſatz fuͤr alle Leiden, 
Vollendung aller Freuden, 


— 28 — 
Erfuͤllung aller Sehnſucht, 
Du, du nur machft vergeſſen 
Des Erdenlebens Wehn, 
Wonne! Wonne! Wonne: 
Der Himmel Blume, Wiederſehn! 





N. 


s 


Uunſterblichkeit. 





Die ihr des freundlichen Lichts 


Euch daſeynsſelig erfreut, 
Troͤſtet euch, Bruͤder, ihr werdet 
Ewig des Lichtes euch freum! 


Vas wie erfehnten 
Mit des Juͤnglings Sehnfucht 
" Nach dem Kuß der Gelichten, 
Es iſt, es iſt mir erſchienen! 


Bas wir erſehnten, erflehten, 


Es dat, es hat mich ergriffen, 


Wie den Füngling die Eidſchwurgewißheit, 
Daß, die er liebet, ihn liebe! 


— 30 — 
ie den Suͤnder die Gnad' ergreift, 
Wie den Buͤßer der Vergebung Gefühl, 
So ergriff den Vernichtungfcheuen, 
Unfterblichfeit, dein großes Gefühl! 


’ 


Ich abi es, ich bot es, icht glaub’ ich, daß 


ich bin! 


Ich glaub' es, ich ſchau' es, daß ih mis - 


” j F bin! ... 
Neige deine Wipfel, Eiche! 
Ein Unſterblicher wandelt unter bir, 


a En f PER 


"Rande die ſilberne Scheibe, Mond! 
Entblinfet dem Nachtönft, fchimmeräugigte 
Sterne! u 


Sirius, waͤlze dein Flammenrad! glanzge⸗ 


guͤrteter Orios— 
Wandle ſtattlich den Rieſengang! 





— 1 — 


Minder ihr Stolsen, als ich, 
Seopſd ihr, ihr ſeyd vergaͤnglich! 
Mehr als die Eich und der Mond, mehr als 
Orion und Sirius 
Bin ich! bin unvergänglich! 


Himmel und Erde vergehn. 
immer vergehet das Ich! ... 
Ha, wenn das Ich verginge, 
Was wäre dag nichtige Seyn! 


Eines Traumes Schatten, 
Getraͤumt in zweifelndem Zwielicht, 
Zerſchwunden mit des Tages Dammrung, 
Wäre dieg nichtige Seyn! s 


Aermer noch wär ich, als der Halt und das 
Gras; N 
Veraͤchtlicher nech,, als der Kieſel der Safe! 


— 


32 — 
| Des Daſeyns Entzuͤcken empfanden ſie nicht; 


Dem Grauen, Vernichtung , empfinden fe 
nimmer: 


Ach, wenn ich ewig nicht wäre, 
So aͤchzt' ich dem Fommenden Tag’ 
Entgegen, ſo achzt ich, kaͤme die Nacht, 
und verhuͤllte mich und ſchwiege vertraurend; 


So wuaͤrd' ich unter die Blumen des Fruͤblings 
Mich freien und die Blume beneiden. 
Du, 9. blühende Erde, daͤuchteſt mir ein one 
Grab; 
Die Menfchen gerflichende Schatten! 


Dich, herrliches Vorrecht des Geiftes, 
unergruͤndliches hobes Bewußtſeyn, 
Dich würd? ich ertraͤnken in Taumel und Rauſch, 
Das mich nicht traͤfe der Gedanke der Ver⸗ 
nichtung ! 








— 3 Bu 
Aber er traͤfe mich doch! ' 
Mic umſpuketen grinſende Sarnen! 
. Bläfeten fletfchenden Zahnes mir gu: 
Was jauchzeſt du, Schatten? Zerflattret - 


Es entfinte bee Kelch der zitteenden Sand; - 
Es entſprudelt dem Blinkenden Schierlingsichaums 
Die Roſe duftet Verweſung; 
Die Muſik tönt Graͤbergeheul. 


Ruͤhret mich nicht an! Umarmt mich nicht 
So bruͤnftig, meine Geliebten! 
Nicht drückt den Wersänglichen fo fe an euer 
Herz! 
An eurem Herzen dürft er zerfließen! 


x 


Der Vernichtung Fittige fanfen daher! | 
Sie faufen, fie vaufchen baber! Ach rettet, 
Biebende, rettet ... 
XI. Band, [33 


u — 34 — 
Bo, Berirrte, wohin? Ermamme dich, Seele! 
Ein Schal iſts, 
- Ein hohler Schal, der dich ängflet. 


Iſt hlenieden auch FRE 
Yuch Untergang bientchen und Vertilgung? 
AR, was Tod wir neunen und Untergang,‘ 
Nicht Enthuͤlung nur, Entwicklung, Ver⸗ 
| edlung? 


Mag auch das eblere Selbſt, 
Das denkende, wollende, boffende Selhſt, 
Berfiegen mit dem Del; das. den Nerven traͤnkt, 
Verlieben mit der Afche, die den Gräbern 
entſtiebt? 


ciſat auch der Becher der Luſt, des Rubms, des 
| Reichthums, der Liebe, 
Stillt auch die Fuͤle des Gluͤcks der Bruſt un- 
nennbares Sehnen? 











— 35 — 
Warum denn fenfjen, Bealädter, wenn dam⸗ 
mert der Mond? 
Wenn das Spatroth ſchimmert, und bie 
Sterne funkeln! 


Mag auch Gott der Liebe, 
Gott der ewigen Liebe, 
Wollen des Bbſen Bbſeles; 
Des Bbofen Boͤſeſtes: Vernichtung! 


Schreitet nicht mächtigen Schritts, iegt umermüd- 
lichen Fluges 
Das AU der Vollendung ſtrahlendem Ziel 
Nicht. näher mit jeglichen Nu, mit jeglichem 
kehrenden Pulschlag? 
und wir... die Einsisen, ſchwindelten 
endlos zuruͤck! 


O Wahrheit, o Schönheit, 5 Tugend! 
Hochheiliges Drei in des Geiſtes Einheit, 
Du zweite Welt in der erfien, 
Du zeugeſt, wer wir find, umd wer wir werden! 


— 36 — 
Ihr Guten und Weiſen und Reinen, 

Idhr Seelen ohne Schuld und ohne Freude, 
Ihr Gebrochnen in der Knospe! ihr Erſtickten 
An der Bluͤthe! 

Ihr bürget, wer wir find und wer wir werden: 


Ja wahrlich, wahrlich ich bin 
Ich weiß, ich glaube, daß tch bin, 
Und werde ewig fegn! F 
Ewig! Emigı 
Wie ertragen die Wonne! — 
Wie dich faſſen, Entzäden! u 
Wie genügen der laſtenden ſchreckenden Seligkeit! 
Ich werde ewig feyn! | 


Frohlocke, begnadigter Geift, binauf zum woͤlbenden 
Himmel! 
Du biſt unſterblich 
GFrohlock hinab in die Nacht, in das Land der 
| Stummen und Stilen! 
Du bift unſterblich! 


- 


* 





— 37 — 
Frohlock am Saume der offnen Gruft, 
Du biſt unſterblich! 
Frohlocke, wenn wieder ſich fuͤlt die Gruft, 
And der gruͤnende Huͤgel ſich woͤlhbet! 


Saͤuſl auf den gruͤnenden Hügel, o Frahlingsregen, 
| berab! 
Ich bin unſterblich! 
Brauſet, ihr herbſtlichen Shen, um mein 
- blätterbefäctes Grab! 
Ich bin unerblich! 


Die ihr weint an dem Hügel, jauchzet laut! 
Ich bin unſterblich 
Schlagt auseinander die Fittig und eilet und 
ſchwingt euch mir nach! 
Wir find unferhlich! 





Was bleibet und wag ſchwindet. 





E⸗ rinnt der Sand der Stunden. 

Es rauſcht der Fahre Flügel. 

Der Zukunft beilge Siegel 

Bricht jeder Yugenblid. 

Wie Schlofien Schloffen jagen, 

ie Fluten Fluten fchlagen, 

So rollt der Strom der Zeiten. 
Kein Gott ruft ihn surüd. 


Es reift der Zeiten Strudel, 
und reißt des Menfchen Freuden 
Und feine taufend Leiden. _ 
In feinen Schlund hinab. 


— 39 — 
Haft dus verjauchtt Secunden? 
Haft du veriammert Stunden? 
Dein Tauchzen und dein Jammern 
Verſchließt das ſtumme Grab. 


Die MoP erdläßt am Morgen, 
Wie Armen ihre Düfte! 
Ihr Hauch durchwuͤrzt die Lüfte. 
Am Abend welt fie bin! 
Es lockt im Matenfchatten 
Die Nachtigall den Gatten. 
Der Mat entfieht und traurig 
Erſtummt die Sangerinn. 


Hoch klingt des Dichters Harfe. 
Sie ſchmelzt die robe Augend, 
Entlammt zu hoher Tugend, 
und ftaͤrkt zu Edelthat. 
Der Wandrer kommt im Lenzen, 
Sein gruͤnend Grab zu kraͤnzen... 
Amfong! denn niemand kennet “ 
Des Edlen Ruheſtatt. 


- 40 — 


Von Durſt nach Ruhm und Liebe, 
Vom Wein der Lebensfreuden, 
Vom Heldenmuth zu leiden, 

Wie flammt des Juͤnglings Blick 
Vom Morgen ſauſt ein Luͤftchen, 


Vom Mittag weht ein Duͤftchen, 


Beruͤhrt den Starken... . Ploͤtzlich 
Erlifcht ſeln Flammenblick. 


In ihrer Myrtenkrone⸗ 
Der lilienweißen Seide, 

Dem braͤutlichen Geſchmeide, 
Wie bluͤht die junge Braut! 
Es flammt de Mittagsſchwule. 
Es weht die Abendkuͤhle.. 
Und in die kalten Arme 
Nimmt Cod die holde Braut! 


Die Zeder trotzt den Stuͤrmen. 
Es trotzt der Fels den Wogen. 

Es faͤhrt am Himmelsbogen 

Die Sonn' in ſtolzer Pracht. 





, — 4 _ 
Die hohe Zeder ſplittert; 
Der ſtolze Fels verwittert; 
Einſt ſinkſt du, goldne Sonne, 
Und kehrſt nicht aus der Nacht. 


Mit diamantnem Griffel 
Ward es in Erg gefchrieben: 
„Was Staub if, fol gerflichen? 
Was Hauch ik, fol verwehn! 
Des Kiefen Kraft ermatten, 
Der lichte Tag in Schatten, 
Die Schönheit und die Jugend 
In Afchen Gbergehn! 


Wett, Blumen meines Hauptes! 
umkranzt mich, Weib’ und Wermuth! 
Die Seele wöälfe Schwermutb, 

Das Auge Thränenflat! 
Verbluͤhn wird Pſochens Bluͤthe, 
Dein Blick voll Geiſt und Güte, 
Theone, wird ermatten, 

. Erlöfchen Theons Gluth. 


Alagt, Saiten! achzt, ihr Weiden! ... 


Doch nein, frobloct in Pfalmen! 
Rauſcht, Edens ewge Palmen! 
Mag ſeyn, daß Staub gerfiicht. 

Eins, weiß ich, kann nicht ſterben! 

Eins trotzet dem Verderben, 

Eins ſpottet der Verweſung, 

Ein Geift, der Tugend 1 Hebt! 


Ein Gef, von Gott und Tugend, 
Voll Einfalt und von Liebe, \ 
Bezwungen nie vom Triche, 
Bleibt ewig jung und fchön, 

Iſt Hauch des Mundes Gottes, | 
Iſt Blitz der Flamme Gottes, 

Iſt Abglanz feines Lichtes, 

| Ras ewig nicht vergehn 


Er ſtammt nicht von hierieden— 
Er wird nicht dir zum Raube, 
Verweſung, gleich dem Staube, 
Dran ihn fein Schöpfer. band! 





— 13 — 


Er ficht den Staub verfliegen, . 
Den Sturmwind um ihn kriegen, 
Erhebt ſich maͤchtig, ſchwingt ſich 
Hoch in ſein Vaterland. 


Sein Vaterland iſt droben! 
Dort leuchten andre Sonnen. 
Dort quillt ein Born von Wonnen, 
Den Feine Rene trübt. - 
In unbewälfter Klarheit 
Glanzt dort der Stern der Wahrheit, - 
Der Angelkeen der Schönheit 
Den Sch, der fie gelicht! 


Dort werd’ ich, edle Drache, 
Dafern du Tugend Lichtefl, 
And Schöne Thaten uͤbteſt, 
Dich fchimmernd wiederſehn, 
In lilienweißer Seide, 
In braͤutlichem Geſchmeide, 
In Morten, welche duftig 
Dein goldnes Haar durchwehn. 


- Da werd ich wonnetrunken 
Am Ainarantenkrange, 

In Hochzeitlichem Glange 
Theonen wiederfehn, — — 
Seht an mein Herz fe ſchließen, 
Ste Braut und Schwerter grüßen, 
And zroifchen ihr und Pſychen 

In Murtenfchatten gehn. 


Wer fagt mir an, wo wandelt, 
In melden Biumenfeldern, 
In welchen Eorbeerwäldern 
Der Dichter ſel'ge Schnar? 
Wo Flingen Aſſafs Palmen? 
Wo rauſchen Miltens Palmen? 
Wo kraͤnzt der Sänger Conag 
Sein filberweißes Haar? 
Es führt der Götter Einer - > 
Auf raſchem Zephirfluͤgel 
Mich Über Thal und Hügel. 
Hier wallt die ſel'ge Schant. 





6 _ 
Stier Flingen Miltons Pſalmen. 
Hier rauchen Klopftocks Palmen. 
Dort kraͤnzt dem Harfner Cona's 
Homer das graue Haar.“ 


Der edlen Saͤnger Einer 
Entſchwebt des Haines Naͤchten, 
Fuͤhrt mit der Strahlenrechten 
Mich gu der hellen Schaar. 
Mit trautem Brudergruße, 

Mit beilgem Weihekuſſe 
Empfahn ſie mich, und kraͤnzen 
Des Bldden ſtroͤmend Haar. 


Nimm bin, nimm bin die Harfe! 
Hört du der Flamme Praſſeln, 
Des Sonnenwagens Raſſeln, 
Der Wieherer Adlerſchwung? 
Nimm bin, nimm hin die Harfer, 
Wie bebt, wie tönt die Harfe! 
Es braufi von ihren Saiten 
Die Orionenſchwung 


Es Ardmt des Hymnus Fülle 
Vom Lorbeerhägel nieder. 
Dee Felshang tbnt fie wieder. 


EGs tdnet: Stand gericht! 


Doch ewig unvergaͤnglich, 
Doch ſelig überſchwenglich 
Bleibt, wer erfuͤlt vom Gotte, 
Hofft, duldet, glaubt und licht! 


Des Grades Furchtbarkeit und Lieblichkeit- 


% 


ann end 


Frrchtbar iſt das Grab! 

Kalte Winde ſauſen, 

Dumpfe Schauder brauſen, 

Gram und Grauen hauſen 

Um das ſtumme Grab. 
Furchthar iſt das Grab. 


Vieblich IR das Grabe 
Linde Stine flühert, 
- Kühler Schatten duͤſtert, 
Tiefer Friede fAufelt 
Um. das ſtille Grab. 
Lieblich IR das Grab. 


— 4 —— 
Graunvoll iſt das Grab! 
Aengſtlich iſt des Grabes Enge, 
Seine Breite, ſeine Laͤnge, 
Seine Hoͤhe, ſeine Tiefe 
Meſſen ſieben Schritte ab. , 
Graunvoll iſt das enge Grab! 


Lieblich iſt das Grab! 
Suͤß und ſchirmend feine Enge; 
Aus dem Iuftigen Gedränge, 
Aus dem gaufelnden Geyränge, 
Aus der Thoren bunter Menge 
Rettet feine ſichre Enge. | 

Lieblich iſt das enge Grabi 


Graunvoll if das Grab! 
Sein mitternächtlih Dunkel 
Durchblitzt Fein Sonnenfunkel, 
Durchblinkt kein Abendſternſchimmer, 
Durchflimmt kein Mondenſchimmer. 
Mohrenſchwarz iſt, ach, das Grab! 





— 49 — 
Lieblich iſt das Grab! 
Seine Schatten 
Wehn dem matten 
Wanderer Erquickung gu. 
Seine Kühle 
| Wiegt die ſchwuͤle 
Müde Pilgerinn in Ruh. 
Lieblich IR des Grabes Ruhb⸗ 


Furchtbar iſt das Grab! 
Regen raſſelt, 
Stuͤrme heulen, 
Schloſſen ſtbbern 
Rings um das wettergegeiſelte Grab. 
Furchtbar, furchtbar iR das Grab! 
Lichlich ik das Grab! 
- Srählingswinde blaſen 
Um des Hügels Raſen; 
Stiffe Veilchen fprichen 
Zu des Hügels Füßen; _ 
XL. Sand, - [4] 


Zu des Hüpels Haupten 
Blühn Vergißmeinnicht. 
Luna flimmert, 
Hesper wimmert, 
Eos röthet, 
Und Edi’! Klage ſiztet 
um das prasbegränte Grab. . 
Lieblich, lieblich IR das — * 


Einſam iſt das Grab! 
Kein Laut des Lebens, 
Kein Tritt des Wandrers, 
Kein Gruß des Frohen, 
Beſucht das ewig dde Grab. 
Ah, wie einſam IR das Grab! 


Einſam iſt das Grab! 
‚Der Freude wilde Jubel, 
Des Leichtſinns laute Lache, 

De Frechheit wuͤfler Reigen 
Beſuchen nie-das Grab; 








— 3 — 


Aber lebenmuͤde Weiſe 
"Und der Wehmuth ſaufte Thchter, 
Und des Liedes edle Sbhne 
Mandeln gern wo Gräber gränen, 
Schauen ſtaunend drauf hinab. 
— Mein, nicht einſam IR das Grab} 


Fuͤhllos if dag Grab! 
Stare ımd taub und ſtumm, 
Stumpf und ſchlaff und dumm! 
Des Hoffens Lichtglanz, 
Des Ahnens Blitzſtrahl, 
Der Wehmuth Wonne, 
Des Liebens Wolluſt... 
Verloren find fie für das todte Grab. 
Furchtbar, furchtbar IR das Grab! 


Lieblich IH das Grab! 
Allen Hader, . 
Alle Zwietracht, 
Rede Fehde 
Begräbt das ſtille Brad. 


- 


— Si — 


Die Feldſchlacht bräMt micht mehr. 
Die Brandung braufi nicht mehr. 
Der Vulkan raucht nicht mehr. 
Langen Stillſtand, 
Tiefen Frieden — 
Gewaͤhrt das ewig Rille Grab. 
Lieblich iſt das Grab! 
Ewig Hält das Grab! 
Seiner Pforten Niegel, 
Wer entriegelt fie? 
Seiner Schliffer Siegel, 
.. Wer entfiegelt die? 
Seiner Eiſenbetten 
Diamantne Ketten, - 
Bann zerfprangen fie? 
ü Ring deine Hände wundı | 
Rauf deine Scheitel Taplı 
Wein’ deine Sebkraft ausı 
Vertraure deiner Röhren Marl! 
Umfonf! tmfonf! 
Das unerbittliche giebt nie zuruck. 








— 53 —:. 


Auf ewbig ſchlingt fein Hungerſchlund hinab! 
Auf ewig wiederkaͤut es feinen Raub. 
Gräßlich, gräßlich IR das Grab. . 


Warum raufen dein Haar? 
Warum verweinen das Yuge? 
Warum zerringen die blutigen Hände? 
Warum vertrauern bein edelſtes Mark? 

Feiger, ermanne dich! 
Nicht ewig huͤllet das Grab! 

Monden verwalleu. 
Jahre verrollen. 
Immer nach buͤllet dad Stab! 
Aus den Jabren erſchwellen Jahrhunderte, 
Aus Jahrhunderten lange Jabrtauſende, 

Immer noch huͤllet das Grab! 


Aber nun ſind ſie verrollt, die Hunderte, tau⸗ 
ſende alle. 


Utber den Bergen ſchon ſchimmert das tagankuͤu⸗ 


dende Frühroth. 


— 4 — 


Horſt du das Hahnengeſcheei? Ihm erbebt der 
| Grand, und emporſchwillt 
Plotzlich der Raſen umber. Barmuiter wird jegliche 
Grabſtatt. | 

Wirbelnd hervor want leuchtender Dunſt. Die ver- 
klaͤrten Gebilde, 

| Schau, fie Reigen empor! Ste ſchweben dahin durch 


die Blaͤue! 
Jene Berlemmnig nun dehnet ſich aus zu unendli- 
| her Weite, 
Jenes umnachtende Schwarz wird ſonncverdunkelnde 
Hellung. | 
Unausisfchlidyer Jubel entfichmet den Räumen, 109 
jüngft noch j 
Döferes Schmeigen geberefcht Inutkog. Der grauſen 
Verweſung 
Oebem Gefild enttnofpt neugruͤuendes ewiges 
Reben. 


Darum verzage nicht, Zager! Ewiglich dedt 
nicht das Grab! 











Elwinens Klage um Elwilt. 





Ersin, Elwil, du mein Bram, mein Genen, 
Nein ermählter, mein verlorner Breunb, _ - 
Siehſt du auch die tauſend Fammerthränen, 
Die um dich dein traurend Mädchen weint? 
Hoͤrſ du auch mein mitternächtlich Stoͤhnen? 
Veißt um meines Herzens kranken Schlag? 
Oder ſchweigt den KHalleluiahtbien 

Deines Edens icdes Erdenach? 


Ach verloren, Elwill, ach verlaffen. 
Haß du mich in dieſen Wuͤßenein. x 
Auf der Welt getümmelnollen Straßen 
Vandl' ich kuͤnftig einſam und allein. 


- _ _ . 5 6- — 
Leichenfeler duͤnkt mich ihr Geprange. 
Ibre Bluͤthe haucht mir Graͤbergraus. 
Und des Lebens fuͤrchterliche Länge 


Debut fich mir zu Ewigkeiten aus. 


Elwill, Elwill, wo find nun die Stunden, 
Wo ich dir am Buſen ſelig lag? 
| Wie ein Morgentraum find fie verſchwunden, 
Sind verrieſelt, wie ein Megenbach! 
Elwill, Elwill, wo find num die Wonnen, 
Die ich mir in deinem Arm verbieh? 
Frub vetflattert find fe, ſchnell verronnen, 
Wie ‘ein Dunfibild, das der Sturm zerriße 


AN getaͤuſcht it num mein irdiſch Hoffen; 

Meine Saaten find im Keim erfidt; 
Meine Blüthen find vom Angelichlag getroffen; 

‚ Meine Halme bat der Nord geknickt. 
Wie die Rebe, die der Ulm umranket, 
Wann der Blih den hoben Ulm zerhrach, 
Stuͤtzelos mit ihm zu Boden ſchwanket, 
Schwan ich dir, du Fruͤhgefallner, nach. 





— 57 — 

Hochverrath bedünkt mich Erdenfreude ; 
Frecher Frevel däucht mir frober Scherz 
Welkes Laub iſt meine Augenweide. 
Dürres Blaͤtterraſcheln labt mein Herz. 
Meinem Gram hab' ich den Ring gegeben, 
Den ich dir zu geben am Altar, 
und mein Leben mit dir durchzuleben, 
Traͤumt' und traͤumend, ach, fo ſelig war! 


Wenn der Morgen meine Wände roͤthet, 
Gräß ich ihn mit thraͤnendunkelm SIE. 
Benn das Spatroth in mein Fenfter flbtet, 
Thum? ich in die Vorzeit mich zuräd. 
Wenn der Mitternacht wehmätb’ge Hülle 
Mich auf meinem Thränenlager huͤllt, 
Fantaſir' ich mich in jene Stille, 

In die Nacht hinunter, die dich huͤllt. 


Schlumm’re fanft in deiner Schlummerfätte,' 
Mein Geliebten, ſchlumm're fanft und füß, 

Bis die gräherfprengende Drommete 

Dich entruft der tiefen Finſterniß. 


x 


⸗ 





— 58 — 
Dein vergeſſen werd’ ich nimmer, nimmer, 
. Bis mein Bei die Schale Lethens trinkt; 
Dein gedenken werd’ ich immer, Immer, 
Bis dein Schatten meinen zu ich winkt. 





Hoffnung, ach, des Wiederauferſtehens oe 


An der Alvollendung großem Tag, 

Suͤße Hoffnung jenes Wiederſehens, 
Nie verbittert durch der Trennung Ach! 
Reich mir, Sel'ge, deinen Lilienſtengel 
Auf des Lebens ſchwuͤlem Wallertags . 
Bis dereinfi, geveift auch. ich sum Engel, 
Meinem Elwill nach mich fhwingen mag! 





‘ 


, Shläfer erwadı 





| Sqlafer erwach! 
Schau, die Pforten des Oſten 
Deffnet roͤthlich der Morgen, 
Streuet Noſen und Krokos 
Vor der leuchtenden Tochter des Om daher, 
Schläfer erwach! 


Schlaͤfer erwach! 
Schau, die Tochter des Himmels 
Deffitet Die goldenen Wimper. 
Freundlich nickt fie, 

Lichend blickt fie - e 
Auf die thränenbligende Klar. a 
| Schlafer erwach! 


w ® * 
und 
= 


Schlafer erwach! 
Schau, wie blitzen die Fluren! 
Schau, wie funfeln die Gärten! 
Horch, wie lifpelt’s im Hain! 
Jeder wankende Grasbalm 
Eine Perlenſchnur! 
Jeder nickende Wipfel 

Ein Juwelenſtrauß! 
Schlaͤfer erwach! 


.Schlaͤfer erwach! 
Wecket dich nicht der erwachenden Sahrfung 
Strömender Fruͤbpſalm? 
Nicht das Bruͤllen der Heerden? 
Nicht das Wiehern der Roſſe? 
Nicht das Bellen der Doggen? 
Nicht das Hiefborn der Jagd? 
Weccken dich nicht der: ſchlummernden Menſchheit 
Maͤchtige Wecker? 
Richt der Durſt nach Thaten ? 
Nicht der Liche Liſpel? 
Nicht des Ruhms Drommete? 





| — | 61 — 
Schläfer, willſt du ewig fchlafen? 
Schläfer erwach! 


Schlafer erwach! 
Schau, die ſchattenden Wimper 
Schlägt Elwina auf. 
Schau, die leuchtenden Augen 
Rollt die Holde umber. F 
Ihre Arme zucken 
In die nichtige Luft. 
Schwere Seufzer preſſen 
Ze bellemmtes Herz. 
Bittre Thraͤnen baden 
Idr erldfchend Ang. 
‚Die rufen ihre Thränen, 
Dich meinen ihre Seufjer, 
Die breitet fie die Arme. 
Schläfer, win dis ewig fchlafen? 
Schlaͤfer erwach! ... 


Keine Stimme! 
Keine Antwort: 


— 6232 — 
Wohl tief und eifeen if des Todten Schlummer. 
Er hört nicht die Stimme des Rufers; 
Er ficht nicht.des Lockenden Winke; 
Er fühlt nicht des Weckenden Nätteln. 
Die Sonne ſinkt und fleigt. 
Der Mond verreiſt und Echt. 
Er liegt und fchläft und regt fich minen, nimmer 
| . "wieder. 


‚® 





Das Andenken 





Freund, in welchen fernen Regionen, 
Welchen ſterngeßickten Simmelsonen 
Schwebſt du it auf unerfpähter Bahn? 
Shaw’ im ungeheuren Weltenraume 
Ebentheuer, welche ſelbſt im Traume 
Kepler nicht, noch Galildi ſahn. 


Schwaͤrmſt die etwa mit des Lichtſtrahls Schwinge 
Hie und dorthin in dem Schlangenringe, 
Den des Em’gen Finger trägt und hält? 
dorſcheſt luͤfern nach dem Quell der Schwere, 
Shift auf Andromedens Nebelmeere, 
Ünterfuchen Mirasg Wunderwelt? 


— 64 — 
Landeſt itzt am fer der H yad en, 
Itzt im Archipelag der Pleinden, | 
Am Geſtad' ibt des Eridanus? 
- Stärgei jetzt dich in des Kochab Gluthen, 
Schwinmf hinunter dann des Milhfirems Fluten 
Bis sum glorievollen Sirius? 


Staunef ob Ortons Niefenfluge, 
Folgſt begeiftert feinem Siegeszuge 
Durch der Urnacht alte Dämmerung: 
Bebft nicht vor Bellatrig Kriegsgeraſſel, 
Nicht vor Beteigeuses Dolgepraflel, 
Nicht nor Rigels furchtbarm Achſenſchwung? 


Ron dahin dann mit Allvaters Wagen, 
Siehſt Beuetn eſch Goldhuf Funken ſchlagen, 
Sich wie Mizar Flammen ſchnaubt und ſchaͤumt 
‚Wie vor Alkors ſurengen Geiſſelhieben 

D ubbes goldne Maͤhnen auseinanderſtieben, 
und der trotzige Ali oth ſich bäumt. - 











— 65 — 


Oder fluͤchteteſt du wallfahrtmuͤde 
Zu des Angelſternes ſicherm Friede; 
gyfllegſt auf feinem Sbller ſtolzer Ruh? 
Siehſt der Welten Labyrinthentaͤnzen 
Sonder Stillſtand, ſonder Ziel und Graͤnzen 
In erhabener Bewundrung u? 


Schwebe, wo du ſchwebſt, in welchen Fernen; 
Walle, wo du walß, auf welchen Sternen... 
Weiß ich doch, dein wonnetrunkner Blick 

Schanet oft aus jenen Glanzgeſilden 
Wehmuthdaͤmmernd nach dem blaſſen milden 
NMutterſtern, der dich gebar, uräd, - _ 


Wo du viermal fieben Sommer fdumtefl,. 
Deiner Kindheit holde Träume träumtef, ' 
Deiner Tugend Auen froh durchflogft; 

Vo du luͤſtern aus dem Neltarbufen 

Der Natur, dem Honigmund der Mufen - 

Freude, Freiheit und Begeifirung ſogſt 
XI. Rand, | 15] 





— — 


Wo des Willens Kelch dich jetzt erquickte, 
Jetzt der Dichtung Zauber dich entstickte, 
Sebt der Ahnung Schauder dich durchdrang ; 
Mandy befreundet Herz fich an dich fchmiegte, 
“ Manch verwandter Geiſt ſich zu dir fügte, 
Mancher Arm vertraulich dich umſchlang. 


Ja, ich weiß, du ſchauſt mit ſanftem Sehnen, 
Oft hinunter nach dem Stern voll Thraͤnen, 
Aus des Empyräums beiger Nacht. 

Reifte doch dein Geiſt in feinen Strahlen, 
Wird doch dein in feinen fiilen Thalen 
Lange noch mit Lich und Leid gedacht! 





Das Shattenteid.., 





Sqaurig iſt die Nacht. 
Naßkalt Haucht der Hetbſtwind 
uUeber die falbe Stoppel. 
Muͤhſam waͤlzt der Vollmond 
Durch zerrißne Wolfen 
Seine Silberſcheibe. 
Schaurig iſt die Nacht. 


Schaurig iſt die Nacht. 
Wie heult es auf der Heide! 


Wie pfeift es. durch die Stopyel! . 


Wie ſauſen die Tannen! 
Wie ſluͤſerts im Haſelbuſch! 
Schaurig iſt die Nacht. 





⸗ 


- 





. — 68 — 
Barum firäubt ſich mein Haar? 
Waram ſchuͤttelt mich Graun? 
Iſts nur Blättergeflüfter, 
Was die Haſeln durchſteeift? 
Iſts nur Saͤuſel der Tangeln, 
Rab bie Tannen durchfenfit? 


- Scan! 

Am fernen Hügel | - 
Hebt ſichs wie Flamme, 
Flattert über die Heide, 
Wandels näher im Nachthaud). - - 
Nachtfohn, wer biſt du? | 

Biſt du Mondengeflitter? 

Biſt du ſtreifender Schatten? 

Biſt du taͤuſchender Irrſchein? 
Rede, Nachtſohn, wer biſt du? 


> 


‚and kennet Telynhard des Liebes Sohn, 
Nicht Elwill mehr, den fruͤhgewelkten Juͤngling? 





— 9 — 
De Neumond ſah mich bluͤhn in meiner Kraft; 
Der Halbmond flimmert' auf mein Sterbelager; 
Noch weint ber Vollmond auf mein frifches Grab... 
Und Telynhard, des Thränenliches Sohn, 
Der Gräber Freund, der Geiſterwelt Vertrauter, 
Kent Elwill nicht den fruͤhgewelkten Tängling!v 


. Eid, Elwill, biſt dirst J 
Frubgewellkter, woher 
Rauſcht dein einſamer Flug? 

Rede, Elwill, woher? 


Won jenem Lande komm' ich hergeſchwebet, 
Von welchem Kunde nie dem Staub erſcholl, 
Von welchem Antwort nie den kuͤhnen Frager 

Rechtfertigte . . drum frage, Telynhard, 
Nicht nach dem Lande mich, dem ich entſchwebe.“ 


Elwill, if dir wohl 
ern deinem fernen Lande? 
Deiner Trümmer wohl u 
In ihrer engen Klauſe? 


- nm — 


* 


„Ob nah, ob fern, ob Die, ob da, ob dort? 
Mag gleich dir gelten, Harfenfohn. .. Do wohl, 
Wobl iſt der Trümmer in der engen Rlaufe, 
und wohler noch dem Fremdling, der, verwieſen 
Aus feiner Heimatb, in der Trümmer hauſte; 
Biel wohler, Dichter, als es dein Gefang, 

Als deiner Fantaſieen Adlerfchwung, 
Als deines Flammenliedes Schwantnflug 
Erfliegen mag. Viel wohler, Freund, if mir“ . 


Elwill, iſt div helle, 
Wo uns Dunkel Halt? 
Iſt die Wahrheit, Elwill, 
Was ung Wahrheit daͤucht? 


„Wohl manches, mas dem eingeberkerten, 
* Durch enge Bitter muͤhſam fpähenden, - 
Durch weite Fernen aͤngſtlich horchenden, 
Verwieſ nen Geiſte Blitz der Wahrheit dauchte; 
Was Denker mit der Schluͤſſe Kettenringen, 

Was Prieſterwuth mit Bann und Beil und Holzſtoß, 








— 1 m 
Bas Märtyrer mit bingebognem Nacken 
Erwieſen, oder zu erweifen wähnten, 
. Si dennoch Traum! 
Wohl manches, was der ſelbſtzufriedne Sröbler 
Als Dichtertraum verlacht, der eitle Spoͤtter 
Als Prieſtermaͤhrchen hoͤhnt, ber kalte Grübler 
Gar in der Unding' ode Nacht verbannt, 
IR dennoch Wahrheit! 
Eins tft mir helle, was mir dunkel war. 
Das Andre bämmert mir nur noch. Das Dritte 
SR ſchimmerloſe Mitternacht noch immer. 
Biel find der langen Ewigkeit Yeonen. 
Biel Zeit iſt bier zu lernen. Viel auch iſt 
Dem erfien Seraph noch zu lernen übrig.’ 


Elwill, if euch Tugend 
Was uns Tugend däucht? 
- Wögt mit Menſchenwage 
Ihbr des Menſchen Werth? 


„Wobi anders iſt des ſtaubverbuͤlleten, 
Wohl anders des enthuͤlten Geiſtes Tugend. 


me 


Doch tröfle dich! Mit Menſchenwage wägen 
Den Wert den Menſchen die gerechten Götter, 
Nach Einficht richten fie, nach treugefuchter, 
Redlich errungner, ernſtbefolgter Einſicht, 
Wär gleich die Einſicht Irre. Telynubhard, 
Drum ſey getroß and nimmer laß zu forſchen, 
Und nimmer laß zu lehren, was du forſchteſt, 
Und nimmer laß zu üben, was du Ichrtek!«- 


Elwill, harrt Vergeltung 
In der Schatten Reich? 
Spenden eure Gitter 
Lohn und Strafen ang? 


m Belehrung harret hier. Aus ſchlimmer Thaten 
Gleich ſchlimmen Folgen keimt des Beſſern Einficht- 
Des Beſſern Einſicht knoſpt zur That des Wefferm, 
Der ſchoͤnen Knoſp entbluͤhn des Wohlfeyns Halme 
Stets hoͤher, voller,” dranger, koͤrniger, 
Der Ewigkeiten weite Felder durch. 
So lohnen, frafen, fo vergeltsn Gotter 








— 73 — 
Biel anders zwar, als eure Priefter lehren, 
Biel anders zwar, als eure Dichter fingen. _ 
Einill, waͤrmt auch Liebe 
Euer dhed Meich? 
Weht auch Lichesodem - we 
Durch die. Schattenmweht? 


EN 


„Wohl wärmer Lich” auch ſelbſt Die Schatten: 
j welt. | 
Wohl Haucht ihr Lebensathem Geiſter an. 
Doc) jene arme Erdenliebe nicht, 
Die durch der Formen fanfte Schwingungen, 
Und durch der Farben holde Mifchungen, 
Durch Umriß, SUN und Bläth’ und Gluth geweckt, 
Den Staub zum Staube zieht, dem Einzigen 
 Sich-eignet, und Die ganze weite Zelt 
Armfellg in dem Einzigen vergißt. . - 
Die arme enge Liche wohne nicht hie, 
Wohl aber iene reichte, edler, 
Die nur dem IM fich eignet, fich Das N, 


— 74 — 


Sich ſelig fuͤhlt nur in der Seligkeit 

Des großen Alls, und deſſen Seligkeit 

Rafilos zu fördern, hoͤchſte Wolluſt achtet. 

Die Liebe kennen wir. Sie gaſtet nicht, 

Ste wohnt und hauſet unter uns. Sie tft 

Bei uns daheim. .. Doch, Telynhard, fahr 
nn wohl! - 

Fahr wohl! Des Hndes Zug zeucht mich hinweg. 
Fahr wohl! Ind nimmer werde Ing gu forfchen: 
und nimmer Laß zu Ichren, was du forfchteh! 
Und nimmer laß gu üben, was du lehrteſt; 

Bis dir der Wahrheit Urlicht Rrdhlt, der hoben . 
urſchoͤnheit Anſchaun dich entzuͤckt, das Urgut 
Aus feines Bechers reinem Wein dich traͤnkt.. 
Fahr wohl! Sch fiheider Dente mein: Fahr 
— wohl!“ | 


Fabr wohl! Fabr wobl! 
Schoͤn iſt dein Scheiden 
Im Blitz der Monden. 
Fahr wohl! Fahr wohl! 





— 15  — 
Die ſtrahlt der Wahrheit urlicht. 
Dich Iabt des Urſchoͤns Anſchaun. 
Dich tränft des eigen Urguts 
Goldener Becher. . . 
Sabre wohl! Bahr wohl! 


\ t 
‘ 


An Alma's Schatten. 





Wer biſt du, Lichtgefialt, die durch Die Damme⸗ 
rungen | 

Bon Glorie umfrablt, von Glanzgewoͤlk umrungen, 

Von goldnem Haar ummallt, vom Mondenblib um⸗ 
bet 

In ſchlanker Majeſtaͤt vor mir voruͤberſchwebt? 

Es ſchwirrt im Abendhauch der ſilberhelle Schleier. 

Dem blauen Aug’ entſpruͤht ein uͤberirdiſch Feuer. 

Der wonnetrunkne Blick, die hochgehobne Hand 

Meint jenes Vaterland. 


Biſt du es, Herrliche? Biſt du es, Fruͤb⸗ 
verklaͤrte, 


— 77 — 


Du enger Huldigung und langer Thraͤnen Werthe, 

Die du aus Edens Flur zu uns herunterſtiegſt, 

und duldend laͤchelteſt, und quaalumrungen ſchwiegſt? 

Ach, viel zu ſtreng für dich war unſers Zembla 

Boden; 

Zu rauh der Froſt der Nacht, gu barſch des Nord⸗ 
winds Oden; 

Du bluͤhteſt, wellteſt, ſaukſt, und bargß dich 
klagelos 


In Tellus mildem Schooß. 


O Alma, dein gedenkt mein Geiſt mit Wonn' 
und Wehmuth, 
Gedenkt mit ſuͤßem „Schmerz der ungeſchminkten 
Demuth, 
Des ungetrübten Siuns, der ungelränften ould, 
Der nieermattenden, gerntragenden Geduld. 
Holdſelig ſchwebteſt du in deiner Lieben Mitte 
Mit Engelfreundlichkeit, mit leiſem Rebestritte, 
Mit Wuͤrde ſonder Stolz, mit Guͤte ſonder Schein, 
Tren, einfach, makelrein. 





— 78 — 

Wo ſeyd ihr bin, ihr ſchnell, zu ſchnell ver⸗ 
floßnen Zeiten, 
Jor Tage, reich, an Qual und reich an Selig⸗ 

| Feiten, 

We ic im Abendlicht an Almas Seite ſaß, 
Und jeden Erdengram in ihrem Arm vergaß; 
Wo ſchnell dem ihrigen mein Herz entgegen brannte, 
Wo ſie mich ſchnell begrif, mich feutig Bruder nannte, 
Wo an ihr Schweſterherz das meine feſt ſich ſchloß— 
Ganz Geiſt in Geift zerſloß? 


Wie oft, wenn ich verſengt von deines Samum 
Brande, 

Tyrannin Leidenſchaft, und kaum dem ſchrofen 

Rande 
Des Untergangs entſchluͤpft, an Almens Buſen flog/ 
Und Troſt ans ihrem Blick und ihrem Lächelt ſog 
Wie trof fo heilend dann aus ihrem Honigmunde 
Der Weisheit Oel und Wein auf meine Herzenswunde! 
Beſchamt, geßäckt, verfüpnt mit Welt und mit Geſchidh 

Kehrt ich ins Joch uch 








AED 79 weREEn , 


und 0 der fchmerslichen, Dee nie dergeßnen Stunde, 
Bo ich zu fruͤh entwinkt dem fchönen Schwehlerbunde, 
Zum letztenmal fie ſah, fie in den Arm mir ſank, 
Heißweinend mich umfing, lautſchluchzend mich um⸗ 

ſchlang; 

Wo ich, dem finſtrer Gram das ſtarre Auge näßte, 
Das herbe Lebewohl auf ihre Lippen preßte, 
Dann ſchnell mich Tosriß. - . Ha! wann ſtrablſt, 

| wann winkſt du, ach! 

Des Wicderfchens Tag! 


Tagt es im Grabe? . . . Nie, nie werd’ ich 
Almen fchauen. 

Die Ausgeprüfte wallt auf ewiggruͤnen Auen. 
Hl ihr! Getauſcht bat fie der Erde Kerkerluft 
Mit Edens fluͤggem Gold und amaranthnem Duft.“ 
Gekuͤßt vom lauen Strahl, erfrifcht vom Teifen Kofen 
Des Yetpers, fchan, wie blüpn die gramerblichnen 
Ä " Nofen 

Der Wange! fich, wie ſchwillt vom Athem höherer Luſt 
Die ausgehellte Bruſt! 


— 9 — 
_ \ 
O Alma, ſchau herab ans deiner Tichten Ferne! 


Schau nieder, Heilige, zum muͤtterlichen Sterne! 


Yuf deinen Bruder ſchau, auf ben verlaßnen Freund/, 
Der, Sel'ge, nicht um dich, der um ſich ſelber weint. 
Du rubſt, Vollendete, auf Edens Roſenbetten; 


Mic Armen laſten noch der Eitelkeiten Ketten. 
Es ſchwelgt in meinem Mark, es praft in meine 


Kraft 
Die Harpye Leldenfchaft. 
O Alma, fchweb herab ans deinem hellen Sterne! 
Schweb nieder, Selige, in Diefe Bde Zerne! 
umſchimmre traulich mich im ſtillen Mondenlicht! 
Umlisple mich im Hauch, der in den Esyen foricht! 
Sey Feuerfäule mir auf meines Irrſals Pfaden, 
Sey mir im Sturm ein Strahl auf windenden © Ges 
Baden! 
und endet einft mein Bann, fo leit' an deiner Hand 
Mich beim ins. Waterlandı' - 








Drei Töchter an des Vaters Schatten. 





\ Vater, ach, wo ſchwebſt du itzt 
In dem weiten Raum der Welten? 
Wo der Flut die Sonn’ entblidt, 
Oder wo in fernen Belten 
Sie ihr Hammend Antlitz waͤſcht, 
Und den Brand ber Wangen Hide? 


Schrwimmf du in dem Ozean 
Jener klaren Hlmmelsferne? 
Reiſeſt du die Habs Bahn | ‚ 
Stiller Monden, milder Sterne, 
Vaon dem bleichen Uranus 
Bis sum funfelnden. Sirius? 
XL Band. u [6] 


- \ 
one > .-2- — ._ . 


\ Dder ruhſt du fanft und ſchoͤn 

In des Paradieſes Kun? 

Wo die Weſte wuͤrzig wehn, 

380 die Fluren Nektar thauen? 

Wo der Bach melodifch qui, 
Harmonie die Luͤfte fuͤlt? 


Daft du etwa, o der Luft 
Dort dein Dorchen wiederfunden, 
Und, geſchmiegt an ihre Bruſt, 
Vom getreuen Arm umwunden, 
Horchſt du nun in ſuͤßer Ruh 
Dem Geſaug der Sphaͤren zu? 


Theurer Vater, gern, ach gern 
Gönnen wie dir deine Freuden; 
Dennoch duͤnkſt du uns fo fern, 

- Dennoch ſchmerzt uns fo dein Scheiben. 
RWaßlos ſchauet unfer Blick, 
Sehnſuchtvoll nach dir zurüf. 








.- 8 — 
Wann der goldne Tag uns merkt, 
Acchzen wir: Wo biſt du, Water? 
Wann die heilge Nacht uns deckt, u 
Seufzen wir: Schlaf ruhig, Water! 
In dem ſanften Mondenſchein 
Denken wir mit Wehmuth dein. 


Jedes Wölfen, Licht und Schön, — 
Daucht uns deiner Locken Kraͤuſeln; 
Jedes Luͤftchens leiſes Wehn 
Duͤnkt uns deiner Stimme Saͤuſeln; 

Jeder Glanz, der uns umwallt, 
Duͤnkt uns deine Lichtgeſtalt. 


Drum von deinem Stern herab 
Schau auf die verwaiſten Tochter; 
Freundlich ſchau auf uns herab / 
Sey uns Schuttzgeiſt, ſey und Waͤchter 
Auf der Reiſe durch dieß Land 
Voll von Thraͤnen, Traum und Tend! 


v 


— 


— 844 — 


BP uns Muth und Troͤſtung zu! 
Kräftige unfre Rofeniugend, 
Daß wir klimmen, treu wie bu, 
Auf der Felſenbahn der Tugend 
Zu des Glaubens Sonnenbbhn, 
And dereinft dich wieder ſehn. 


Wiederſehn, ach Wicherfehtt,. 
In des Himmels Lenzgefilde! 
Komm, o Hoffnung, engelſchͤn, 
Komm’ in deiner Huld und Milbde: 
Kühle freundlich unfern Schmerz, 
‚Helle fanft das wunde Heu! ; 


Wiederſehn, ach Wiederſehn, 
In des Paradieſes Auen! 
Wo uns keine Trennungwehn 
Truͤben und kein Graͤbergrauen; 
Wo kein Angſtgeſchrei ertoͤnt, 
Keine Todtenklage fiöhnt. 


— 85 — 

D Gedanke, he wie Tag! 
Hoffnung, füß, wie Engelflühcen, 
Werd in unfrer Seele wach, 
Wenn uns Trauerichatten bükern! 
Srennungfchmerzen, Todeswehn 
Schwinden bir, 9 Wicherfehn! 


„ 
. 


Erhebung 





| Umsgatte mich mit deinem Engelfügck, 
Gedank der Emigkeit! 
- Ach feh in dir, wie im kryſtalnen Spiegel, 


Vagolten alles Leit, 


Wonach ich rang mit taufend gZcenthinn 
Bird dort von mir erweint, 
Wonach ich ſchmachtete mit leiſem Sehnen. 
Umargit mich dort wie Freund 


gs mie. verborgen blieb im Reich des Wabren/ 
Wird dort mir offenbart. 
Was ich verlor in hingeſchiednen Jahren, 


Wird dort mir aufgeſpart. 





— 8397 — 
Dort werd’ ich ech, Ihe Guten, widsrfchanen, 
Die ich mir ausgekieſt; 
und die ihr mich in dieſer Wildniß Gräuen 
Allein zuräde ließt. 00 


Da werd ich dich, Geliebte, wieder kuͤen, 
Die mir das Schickſal nahm. 
Ich werde vor den Engeln „Braut⸗/ Dich anädien, 
Ind du mich „Brautigam:“ 


Ich werde dich, der gelten urgebilde, 
Did), urfprunglofes Schön, 
In aller deiner Lich und Trey’ und Milde 
San; und gewandlgs fehn. 


Mein Saltenfpiel, das bier von Erdendingen 
Nur matt und irdiſch Fang, 
Bird pſalmenurdmend durch die Himmel Uingen,/ 
Wie Sphaͤrenhochgeſang. 


Homer und David werden mein ſich freuen. 
Ihr goldnes Harfenſpiel 
Mir reichen, mich zum unma laicher weihen 
Am palmbekraͤnzten Ziel. . 


— 0 u... 
Der Athem God: Es ſtockt mein brechend He 


Sprecht, Engel, ſprecht: Iſt dies des Sterbens 
ſuͤßer Schmerz? 


Schau, der ſchwere Nebel ſinkt! 
Die Welt, die eitle Welt verſinkt 
Welch ein Lichtmeer ſeh ich wallen! 
Welche Stimmen bir. ich ſchallen! 
Welche Bebeslifpel lallen... 
Ach, Flügel her! ach leibt, Leit, Engel, mir die 


‚Schwingen! . 
Und laßt mich aus der Nacht empor zum were 
dringen: 


Zprischer Gedichte 


weite Sammlung. 


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Bilftes Bu. 








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Artona 





Di Sonne neigte ſich. Zu athmen mac der 
| Schwule 
und nach der Laſt des Tags des Abends feife 
Kühle, - 
Enteig ich lechzend mich ber Mauern dumpfem 
Brand, - u 
Und wandelte hinab zum fchöngebognen Strand. 
Kein Läfichen kraͤuſelte des Meeres Spiegel- 
glätte.. 
de Sehmd fonnte fi auf dem granitnen 
Beite. 
Die Taucher plaͤtſcherten, es ſcherzten Min und 
' Schwan 
Im blauen Decan. - 


X 


— 94 — 
und tiefer ſank die Sonn'. Getaucht in Roſen⸗ 
gluthen, 
Beſpuͤblt den rauben Fuß mit däfergränen Fluten, 
Lagſt du, der Väter Stolg, der altem: Rugia 
Gepriesnes Kapitol, Arkona, thuͤrmend da. 
Ich nahte mich, erklomm des Burgrings ſchroffe 
| Baden, _ 
Beſchritt mit dreiſtem Fuß des heilgen Huͤgels 
Nacken, 
und ſchaute ſchrankenlos fern uͤber Land und Sr 
Ins unermeßliche. 


/ 


Wie ſchwoll die Bruft, wie ſchlug in immer 
raſchern Schlaͤgen 
Dem ungemeßnen Raum das rege Herz entgegen! 


Den lauteru Aetherſtrom, fo labend, friſch und rein, 
Wie luͤſtern ſchluͤrften ihm der Lunge Röhren ein! 
. Der eingepreßten Bruſt entßuͤrzten Selfenbibde;. 


Dent zugefchnärten Aug’ entrollten Bind’ and Dede 
Des Stoffes Rinde borſt; der Schwere Feſſel ſprang 
Der trübe Nebel ſank. 





D} ” 


— 5 — 


And tiefer ſank -die Sonn’. Schon Käßten ihr 


die Wange 
Der Woge Wallungen, dach ſchauernd noch und bange. 
Noch warf. die Liebende des Abſchieds milden Bid; 
Den Blick des Lebewohls auf ihre Welt zuräd. 
Noch glühten, angehlikt von ihrem letzten Strahle, 
Der Dünen Silberſchnee, die grauen Heldenmanle 
Jett tauchte fie. .. fo taucht ein Menfchenfreund 
ins Grab. .. 
Die blaue Flut hinab. 


Babe wobl, afmildes Licht _ erfeufge Ach, 


fchaute fehnend 


| Der Heimgegangnen nach; und fiaunend, träumen, 


waͤhnend, 

Verlor ich mich, bis mir die Wirklichkeit verſchwand, 

Und rings vor meinem Blick ein fellg Eden fand. 

Ein mag iſch Licht umfchwamm die fhimmernde Muſive 

Der Landfchaft ; fanft verfchmolz in blauer Perfpective 

Die Ferne; rings umfloß ein heilig Dunkelflar 
Arkonens Hochaltar. 


* 





m Rand ich aufgeldk in ahnungtrunknes 

Staunen; 

Da bort ich mie ins Ohr wie Geifigefluͤſter raunen: 

Knie nieber und bet' au! Ich Inter ins falbe Mioss 

und alfo rang es ſich aus meinem Innern los: 

„O du, wie nenn ich dich, dem alle Adern wallen, 

„und alle Herzen gluhn und alle Zungen Fallen... 

„Zeus, Tin, Manite, Allfader, Brama, 
50h, 

„Jehovah, Allah, DO!“ 


„Sey wer du ſeyſt, du bi! Ja, Weſen aller 

| Weſen, | 

Ich glaube, daß du bit! Sch glaub’ und bin gemefen! 

Nuhlechzend lehnt an die der graͤbelnsmuͤde Geif, 

Den raftlos der Begriff in ewgen Wirbel reißt. 

‚ Mag kein Vernunftfchluß gleich dein Wie und Be 

| erkluͤgelm 

Kein Zendaveſt erſpaͤhn, Fein Vedam uns entſiegeln, 

Mag faſeln der Epopt, mag ſpoͤtteln der Sophiſt. 
Ich glaube, dag du bifv’ - | 





“97 — 


Es zeuget, daß du ſeyſt, die Harmonie der 
Sphaͤren. 
Der Himmel rufts der Erd', die Erde rufts den 
Meeren, 
Das Meer den Inſeln zu, die ſeine Flut beſpuͤhlt; 
Es zeugts der Donnerfurm, das Laftchen das uns 
fühle; 

Die Katarakte zeugts, die wild der Alp’ entirudelt: 
Der Vulkan, deſſen Schlund sefchmolne Belfen 
fprudelt, 

Der Eichwald und das Mans, der. Lotos und der 

Zang, | 
Die Scholl' und der Montblanc. 


Es zeuget, daß du ſeyſt, der göttliche Gedanke, 


Der jeden Zwang verfchmäht und fpottet jeder 
Schranfe, 
Den Himmel itzt erfliegt, zur Höfe dann ſich fenkt, 
Das AN, fein eignes Ich und dich, Erhabner, denkt. 
Die ernfe Stimme seugts die nimmer ſchweigt 
- neoch heuchelt, 
Kl. Band. 17)] 


N 


— 08 — 
De nie dem Triebe frohnt und nie den Luͤſten 
| ſchmeichelt, 
Die, wenn ber Sinn ſich ſtraͤubt, und wenn die 
Neigung ſchmollt, 
Sebietend fpricht: Du folt! 


3 ſoll, ich kann, ich wit Die Begel ik 
zerbrochen! 
Erhabnes Pflichtgeſetz, du Haft mich freigeſprochen 
Nothwendigkeit, dein Sklav ſtreift deine Feſſeln ab, 
And ſchaut, ein Geiſt, ein Held, ein Gott, auf 
dich herab. 
Verihmäh', unſterblicher, dem Eiteln nad 
ſchmachten! 
Die ziemt durch Heiligkeit nach Seligkeit gu trachten! 
DO du, der heilig iſt; o du, der ſelig iſt, 
Ich glaube, daß du biſt! 


So rufend, ſtaunt' ich auf. . Und ſieh, dei 
Spatroths Gluthen 





— 99 — 

Erlaften. Schwer und tief ding auf' die ſchwatzen 
Fluten 

Und auf den Duͤnenſchnee ein Trauerflor hinab. 

Noch war erhaben ſtill die Schöpfung wie ein Grab. 

Schon raufcht es fern! der Sturm erwacht; bie 
Wogen grollen; 

Es Hit in Suͤd und Well; in Sid und Weſten 
tollen 

Die Donner. Dumpf erklingt die hoble Lferwand, 

Dumpf Jasmunds Rieſenſtrand. 


und reißend wie ein Pfeil, geſchnellt vom eibnes 
Bogen, 
Kam wie ein Weltgericht das Wetter angeflogen: 
In wildem Aufruhr gohr die Luft, das Meer, das 
Land; 
Die Brandung geißelte den fchaumbefpräßten Strand; 
Den Wolkenſchwall entſchoß ein Knaͤuel weißer 
' Flammen; 
ein friedlich Dörflein fant in Schutt und Braus 
duſammen. 





— 10 — 
De Hagel ſchlug die Saat, und ein entmaſtet 
Schiff 
Zerſchellt am herben Riff. 


und darch den lauten Sturm und durch der 
Donner Droͤhnen 
Erſcholl der Schrei der Angfi, des Jammers dum- 
pfes Stoͤhnen. | 
- Mich wehten Schander an, mich faßte blißgefchwind 
Und fchättele® huͤnenſtark der Zweifel Wirbelmind. 
Geſtemmt auf meinen Grimm, ſchaut' ich mit 
bitterm Hohne 
. Und frevelm Trotz empor zum blikumfchoßnen Throne 
Des Donnerfchleuderers, und rief mit frechem 
6 Spott: 
Thor, wo iſt nun dein Gott! 


x 


Wo if der Sch’ge num, der Hebse, der Gerechte! 
Orkane wert fein Hauch, fein Schnauben Wetter⸗ 
naͤchte J 








.Y 0 11 — 
Hier raucht des Armen Saat, dort banıpft fein 
Halmendach; 
Dort ſtoͤhnt ein Scheiternder, gequetſcht vom Wellen⸗ 
ſchlag: 
Triumph! den Selgen ehrt die Todesangſt der 
Seinen. 
Vietoria! ihn preiſt der Unſchuld Tautes Weinen. 
Ihm iR der Wuth Geheul, des Wahnſinns Phre⸗ 
. neſte 
Exrhabne Pſalmodie. 


So wird dem Sturm die Spreu, ſo ward ich 

dir zum Raube, 

Megaͤre, Zweifelſucht. Geknicket war mein Glaube. 

Geftaltlos grinzte mich die Schbpfung, ein Tyrann 

Der Schbpfer, Talt und flare ein eifern Fatum an. 

Bon feinem Drachenfchweif umfchlungen und zer⸗ 
quetfchet, 

Son Larven angegrinf, von Furlen angefletfchet, 

Mit ausgefchbpfter Kraft und ausgelbfchtem Sinn, 

Sank ich aufs Antlit hin, 


⸗ 


— 112 — 
Als Hätte rächend mich der Strahl gerähtt 
- von oben! 
Vom Duragen umheult, vom Hagelſturm umſchno⸗ 
ben, | 
Lag ich gedantenlos, und mancher ſchwere Schlag 
Erſchuͤtterte den Grund, auf dem ‚der Zweifler Ing. 
Noch immer laͤuteten des Donners Aufruhrglocken. 
Die Flammen leckten mie an den durchnaͤßten 
Locken. | 
Itzt peitſcht «in Schloſſen ſchwall und itzt ein Wol⸗ 
kenbruch 
Den Gipfel, der mich trug. 


Zwei schwarze Stunden floh. Itzt mar der 

Blitze Köcher, | 

Dei Schlofen Schatz erfchdpft. Es grollte ferneh, 
ſchwaͤcher. 

Ein lindes Säufeln rann durch die erfrifchte Luft, 

Und der erquickten Flur entwallet Opferduft. 

30 taumelr auf. Und ſieh, zerriſſen war der 
Schleier | 





Dee andern Welt. So ficht an Tagen großer Beier 
Ein Allerheiligſtes. So fand in bebrer Pracht 
Die vollgeſtiente Nacht. 


Wie ſtrudelte, wie wogt aus undenkbaren 
Fernen 
Der Orelanaſtrom von Sonnen, Monden, Sternen! 
Wie dugelten fo mild aus dem ſaphirnen Guß 
Der weiße Azimech, der rothe Regulus. 
Es rollte Welt an Welt, es brauſte Sonn’ an 
| Sonne; 
Ein ſeliges Gewuͤhl von Leben, ZUM’ und Tonne, 
Es Ing das große All ſlillſaͤngend, liebewarm 
In ſeines Vaters Arm. 


Und weich ward mir mein Herz; €6 ſchmolz in 
| füßes Schnn. 
Das Auge Ichte fich in wolluſtreichen Thränen; 
Zu hoher Freudigkeit erwuchs das Talte Grau, 
Der fchene Sflavenfinn. zu Eindlichem Vertraun. 


—— 14 — 


D. Vater, rief ich ans, o du, in deſſen Armen 

Der Engel und der Wurm und Menſch und MAL 
erwarmen, 

Die ſinkt dein reuig Kind mit gramgemifchter- Luß 
An die verſdhnte Bruſt! 


Ich ſeh, ich ſebe een dee Dafeyns Hack ge⸗ 
lichtet, 
Verſobnet jede Fehd' und jeden Zaur geſchlichtet. 
Entlarvt ſeb ich den Trug; ich ſeh den Wahn zer⸗ 
| firent, 
Mit Elend Schuld gepaart, mit Tugend Seligkeit 
O Water, bis ſich dort des Dieſſeits Raͤtbſel Idfen, 
Bewabre nic vor Schuld, behuͤte mich wor Bbſem! 
Gewuͤnſcht ſey mir die Pflicht! Gefegnet dein 
, Gebot! | 
Wilnlkommen einft der Tor! 


Gekraͤftigt ſtieg ich sun herab vom Pruͤfange⸗ 
huͤgel. 





- 


— 105 — 
a Often webten ſchon des Morgens Safranflägel. 
Im hochzeitlichen Schmud hand prangend die Natur, 
Das Meer ein Amethyſft, und ein Smaragd die 
Flur. 
Am truͤmmervollen Strand, in Schutt verbrannter 
Hütten 
Trat ich ein Netter auf in der Verarmten Mitten. 
Ich traͤuft in ihren Kelch des Mitleidg Honigfeim, 
Und ging getrbftet beim. 











Agarhon an Thelxione. 





Zauber, welcher neunmal mich umwunden, 
Talisman, der meine Kräfte band, | 
Welches Damons Hauch biR du zerſchwunden, 
Biſt gefprengt von welches Heros Hand? 
Meggeblafen iſt der Kerkerbrodem, _ 

Welcher ſchwuͤl und angſtend auf mir lag. 
Lebensluft umwebt mich, Lebensodem. 
Golden glaͤnzt mir der entflorte Tag. 


Wo ſind nun die taͤuſchenden Gebilde? 
Wo die Gaukel meiner Phantaſie? | 
Wo die ZUM und Friſch und Huld umd Milde, 
Falſche, die des Dichters Wahn dir Lich? 





— 107 — 


Wo des hoben Ideales Züge, 

Das fein Raufch in dir verwirklicht ſah? 

Mit dem Rauſche ſchwand des Rauſches Kige, 
Und entzaubert ſtehſt du vor mir da. 


Wie? dem Geiſt Prariteles entrungen 

Hatte fich ſuͤßſchmerzend diefe Frau? 

Aus dem Meißel Polyklets entfprungen 
Bär unfiräflich diefer Gliederbau? 

Diefe Formen. troßten jedem Tadel? 
Diefes Auge fonder Ruß und Glanz, 
Diefe Stirne fonder Sinn und Adel 
Kämpften mit Niobens um den Kranz? 


Dieſes, wähne ich, fey der Wuchs Dionens? 
Dieg der Flug, den Atalanta flog? j 
Dieß der Marmorbufen Hermionens, 

Draus Dreh Herdenfrohbeit fon? 

Dieß der honigreiche Mund Atheneng, 

Dem Verſtaͤndigkeit und Güt entquoll? 

Dieg die Tinten Anadyomenens, u 
Als fie bIendend dem Geſchaͤum' entſchwoll? 


— 108 —, 


Alſo lachelten Die Charitinnen 
Jedem Horcher durch dag Ohr ing Herz?" 
Alſo wechfelten die Pierinnen 
Spielend weifen Ernf und heitern Scherg? 
Aus des Aethers reinem Duft gewoben 
Wäre dieſe Seele, diefer Leib? 
Nein, die Gottin iſt in Dunſt zerſtoben, 
Und geblieben iſt ein ſterblich Weib. 


Dejanirens Lich’, Alkeſtens Güte, 
Nauſikaens kindlich klarer Sinn, 
Jede Unſchuld, jede Anmuth bluͤhte, 
Wie ich waͤhnt', in dieſer Heuchlerin. 
Jeder Rolle, wähnt ich, jedes Zwanges 
Sey ſie ledig; blank und frank und frei 
Sey Antigone nicht des Geſanges 

R Wuoͤrdiger, als Theltion' es ſey. 


Wie der Kuͤnſtler an dem Ideale 
Seines Geiſtes hängt mit fuͤßem Hang; 
Wie aus Hebeuns nektarvoller Schaale 
Der Alcide die Vergoͤttrung trank: 





= 


— 109 — 


Alſo hing an ihr ich. mit Entzuüͤcken, 
hr verlobt, vertraut mit Schwur und Eid. . 
Luͤſtern fchlürfe ich aus den falichen Blicken 

Die Berdammniß und die Seligkeit. 


For zu dienen fonder Dank und Spende, 
For su frobnen fonder Sold und Lohn, 
Fhr zu huldgen fonder. Ziel und Ende, 
Deut’ ein Loos mir wie kein Königsthron. 
Bas an Schägen mir die Vorzeit lehnte, 
Draus zu zinfen an die Afterzeit, 
- Zink’ und zahlt’ ich einzig ihr und Mähnte 
Anfpeuchfrei mich für. die Ewigkeit. 


umd fie zahle auch mir mit manchen Blicken, 
Manchem meinungreihen Wink und Gruß, 
Manche beuchlerifchen Haͤndedruͤcken, 
Manchem halbgewehrten, halbvergonnten Kuß. 
Kaͤrglich zablte fie. und was die Schlaue 
Geſtern zahlte, nahm ſie heut zuruͤck. 
Willig trug ich Ihre Laun' und Laue. 
Glaubt' ich doch am ihrer Liebe Gluͤck! 


— 10 — 


Ihrer Liche? Nimmer noch gelichet 
Hat die Weib, und num und ewiglich 
Wird von diefem Weibe nichts gelichet, 

Als fein eignes, eigenfüchtiges ch. 

Rein, gerronnen iſt det Traum, zerronnen, 
Welcher funfzig Monden mich betboͤrt; 

Und das Netz, das magiſch mich umſponnen, 
Zauberinn, ik durch dich ſelbſt zerfiört. 


Bon dem wundgeriebnen Hüften fallen. 
Schon die rofligen Ketten Flitrend db; 
Sreubiger des Lebens Bahn zu mallen, 
Rafft' ich auf mich aus der Knechtſchaft Grab; 
Dräfe ſchon mit wolluſtvollem Debnen, 

Der gelähmtten Muskeln Federkraft, 
Nuebe fchon die Fampfentwöhnten Sehnen, 
Bon der langen Sklaverei erfchlafft. 


Dem Entfcharrten ſey gefegnet, Sonne! 
Dem Entfhwommnen fey willkommen, Strand! 
Angezogen von des Wettkampfe Wonne, 
Schreit ich rüftg in den Schranfenfand. 








— 111 — 
Wie Altmdons Sohn, der Niegelaͤhmte, 
Sich dem, Arm der Lyderinn entſchlang, 
Sondern wuͤrget', Ais Doggen sähmte, 
Und gewaltig den Olymp errang. 





Agathon an Agathe. 


Neunmal blühten die Roſen, ſeit wir uns fanden, 
Agathe. | 
Nimmer vergeſſ ich des Tage, mo ich Dich, 
Sreumdliche, fand. 
Immer noch feb’ ich dich, Holde, in deiner Tnofpen- 
j den Schoͤnheit. 
Immer noch ſchwebſt du vor mir leiſen zephyri⸗ 
ſchen Tritts. 
Immer nach ſtromt die das ringelnde Haar um die 
blendenden Schultern. 
Immer noch hebt fih die Bruſt unter dem 
rofigen Band. 
Immer noch ſeh' ich die Blaͤue des Hebeverheißen- 
den Auges, 








— 13 — 
Sehe noch immer den Blick, welcher mich faßte 
fo schen, 
. Und fo.ergreifend zugleich. Ich verſank in dam⸗ 
merudes Ahnen. 
Dieſer, ſo ſprach ich, fuͤrwahr, ſind die Un⸗ 
ſterblichen hold. 
mei, 48 baben bie Mufen an ihrer Wiege ge 
lächelt; 
An der ambrofifchen Bruf bat fie bie Eqhin⸗ 
beit getraͤnkt. 
Jegliche Huldinn wiegt auf weichen Schooße das 
Maadlein; | 
Auch die Jungfrau ſchmuͤct jegliche Cdaris 
| dereinſt. 
Hs gedacht ich, und Bde nicht mehr, nein, preit⸗ 
lich und ſelig 
Daachte die Flur mich, die dich, edele Blume, 
gebar. 


Dat miahten bie Roſen, ſeit wir uns fanden, 
Geliebte. 
XL Band. 18] 


- 





Pruͤfend berbrte der ‚Sie, lebend umſchlang 
dich der Sinn. 
nuch in der gern’ umſchwebte den Traͤumenden hold 
die Erfcheinung: 
graulkh umfchmeichelte mich, Suͤße, bein lieb⸗ 
liches Bid. | 
Faft zu forglos gewaͤhrt ich zu glimmen dem beim- 
lichen Funken; 
Achtend gering die Gefahr, naͤhrt' ich den 
freundlichen Hang. 
Blimmender Funke du vonchfeft zu nieausldſchender 
Flamme. 
Nienechlaſender Zug wurde der freundliche 
| Hang. . 
Wer bat edel gelte? Wer bat mit Feuer der 
Andacht 
Angebetet? um Gunſt nimmer und Gaben 
| geflebt? 
Ba het, jeglicher Habſucht Feind, nach Beſib nicht 
gerungen? 
Nimmer geworben um Lohn? nimmer gegeit 
| nach Genug? 





— 115 — 


Wer bat reinen Sinns das Göttliche nimmer ent⸗ 
göttert? 
* mit geheimerem Wunſch Heiliges nimmer 
entweiht? 
Eines Blickes froh, begeiſtert von einer Umar⸗ 
mung, 
Hohen erflogen, die ſonſt nimmer der Fittig 
erprobt ? | 
Hochverehrte, du weißt es. Sch babe mit reinem 
Gemuͤthe 
Rein dich umfangen, um Gunſt nimmer, noch 
Gahe gefleht; 
Habe mich anſchaunsſelig an deiner Schoͤnheit ge⸗ 
weidet, 
IAn dem belebenden Strahl mich aus der Berne 
geſonnt; 
Habe Jahre gedient um Einen Moment des Ent⸗ 
| zuͤckens, 
Sn den fühen Moment wieder mit Jahren 
bezablt; 
Habe von deinem Kuß entilanmt, von deinem um⸗ 
fangen 





- 


— 


— 116 — | 
- Höhen erflegen, wohin nimmer der Geiſt ſich 


- gewagt. 
Waͤren die Lauf’ uns anders, umd Schöner gefallen, 
Agathe, | 
Wäre, mit deinem gepaart, meine aus der 
Urne gerollt; | 
Richt zum Beglädtehen nur, nein auch zum Erfen 
dee Menfchen 
Spätte der freundliche Wurf deinen Gefährten 
0 erhöht. 
Feuernd von deinem Kuß, von deiner Umarmung 
begeiſtert, 
Haͤtt ich mit gottlichem Thum jeden der Tage 
bekraͤnzt. 
Div an die duftende Bruſt geſchmiegt, dich innig 
umflechtend, 
War im elyfifchen Traum felig / verſchwunden 
die Nacht. 


Jeden erwachenden Tag wär ich veriängt und ver⸗ 


| goͤttert 
Deiner Umarmung enttaucht, gottliche Thaten 
zu thun. 








— 117 — 
Stecher Traum zerflattre! Verweh' unbeiliges 


Wahn! 
Irdiſchen Weſen gesiemt Wonne der Himmli⸗ 
* ſchen nicht. 
Anders fprangen die Loof' aus der ſchicſalentſchet 
denden Urne. 
Zu den Schatten hinab fuͤhrt uns geſondert der 


Dennoch gelinge dem Schickſal nie, die Gemaͤther 
gu trennen? 
Dennoch entfremde der Wahn nimmer dem 
Geiſte den Sei! 
Fortan liche den Freund mit zarter aͤtheriſcher 
" Liebe! | 
Wie einſt Laura geliebt, Lich, 9 Agathe, den 
Freund! 
Sieheſt du traurig ihn ſtehn im feiner beſcheidenen 
Ferne, | 
Sicht in die Bern’ ihn gedrängt durch der 
Bewunderer Schwarm, 
D fo reiß auf Momente dich los aus dem ſtattern⸗ 
den Haufen, 


— 18 — 
Meich ihm Arbfiend die „Hand, lachel erbar— 
- mend ihn an; | 
Daß nicht gänzlich in ihm des Hoͤhern Ahnung er⸗ 
| fierbe, 

Daß nicht fchaudernder Froſt lähme den ſtre⸗ 
a benden Self; - 
Dad fein Leben verglimm tm Roſenſchimmer der 
Liebe, 

Das in Elyſium einft liebend die Schatten ihm 
nahn. 


Neunmal bluͤhten die Roſen, ſeit wie uns fanden, 
Geliebte! 
Werden hienieden noch oft, Traute, die Roſen 
| mir bluͤhn? 
Solches ruht in der Himmlifchen Schosß. Die 
Eine nur weiß ich, 
Auch zu den Schatten dinab nehm' ich die Liebe 
zu dir. | 
Ja, went die heilige Gluth fortglhnmt in ben fro⸗ 
ngnggen Schatten, 











— 119 — 


Inter den Schatten: fuͤrwahr Lich’ ich noch 
inniger dich, 

Inniger nody und zarter, und nicht-mit den Qua⸗ 

len der Schufucht, 

nen, mit dem ruhigen Sinn, welcher den 

Manen geziemt. 


Erſtes der Mädchen, der Lenz if bin. Der Som⸗ 
mer verfärbt fich- 
Blatt anf Blatt entfinft fchon dem erfchöpfteren 
Baunm . 
Kommen’ werden die Sohne ber Fand, auf. Tura'e 
, Gefilden 
Werden Fe ellenden Tritts ſuchen den Sohn 
Des Geſanggg. 
Bo iſt der Sohn des Gefangs? fo werben ‚die 
Suchenden fragen. | 
Wo iſt Temorens Schwan, Tura'e ertonen⸗ 
ber Aar? 
Turas Aar A gehemmt in feinem toncnden 
Sluge. 


— 120 — 

Stumm iR Temorens Sawan; ninmer er⸗ 
ſchallet ſein Lied. 

und es erſeufzen die Soͤhne der Fremde: os bi 


. du gefallen! ı 
u Trefflicher Sänger, erſtummt in dein melodi⸗ 
ſcher Mund. 
Ja, ich weiß «6, ich falle nicht ab, wie Blätter sur 
| Herbſtzeit. | 
mit d den Vortrefflichen wird einſtens mein Name 
genannt. 
O des fügen Gedanken, zu . Ichen im Lobe der 
: Nachwelt, 
Theuer der Enkeliun noch, thener dem Enkl 
N uu ſeyn! 
O des tauſendmal ſuͤßern zu leben in deinem Ge⸗ 
daͤchtniß! 
O des Troſtes, noch ſpat, theuer Die, Dheuerie/ 
ſeyn! 


Ja, ich weiß es, Agathe; denn unter der Miene 
| des Beichtfinns, 

Tedgft du ein fühlendes Her; unter verhuͤllen⸗ 
| dem San 








— 421 — 
Birgſt du die einzige Wand’ im fefenpindenden 
Bufen, 
Laͤchelſt die Thraͤnen hinweg, welche die teübten 
den Blick. 
Beinen um Agathon dereinſt wird wahrlich. 
Agathe. 
Trauern wird fie noch lang’ um den entflohe⸗ 
nen FSreund. 
Denken wir du an ihn, Verlaßne, wenn Abends 
das Spatroth, 
Denken an ibn, wenn der Mon) ads in bie 
7 Genfer dir weint. . 
Neunmal pluhten die Roſen, und bis dir bie letz⸗ 
ten verbluͤht find, 
Wirk du betrauern den Freund, welcher, dich 
liebend, entſloh. 





S unrium. 


Dein, 9 Sunium, denb ich, und deiner roman⸗ 
rtiſchen Fluren, | 
Manchen lebendigern Tag haft du den Juͤng⸗ 

“ Hng gebest. 
= Mancher Abend verfloß ihm im deinen " gaflichen 


Hallen 
Unter ern fiem Gefpräch, unter. vertraulichen 
Shen. | 
Deine Fluren find fchhn, o Sunlum. Deine Ge 
bäfche 


Schatten fo kuͤhlend; fo friſch duftet der Kal⸗ 
mus des See's. 
Horch, wie die Nachtigall ſchlaͤgt in der bluͤthen⸗ 
regnenden Wildniß. 
Schau, wie die guͤldene Saat wogt das Ge⸗ 
lände hinan. 





.—_ 123 — 


Gellend erſchallt aus dem goldenen Wett Die Bißh 


der Wachtel; 


Dumpfer des Rohrſpatz Ruf aus dem Gerbhrich | 


des Sumpfs. 


Dein, o Sunium, denk ich, und deines bergdtter-. 


ten Weifen, 
Welcher entfchleierten Blicks jegund die Wahr⸗ 
beit erſchaut. 
Dancer gefelligen Abend, und manche der naͤcht⸗ 
lichen Stunden, 


som ik dem Denken die Nacht, hab’ ich dem 


Denter gelaufcht, 
Heer das Leiden und Thun, und Uber Verbängnig 
"und Freiheit, 


tieber die Eins uud die Zwei, über das Ja 


| und das Nein. 
Aber dem Denker voran Hog immer die Ahnung 
des Dichters. 
Zurnend dem Pgernden Bang, fprenge Ich der 
Schluͤſſe Geſpinnſt, 


— 14 — 
Suarnte binaus in die Macht, in die deilige— 
Ueber der Scheitel 
Rolleten Leler und Schwan, blitzten Arktur 
und Gentaur.. 
. Seglicher funkelnde Stern, und jegliche rollende 
Sonne, 
Jegliches Rauſchen im Buſch, jedes Gefiißer 
des Schilfs, 
Zenlices Echo der Nacht, die Stimm' aus anderen 
Welten 
Sur in dem lechzenden Geift nbnungt des 
Rechten empor. 


Dein, Thesue, gedent ich. Auf Suniums bluͤhen⸗ 
| den Slurn , 
Wandelſt du kuͤnftig. Betritt fchauernd den 
. heiligen Grund! 
Die Grund. ia geweiht. und dieſer Boden ik 
heilig. 
Heilig. und hehr iſt der Platz, welcher die Ace 
I bedect/ u 














‚Die einſt diente dem weiferen Gef’ als solide 

. Hülle. . 
Jener entſchwang ſich zu Bett; dieſe zerſtiebt 

mit dem Staub. 

Shen und werth iR das grünende Maal dem 
Enkel der. Enkel, 

Tdoeuer und wertb fen auch Die; Freundinn, 

das granende Maalı 


eh, Thesne, wohl! Gleich fern von Verjagtheit 
und Dunkel, 
Jene zermalmt das Geſchick, dieſen der Reme⸗ 
ſis Ernſt, 
Wandl einfältigen, kindlichen Sinns dein Leben 
hinunter, 
Auf dem romantiſchen Pfad, welchen dich leitet 
der Gott. 
Beifer Mäßigung hold, befcheiden die Mitte be⸗ 
bauptend, 
Ondafem im Schooße des Gluͤcks! Gilt es zu 
dunulden, getroflt. ' 


e 


— 1260 — 


Rimmer in deinen Gemäth erldſche des Veſſeren 
Ahnung, 
‚Die ung erbait aufrecht unter den Stuͤrmen der 
Zeit, 
Die ung emporhebt mächtigen Arms aus der Nid⸗ 
tigkeit Strudeln, 
und den geretteten Geiß einſt zu den Glen 
erhebt. 











Theon und Theano, 





xp eane. 
9 Theon, feit der Gott mir dich gegeben, 
Derwallt mir zephirleicht das füße Leben. 
Es blüht um mich ein Unſchuldparadies. 
Sanft iſt mein Schlaf, und mein Erwachen füg. 


Theon. 

Geliebte, ſeit ſich unſre Seelen fanden, 
Und ſchnell und tief und innig ſich verflanden, 
Seit dem, du Zrefjliche, gemahnt es mid, 
Als wohnt in. mir ein andres, befres Ich. 


Es funfelt mir im unbewdlkter Klarheit 


Des Geiles Angelfiern, der tern der Wahrheit. 


Es würdigt mich das weſentliche Schon, 
Ihm in das Antlitz fchlelerlos zu ſehn. 


- 


— 18 — 


Des Kampfes fatt, des langen Haders muͤde, 
Schließt mit dem Triebe der Gedaule Friede, 
Die Pflicht umarmt die Neigung, ſchwefterlich 
Schlingt um die Tugend die Entzuͤcung ſich. 


Theilhaftig Gottermuths und Gätteringend, 
Zupl ich mir Kraft zu jeder That und Tugend. 
Erfüht die Röhren mit Heroenmark, | 
Froblod ich ldwenkuhn und rieſenſtark 


Hinweggeſchwemmt find aus dem felgen Herzen 
Des Grolls, des Unmuths und der Scheelſucht 
Schmerzen; 
Bas fonk den Geiſt zu bitterm Haſſ emport, 
Dunlt mich des Mitleide, nicht des Haſſes, werth 


Elvſium duukt mich die Welt voll Mängel; 
Des Staubes Sohn ein eingeleibter Engel; 
Mein Wirfungskreis ein Freudenparadies. j 
Mein Schlaf ambrofifch, mein Erwachen füß- 


* 





= 


— 19 — 


Theano. 
Ja, mein Geliebter, ſeit ich dich gefunden, 
Hat ſich in mir dem ſchweren Stoff enewunden 
Das beßre Selbſt, das mir im Buſen lebt, 
Und himmelan in deinen Armen ſtrebt. 


Wie Nebel ſeh' ichs meinem Blich entwallen, 
Vie Schuppen fühl ich's mir vom Auge fallen. 
Ein neuer Sinn if in mir aufgethan, 

Ein Sinn, wie ion Geweipte nur empfahn. 


Ich Die entzuͤckt das Wahre mit dem Schönen 
In füßer Symphonie zufammentönen; J 
Der Tine Jubel trägt den Geiſt empor; 
Der Sphaͤren Liede Taufcht das trunkne Ohe. 


und fehmeh? ich wieder aus der hoben Ferne 
Herab zum lieben möütterlichen Sterne. . 
O wie verklart erſcheint mir die Natur! 
Arkadiſch funkelt die ſmaragdne Flur. 
XL Ban, | {9 


— 10 — 
Ein magiſch Licht verſilbert Berg und Flache. 
Verſtaͤndlich, dunkt mich, Häfen Buͤſch und Bäche; 


Die Lerqhe wirbelt fobärifchen Geſang. 
Im Wonnerauſch ſchweb' ich die Flur entlang 


unud ſelig, wer der Seligen begegnet! 
Ich geb und nehm. Ich ſegn' und bin geſegnet 
Geboppelt geb” ich wieder dem, der giebt, . 
= Und liebe dreifach wicder, was mich liebt. 


Theon. 
O du mein Gluͤck, mein Kleinod, meine Habt 
O du des Himmels letzte, beſte Gabe! 
Du gabſt mir alles, Theure, was mir feblt! 
Du nabmn mir alles, Traute, was mich quaͤlt. 


Wie volle Gnuͤge ward dem Nimmerſatten 
Durch dich gewaͤhrt! Wie ward dem Sehnſuchtmatten 
Der Labekelch durch dich ſo voll geſchenkt, 

Der mit smbroß ia und Neltar tränft! 











— 131 — 


Mich täufcht nicht mehr des Ruhmes grrucht 
ſchimmer; 
Der Hochgelahrtbeit Dunſt berauſcht mich nimmer. 
Dein Blick, dein Rick, dein Handdruck und dein Kuß 
Sind Sporns und Danks genug dem Genius. 


‘ 


— 


um feuriger zu dir zuruͤckzufluͤchten, 
Verlaſſ ich dich, gu Aben ſchoͤne Pflichten. 
Um fie gu Aben mit veriäingter Luft, 
Flieg' ich aus ihrem Arm am deine Drift. 


Ss fanft verwallt, fo fptegelflar und eben 
An deinem Bufen- mir das füße Leben; 
Die Hore fchlüpft dahin in Teichtem Tanz, 
Und reicht mir fliehend ihren Blumenkranz. 


Tbeano. 
O Theon, du mein Stolz und meine Habe, 
D du des Himmels letzte, befie Babe, 
DO das. mein zweites und mein beßres ch, 
Was hätt’ ich und was wär ich ohne Dich! _ 


— 132 — 
O Theon, Theon, wenn ich dich verldre 
Vergieb, Geliebter, der beforgten Zaͤhre; 
Zu ſelig bin ich, um mich recht zu frenm! 
Sprich, dürfen Sterbliche ſchon felig ſeyn? 


| Theon. 
umarme mich, Geliebte. Liebe, Liebe 
Regiert des großen Alles Kunfigetriche 
und jenſeit iener Wolken wohnt ein Gchh, 
- Den unſre Lich und unſre Wonne preif. 


umarme mich! Es ſpiegelt Gott ber Güte 
Sich ſelbſt mit. Luft im Liebenden Gemüther ' 
Sey ruhig, Zremmdinn! Unſre Wonne preiß, 
und unfre Liche freut den guten Geiſt 





Die Liebenden und die Freundinnen, - 





Er. 
Eeſcheinſt du dennoch, kaum geboffte Stunde, 
Die meiner Jugend fchönfen Traum erfüllt; 
Die mit erhoͤrter Lich’ in holdem Bunde | 
Des Herzens Sehnſucht überfchwenglich Kit? 
Send Segen, Freunde, mie dem treuflen Munde 
Das füße, ſchickſalvolle Ja entquillt | 
Schaut, Genien, bie liebend uns umſchweben, 
Die Rechte reicht mir Emma für dag Leben. 


- Ste. 
Neicht Emma dir die Rechte für das Leben, 
So lenkt die Rechte nur ihr liebend Herz. 
Süß iR empfangen; fäßer noch iſt geben, 
Erhoͤht der Gabe Werth das willige Herz 


— 3 — 


Dein, tranter Freund Pi für jetzt und für das 


14 


Leben, 
Theilt Emma kuͤnftig mit dir Luſt und Schmer. 
umwindend dich, von dir, o Freund, umwunben, 
Wie ſuͤß und ſchnell entſchluͤpfen ung bie Stunden! 


. , Ev. , . 
Wie fü und ſchnell entſchluͤpfen uns die 
. Stunden! - 


Ken träger Kummer bemmt der Frohen Flucht. 


Bon deinem Arm, Holdfeltge, ummunden, 
Wie ebnet jeder Fels ſich, jede Schlucht! 


Die Winde ruhn, die Stärme find gebunden. 


Kein Lüftchen Fräuft die ſpiegelklare Bucht. 
Der Himmel Iacht in ewig heitrer Blaͤue, 
Schwingt über uns ihr Oriflam die Treue, 


_ Ste, 
ESchwingt über ung ihr Oriflam die Tram, 
So wandelt felbfi das Leid fih uns in Lu; 
Und ſchwaͤrzen Wetter auch des Aetbers Blaͤue, 
Dem treuen Sinn iſt Zagheit nicht bewußt. 


4 





— 15 — 
Da Wurm der Angſt, der Skorpion der Neue 
Faͤllt giftlos ab von ber geweihten Brufi. 
Es nahn, es fliehn zehntauſend Dammerungen, 
und ſinden uns nur inniger umſchlungen. 


| — Er. 

Rur inniger mit jedem Nu umſchlungen, 
Luſwandeln wir den ſchmalen Pfad binab. 
Froh und getreu, umringend und umrungen, 
umarmt die Muͤden einſt das dunkle Grab... . 
Und blinkt Fein Stern denn durch die Dämmerungen? 
Glaͤnzt durch das Irrſal ung Fein goldner Stab... 
Es glängt!.es glänzt! Es heilt das hange Trübe 
Dein milder Strahl, o Angelſtern der Liebe. - 


Sie. 
Dein milder Strahl, o Angelſtern der Eiche, 
Winkt die Getreuen in ein fchänres Land, - - 
Die Zuflucht ſcheuer, tadelloſer Triche, 
Der unſchuld Wort, der Ruhe fichern Strand, - 
Den Si des Lichte, der Wahrheit, Freiheit, Liebe, 
Den nur, wer reines Herzens, ahnt' und fand. . . 





— 136 — | 
Laß, Trauter, dann uns Uebend utitergeben, 
um lichender und febget zu erſtehen! 


Die Breundinnen. 

Kim liebender und fel’ger dich zu willen, 
Entlägt dich, Freundinn, der Geſpielen Kreis. 
Wohl lange wird der teaute Kreis dich miſſen; 
Dich, einſtens unfeer Reiben Zier und Preis. 
Doch minder ſchmerzlich wird die Bruſt zerriſſen, 
Die das verlorne Liebe gluͤcklich weiß. 

Fahr wohl! Fahr wohl! Div winkt ein ſchoͤures Leben 
Am Arm des Maunes, dem du dich gegeben. 


Am Arm des Mannes, dem dus dich gesehen, 
Dem nicht umfonf das Loos To fellg fiel, 
Erfcheine. laͤchelnd dir das eruſte Lehen, 

And laͤchelnd ſelbſt des Lebens ernfles Ziel! 
Vereinter Kraft das Hoͤchſte zu erſtreben, 
Wird Liebenden ein mühelofes Spiel. 

Nur fie entzüct das Wahre, Gute, Schöne, 
Im bolden Einklang fanftverſchmolzner Töne, 





— 137 — 
Im holden Einklang ſanftverſchmolzner Tine 

Wall eures Lebens Melodrama bin! 
Aus eurem Buͤndniß ſchwinde nie das Schöne, 
Das Rechte nie aus eurem reinen Sinn! - 
Euch lohne jeglicher Moment, euch kroͤne 
Jedwedes Au mit koſtlicherm Gewinn! 
Bis ihr, gereift fuͤr hobere Genuͤſſe, 

Die Seelen tauſcht im letzten eurer Kuͤſſe. 


= 





Heitige Lichte, Himmelsfeie, 

Die nur reine Seelen tät, 

Sey in deiner Huld und Treue, . 
Sternentochter, ung gegräßt! 

Richt dem Frechen, noch dem Rohen 
Säufeln deines Odems Lohen. 

- Nur wer Tindlich, fromm und gut, 
Spuͤrt ber heil’gen Flamme Gluth. 


Himmlifche, dein Wink befchwichtigt 
Sturm und Ungehüm im Nu, - 


nn 
Ä 





| 19 — _ 
und die Selbſiſucht wird vernichtigt, 
Und es weicht das Ich dem Du; 
und die Bruſt wird ausgebreitet, 
Und das enge Herz geweitet, 
And der bloͤde Blick verklaͤrt, 
And der Cherub ſenkt das Schwert. 


Du vereinſt, was Wahn des Thoren, 
Und der Satzung Spruch getrennt; 
Alſo daß, wer dir geſchworen, 

Wappen nicht, noch Ahnen kennt. 
Blumenkraͤnze, Lorbeerkronen, 
Raſenbetten, Konigsthronen, 
Hirtentrift und Kaiſerreich 
Gelten, Goͤtterkind, dir gleich. 


Andrer Himmel, andre Sterne! 
Doch nur Eins die Seele füllt. 
Zwiefach ſchoͤn aus dder Ferne 
Lruchtet das gelichte Bild. 


| — 140 — 
uneber Meer und Bergesruͤcken, 


Sonder Straßen, Schiff und Bruͤcken, 


Flieget, ſendet, nimmt und giebt 
Gruß und Kuß, was treu ſich liebt. 


Treue Liebe liebt zu leiden; 
Opfer ſind ihr Hochgenuß. 
Selbſt das letzte bittre Scheiden 
Wird verſuͤßt durch ihren Kuß. 
Nicht wird ſte der Gruft zum Naube; 
Denn wo Lich’ iſt, iR auch Glaube; 
Glaube, der den Tod bezwingt, 
Siegreich mit bem Orkus ringt. 


Kindlein, ihr ſeyd teen erfunden, 
und das Schichſal ward erweicht. _ 
Kindlein, ihr habt Aberwunden, 
Drum wird. euch der Kranz gereicht. 
Sonnen fieigen, Sonnen finfen,' 
Hesperus und Luna winken, 


j — — 





— 141 — 


Tauchen in der Fluten Schooß: 
Ener Loos bleibt wechfellos. 


Tief im Innern quillt die Quelle, 
‚Die des Herzens Sehnſucht ldoſcht. 
Kinn?’ hinunter, Teife Welle, 

Die des Lebens Ufer wäfcht! 
Schwil? empor zu Alpenwogen! 
Geißl' ergeimmt den blauen Bogen! 
An der Quelle wunderfam, 

Spielen harmlos Reh’ und Lamm. 


Kindlein, ſchuͤrt mit frommen Händen 

Auf dem heil'gen Heerd die Gluth! 
Wollt nicht rechts noch links euch wenden! 
Bleibet kindlich, fromm und gut! | 
Folgt des Innern trener Mahnung! 

Traut des Herzens hoher Ahnung! ' 
Alſo font ihr ebner Bahn 
Euch dem böhern Ziele nahn. 


— 12 — — 
And wenn dann die Lebensmäden 

Ein Moment sur Ruhe ruft; | 
- Wenn ihre ſchlummert, ungefchieden 

Dort wie bier, in Einer Gruft; 

Sol man einen Stein euch feben, 

und darein dies Reimlein aͤtzen 
„Treue Lebe ſchreckt kein Tod! 
„Treuer Liebe gnadet Gott! 


⸗ 











Die Lieblingsflur. 


Te - 
[4 


Sa mie gegrüßt, ihr" grünenden Gefilde, 
In euch wird mir fo traurig wohl! 

Das flarre Herz zerfchmilgt in eurer Milde, 

Das Leer der Bruft ſtroͤmt uͤbervoll. 

In euren freien, heitern Räumen 

Erweitert fich der Geift, umfängt.die ganze Welt 
Mit Liebe, wieget ſich in Paradieſestraumen, 
Und fühlt ſich wieder Mann und Held. 


Kriſtallne Bäche, dichtbebuſchte Höhen, 
Ihr Gärten fonder Kunft und Prunk, 
Ihr ſtillen, himmelklaren Seeen, 

Du holde Hainesdaͤmmerung, 
Jor feierlichen Tannenwälder, 
Voll Rauſchens des Allgegenmärtigen, 





= — 144 — vun 
Grasreiche Triften, ſaatenreiche Felder 
Voll Segens des Allliebenden, 


Welch ſuͤße Ruh, welch namenlofer Friede 
Umſaͤuſelt mich in eurem Schooß! 
ehr heilt des Wallers Lebensmüde, ° 
Und fühnt ihn aus mit feinem Thraͤnenloos 
Der erſte Strahl der froherwachten Sonnen 
Kuͤßt mich zu ſeligem Bewußtſeyn wäch,. 
und ein Geflecht von ächten Lebenswonnen 
mſchunet den vollgenoßuen. Tag. 


P) möchte doch ber Abend mehrer Tage 
In euren Schatten mir verwehn! 
In eurer Schatten wehmuthvoller Klage 
Mir meine Sonne niederächn! 
Verftreuete auf meinen Aſchenbaͤgel 
Der Herhfimind euer welfend. Laub! 
Vermengte wenigſtens der Sommerluͤfte Fluͤgel 
Mit eurem Staube meinen Staub} . | 


\ ”_. 








Diefelbe - 
Beim VWiederfehn 





Fa gleiten deinen Schleier, 
Du herbfiliche Naturı | 
Erſchein' in deiner Zeier, 
Du meine Lieblingsflur! 
Enkfaltet euch, ihr Felder, 

In enrer güldnen Pracht! 
Umfangt mich, ernſte Wälder, 
In eurer Fühlen Nacht! _ 


Ihr ewiggruͤnen Matten, 
Idr ſanftgewoͤlbten Höhn, | 
She duͤſtern Tannenſchatten, 
Ihr ſpiegelklaren Scon, | 
XL any, (10) 


hr auendbelreichen Wiefen, 

Ihr Haiden braun und wüfl, 
Sevd dreimal mir geprieſen! 
Senyd neunmal mie gegruͤßt! 


Ich feh’, ich Tech’ euch wieder, 
Und wie ich euch verließ, 
Wohl mir! find ich euch wieder, 
Gleich freundlich, lieb und füß. 
Ihr daͤmmert noch fo ſchaurig, 
Und ſchattet noch ſo traut; 
Ibr liſpelt noch fo traurig, 
und rauſcht gleich wonnelaut. 


Ihr feht, ihr ſeht mich wieder, 
"amd wie ihr mich gefehn ' 
Bormal, feht ihr mich wieder; 

Nicht reich, wicht klug, wicht fchbnt 
Doch immer wahr und offen, . 
Noch immer weich und mild, _ 

und Immer noch mein Hofen 
Und Harren nnerfüht! 





— 4147 — 


Wohl viel hat’ Ich erlitten, 
Seit ich mich euch entwand; 
Hab ritterlich gefiritten 
Mit TAP und Unverſtand; 
Hab manchen Epeer gebrochen, 
und manchen Pfeil geſchnellt; 
und fiel ich, ungerochen 
Hat Teiner mich gefaͤllt 


pr friedenvollen Feldet, 
she thauberauſchten Au’n, 
Ihr feierlichen Wälder, _ 
herbergend heil'ges Braun. 
Seit ich von euch gefchieden, 
Schied Ich von Fried und Rab; 
So haucht denn Ruh und Frieden - 
Dim Müden wieder gut.” 


Im Dieicht enrer Helden, 
Im Buſch, im Bruch, am Bach— 
Verſchwaͤrmen und vergeben 
Den Iangen Sommertag 


Beſchirmt von euren Bäumen, . 
Geſtreckt auf duftend Moog, 
Die laue Nacht verträumen, 

O neidenswerthes Loos! 


Nehmt dann den Wallfahrtmuͤden 
In eure Schatten auf; “ 
Vollendet fchon in Srieden 
Hat Helios den Lauf, 
Der braune Abend fchletert 
Den Zorfl, die Flur, die Flut. 
Die matte Schoͤpfung feiert, 
und alles Leben ruht. 








. 
» 


Das neue Jahrhundert. 





J ungfrau, ſey mir gegruͤßt, Schooßkind des altern⸗ 
“den Chronos! 
Freudigen Muthes betritt, Heldimn, die ſtaͤu 
bende Bahn! 
Andre gewannen ſich anderen Dank. Den Apfel der 
Schonbeit 
Raubte dir Phidias Zeit Luthers die Keule 
ber Kraft; 
Aber noch winkt fernher ein Kranz, der Rranz der 
Bollendung! 
Seliger fchimmert er dir ein in dem wehen⸗ 
ben Haar. 





Endymieon. 


Sanmner Jangling du ſchlaͤft? und wicht dat 
| Kofen der Sättinn, - 

Nicht ihr ambroſiſcher Kup fcheuchet den feligen 

Traum? 

Sdleſe, Begluͤctert Nur ſchlafend beluchen die 
Goͤtter den Menſchen. 

Wachend faͤlt ex: ſofort, herbes Verhaͤngnih, 
dir heim! | 








Narciſſus. 


U] 


Es, die Zarte, verſchmaͤbt er verfodt, In ſich 
felber entbrennend, - 

Saßt· Ihm Heihbrender Wahn, dedt ihn die 

 Mnsiiche Nacht. 
Scheuer den Bott, ihr Vergottrer des Ich! Die 
u Echo des Herzens | 
Dürft euch erſtummen, auch euch Duͤnkel und 
Dunfel umfahn. 











Cd 
- 


Der Nachtigallſchlag. 


“ 








„Dive du wohl, wie die Nachtigan ſchiact? Die 
ihr fchmetternder Wirbel | 
Durch die ambrofifche Nacht leiſer und Teifer 
| vertdnt? 
Tage der Jugend, ich denk? an euch. Veriauchit 
und verfchmettert | 
Seyd ihr. Melodifcher nun toͤne das Leben 
"dahin! | 


v 
\, 


Froſtblumen, 


Sie im Düfte der enger wie blinket die 
| Blume des Froſtes! 

Vater Jennern umaruu neckend der. fröhliche 
Mai. 

So umanrme mich einſt, Erinnerung ſchoͤnerer 

Tage! | 

So umfchmeichle dercinf koſend den traurenden 

Greis! 








Das Leichtere und Schwerere. 


I er 


Gutes warken HR leicht, und Großes leitlen noch 
leiter, 

Eins iR Roth und iR ſchwer; ſtandhaft dus 
Bil verfhmähn. 








N 


EZ 2 20 


Die Schwäne. 


24 





- 


Gucuche Vögel, euch trägt ein uncermuͤdlicher 
Fittig 
Fern vom froſtigen Pol in den erquickenden 
Saͤd. 
Enig waͤrn du gebannt am des Dieſſeit eiſiges 
Zembla? 
Pſyche, dein Tinian winkt. Schwinge ben 
Fittig und euch! 


+; 











a 


DIE Namen 





⸗ 


Deines Namens {edblichen Wuchs, den wir °fiten 
in Kreſſe, 

Staunſt du mit iuniger Luft, liebliches Toch⸗ 

| | terchen, an? 

eäjen du erſt den Namen, gefät vom’ Singer der 
on Allmacht, 

In den Blumen ber Flur, in den’ Geſtirnen 
der Nacht! 


— 


— 














Leßhte Bitte 





Font ihr dem Sterbenden einſt das bittere 
Scheiden verfügen? 
Staͤrkt ihn, die ihr ihm liebt, fcheidend noch 
BSGutes gu thun! 











Aprischer Gedichte 
zweite Sammlung. 


Twölttes Bu. 


\ 











8 











Elloge 


Die ihr, derſtreut umher durch Deutfchland 
° fen und Gauen, 
Näher die Einen umd ferner die Anderen bie 
- Rhein her, 
Jene vom Sund, vom Belt, von der Donau 
genden Nfern, 
Meine Sefänge vernahmt, und mit den Ge 
zugleich auch 
Liebgewannet den Sänger, auch oftmals 
Liche 
Freundliche Kund ihm fandtet, auch for 
| welcherlei Loos ihm 
XI. Band [11] 


— 12 — 3 


Zugeworfen der Gott, in welcherlei Farb' und 
Sefaltung 


Ihm das Leben entwall' auf: dem abgeſchiedenen 


Eiland; 

Euch gehst, Sreunde, dieß Lied! Euch zu berichten 
geliebt mir, 

Welcherlei Loos mir beſchieden der Gott; wie flill 

| . und geräufchlos 

mit das Lehen verfließt im Schooß des entlegenen 
Eilands; 

Wie am Geſtade des Meers, unfern ‚ber hoben 
Arkona/ 


Wo rinags dichtriſche Luft den Ahgeſchloſfenen at- 


weht, 


Wo die Begeiſterung wohnt, fammt alter Zeiten 


Erinnrung, 


Eurem Freunde die Stunden dabinfliehn, aͤhnlich 


den fruͤhern 


Jealiche ſpaͤtere zwar, doch. genuglos feine, noch 


fruchtlos; 


Mes bericht' ich euch, Freunde; denn alles begehrt 


ihr zu wiſſen. 





— 163 — 


Zwifchen der Trift Sturmtseiden; und zwiſchen 

den Pappeln bes Kirchhofs, 

Rings von Ruͤſtern geſchirmt und von bundertiäh- 
rigen Espen, 

Ruht am Saume des Fleckens die traulich winkende 

on Mohnung, 

Gar vergraben im Grün der labyrinthiſchen 
Gaͤrten. 

Weithin ſtreckt ſich der Hof, der geraͤumige. Hart 
an der Auffahrt 

Wohnt im beſcheidneren Haͤuschen der wohlbeleibte 

Colonus. 
Sum wuchs mancher ſchon auf der Shhn’; Auch 
manche der Toͤchter, 
Welche nunmehr in der Scheun' und im Feld', auf 


\ der Bleich’ und am Webſtuhl 
Umwerdroſſenen Muths die alternden Eltern erleich⸗ 
tern. 


Heitrer gebeiblicher Fleiß, belohnt durch Geſundheit 

| und Woblſtand, 

Rest fih um uns von ber Fruͤhe des Tags bis 
zum finfenden Abend. 





— 14 — 
Raßlos fordert em jeder ſein Tagwerk: Mancher⸗ 
lei Stimmen 
Schalen umber, anfmunternd, ermutbigend, mah⸗ 
nend und ſcherzend. 
Sat wäffern die Dirnen die Leinwand. Ueber 
dem Einer 
Sitzet, ihr Leibſtuͤck ſummend, die Melkerinn. 
ber die Zungen 
Treiben zur Tran? Inden mit Geiauchz das Vieh 
ans der Kleeflur. 
Weitauf brauſt das Gewaͤſſer des Teichs von ge⸗ 
waltigen Hufſchlag 
ueppiger Fuͤllen und Hengſt, indeß mit Würde der 
| Pflugſtier, 
und von der Stark' umbüpft, die Kub ſchwerfalig 
| \ dabertritt. 
Schnaufend ſtehn ſie und ſchluͤrfen, des truͤbgetretnen 
Gewaͤſſerß 
Während der Gaͤnſe Geſchlecht mit Befchrei in die 
Mitte des Teiche ſich 
Eilig rettet, and kollernd der zornige Puter fein Rad 
| ſchlaͤgt, 





— 165 — 
Beil ihn des Knalls verdroß, des entſetlichen, den 
mit der Peitſche 
anggehochtener Riemen der ſchwemmende Junge 
hervorrief. 


Aber die Alten, beſorgt, dag etwa ben ſin⸗ 
nenden Pfarrherrn 
Stoͤrte der Wirthſchaft Geraͤuſch in der heiligen 
Schriften Betrachtung, 
Haben bedaͤchtigen Sinns am bes weitgeſtreckten 
Sehdftes 
Aeußerſten Saum gerüdt die freundlich winkende 
Wohnung. 
Bäum’ auch pflanzeten fie zur Rechten und Linken 
des Eingangs 
Wider des Mittags Brand sum Schirm. Ein 
Iachender Raſen 
Dienet sum Tummelplab, zum froͤhlichen, weiten, 
den Kindlein, 
reiche das rothe Stacket vor des Teiche Gefahren 
beſchuͤtzet. 


— 16 — 


Schlecht und recht if das ländliche Haus. „Nicht 
| Pfannen noch Zungen 
Decken «8, Tondern der Halm, der Erwärmende. 
Leimern nur hebt fich 
Mings die Wand, und es ftuͤtt nur die Pfoſten der 
Duarı des Geſtades. | 
Drinnen jedoch iſts dͤmmernd und Kühl. Es ums 
fäufeln den Gaſtfreund 
Stille Genuͤg⸗ und. vertrauliche Rub. Auch tauſcht 
ich mein Halmdach 
Nicht um Potemkins Eiſenpallaſt, mein freundliches 
| Ä \ Zimmer - 
Pit u um ben. Bernſteinſaal der. großen Herrin 
im Ofen. 


Wie num bie mir entichlüpfe der: Tag, wie 
\ des friedlichen Abende 
Langſam gleitende Stunden dem Abgeſchloßnen da⸗ 
binfliehn, 
Diefet veruehmt nunmehr, dieweil Ihr es beifchtet, 
ihr Freunde. 





— 167 — 


Dämmernd erwachet in Oſten der Tag. Die 
| wachſende Hellung 
ehfet die Bande des Schlafs, und ſcheucht die 
| Träume der Frühe. | 
Reugehärkt kehrt willig ber Menſch zuruck zu dem 
Tagwerk, 
Dem er am Abend entzeg die laͤſſig ſaleider 
Haͤnde. 
Ich auch kehre zuruͤck In des Daſeyns Leiden uñd 
Freuden, 
Durch das wachſende Licht geweckt. Mit dankender 
Indbrunſt 
Schau ich empor zum Water des Lichts, der, ewig 
derſelbe/ 
Nicht die Veränderung kennt, noch dem Tauſch der 
j ‚ Nacht mit dem Tage. 
Leif? ihm liſpelnd des Herzens Empfindungen, auch 
- ob dem Heute 
Dem vertrauend, der geſtern mein wahruahm ſcho⸗ 
| nend und pflegend, 
Scham’ ich getroſtet hinaus in der Walfahrt Sorgen 
and Mühen, 








— 168 — 


Laßſe das Lager nunmehr, und gebüßt in, die Falten 
| des Flausrocks, 
De ich bie Fenſter des oſtlichen Saals, und Siam 
| und Gemuͤthe | 
Weidet fie, wiedergeborne Natur, an deiner Ver⸗ 
juͤngung. 
Traun! dieß lautere Blau, dich Wehn und Raufchen 
und Brauſen | 
Steudelt von oben herab ans des Heren Heren fird- 
mendem Quellborn, 
Drans den Wefen das Seyn entquillt, ſammt jede 
Erquickung. 
Pr auch ſchoͤpfe des Quells, des Allen genuͤgenden. 
u Luft nicht, ' 
Jether nur ſchluͤrfet die Lung, und Ichor ſchwellt 
das Geaͤder. 


Steh, wie das. fpringende Licht im immer 

mächtigern Garben 

Aufſorubt! Wega verblaßt; es erbleicht die Wange 
Selenens. 





— 19 — 


Hhosphoros dammert gefchorenen Haars. In den 
Gluthen des Fruͤchroth 
Brennen das Meer uud das Land. Des gar erhei⸗ 
terten «Himmels 
Lautrer r Auur glaͤnzt purpurn zuruͤck aus dem Spiegel 
des Ofimeers. 


Alſo enthies dem Babe des Meere der Dul⸗ 
ber Ddyfiens, 
Shimmernd von Schönheit und Reiz; vote der Pur⸗ 
purlilie Glocken, 
Floß Ihm geringeltes Saar herab auf die blenden⸗ 
den Schultern; 
Alle enttaucht goldiocdigt nunmehr bie Sonne dem 
Blutbett. 
Bräutlich geſchmuͤckt liegt rings var ihr, thauper⸗ 
"Iend, die Schäpfung; 
Jugendlich prangt fie, wie ein, als Gott fie vief 
- ans dem Nichtfeyn, | 
Wonneberauſcht, duftſchauernd, aufbebend in Lich‘ 
und Entzücden. 


—3 





— 1790 — 


Aber ſchon wird dem Betrachter zu enge der 
"Mauren umſchrankung, 
Allzubellemmend das ſchwũle Gemach. Hinaus in 
das Freie 
Zreibt mich dee innere Drang und die Sehnſucht, 
imigſt am Herzen 
Dir zu ruhen Natur, Allfreundliche, Nimmerver⸗ 
ſchloßne. 
Schnel num el’ ich die Stufen hinab; mit gärnen- 
dem Finger 
| Sn ich den Riegel zuruͤck der Kamsthär, fehreite 
| ſofort dann 
In das begeiſternde Freie hinaus. Die Kühle dei 
\ Morgens 
Haucht ſanftkoſend mich am, ein allausheliender 
Balſam. 


— Andachttrunken nun handlich umber auf dem 
‚Hof, in den Gärten, 
Zwiſchen der Trift Sturmweiden, und zwiſchen den 
Yappeln des Kirchbofs, 


2 





— 11 — 


Sehe gerdthet die Mauern der Kirch’, und fſlimmen 
\ die hoben | 
Bogigen Fenſter Im Strahl der mächtigfieigenden 
| Sonne, | | 
Kehre zuruͤck ſodann zu dev friedlich winkenden 
Wohnung, 
Unter den fächernden Schirm der Kaſtanien, muſtre 
De Blumen, 
Die anf dem Luſtbeet hinter dem gränen Stacket 
vor den Fenſtern 
Eitoa die thauende Tracht aufblähn ließ oder Die 
Grüße, 
drehe die glähendfie mir, die duͤftereichſte der 
| Roſen, 
Hire den Morgengeſaug der Melferinn, ſehe an dem 
Ding ſchon 
Rifige Stiere geſchirrt, umd bedenke das eigene 
j Tagwerk. 


Itzt nun traͤgt der Bediente der gabenreichen 
Levante 


u — 172 — 
Velſanbancherdet Oel hinan die Stufen. Nigt 
gern 
| Sol ich dem Knaben, und während och Tänfelt 
die freundliche Frühe, 
Mähren noch fäumen die‘ Sthrer des Tags, und 
neben der Mutter 
Auch noch die Kindlein ruhn, die abhold fälle Be 
trachtun ; 
Tauch' ich in ſeliger Muße hinab in bie Wonnen 
des Denkens, 
Folge ben Lehrern des Tags in die Labyriuthe des 
| | Innern, 
Steige hinab in die Tiefen des Ich, und den Schacht 
des Bewußtfeyns. 
Grabr ob dem Raum und der Zeit, ſian' über das 
Senn und das Nichtfenn, 
ueber die Form und den Etoff, und über den Zwang 
und die Freiheit, 
Ueber den Trieb und die Pflicht, und uͤber das 
| Thun und das Leiden, 
Ueber den ſchwer zu fchlichtenden Zwiſt der Natur 
und der Greipeit; 





— 13 — 


Bie dem urfprünglichen Ja das Nein eAtfpringen, 
das Eins ſich 

Spalten gemocht zum zwei, die Tri entquillen 
der Klarheit? 

Ob ſich drehe das All in nimmer endendem Kreis⸗ 
lauf; 

Oder in ſchraubenformiger Bahn annahe dem Brenn- 

. punkt? 


Ob Notbwendigkeit ſey? ob blindlings ſchaltender 


Zufall? 
Oder ob Wahres geahmt die Weiſeren, als ſie die 
Bruͤder 


Glauben gelehrt an beſonnenen Plan und am ſitt⸗ 


liche Ordnung? 
Ueber dieß alles verſteigt ſich der Geiſt aus Hbhen 
in Hoben, 
Schwindelt dann wieder binabin ſchwarzaufſtarrende 
Tiefen, 


Wo es ihm graut. Der Faden entfchlüpft, die | 


Fackel erlifcht ihm. 
Undurchbringliche Nacht umd ausganglofe Verwir⸗ 
rung 


5 


Starren fo rechts als. links. Es veiten ben Tan 
| penden kaum noch 
Des Gemeinſinns Strabl und tief im Buſen der 
Rufer. 


RKaßlos ſtrebet im Menſchen der Geift; dech 
nimmer gelang ihm 
Durch den Schein zu gelangen zum Seyn, dnd 
Stchemen zum Wefett. 
Muͤde daher fo wichtigen Spiels, nach gediegneren 
lüßernd, 
Lauſch Ich ein anderesmal der Geſchicht' ernfmal 
senden Stimmen, 
Welche ben Bott ung ſcheun, und glauben Ichrt die 
Vergeltung; 
Doch, oft ſcheint es, es fchlafe der Bott, und ine 
bie Wangfchaal. 
Solcherlei Rathſel zu deuten bemüht, durchwanil 
ich ber Vorzeit | 
Dunkle Gefild', erhellt vom matten Schimmer der 
Sagen, 








— 15 — 
unſtaͤtt tappf ich und wankenden Tritts durch den 
rankenden Ephen, 
Hud.die gewaltigen Trümmer mich hin zur Wiege 
_ der Menfchheit; 
Sehe den Säugling der Wieg” entſtrebt, ſich bilden 
sum. Knaben, 
Bald den nahen erſtarkt zum Juͤngling, fehe den 
Juͤngling 
Refend ; sum rußigen Mann, bald von der blumi⸗ 
gen Feſſel 
Der Kultur den Starken umſtrickt, von der Wohl⸗ 
| | uk Schlafteunt 
Arm und Knie ihm gelbſt, und den Mann abe 
ſchrumpfend zum Greife. 
Volker ſeh ich erbluͤhn auf dem cwigäudernden 
Schauplatz/ 
Und die Erbluͤheten wieder gewelkt, wie Grat auf 
der Heide; 
3engungen ſeh' ich hinweggemaͤht von der Senſe 
des Chronos, 
Leſe von Tigertoden, von Laͤndern, welche des 
Weltmeers 





— 176 — 

Zorn verfihlang, von Städten, die hoch ein Stoß 
in die Enft warf; 

Lefe von Schlächtern, mit Krone geſchmuͤckt, fie 
nahnten fich Helden, 

Von Mordbrennern, man ſchalt ie Eroberer; le 
vom Kerges, 

Marius, Sylla, Tiber, von dem welterſchuͤtternden 
Etzel, | 

Surchtbarer Dſhinkis von bie, von Timur, Sof) 
und Muley, 

Die ihr, berufen euch waͤhnend, der Menſchheit 
Waldung zu lichten, 

Ströme rothetet, Weder mit Aeſern düngtet, die 
Straßen 

Meilenweit mit Gebein befdetet, dorrend am 

Winde. 

Bürger ſeh ich dns Schwert auf den Bürger zuden, 
den Bruder 

Seh ich vom Bruder erbolcht, den Sohn verraten 
vom. Vater. 

Herrſcher feh’ ich, wie fchlechtes Gewuͤrm, die Volker 

zertreten, 








— 177 — 
Sehe geblendet die Augen des Veiks yon Oerchlern 


| und Gauklern, 
Sehe den mordenden Stahl gezuckt im Namen der 
Gottheit. | 
Lodern ch? ich den Brand des Iunbertiäheigen 
Krieges, 
Bartholomaͤusnacht' erſchrecen mich, Huleereom · 
plotte, 
Deagmaden und Autodafees. Ich wende mit 
Unmnth 
mis yon ben Gräneln binweg: Ein ſthadenferder 
.Ariman, 
Danlt mich, führe das Ruder der Welt, kein guti⸗ 
| ger Sormupd: 
enig erfreut durch das was geſchab, durch 
das mas geſchiehet 
Weniger noch, Faum buind, daß ein das Bein 
— Höfthehn wird, 
Göring’ ich empor trafikorhgend mich ieht auf dem 
Bitiig des Liedes 
In der Ideen beraubertes Land, und das Chen der 
Fabel. 


X. vann. 112] 





= 

"UHR Emaunien lanſ ich; ihr. Goetlien 

rn. weichen von oben 

Wufgeſchloſſen der. Sin, und die feurige Zunge 

geldn ward, 

Daß ihr, was wahr und ſchon, art Jubrunſt yrieft, 
und mit Anmuth; 

Die a das Thier durch die Kraft des Geſanges 
erzoget zum Menſchen, 

Dar das ſetleſchmetrende Bied ben ſtarren Natur⸗ 
ſobn 
gr bie —RX aewannt, und wleder in ſtrafen⸗ 
den Tinen . 

An dem entarteten Sebn der Eckunbie verfchmähtt 
Matt raͤcht; 

Di ihr am Bien: Jiyß ala ſaugt/, an der gell⸗ 
Ihren Tiber, 

An den Geſtaden des Joniſchen Meers, auf da 

Beryen von Morven, 
Die ir verberrlicht ſoraun dunch das Lied den Quell 
| der Baucluſe, 

Darnach des Ebner Strand, ih beſchaͤmt dit 

febedlche Avon, = 





. 19 — 

Die ige noch, it durch den Glanz des Geſaugs ben 

= hefsheidenen Ilmbach 

Ueber den Rbriuftrom hebt, und den ſiebenarmigen 

Seyd mir, ihr Edlen, geardt! Unsexbliche Sänger, 

| ‚ide fſſirdmt mir 

Torinen dus Aug' und Flammen iss Herz. Das 
Dicht des Gefanges 

auf ich erwachen in mir. Des Dichtens heikdger 

Wabminn 
Wehet mich am. Es zemeiht der Flor. Mir enthaͤut 
ſich die Zukunft. | 

Schau, ein n enes Gaſchlecht, sin heiaes, entſteigt 
dem Olympos! 

Dile vchtet, die Hehre. Cirene waltet. Mit 

BGleichmuth 
he Sunomia zeglichen Zwig. In fellgem 
Bunde 
Gatten ſich Diana und Mflicht, en huldigt ber 
j Sieb dem Gedanken, ‘ 

Zur Neth wrudigleit lkehret der Menfch zuruc durch 

die Frxeiheit. 


Alſo entflichn wie Minuten die Stunden mit. 
Gaͤnzlich vergeſſ ich 
ueber des Denkens boben Genuß and des Dichtens 
‚Ontsüdung 


Zedes gemeinern Befchäfts, und bes ernfabmah- 


nenden Arztes 
Warnender Stimme. Mich wuͤrd' am Pult ereilen 
ber Mittag, 
Drate nicht dieſer und jener derein, der den Sin⸗ 
nenden ſtͤrte 
Dehreich forgend bie Gattinn, den Gruß gu bringen 
der Fruͤhe; 
Der Wirthſchafter ſodann, um wegen der taͤglichen 
Arbett 
Rathes zu pflegen; zunaͤchſt des Dorfs Mortführer 
und Vorſtand, 
Hm, was gethan, zu berichten, ertundend zugleich, 
was zu thun ſey. 
Dieſer nun gebt, es folgt ein’ Anderer, dieſem der 
VBDeitte, 
Welchen entlaſſen gu ſehn mit Sehnſucht harret 
“ein Vierter, 











— 181 — 


Rathes bedarftig der Eine, der andere thatigen 
Meißtands, 

Kagend dieſer und jener vertheidigend. geinem 
von allen 

Die Gabe der Kuͤrze beſchert. Sie tragen 
die Rothdurft 

Einmal vor; und einmal nach: und ſchließlich ned 

— einmal, | 
Bald and kommen bie Kindlein; es kanmt anſtellig 
- Grein, 

Um au warden‘ dee Dapyan, der nichlichen, die fie 
geftuͤcht et 

Auf des Vaters Sad, wo unter dem ſchirmen⸗ 
den Schreibtiſch 

Sie ſfammt geller und Kaͤche ſich angeſtedelt mit 

Einſicht. 
Hier nun wohnt fie und wiegt und kocht und orduet 
De Wirthſchaft. 

Bald auch tritt gar anders geſtimmt ber finuige 
Gottfried 

Era und bedachtig herein, und beiſcht Blech, 
Buſſon, Borowsky/, 


— 19 — | 
Oder den fheueren Bertach (wie tbeuer, kuͤmmert 
Uthan ewenig)/ I 
Oder die Retſen zu Waſſer und Lund,:yall sed: 
ger Schlöffer, 
Porzellancher Tbarm und glotzenver macho⸗⸗ 
geſichter. 
Rah heiſhte er die Buͤcher, und Bater uf fe 
ihm geben. 
Jene nun dahlt mit: den Yänrchen, den neediichen, 
lullenb und keifend. 
Diefer durchblactret dat ſtiebrude Buch;and Vater, 
wine th das ?⸗ 
Ru er bei jegkchem Blatt. Farwahr da dvichiet 
!ſtchs tkefflich! 
Immer noch ſuch⸗ Ich gu: fahn den vft entſchlupfen⸗ 
don’ Faden; 
Da tiitt mgugen Blickse, geführt. vonder laͤcheln⸗ 
den Mutter, 
Mein holdfeliges Jalchen drreim, ind zupft mich 
am Aermel. 
Nieder ſchau⸗ ich zu ſchutaͤlen· Des Mägdleins 
| gZlanzendes Auge 





— 185. — 
Drifft mie das Here Hinfinket ber Kiel. Nicht 
Anger wich halrend, 
Laſſ ich das: unvodendete Blatt, und Drüde mit. 
Mein ſaͤßlallenbes Kind an das Herz. Dir Ladung 
J der Mutter 
Gelgen wir num, und eilen fd Klein als Grot in 
den Garten. 
Vieles gefthmäpkt wird bier, wenn Der kunſt⸗ 
verſtaͤndige Gaͤrtner 
| Eis die ſchwebende Neble zu feſt an das Staͤb⸗ 
\ chen geſchnuͤret, 
Dder den Bug und den Dar zu vntatnbeni⸗ ge⸗ 
ſtutrt ‚bat; 
Mer auch dãeles geraͤhmt, wert nun auf — * 
Beeten 
Prangend die Palanzungen ſtehn, und ſchwelleud in 
Appiger Fuͤlle. | 
Hͤchlich erfrent uns das Grün des namenbildenden 
Kreſſes, 
Hoͤchlich Die wuchernde Möhr, und bie hochauf⸗ 
rantende Erbſe, 


— 164 — 


Hochlich dein brennend. Bluͤthengewind', a in diſche 
tn Bohne | 
Jegliches⸗Beet wirh beſchaut, und fägliche Ylıny 
Jeglicht Blume geprüft, die ein. dev freundliht 
. Morgen 
Oder bie —* Nacht aufſchloß. Mit Kill 

Behagen 

Hanet d das tuuntene Ang an dev ef’. anfberfen- 
dem Duftkelch, 

Dder den. Melle, geplant von der: Blister drängen 
dem Reichthum. 

Dieſes friedliche Seyn, das Ruhn on den Bruͤßten 
der Mutter, 

Dieß Veharren im Schoeß des uranfaͤnglichen Eins 

bäuft 
Seinihtomenten dem Geiſt, eis der Willkaͤhr 
5 ſtuͤrmiſches Treiben. 
„geben. es naſchen die Kleinen indeh von dub 

Stache dornes 

Haligczeitigter Frucht und von den Zohann'sher: 

Kaude 





— 185 — 

—* fl nathelnden Drandchem gande von dem 
lacenhen Buſchwerk 

Zebo ich die Lieblinge ſchuel zug. Zinn jar Schat ⸗ 

ten des Birnbaums, 


Oder nir Inden fe ſauft binfchraehen im Stuble den 


Schaufel. 
Doch, Son ſchauet Die Sonne berab. yom 
Begen des Mittags; 
Shi * ladet der. Diener zum. Mabl. Wir 
ſchmauſen vertraulich 
Jen : von de ToRlichen Milch der eigenen Kühe, 
vom Brode, 


Du wir gewannen anf eigenen Flur, vom Gemuͤſ⸗ 


der Gaͤrten, 
un von. 2m eisen · Weiher Extrag. Die froͤhli⸗ 
chen Kindlein | 


Büren. das eitere Mahl mit inmerverſcaennen 


Plaudern, 
Huwfen erhaͤttigt ſedann alsbald: zuruͤck in Nas 
Freie. 
Aber der Vater, erſchtoft van. der. Laſt und Hitze 
des Tages, 


— 16 — 
Wandelt binauf in das fuue Gemach, um im ſchwel⸗ 
lLenden Polſter 
wi Minuten zu ruhn. Alsdald auigaukelt der 
Bilder 
maichen won mich links und rechts. Gleich abern⸗ 
den Schloſſen, 
Treiben uͤnd jagen und kreuzen ſie ſich, verſchmel⸗ 
| ©." 20 Doch endlich 
In Ein dimmerades Grau. Das Bewußlſeyn 
SE ſchwindet. Umfangen 
Hait mit femtißen Am mich: ſuͤße Weränbung. 
Erwacht dann - 
< Bapt ich leolichen ‚Reto geßreafft, ſaummt ſezliche 
glder. 
Wiederum m ich mich in gum gierlich ge⸗ 
- formen Schreibtifch, 
Welchen der Brenn mir verehrt vonlangk zum hei⸗ 
Aigen Chriſte, 
Gich erbarmend der Noth des Autors, welchen bis 
dahin 
Auf bern beſchraͤnkteren Pult umſtarrt bie Paper 
und die Buͤcher, 





— 187 — 
Die er umhrrgebaͤicft, ein mabrhubſiches 
Ebuss. 
Felichaͤnde, die Tamm Dev. Arm hebt, buckelbe⸗ 
ſchlagne, 

Tüchtig beleidte Quartanten daqu, herauf von Tem 
Eſtrich 

Bis an Die Bruͤfung getbännt, verbanten die Senn’ 

und die Luft ihm. 

Solcher erh Mich erbarmend, verehrie der Schoͤne 
und Gute 

di zum henigen Chrin chulänun den Axatiichen 
Schreibtifch, . 

Busen, belehre von ihm, "der Aunfverhäntige 
Schreiner 

Zierlich und tuͤcheig erdaut und mit ſchimmerndem 
Walß bemahbhlt bat. 

Mit Auszugen verſab er das’ Kunſtwerk; mauche 

der Facher 

Schuf er, zu ſondem bedaqt die woblgeordneen 
‚Schriften. 

Auf dem’ seränmigen Blatt ruht ſchiefablaufend 
die Flaͤche, 


— 188 — 
„Welche die ſhreibende Hand empfangt; zum Sche⸗ 
nung Des Auges 
Ward fir gelleidet.in gruͤnes Gewand. Zur Reqh⸗ 
| | ‚ten und Linken 
Prangen auf Ahöngefommten Gerüflen die Glekn 
von rel. 
Drüsen gläugen in Neih. uud ⸗Glied Brit anniens 
Pete, 
Noma’s grbrer und ihr, De. heiluen Hellat 
| Hersen 
Solche Männer im Aa’. entBanıms durch ſolcherlei 
.: Mußter, 
Sei‘. ich mich beiteven Bautbs, verſuchend das Blatt 
zu vollenden, 
Dat, ich am. morgen ‚bogen, ‚uud wenn es der 
Genins wehret, 
ar ich nie uns. in. andres Geſchaͤft; denn 
dbadern zu wollen 
Mit dem Sanias, — ** micht; er nabt und flicht 
| . Bach, Belieben. 
Wieder vertieſ ich mich num in der Arbeit 
Freuden und Muͤhen; 





— 189 — 


Benige Stunden doch nur; denn ſchon dem wem 
beſchreitend, 
Sendet die Sonn’ unendliche Gluth ſanmnt bleuden⸗ 
dem Licht mir 
In das Gemach. be wehrt umſenſi der wehende 
| Vyorhang. 
ungern zwar, doch raͤum' ich der ſtrengen den 
glabenden Wahlplatz, 
ichte, das Buch in der Hand, te. der Lauben 
. dichte?’ und Tühlfie, 
Unter den, Fächernben Schirm der bediten Kaſtanien⸗ 
winfel, 
Oder ins nordliche Fühle Gemach, wo in ſchinmern⸗ 
den Reih'n mir 
vrangen die Reynelds und Welle, die Mafadl; 
Guido, Allegri, 
Deren lebendigen Mes die griffelkundigen 
| Meiſter 
Nachzupraͤgen gewagt auf dem Erz mit Fleiß und 
mit Einſicht. 
Aber ſchen hallet vom Thurm herab dumpf⸗ 
brummend die Beiglock⸗, 


19 — 


Beide Erlbſaug bringt: vem Eockbeifenn 
| Boͤllkchen. 
BSetbuchen Muithes eatwimmelt das luſtige Vblkchen 
| dem Schwigbad, 
Be dem Vesperbrod luͤſternd, und nach der ſeligen 
Freiheit. 
Schon auch häßft Allwiue herbei; bei Kuſters 
ae iz 
Hat Re genaͤht und geltrickt, im Campe geleſen und 
0 Bolgmann. 
Suter, ſe ſpricht Fe, das Weiter iſt ſchin, auch 
wird es ſchon Fühler. 
Wollen wir nicht: ausfahren ein wenig? Faͤhrt 6 
ſo ſchoͤn doch 
Gänge des Geſtades ſich hin nach Goor und Mt 
wahr Arkona. | 
Alſe die Kleine, und Ichnell. wird athes ge 
| pflegt und befchlofien, 
Nicht zu fahren nech Goor, nach Witt, und nicht 
Much Arkona, 
Sal’ es zu ſpat zur ferneven Fahre; wohl aber zur 
Sirnnd ſchlucht, 





— 191 — 
Wo es ſo lirblich ſich ruht im Geſicht 26, Meerg 
| -und des Himmels. 
Rubdger nun wird entboten, ber rüßige Kut⸗ 
Ä ſcher. Es wird ihm 
Angedentet, in Eil den ‚neuen baißsinifchen 


Wagen 
Aanzuſpamen; md yillig gehorcht der eöfige 
Kutfcher. 
Aber, fo ruft nach dem Erleben. nach ‘die ſorgende 
Hausfrau, 
Aber ge Leibe nur nicht dem ſcharrenden Rappen 
genommen, 
Oder den brauſenden Adler! Die Thiere gebehrden 
fich gxuulich. 
Freundlich nicket der Schalk, uud thut nach eignem 
Belitben. 
Ettig mm werden uemmengufucht die Hr 
und . bie Floͤre. 
Manches noch hat zu raſen die Hausfrau, hat mͤch 
die Nachtkoſt 


Anzuordnen, ſedann dem durſtenden Sietne Int: 
Schluͤckchen 


— 192 — 
Sumfsarden ; dem Finden Geerg dem muthigen 
ne WBuslaf 
Auch dem Segen, der vieles erſtunt / die Vewer⸗ 
erquiccung. | 
wochen kommt Mudger indeß. Ringe 
fſieben die Funken, 
und das erſchuͤtterte Pflaſter erdrohnt. Die ſorgende 
Sue. , 
eicht ihm den Kärkehben Schlack and bie mächtige 
Bourtrrſchnitte, > 
Biel. noch mahnend zugleich, ehrbar zu. fahren 
„ab: Iamofant. 
| Säcelub nicket der Schalk, und thut Nach eigner 
Beliebung. u 
Endlich nun fügen wir ein. Im Hintergrunde 
des Wagens 
Ruhen die Eltern bequem, auf wohlgenelfierier 
Mücken! | 
Sitzen behaglich die Kleinen. Und hun fliegt praß⸗ 
feind und ſchmetternd 
Rudger mit une wie. im Sturm dabin. Dem made 
ren Kutſcher 











— 13 — 

Ziemt es, zu zeigen den Leuten, daß er verfiche 
das Handwerk. 

Aber die Mutter umfaßt die Lichlinge,. forgender 
Ang voll. j 

Zitternd auch ſchmiegt ſich auwine an ſie. Der 
raſchen Bewegung 

Freut ſich der Bruder indeß, und erſtaunt ſieht 
Julie ruͤckwaͤrts 

Rennen bie Häufer und Bäume, ja felbi die Kirche 
und den Kirchthurm. 

Alſo Räuben wir bin durch des Pfarrdorfg 

ländliche Gaſſen; 

Rechts und links ſtehn grüßend am Wege die freunde 


lichen Nachbar, - - 


Aber nur kaum verginnt der fuͤrbaßzeilende 
Rudger, 
Zu cewiedern den traulichen Gruß. Umſonſt iR bie 
Mahnung, 
Bis wir das Blachfeld draußen erreicht. Von nun 
an beliebet es, 
Im beſcheidenen Trott gemach uns weiter zu 
| - führen. 
XI. Band. 113] 


— 14 — 


Welche Wonne nunmehr, zu ſchaun, fernhin 
uf dem Blachfeld, 

Ringe die Gebreite des Korns! zu fchann der 
wuchernden Gerſte 
Grunlich ſchimmernde Flut, und den weißhinwogen⸗ 

den Roggen, 
Sammt dem lichtblau dluͤhenden Flachs, und der 
Fuͤlle des Weizens! 
wide maͤchtigre Luft, fobald wie die Sbbe ge: 


wonnen, 
Anjuſchauen des Meere Iebendig . wogende 
| J Blaue! 
Heiliges Meer, Emblem des Erhabenen, treueſter 
Spiegel | 
unansſchdpflicher Kraft und unauslbſchlicher 
Milde; 
Nimmer zu ſchaun vermag ich dein majcktätifchet 
Ausruhn, 
MNinmer zu hoͤren das Grollen der kernherwaltenden 
Waſſer, 


Ohne daß mir das Herz erſchwillt, DaB Schauder 
mich anwehn, 














— 195 — 
Und der Unendlichkeit Riefengefähl die Seele mie 
ausfuͤllt! 
Rechts ab lenken wir nun aus der doͤrfergat⸗ 
tenden Straße 
An das Geſtade der See. Da thuͤrmt ſchon, ſiche: 
der Huͤnen 
Alterndes Deal, umfrängt von der Vorzeit Tapfern 
aus Steinen, 
Welche hefchämen den Fels, auf dem der eherne 


Zaar flieht. 
Ausufleigen gelicht es allbie Es werben mit 
\ Vorſicht 
Aus dem Wagen gehoben die freudejauchzenden 
Kleinen. 


Längs nun wandeln wir bir am Saum des gethuͤtm⸗ 
. - ten Geſtades, - 
Schanen mit ſchauernder Luft hinab in die ſchwin⸗ 
delnde Tiefe, 

Schauen hinüber den Golf nach Jasmunds Rieſen⸗ 
geſtaden, 

Rlimmen behutſam fodann auf ſchmalhinſchlaͤngeln⸗ 
dem Pfade 


1 


_ 16. 
Eine der Schlachte hinab zum Flefelgenfaßerten 
Meerſtrand. 
Hoͤchlich erghbet die Kleinen, wiewol auf dem glat⸗ 
. ten Gerdlle “ 
oft ausgleitend, zu fammeln, was ans. Geflade die 
Slut warf, 
Bernſteinbrocchen und Schalen der Muſcheln und 
glänzende Kieſel. 
Kaum zu fallen vermbgen den Fund die Taſchen 
- und Tücher. 
Sinnend rubet indeß die Mutter auf einem der 
Quarze, 
Welcher dem ufer entglitt, als bie Luft erlaut und 
ver Schnee ſchmolz; 
Während der Water mit Hülfe bes boblgeſchliffenen 
Glaſes 
Euſt ig erforſcht die Wunder des Steinreichs, deine 
| Schilde, 
Miezuergrundende Kraft, die du itzt den Quarz und 
den Feldſpat 
Innigſt zum Ganzen vereinſt, und. itzt das gediegene 
Ganze | 








— 197 — 

Launifch wieder zerreibeſt zum ſtiebenden Sande 
der Duͤnen; 

Die dur das Trockne bewollſt mit undurchdringlicher 
Waldnacht, 

Dann den begrabenen Wald verkohlſt im Bette des 

| Meeres; 
Die du den fallenden Tropfen zum Stalaktiten ver⸗ 
dichte, 

Dann des Schaaltbiers Gallert zum funkenforuhen⸗ 
don Kill; 

Die du wolbeſ im Schooß des Gehärgs kryſallene 

Grstten, 
Kunfreich ſodaun dew Baſalt zu Motunden thaͤrmßt 
und sum Prachtdom; 

Solcher Wunder gedenk, durchſpaͤh' ich das bunte 
Geſchiebe, 

Manchen Zeugen ertapp' ich des wngewäliteh 
Planeten, 

Manchen Fremdling/ herein von den antiweden 
gewandelt, 

enden Ruin und Me, der, ſtumm zwar, Tpricht 
von der Urzeit, 








— 18 — 


Wo noc Leetonia war, und die längfyerfanfne 
Atlantis. 
Aber es eilet die Senn’ Inden hinab u dem 
Flutbett; 
Und wir verlaſſen den Strand. Hinan das ſchroffe 
Geſtade 
Klimmen wir tiefauffbnend. Am Saum bes zer⸗ 
| | rißnen Geflades 
Sitzen wir ine, des Ausruhns froh nach ſolcher 
| Ermuͤdung; ° 
dan mit fehoneruber Luk hinab in bie ſchwin⸗ 
delnde Tiefe, j 
Sehn auf vreitem Geßein ſich ſonnen dem zottigen 
Sechund, 
Sehn sit der Woge das Wolf ber Mäwen feige 
und finfen, 
Gehen im wichtigen Kahn fi fehaufan den Fiſcher 
der Bitte, , 
Bien am Hortzont manch weißliches Segel da⸗ 
bhinwallt. 
Schnellet ſchon eilet die Senne hinunter den weñ⸗ 
lichen Bogen, 








— 19 — 
Heimverlangend ſchon fcharret der Scheck und wichert 
der Sternberg; 
Durchs der Pfeifchen bereits erlofch dem rüßigen 
Rudger 
Iti nun wird, was der Strand uns beſchied, ge⸗ 
| - yadt in den Wagen; 
Set auch die Kleinen mit Fleiß. Hin vollen wir. 
Meder des Zurufs, 
Noch der Geißel bebarf es, zu ſpornen die Nenner 
ur Heimfahrt. 
Huch iß bald vollbracht die Fahrt. Der land⸗ 
liche Flecen 
Nimmt ung auf, und bald die traulich winkende 


Wohnung. \ 
Unfer harret am He die fremme Bi 
geleitet 
Von dem bebenden Achlik und dem freundlichwedeln⸗ 
| den Hector. , 
Eiche, der Tiſch iR gedeckt; das Mahl bereitet. 
Die Seeluft 


Neizet den Gaumen, Wie mundet den Heimge⸗ 
Iommmen bie Nachtfof! 





— 200 — 


wie den Kindlein die liebliche Milch, die vieles 
noch plaudern 
Ben der anmuthigen Fahrt, und ben Ebentheuern 
der Reiſe. 
Und nun gehet zu Gott die Sonm. Es gin⸗ 
gen die Voglein 

Schon zu Nefle, zu Neſte die ungſten und zörtehen 
| Kindlein. 


Julie liegt ſchon, die Holde, und ſchlaͤft im ſchwe⸗ 


benden Bettchen. 
Niedergebeugt bat bletern der Schlaf den wackeren 
| Gottfried 
ueber die Polſter des Sofa. Noch ffht.in der Kühle 
des Abends 
unter den Bäumen bei mir vertraulich plaudern? 
| Allwine. 
Vater, beginnt ſie, die Milch iſt geſeiht, geſahnt 
ſind die Schalen. 
erg ih Mutter. Wie, wenn wir itzt nach ein 
wenig fpaßterten 
Zwiſchen den Häufeen des Dorfs? Es fvahiert fi 
| ſo ttaulich im Dunkeln! 


— mu — ————— — —— — 





— 


— 


— 201 — 


und wir thun ihr den Willen. Den pappelbeſchat⸗ 
teten Kirchhof 
Wallen wir ſchauernd entlang. Mings thaut ber 
| Maſen der Gräber. 
neber den tüdifchen Non wird forglich Die Kleine 
gehoben; 
und num wandeln wir auf und ab im ben laͤndlichen 
" Gaſſen, 
Von den behenden Achill umbellt und dem freund⸗ 
lichen Heetor. 
Mancher der ehrſamen Huͤtiner, der treulich die 
| | Laklien des Tags tg, 
Sipt in der Thuͤr, ſich freuend der Pfeif und der 
ummelnden Knaben, 
Welche noch vafiios ſchnellen den Ball und jagen 
den Dritten. 
Rechte und links wird icher gegräßt gar freundikh; 
mit jebem 
Bird fa rechts als links gekoſt manch trmuliches 
Be Woͤrtchen, 
Manche der friedlichen Hütten beſucht; die ſchlum⸗ 
| mernden Kindlein 


| — 202 — 
Werben beaugt und bächlich gelobt; des niedlichen 
Gaͤrtchens 
| Pflanzungen werden befehn und über die Malen 
| . gepriefen. 
Aber wenn dunkler au wird die Welt, und Killer 
der Flecken, 
Wenn num ſchmaͤlend die Mutter Die tummelnden 
Kleinen bereinrief, 
Auch nach erloſchenem Pfeifchen der Vater ſchlafend 
ins Haus wankt, 
Gerne ſitzen wir dann an des Dorfteichs Rand auf 
deu Bloͤcken, J 
Welche der Wagner zerſaͤgt, dedacht bei Zeiten 
uf Vorrath. 
‚Hier num fehn wir den Himmel fich ſpiegeln im. 
" Waſſer des, Dorfteiche, 


= Sehen wie nach und nach im Dorf auslöfchen die 


Lichtlein, 
Hbren die Mütter in Schlaf einlullen die gierenden 
Kindlein, | 
Wahrend den Abendgeſang anſtimmt lobpreiſend 
die Wittib 








— 238 — 
Dunkler wird es und fliller um uns; und ſtiller 
wir felber; 
Endlich beginnt es der Kleinen zu gran. Wie wird 
es fo Nacht it, 
Spricht fie, ich dächte, wir gingen! Wir folgen der 
Mahnung des Mägdleing, 
And indem wir gemach uns nahn der Pforte des 
Kirchbofs: 
Seht doch, ruft fie, es brennt! Betroſſen blicken 
| wir um ung; 
Siehe da ſteigt empor an des Aufgangs feruften 
Saume ' 
Snof, bach, beilig, erhaben, ber melancholifche 
- Vollmond; 
Slammen ſpruͤhn durch das Laub der Kirchhofspap⸗ 
| peln. Vervielfacht 
Flittert die Flamme zuruͤck von den Bogenfenſtern 
der Kirche. 
Stiller noch wird es um uns, und Niller in une. 
Mit Tieffinn’ 
Wandeln wie zwifchen den Gräbern des mondum⸗ 
daͤmmerten Kirchhofs, 


- WU — 
Stebn nunmehr ı an der Pforte des eigenen Oartens⸗ 
gelangen 
Durch den Garten ſofort in die friedenathmende 
| Wohnung, 
Wo rings Dunkelheit herrſcht, und wehmuthweclende 
' Stile. 
De und Teer iſt jedes Gemach. Auf dem Flur, 
anf dem Vorplag, 
Nings auf dem raͤumigen Hof, und drangen anf 
Geldern und Weiden 
‚ Waltet die ‚heilige Nacht. Bei des Wachsſtods 
wankendem Schimmer 
. gest Allwine ſich fchlafen. Es ruht in Mitten der 
Kindlein 
Von der Wirihſchaft Laſten erſchoͤpft leisathmend 
die Mutter. 
Aber ich trete noch einmal hinaus in die 
Nacht und das Schweigen, 
Wandle gedankenvoll umber in den Schatten dei 
Gartens, 
Waͤhrend der Mond die Baͤume durchſtrablt, und 
fern aus dem Abend, 








— 205 — 


Einer Bergangenbeit gleich, das Spatroth blaffer 
. heraufftrahlt. 

Dann umſchatten mich Bilder vol Eruſt, bie Bilder 
der Tage, Ä 

Velche dahin find, Bilder der abgehläßeten 
Jugend. 

Ich gedenke der Freunde, der Ferneren, welche mit 
mir einſt 

Dämmern geſehn die Nacht, die uns in erhabnen 
Gefprächen 

Und noch erhabnerem Schweigen dabinſloß. Eurer 
auch dent ich, 

Nimmergefehne und Nimmerzuſehende, bie ihr aus 

Ä Deutichlande - 
Hundert Bauen zum bfteen willlommne Kunde mir 
- fandtet, 
Daß ihr mich kennt und mich liebt! Auch der Ent- 
fehlafenen dene ih, 

Deren Maale der Mond befiraplt!. Dein du ih + 
‚vor allen, 

Ahnungvoller Ari, - und bein, tieffühlende 

Alma! 











- 


— 20 — 
Rubt fanft, wo ihr auch rubt, Ihe Fraͤhverſchwun⸗ 
been! Leicht fen 


Euch die Erd’ und gewuͤnſcht das Nu, in dem ihr 


erwachet! 
Auch der Stunde gedenk' ich, der unausweichlichen 
Testen, 


Welche auch mich dereinft abruft von dem irdiſchen 


® 


Schauplatz. 


| Gluͤclich, findet fie mich mitt Kraft und Eifer das 


Merk thun 
Dei, der mich fandtet Denn viel wird dem vers 
trauet und Großes, 


- Welcher getreu haushielt mit Wenigem. Zehen der 


| Städte | 
Wurden dem Wadern verlichn, der ihrer fünfe 
gewonnen, 


Sieben dem naͤchſten, und drei dem, Folgenden. 


Aber verbannt ward 


In der Vergeſſenheit Nacht, der nichts erſtrebt noch 


| erworben. 
Solcher Betrachtungen vol, durchwandl' ich das 
wachfende Nachtgraun. 





— 207 — 
Auf ſchaut lechzend das Auge zum ſternenbeſdeten 
Himmel; 
Siehe, da fch ich fie funfeln die Stadt voll Glanzes 
des Herrn Heren, 
Sunfeln die Schlöffer umber, die fünf und fieben 
und sehen, 
Funkeln die tanfendmaltaufend, womit hie reblichen 
Diener 
Zu belehnen verhieß ber oberfie Grund- und Lehn⸗ 
herr! 
Solche Betrachtungen nährend, geſtaͤrkt durch ſolcher⸗ 
| lri Hoffnung, 
Kehr ich zuruͤck nunmehr aus dem frifcherhauchenden 
Nachtlabl, 
In mein mondumdaͤmmert Gemach. Die Wolle 
des Schlummers 
Senket ſich nieder und ſchließt mir leiſeſaͤuſelnd die 
Augen. 
Bl ihr Freunde, verfließt ciufbrmig zwar 
und geraͤuſchlos 
Euerm Freunde das Leben, doch muͤßig weder noch 
fruchtlos, 


9 


- u. 
Breifchen belopnenden Mühen getheilt und reinen 
Genuͤſſen. 

Alſo, dafern es dem Gott geliebt, verfließ' es noch 
ferner! 

Vliehet ihr Horen dahin: und muͤſſe der Sl 

benden Keine 
Weinenden Auges ins Herz mir druͤcken den Stachel 
der Reue! 

Fliehet ihr Horen dahin! und mäfe die 
Jans? und. fchönfe, 

Engelpold und bräutlich geſchmuͤckt, mit duftender 
Palme 

Kuͤhlung dem Scheidenden woche, und lanft ihm 
| ſchließen das Anger 





Das Lied des Bundes. 


N 





Mina, reiche mie die Rechte 
Leite durch des Lebens Nächte 
Mich ins helle Vaterland! 
Durch der Erbe Difielpfade 
Bis zum finfern Grabgeſtade 
Leite mich an fanfter Hand! 


Doch, nicht lauter nächtlich Grauen 
Decket unfeer Wallfahrt Auen; 
Diſteln zeugt nicht jedes Feld 

Sonnenſchein und Regenſchauer, 

Licht und Schatten, Freud' und Trauer 
Wechſeln flets anf Gottes Welt. 

XI Rand. - {14] 





— 2410 — 
Alle Freuden, die uns ſprießen, 
Wollen wir mit Dank genießen, 
Jedes Bluͤmchen, das uns winkt, 
Jede Kühlung, die uns fächelt, 
Jede Troͤſtung, die ung lächelt, 
Jeden Schimmer, der uns blinft, 


Mit des Tages ſaßer Fraͤhe 
Wollen wir zu neuer Mühe 
Muthig umd getrofl erſtehn; 


Mit des Spatroths Inder Kaͤhle 


Soll uns nach der Muͤh' und Schwuͤle 
Wohlverdiente Ruh’ ummwehns 


. Berner Stärme dumpfes Rollen, 
Yufgewühlter Wogen Sollen, 


Dämpfe, Freundinn, deine Huld! 
. Refte meiner Feuerjugend 


Zaͤhme deine Hille Tugend, 
Deine fiegende Geduld! 








‚--1 — 

Sorafam will ich meine Freuden 
Mit dir theilen, alle Leiden - 
Zärtlich tragen, die bir nahn. 
Männlich will ich dich befchiemen, 
Will in Ungeſtuͤm und Stürmen 
Dich mit feſtem Arm umfahn. 


Warn erdonnern alle Feſten, 
Wann erblitzen Oſt und Weſten, 
Halte fer dich, feſt an mich! 
gpole ſchwanken, Axen ſplittern, 
Erden taumeln, Himmel ſchuͤttern; 
Meine Rechte ſtuͤtzet dich. 


Gottes Rechte meine Rechte! 
unbeſiegte, niegeſchwaͤchte, 
Heifge Kraft, Religion; 
Weihe, Himmelsbotinn, weihe 
Mich und meine Vielgetreue 
Dir zur Tochter, dir zum Sohn! | 


ar — 
‚ Mit der leuchtenden Egiden 
Sichre unſrer Tage Srichen, 
Lautre jede Leidenschaft! 
Schatt uns in der Mittagsſchwuͤle, 
Wär uns in der MWinterfühle, 
-MRüf uns mit Heroenkraft! 


> 


In des Dafeyns furcdtbarn Eugen, 
Wo uns Welt und Schieffal drängen, 
Schwinge deinen weißen Stab! 
Zeig’ hinauf ung zu den Sternen! 
Lehr” uns auffchaum zu den Fernen, 
Die Fein Gram erreicht noch Grab. 


An des Lebens fchroffem ande, 
Wo zerreißen alle Bande, 

Wo der goldne Trauring bricht, 

Wo ung alle Tihfter laſſen, 

Alle Schimmer ung erblaffe, 

Himmliſche, verlag uns nicht! 





— 13 — 

Reich uns deine Strablenrechte 
Leite durch des Hades Naͤchte 

Uns ins belle Vaterland; 

Wo ber Zugend Kronen glänzen, 

Wo die Treue Kränge kraͤnzen, 

Welche der Belohner wand. 


Ahnung. 


Gau, das junge Fahr erlau't, 

And der Ströme Grundeis tbau't. 
Dampfend fichn die Triften. 

Horch, der Turteltauber giret, 

Und der Lerche Brautlied ſchwirrt 
In den mildern Lüften, 


Bringt des Fraͤblinge Erflinge, 

Krokos mir und Glockenſchnee, 
Daß mein Herz fich labe. 

Wenn das junge Jahr verbleicht, 

Streift der Abendwind vielleicht 
Ueber meinem Grabe. 





— 215 — 
Satt des Feſſelzwangs, gerreißt 
Sein Geſpinnſt der ew'ge Gel. 
BZleußt in lauen Welen 
Nicht mein Leben purpurn fort? 
Fabl ich nicht gerfchligt den Ort, 
Den die Seufjer ſchwellen? 


Sonne, nie erlahmt dein Schwung! 
Ewig frifch und ewig jung 
Gruͤnſt du, fchöne Erde! 
neber Land und Waffer ſchwebt 
Gottes Hauch. Das AN helebt 
Sein erbarmend Werde. 


Wir nur, wir, gefächter Schaum, 

Einer Lenznacht nicht’ger Traum, 
Kommen und verſchwinden. 

- Raum vom ſchweren Schlummer wach, 

Schaun wir mähfem in ben Tag, 
Blinzeln und erblinden. 





=.216. — 
Do, der dunkle Tropfe ſinkt, 
und des lautern Aetbers teinkt 
Der genefne Sieche; 
Los des duͤßern Sarkophags, 
Freut ſich des entgorten Tage 
Die erldie Vivche. 


Bringt Des Jabres Erſtlinge, 
Krokos mie und Glockenſchnee; 
Daß mein Herz ſich labe: 
Eh des Fruͤhlings Wang erbleicht, 
- Sojumpbiet eridſt vielleicht 
 Pocpe uͤberm Grabe, 








Die Tobtenfeier. 
zu Dlthboffs Andenken. 


— — — ⸗ 
x x 


Unſers Herzens heißes Schmachten, 
Unfers Geiſtes raſtlos Trachten 
Waͤre Taͤuſchung, Traum und Trug? 
Nein, es lügt nicht unſer Ahnen! 
Etwas, etwas ſind die Manen. 
Eins entrinnt dem Aſchenkrug. 
Orpheus erweichte Proſerpinen. 
Pſyche entfchläpfet Libitinen. 


Heros, der ſich uns entſchwungen, 
Glorreich den Olymp errungen, 
Sprich, mo wallſt, wo weilſt du itzt? 
Glaͤnzt des Empirdum’s Klarheit, 


— 218 — 


Sprudelt die der Born der Wahrheit, 
Der nur reine Lippen Ich? 
HOdorſt du die Sphären fellg tönen? 
Sonnſt dich am real! des enthullten Schonen? 
Schweb’ in nie gemeinen Fernen! 
Band’ auf nie erfpähten Sternen! 
Dennoch bift du nah ung, nah! 
Ewig bleiben dein Gemüthe, 
Deine Weisheit, deine Güte, . 
Deine Froͤmm' und Lich ung nah! 
Bruͤnſtig haſt dir gelicht das Schöne; 
Redlich gepflegt der Schönheit Soͤhne! 


An der Limmat Ralmusfirande, 

In Hesperiens güldnem Lande, 

Guͤlden durch Kun, Geſang und That; 

Von der Newa bis zur Tiber, 

Am Rbodanus wie am Iber 

Wogt und brauft die edle Sant. 
Dunkel bedede des Sämannd Namen; 
Schoßt und gedeiht nur des Guten Samen! 


* 


— 2119 — 


Schlage begeifternder, Herz, und freier! 
Sreumde, beginnt die Todtenfeter! 
Duftet Narden! Funkl' 9 Wein! 
Brüder, ergreift den kriſtallnen Becher! 
Salbt, des Verdienſtes wackre Rächer, 
Salbt des Vergdtterten beil’gen Stein! 
Ewigen Nachruhms Propylaͤen 
Sind der Unſterblichen Maufolden. 


Nein, es luͤgt nicht unſer Schwan! 
Etwas, etwas find die Manen. 
Anfgeldft in nicht’gen Dunft, 

Mag der träge Stoff zerrinnen! 
Höher ſchwingt fich unfer Sinnen, 
Unfer Lieben, unfre Kunfl. 
Freund', in der Aiche des Sarkophages 
Zündet der Blitz fich des hohern Tages. 





Rundgefang 


Als die Freunde aus dem Flutentode errettet 
— waren, 





Run ift das füße Leben, 
und Hüchtig fein Genuß. 
. Noch blinkt das Blut der Reben; 
Noch munden Lich und Kuß. 
Drum, Freunde, heut und morgen 
Schwingt froͤhlich den Pokal! 
Verbannt den Schmarm der Sorgen; 
Man lebt ia nur einmal. 
Chor; 
Ach leider nur einmal: 
Drum, Freunde, bannt bie Sorgen! 
Seyd fröhlich heut und morgen! 
Genießt das Eine Malı 





— 21 — 


Die grüne Tugend altet, 
Das dunkle Haar wird weiß. 
Das heiße Blut erfaltet; 
Das Herz gefriert zu Eis! 
Das Geſtern tft verfchlungen, 
Das Morgen noch. nicht da; 
Drum hurtig angeflungen! 
Das Ziel iſt nur una! 

Chor: | | 
Wohl ift das Ziel ung nah! 
Das Geſtern iſt verloren; 
Das Morgen ungeboren; 

Nur der Moment iſt dat 
Wem firdımt die Flut der Lieder7 
Dem tönt der Rundgefang? 
Ench meint er, traute Brüder, 
Die juͤngſt die Flut verfchlang. .. 
Scht ihr den Spiegel blinten 
Des Eifes? ... Horch, es Fracht. . : 
D weh! 9 wehl fie ſinken... 
Ibr Brüder, gute Nacht! 


— 222 — 


Chor: _ 
I Horch! borch! es irrt! es kracht 
u O web! 9 weh! fie trinken 
Das herbe Salz; fie finfen! ..- 
Ihr Bräder,. gute Nacht! 


Sn 


Sabre wohl, fahrt wohl, Ihe Guten! 
Das Schidfal richt den Stab; 

Euch det der Schooß der Fluten; 
Euch birgt das naſſe Grab. - . 

Doch ſchau! der Gott gebictet 


u Dem eifernen Geſchick. 


Wiewohl es grollt und wuͤthet, 
Das Meer giebt euch zuruͤck. 
* Chor; 
Triumph! es winkt der Gott! 
Willkommen dann ihr Guten! 


Willtommen aus den Fluten! 
Willkommen aus dem Tod! 








— 228 — 
Den Freunden zwiefach theuer 

SR der entkommne Freund. 
Seyd wärmer dann und "treuer 
Hinfort von uns gemeint! 
Was ſchuͤrzt, mas ſchnuͤrt am engſten 
Der Freundſchaft beil'ges Band? 
Gefahren thun's, die baͤngſten, 
Die man vereint beſtand! 


Chor: 


Wohlan denn, Mund auf Mund 
Und Herz an Herz geſchloſſen, 
Knuͤpft, wackre Eidgenoſſen, 
Den heil'gen Freundſchaftsbund! 


+ 


Kurz IR das füße Leben, 
und fluͤchtig fein Genuß. 
“ Nicht lang', und ach wir fchmeben 
Hinab sum Kozytus. 


‘. 


.—_ 224 — 
Dem, der bisher uns ſparte, 
Dem, der vorm herben Tod 
Die trauten Brüder wahrte, 
Hallelujah dem Gott! 


: Ehyr: 


Halleluiah dem Gott, 
Der unfee Brüder ſparte, 
Vorm berben Tod fie wahrte! 
Hallelujah dem Gott! 


[2 


Lied der Eilfjährigen. 





Eufmal ſchon hat mir der Fruͤhling geglanzt; 

Es haben mich eilfmal die Roſen bekraͤnzt; 

Es ſchaukelt und wiegt’ auf ſeidenem Schooß 
Die Liebe mich groß. 


Mir ſchwanden die Stunden in luftigem Tanz, 
Es umſchlang mich die Freude mit blumigem Kranz. 
Es hoben nicht Sorgen, es hob nur die Luſt 
Die knoſpende Brufi, 


Don Huͤll' und SuM und Geſundheit umlacht, 
Von liebenden Menfchen befchiemt und bewacht, 
Eutfloh mir der Monden gaufelnde Schanr 

Leicht, luſtig und Har. 
XI. Band, _ [15] 





— 2260 — 
Eilfmal nun dat mir der Fruͤbling geglann, 
Es haben mich eilfmal die Roſen befränzt. 
Shan zerficht des Morgens dämmerndes rau 
| - Sn blinfenden Than. | 


Die Fahre der gaukelnden Kindheit find bin. 
Es giemt dem Mägdlein gehaltnerer Sinn; 

Es siemt ihm vorwärts zu ſchaun und zuruͤck 

| Mit ernſterem Blid. 


Es ſchiumert nicht ewig fo rofig die Welt, 
Es wibert une morgen, was heut ung gefällt. 
Idt weitet Die Freude, dann engt der Schwer, 
> Das wogende He. 


| Es welket der Jugend fribliches Grün; 

Es erblaßt der Wange heller Karmin; 

Des Auges Karfunkel wird matt und blind; 
Das Leben verrinnt. 


Nechtſinnizkeit, Frimmigkeit, kindlicher Shan, 

Geleitet durchs wechſelnde Leben mich hin! 

D Hofinung, o Liebe, ibr heiligen Zwei, 
Bleibt hold mir und treu! - 


4 


on 227 — x 
O D Hoffnung, o Liebe, o lauterer Stun, _ 
Geleitet Durchs rinnende Leben mich Hint 
Das Leben verrinut. Der Staub zerfidubt. 
- Das Gdttliche bleibt. 


Ein Goͤttliches hebet des. Menfchen Bruß, - 
Verhoͤbnet den Schmerz und nerfchmäht die Luf; 
Bekampft das Eitle, beficgt den Tod. . | 

In uns iR der Bott! .' 


An die Erfigeborne. 





„= 


Erftlingetochter heil'ger Liebe, 

unſre Hoffnung, unſre Freude, 
unſrer Augen ſuͤße Weide, 

unſer liebſtes, beſtes Gut; 

Dich befchtoßt ich bei dem Herzen, 
Draus du fproßtefl, bei den Schmerzen 
Jener, die dich trug. und tränkte, 
Bleibe ſchuldlos, bleibe gut! 


Hoolde Tochter, noch beſchaͤmet 
Deines Auges Glanz und Helle 
Den Kriſtall der Gletſcherquelle, 
Noch Golkonda's ſchoͤnſten Stein 





. — 


— 29 — 


bg du nie im Hauch der Sünden, 
Faunkelnder Brilliant, erblinden! 
Moͤgſt du ewig lautrer Spiegel 
Einer lautern Seele ſeyn! 


Wie um Blumen Bienen gaukeln, 
Wie durch Blätter Weſte fireifen,. 
Alſo reift mit Teichtem Schweifen 
Durch das Leben froh dein Tuß. 
Nie beflügle diefer Tritte 
Zucht und Mag der Rohbelt Sitte, 
Nimmer lähme fie die Sorge; . 
Nie der bleierne Verdruß! 


Welches Gloͤckleins hellem Klingel, 
Welcher Ziäte, weicher Laute 
Klarem Klang vergleich” ich, Traute, 
Deine Stimme Silberſchall! 
Nie verfälfche dumpfes Grollen, 
Finſtres Zuͤrnen, duͤſtres Schmollen, 
Feiges Wimmern, dieſes Glocleins 
Silberhaltiges Metall! 


N 


+ x 


— 230 — 


Holde Tochter, ſproß! und ſchoſſe 
Gröplich wie die Binf' am Teiche, 
Wie die Feldroſ im Geſträuche, 

Wie der Weizenhalm im Mai. 

Aber raſtlos ſey dein Sorgen 

Spaͤt am Abend, fruͤb am Morgen, 
Daß der Leib nur ſchone Faſſung | 
Einer fchönern Seele fen! 


Nie von bohlem Schein geblendet, 
Noch vom Neb des Trugs umwoben, 
Noch vom falfchen Wahn verſchroben, 
Bleibe frommer Einfalt, treu; 

Seindinn jedes Rollenfpieleg, 
Jedes luͤgenden Gefuͤbles, 

Wie der Aether klar und offen, 
Wie der Lichtſwabl frant und frei. 


obre, Tochter, was ich bitte: 
Wahr in kindlichem Gemuͤthe 
Lebenslanglich deine Güte, 
Deine Wahrheit, Zucht und’ Huld, 





— 231 — 
Deine Ehrfurcht für das Sollen, 
Deine Gnuͤgſamkeit im Wollen, 
Deine Innigkeit im Lieben, 
Deine ſchweigende Geduld! 


um den Tanmel lauter Freuden, 

Die betäuben und ermüden, 

Zanfche nie den tiefen Frieden, 

Der nur fiilles Wirken licht. 

- Gtliger, als in der Menge 
Herzerkaltendem Gedränge, 

Fable dich im engern Zirkel, 

Der beſcheidne Pflichten Abt. 


Suͤßer, als umringt vom Schwarme, 
Als entflammt vom Bachanale, | 
Im getümmelvollen Saale 
Did in trunknen Schleifern drehn; 
Süßer ſey dirs, ſtill und leiſe 
In der Deinen trautem Kreiſe 
Gutes ſchaffen, Freuden ſtiften, | 
. Künft’ger Erndten Saaten fürn. 


⸗ 


— 232 — 

Tochter, unſers Geiſtes Sebnen 
Strafft ein nie ermattend Trachten; 
unſre Bruß erfaut ein Schmachten, 
Welches dieſe Welt nicht ſtillt. 
Dieſes Sehnen, dieſes Ahnen, 
Dieſes ferne, letſe Schwanen 
Deutet auf das dunkle Jeuſeits, 
Das ſich keinem Aug enthält. 


‚Tochter, unfre Bluͤthen fallen. 
‚Eine Weile koſt und tränfet 
Uns die große Mutter, ſenket 
Sreundlich lullend uns ins Grab. 
Reifes Gruͤne maͤht der Schnitter; 
Fuͤhllos wirft das Ungewitter 
Dörte Blätter, Bluͤthenkronen 
Von dem Lebensbaum hetab. 


Unfre Julie keimt und kuoſpie; 
Ihre Kuofpen find gebrochen. 
‚Wenig trübe Winterwochen 
Beine und lacht und lallt Emil. 





m nn — — 








— 233 — 


Als das junge Jahr erlawte,. 
D des Jammers, ſank der Traute 
Bon der Mutter warmen Bufen 


In des Grabes ſchaudernd Kühl... 


Tochter, waͤhne nicht, anf Immer 


Werde dich der Arm beſchirmen, 


Welcher in des Lebens Stuͤrmen 
Itzt noch deine Schwäche fuͤtzt. 


Einſam durch die Wildniß wanken, 


Stablos wirft du niederſchwanken, 
Wenn dich nicht der Troſt der Unſchuld, 


Und der nuſchuld Retter ſchuͤtzt. 


Drum beſchwoͤr⸗ ich bei dem Frieden 
Deiner Zukunft, bei dem Herzen, 
Draus du ſproßteſt, bei den Schmerzen 
Jener, welche dich gebar; 

Ich beſchwore dich und bitte: 
Bleib getreu der ſchoͤnern Sitte! 
D mein Erkling, o mein Lichling,. 
Bleibe ſchuldlos, gut und wahr! 


% — — — 


Abends unter ber Linde 





Wober, o namenloſes Sehnen, 
Das den beflemmten Bufen preßt? 
Woher, ihr bitterfügen Thränen, 
Die ihr das Yuge daͤmmernd naͤßt? 
O Abendroih, o Mondenblig, 
Flimmt blaffer um den Lindenfigt - 








Es fäufelt in dem Laub der Linder 


Es flliſtert im Akazienſtrauch. 

Mir ſchmeichelt ſuͤß, mir ſchmeichelt linde 
Des grauen Abends lauer Hauch. 

Es fpricht um mich wie Geiftergruß; 

Es weht mich an wie Engelfuß. 


— 15 — 
Es glänzt, es glänzt im Nachtgefilde. 
Der Linde graue Scheitel bebt. 
Berklärte, bimmlifche Gebilde, 
Seyd ihr es, die ihr mich umfchweht? 
Ich fühle entves Athems Ruß, 
O Juliet o Emiliust. 


Bleibt, Sel’ge, bleibt in eurem Ehen! 
Des Lebens Hauch blaͤſt ſchwer und ſchwuͤl 
Durch Aumme, leichenvolle Deben. 

Bei euch nur walten dämmernd Kuͤhl 
Und tiefe Ruh. Drum fahret wohl! 
Gür heut und morgen fahret wohl! 


- 


Regie Ehren 





Sasne Blume, mit Blumen beftew ich der 
bräutliches Bette. - 
Siehe, fie laͤcheln fo lieb; aber ich opfte 
ſie dir! 
Blümchen, ihr iammert mich nicht! Es. weite die 
ſcchoͤnere Schweſter; 
Neben dem edleren Staub möge: ber mindre 
| verwehn! 


-. 


® — 000 eu 








Klage um Gottfried Gering *). 





Linie Liebling iſt gegangen! 
Sagt, wo unſer Liebling blieb! 
Sagt, wohin ihn fein Verlangen, 
Seines Herzens Schnfucht trieb ? 


Shift’ ee in des Saͤdlands Auen? 
309 er in den heifgen DR? 
Laß dich finden, Ing dich ſchauen, 
Unfrer Augen Luft und Troſt! 


Ach, es fleht zum blauen Bogen 
Unſer Klaglied unerhoͤrt! 
unſer Liebling iſt gezogen 

In das Land, draus niemand kehrt. 


Tadellos von Leib und Seele,ſtarb er, ſeche zehn 
Jahre alt, im Januar 1814. 


% 
- 


— 238 — 
Frub IR er gegangen, frühe. 
Da die Euft noch kuͤhl und Teicht; 
Da ned) nicht die Echwül’ und Mähe 
- Seiner Locken Gold gebleicht. 


Ehe noch der Jahrszeit Strenge 
Ihm den fchlanfen Halm geknickt, 
War er aus der Ded und Enge | 
In die heile Gern’ entruͤckt. 


Schöner Fluͤchtling, wie fo eilig 
Biſt dus unferm Arm entflohn! 
Lockte dich das, Dreimal Heilig 
Um des. Dreimal Einen Thron, 


Winkten dir die blanfen Sterne - 
In ihr funkelnd Lufſtrevier? 
Aeugelten aus blauer Ferne | 
Greuudliche Geflalten bir? 


Schalt aus den azurnen Weiten 
Die der Mutter Schmeichelton? . 
Sabſt du fie die Arme breiten: 





„Komm, mein Trauter! komm, o Cohn!” 


x 


und, o Luft du bifl gefonmien 
And, o Schmerz! du bit nicht hie! 
Du wohnſt droben bei der Frommen; 
Wir, wir Aermſten bleiben hie; 


Bleiben hie, um dich zu weinen; 
Mahlen ung dein liebes Bild; 
Sebn dich oft im Traum’ erſcheinen/ 
Engelhold und engelmild. | 


Doch, fo Bild als Traum zerſchwindet, 
Und das wunde Auge wacht, 
Von der Thränen Salz erblindet. . . 
Gute Nacht dann! gute Nacht! 


Schlaf in deiner dunkeln Kammer, 
Trauter Schlaͤfer, ſchlafe wohl! 
Raſte, bis des Lebens Jammer 
Nimmer dich erreichen ſoll. 


Bis der Tage Tag ſich rothet, 
Schlummr' in deiner Väter Gruft; 
Bis das ew'ge Fruͤhroih fidtet; 

Bis, der für dich ſtarb, die ruft! 





— MM — 
Der den Zangling Nain's weckte, 
Der Jairus Tochter rief, 
Der die Hand erbarmend ſtreckte 
Zu dem Greund ‚ der ibm entſchlief; 


Der dem Tob bie Macht genommen, 
Der das Leben wiederbracht, 
Jeſus Chriſtus, traum! wird Fommen! 
Du entſteigſt dem dunkeln Schacht, 


Prangſt wie ſonſt im Chor der Brüder, 
Schreiteft fattlich durch die Reh. . - 
Fluͤchtling, haben wir dich wieder? 
Du bift unſer! Wir find dein! 


- 0 vereint num, feſt verbunden, 
Sinken wir an Jeſu Sa 
Und es fehliegen fich die Wunden, 
und es heilt des Scheidens Schmerz. 


= 


{ 











J 
⸗ . 
- 
' 


| Erinnerungen. 
Anf dem Gipfel des Rugard. 
. ‚1802. 


— 





Einmal noch, Berg der Berge, 
Erſteig' ich deinen Hort. 
Die Kebla ſucht der Beter; 
Die Nadel ſucht den Nord; | 
Es fucht, wen Sturm und Woge - 
Das Schiff zerbrach, det Strand, 
Wo er das Ziel der Muͤhen 
Nach Iangem Irrſal fand. 


Schon liegt ſchoͤn hingegoſſen 
um mich das traute Land, 
Wo ich das Ziel der Mühen 
Nach langem Irrſal fand: 
XI. Band, oo [16] 


| — 242 — 
Mein Tinian, mein Jona, 
Stets ſey der Bott dir hold! 
ind flets von deinem Dichter 
‚Dir Lich’ und Lied gezollt! 


Sieh da, im Kran; der Hügel, 
Getaucht in Abendgluth, 
Des Rugard ſtille Tochter, 

Die Stadt fo lieb und gut! 
Es bleicht ſich mir die Locke; 
Schon matter ſchlaͤgt das Herz; 
Doch ewig weckt dein Anblick, 
- D Stadt, mir Luft und Schmerz. 


Erkenn' ich euch, ihr Waͤlder, 

Wo ich im Mondenblitz 

und Sterngedaͤmmer ſchwaͤrmte, 

Ihr Wälder Boldewiz? 

Wie oft bat eure Schatten. 
Die Muſe mir verklart, 

und mich in ernſten Nächten 
Manch hohes Lied gelehrt! 


— 


⸗⸗⸗ 








— 43 —, 
Seb' ich nicht fern in Süden 
Der Graniz Berge blawn? 
In jener Berge Schränden, 
In jener Waldnacht Graun, 
Im Rund der Huͤnenmaale, 
Wo Hirſch und Hindian huͤpft, 
Da ſind dem Lebenstrunknen 
Der Monden viel entſchlapft. 


Wo glaͤnzen deine Wellen, 

Friedſel'ger Karow See; 
Ars deſſen Salmusnfern 
Sch finnend wandelte; . . 

Wo ich der Hellas Weifen, 
._ Und Kona’s Barden las; 
. Und, Inufchend ihrem Liede, 
Bon jedem Harm genas. 


Wo fänfeln deine Pappeln, 
Harmloſes Casnewiz. 

In deſſen ſtillen Gründen, 
Der Unſchuld liebem Sitz, 


— 244 _ 
Ein blodes Maͤgdlein ſproßte, 
Das ſchuͤchtern mich umſchlang, 
Bereit mir zu verfchinern. - 
Den rauhen Lebensgang! 


Was iſts, das fern im Ofen. . 
Den Kamm fo trotzig hebt?. 
Es lockt umd veist und ſchrecket. 
Der Wanderer naht und bebt. 
Ja Jasmund, deine Wunder, 
Dein Hain, dein See, bein Herd, 
Dein bhohes Stubbenfammer 
Sind unſers Preiſes werth. 


Doch würdig gleicher Preiſe 
Iſt traun! dein Schweſterland, 
Wo ich das Ziel der Muͤhen 
Nach langem Irrſal fand; 
Land, das mit ſtillem Zauber 
Den Sturm der Bruſt beſchwoͤrt, 
Hab' ihn der Neid des Schickſals, 
Der Menſchen Tuͤck emport: 


an} 





— 24 — 


Sey mir gegruͤßt im Liede, 
Vertraulich Uferland! 
Geheime Kräfte walten 
An deinem dden Strand. 
In deinen Mferfchränden 
Wohnt namenlofe Rub; 
Hund Stein und Stand’ und Welle 
Spricht ung vertraulich iu. 


Dort, wo umfchäumt Arkona 
Die Bruſt den Wogen beut, 
Schaut glangberaufcht das Auge 
In die Unendlichkeit. 
Es ſpaͤht in Oſt und Weſten, 
In Sad und Nord der Blich, 
uUnd ſpaͤht umſonſt. Nicht. drauhen, 
Nur drinnen wohnt das Gluͤc. 


Dort, wo am flachern Strande 
Die Welle ſterbend aͤchzt, 
gufiwandelt, die ich meine, - ' 
Und ſtaunt, und finnt, und lechzt. 





1 — 
Kuͤhlt, Wehe, the Die Wange. 
Mit leiſem Geiſterkuß. 
Rauſcht raſcher, rege Wellen; 
Bringt ihr des Freundes Gruß! 


Dort, wo aus Espenwipfeln 
Begeiſtrung niederbrauft, 
Wo guͤldne Traͤume gaukeln, 
und ſuͤße Schwermuth hauſt; 
Dort Ab’ ich ſchoͤne Pflichten, 
Und pfleg’' erwünfchter Ruh; 
Dort ſchließt mie eink bie Wimper 
Der Horen fhönfte iu. . . 


u Doch ficht der Tag tfi nieden. 
Die Sonne ſank ing Meer. 
Mattdämmernd fichn die Kernen; 

Die Luft haucht feucht und ſchwer. 
Zerrißne Wolken truͤbenn 
Des Himmelsbogens Blau; 
Und Luft und Land und Waſſer 
Huͤllt Ein farbloſes Gran. 








\ 


2247 — 
O Inſel meiner Liebe, 
Erwuͤnſchtes Ziel der Mühn, 
"Mein Tinten, mein Zora, 
Mogſt du gedeibn und bluͤhn! 
Moͤgſt du am Tag der Tage 
Wie Gold im Dfen gläße, 
und in verfüngter Shine - 
Aus Schlau und Aſch erblähn! 


ba 2 





Atlantis. 


— — — 


Anfe ber uranenen, 
| Wo in Thetis blauem Schooß 
Die Heroen ſelig wohnen, 
Harmlos, muͤblos, wandellos; 
Heimath unbeſcholtner Liebe; 
Freiſtatt, die kein Zwiß entweiht; 
Wo ſich nimmer mit dem Triebe 
Stdrrig das Geſetz entzweit; 
Wo ſich ſchließen ale Wunden, 
Jede Queiſchung ſich vernarbt; 
Hab' ich Inſel dich gefunden, 
Wo nicht Sinn noch Seele dacht? 





(219 — 

Welche Kühle, welche Friſcht 
In der balfamreichen Luft! 
Welches Säufeln im Gebuͤſche! 
Welches Hauchen! welch ein Duft! 
Murmelnd durch beblümte Matten, 
Schlängelt fi des Bachs Kryſtall; 
Rings erflingt aus grünen Schatten 
Wachtelfchlag und Drofieifchal: 


Wahrlich, diefes Aethers Schimmer 


Woͤlkte nie des Nebels Grau. 
Nimmer truͤbten Stürme, nimmer | 
Diefer Fluten fpiegelnd Blau. 


Schmeicheläfte, lau und linde, 
Lullen Sinn und Seeb in Raſt; 
And dem Aug entrollt die Binde, 
und vom Nacken ſinkt die Laſt., 

In dem reinen Elemente 

Wolbet mächt’ger ſich die Bruß. 
Aus dent labenden Nepenthe 
Schluͤrft der Geiſt Damonenluf. 





— 250. — 
Jedes Kummers wird vergeflen; 
Jeder Sorge Dunſt verfliegt: 


Ale Schranke ward durchmeſſen, 
Und das. Kleinod If erſiegt. 


SOSdlher ſchlagt das Herz umd freier, 
Ver den ſchwulen Kampf beſtand. 
Wahrheit luͤpft den Wolkenſchleier; 
Schönbeit IR ihr Duftgewand. 
Jedes Dunkel if gelichtet, 
Bar zerflattert Trug und Wahr. 
Jede Zwictracht ward gefchlichtet, - 
Jeder Hader abgethan. 
In den Zrobfinn leichter Tugend 
‚Klinge nicht miß des Alters Harm; 
ind der Wolluſt finft Die Tugend 
Traulich in den Schweſterarm. 


- Traun! der Schoͤnheit Heiligthume 
Naht Fein Feind des Erebus; J 
Des Genuſſes zarte Blume 
Knickt nicht bier- der Neberdruß ;. 





— 31 — 
Nie wird Wehmuth bier zur Schwermutb, - - 
Das Entzüden nie zur Dein; 
Nie verfälfcht der Reue Wermuth 
Unfrer Freuden edlen Wein. 
Nein, die Frucht der Hesperiden 
Hütet hier kein Hoͤllenhund; 
Und die furchtbarn Eumeniden 
Scheuen den geweibten Grund, 

Inſel der Uranionen, 

Wo in Thetis ſel'gem Schooß 
Die Heroen ewig wohnen 
Harmlos, muͤhlos, wandellos; 
Heimath unbeſcholtner Triebe, 
Zarter Sehnſucht Zufluchtort, 
Freiſtatt achterklaͤrter Liche, 
Suͤßer Ruhe ſichrer Port; 
Inſel, die kein Hannon kannte, 
Kein Nearchos uns genannt, 
Gottgeliebte Ntalante, 
Selig, wer dich ahnt’ und fand! 


einen 





Der Schwan. 
Eee inGef id et 
Epitog 





Ga ging dev Marne fchönbeblümten Strand 
Entlang. Wie dufter es! Wie funfelte 
Das blumige Geſtad' im fanften Strahl 
‚Der Abendfonne! Rechts befchattet ihn 
Der ſtimmenvolle Hain; ihn fdumte links 
Dos Gold des Wesens. Droben wölbte ſich, 
Kein ausgeheitert durch des Eurus Hand), 
Der einge Himmel, fpiegelte fich treu _ 

Mit jedem Purpurwolkchen, das empor 

Aus Weſten flattert’, in der reinen Flut. 

So fpiegelt Bott der Herr fich ſelbſt mit Luſ 








233 — 


In einer Menfchenfeele, die noch rein, 
Noch fonder Falſch und gut und veblich if. 


3 lagerte mich an des Fluſſes Saum, 
Bon Kalmus rings umdufte. Gottes Hauch 
Umfaufe mich. Da ruder® aus dem Schilf 
Langſam, mit Anftand, Adel, Maichät, 
Doch alles Daͤnkels, alles Hochmuths bar, 
Hervor ein koͤniglicher Schwan. Er war 
Weiß angethan, fo blendend weiß, als ſey 
Sein glängendes Geſteder aus dem Schaum 
Des Meers geblafen. Einſam rudert er 
Und ernſt daher; fein melancholifch Haupt 
Hinabgeſenkt auf feine Bruſt. So fand 
Ich Agnes einſt, das Auge thraͤnenvoll, 

Den Schwanenhals auf ihre Schwanenbrufi 
Von füßer Sorge Laft hinabgeneigt. 


Ich Ing und Iaufchte. Stille war umber; 
Die Sonne fanf; die Lerche ſenkte fich 
Tieffeeifend auf ihr Neſt im Weizenſchlag; 
Und Gottes Odem hauchte leiſer. Horch! 


—X 





_ 514 — 


Da weht es, füß, wie Liebesliſpel wehn, 

und feciefchmelsend, wie ein Gterbelich, u 
Das Heil'ge fingen, über Strom und Flur. | 
Ich fimelz in füße Wehmuth. Zwar vernahm 
Sch nicht des Licdes Worte; dach fein Klang 
Durch ſchuͤtterte mid, mächtig, wiegte mich 
In abnungvolle Träumeret Ich fah, | 
Ich hörte Mütter, die, dem Grabe nah, 

Die Kinder ihres Herzens fegueten, 

- nd Jungfrau'n, die zu ewger Reinigkeit 
Sich Gott gelokten; Bräur und Zünglin, 
Die Lipp’ auf Lippen ihren Lebensgeift 

Tas UN der Lich aucbauchten ſehuſuchtvel 
So Kuht es mir; fo Flang dem Staunenden 
Des Schwanes melancholiſcher Gefang. 


nd Hiller ward der Stauner, Laufchelt, 
und wagte kaum zu athmen; Ihm verdrog. 
Des Licdes ſchwaͤchſten Laut zu miffen. Schau! 
- Da flieg ein Schwarm von Geiern, Kranichen, 
Bon Störchen, Naben, Kibib, und was ſonß 
Unreinen Viehs im blauen Aether ſchwimmt, 


Lautfreifchend in die Luft. Den klaren Tag 

Verdunfelte der Schwarm; des Schwarms Ge— 
. Freifch, 

Sein Rufen, Kraͤchzen, Klappern, überfchrie 

Des ſchonen Sängers ſchmelzenden Geſang. 


Und ich ergrimmt im Geiſt; unmuthig 
ſchwoll 

Das Herz im Buſen mir, daß ungeſtraft 
Der dummen Klaffer freches Hohngeſchrei 
Das heil'ge Lied verſchrie; daß dem Gezuͤcht 
Der geiſtigen Eunuchen, die, entmannt 
In Mutterleibe ſchon, dem Genius, 
Des Genius gbottlichſten Ausblitzungen 
Haß und Verfolgung ſchwuren, daß der Brut 
She. altarihändend, goitverlängnend · Thun 
Auch auf Momente nur frommt’ und gedich. 
Ich irrt? entlang den blumenvollen Strand, 
Ertrat Violen und Vergigmeinnicht, - 
Entrauft? erzürnt dem wilden Roſenſtrauch 
Sein grünes Haar und firent es in den Wind. 


x 


— 


— 236 — 


Nicht ſo der Schwan. Er ſchwieg und fuhr ben 
Strom j 
Hinunter in des Selbſtbewußtſeyns Ruh. 
Sein Schneegeficher alänzte durch die Nacht 
Der Frevler rings um ihn, wie durch die Welt 
‚Von Bosheit eine gute Seele glänst. 


. 


- Des grollten ärger. noch die Frevelnden, 
und neue Bosheit keimt und wuchs und reift‘ 
Sm Hut in ihrer neidgefchwellten Brufl. 

Sie brauften Rürmifch-gum verwandten Koth, 
Sie tauchten unter in den zaͤhen Schlamm, 
Belaſteten Schweif, Schnabel, Schwing’ und 
Kral’ 
Mit ekelhafter Beute, rauſchten ſchwer 
Beladen auf, umfürmten links und rechts 
Den filberweißen Schwan, und ſchuͤttelten 
und klatſchten wuͤſen Schmuz (wie ans der Eſ 
Ein ſchwarzer Brodem wirbelnd rings die Luft 
Verdunkelt) nieder auf, den reinen Schwan. 
Da willte fich fein: blendendes Gewand. 


v 





‘ . 
Die Lilienweiße der gewoͤlbten Bruſt, 
Der klare Spiegel feiner Schwingen ward 
Entſtaltet, wie durch Tu? ein schön. Geſicht, 
Entadelt, wie ein Herz durch Bosheit wird. 


und heißer noch ergrimmt' ich, tiefer nach 
Gekraͤnkt, daß ſo veraͤchtliches Gejuͤcht, 
Zufrieden nicht, des Saͤngers hohes Lied 
Ruchlos verhoͤhnt zu haben, frecher itzt, 
Auch ſeinen Leumund, ſeiner Sitten Zucht, 
Den lautern Sinn, das tadelloſe Thun, 
Des Geiſtes Einfalt und Rechtſchaffenbeit, — 
Dreiſt gu begeifern keinen Anſtand nahm. 
Entrüflet wandelt’ Ich den Strand entlang: 
Ich ſchauen auf zum ameibyinen Dom, 
Ich nahm zum Zeugen folder Hngebübe 
Thon, der das heil’ge Lied dem Menfchen gab 
Zu Trofi in feinen Mühen, ihn, der ſelbſt 
Nein, ſchuldlos, malelbar, des Meinen nur 
Eich annimmt, abhold allem Trug und Schmuſ 
Es fehlte wenig und ich forderte 
Heraus den Gott im rohen Ungeſtuͤm, 
XI. Bandı [17] 


En ae 557— —57 


on — 5 — 
Zurdd zu ſchleudern die verruchte Brut 
In the Geklauft, gu rein'gen Licht und Luft 
Von ihrer Gegenwart Vorwurf und Qual. 


Nicht ſo der Saman. Ei —* Ari 
fon 

. Hinunter in die Flut, berzog in the 

Bon Athemzug zu Athemzug, und. ſteb! 

Nur ſchimmernder, nid heller noch denn vor 

Entſtieg er dem Gewaſſer. Weggeſpaͤblt 

War jeder 'Mafel, jedes Schmutzes Ar. 

Die dummen Neibet fahr ihn, rauſchten auf 

In ihrer Ohnmacht knirſchendem "Gefühl, 

Und Hohn zum Aaſ' im naͤchſten The ziräd. 

Der Vogel Gottes aber ſchwanm getroſt 

Ernſt, würdig, maichättfäh; auandocog, | 

Doch alles Duͤnkels, aller Hoffart bar 

Hinab die blauen Fluten. Angeweht 

Von Gottes Hauch, vom letzten rethen Strahl 

Des Tags umgoldet; subert er den Stream 

Einfom hinab. Sein melaucholuſch Lieb 


x 





— 2509 — 


Durchwallte ferrlicher den dunkeln Gar, 
Und ſtillte fiegend mein emphrtes Herz 


Erweicht, beſchaͤmt, geneſen jeder Qual, 
Stand ich erroͤthend, wie der ferne Weſt, 
Und thraͤnend wie zunachſt ber Roſenbuſch 
Im Abendchau. Unßerblicher Geſaug! 

Rief ich begeiſtert ans, pe dämpfen. dich, 
Wie zu vermalligen des Sängers Ruf, 
Verſucht umſonſt der Neider dumme Wuth, 
Umſonſt des Sykophanten Hphngefced. 

Sein Grimm verſchnaubt und ihr Geſchrei er⸗ 
ſtunimt — 
Du aber, heileges Lied, dus Gottes vol, 
Tönf nieder zu Dem Emfehn, wäpeh, enzichh, 
Und nennſt des Sängers Namen, der vorlaͤngſt 
Verſchwunden, der gerechtern Afterwelt. 


O ſuͤße Gabel rief ich inbrunſtvoll 
und ſehnſuchtvoll, des Liedes Gabe ſey 
Gewaͤhrt mir fuͤr das Leben! Oefter noch 
Heb' aus der Wirklichkeit befchränftem Kreis, 


— 260 — 


He aber alles, was den Sinn vertdirrt 
und ängfiget der Geiſt, den Strebenden 
Hinuͤber in der Dichtung guͤldnes Land, 
Das Land der Zabel und des Ideals 
O ſoße Sabe! rief ich, tiefer noch 
Erſchuͤttert. Ruhig ſank ind. graßscaugt 
Die Sonne nieder. Feiernd lag umher 
Der Wald, die Flur, der Strand. Der hie 
Fluß FE 
Glitt purpurfarbig zwiſchen Blumen hin. 
Srob der Erſcheinungen, von Licht und Glanz 
Durchſtrablt mein Innerſtes, Teif angehaucht 
Von ungeborner Rieder Indem Wehe, 
Schied ich erweicht von dannen und exſtarkt. 


Berlin, gedruckt bei G. Hayn. 
— ——— — — — —— 


“+ - 








Dichtungen 


Zudwig Gotthard Kosegarten. 


—4 





Zwoͤlfter Band. 


1 


NENNEN ENT U NN N NE 7 a 
- Kosegartens Leben. 


XXXXXX 





ARAA 
‘ 


Sünfte Ausgabe | 
— — ——— — — 
Glreifswald. | 
In der Nniverfirtäts- Buchhandlung. 
\ 1827. 


N 


Anhaltsvergeichniß. 


Seite 
Erſter Abſchnitt. 
Aufenthalt im vaterlichen Haufe, 1758 bis 1778 8 
Zweiter Abſchnitt. 
Aufenthalt zu Greifswald, 1775 bis 1777. ... 31 
Dritter Abfchnitt. 


Hauslehrerjahre, 1777 bis 176....... 51 
Vierter Abſchnitt. 
Schulamt zu Wolgaſt. 1785 bis 1792 ..... 81 


Fuͤnfter Abſchnitt. 
Pfarramt zu Altenkirchen, 1792 bis 1808. . . . ı 123 
Sechster Abfchnitt. 


nei Amt zu Greifswald, 1808 bie 
1818, 








— — — — — 


—F 


Vorwort. 


Ja babe in dieſen Nachrichten von dem Leben 
meines Vaters nur einfach und genau zu erzählen, das 
urtheilen aber moͤglichſt zu vermeiden gefucht, theils 
deswegen, weil ich glaube, daß eine treue Erzaͤb⸗ 
lung dem aufmerkfamen Leſer auch ſchon das Metheit 
giebt, theils weil das Urtheil des Sohnes Aber den 
Vater Leicht befangen erfcheint. Die Quellen, aus 
welchen ich bie Nachrichten geſchopft, find, für die 
frübefte Zeit, ein von mir erbetener Aufſah des Als 
teren rechten Bruders meines Vaters, des nunmehr 
auch verfiorbenen Yaflors Johann Kofegarten zu 
Altegamme in den Vierlanden, und-bauptfächlich 
die Tagebücher, welche mein Water in feinen Juͤng⸗ 
Iingsiahren geführt bat, ferner Briefe, welche er 
an feine Freunde gefchrieben, feine gedruckten 
Werke, und einige handfchriftiich von ihm hinter⸗ 





z — IV — ’ 


laſſene Auffäge, endlich das, was ich aus feinem 
- Munde, und. was id) aus eigener Erfahrung von 
feinem Leben weiß. ch babe Bfter Stellen aus ſei⸗ 
nen Gedichten und anderen Schriften eingefchalte, 
weil es mir fchien, daß aus diefen feine Denkunge 
weiſe in den verfchiedenen Verhaͤltniſſen feines Le⸗ 
dens am deutlichfien erfannt werden koͤnnte. Ueber 
das Reben meines Vaters hat’ der Profeſſor Kann⸗ 
gießer zu Greifswald im Jahre 1819 einen kleinen 
Aufſatz drucken laſſen unter der ueberſchrift: Zum 
Andenken an Ludwig Gotthard Koſegarten. Cine 
anderen ähnlichen Aufſatz bat der Paſtor Meinhold 
zu Coſerow in Pommern, tim Tabre 1821 in den 
pommerfchen Provinztalblättern befannt gemacht. 
Dieſe beiden Fleinen Schriften enthalten einige un⸗ 
sichtige Angaben, welche theils die Familie meins 
VBaters, theils feine ſpaͤteren Lebensberhaͤltniſſe ber 
- treffen, und ohne Zweifel durch einen Mangel hin 
laͤnglicher Quellen veranlaßt worden find. Ich babe 
es nicht für nothig gehalten, die einzelnen dieſer An⸗ 
gaben bier zu berichtigen, und bemerke daher nur 
im Allgemeinen, daß das, was uͤber diefe Punkte 
bier von mir gefagt worden if, für das Glaubwuͤr⸗ 
Digere gehalten werden barfı Greifswald den 23. 
Julius 1826. 
Job. Gottfr. Ludw. Koſegarten 





Erster Abschnitt. 
Aufenthalt im väterlichen Haufe 


1758 bis 1775. 


[2 
XXXXXXXXMMMO 


XI vand. [1] 














uymr rd Ludwig Kofegarten war ber 
dritte Sohn Bernhard Chriftian Kofegar- 
ten's, erfien. Brebigers und Praͤpoſitus gu Gre⸗ 
vesmülen, einer Tleinen Stadt Mecklenburgs, wel⸗ 
the zwifchen Wismar und Luͤbeck Iieat. Bernhard 
Chritian Koſegarten, ein Mann von heftigem und 
entſchloſſenem Ehbarakter, winjiger Gahn dis Kaufe 
mannes Adam Kofegarten su Datchim in Meck⸗ 
lenburg, geboren 1722, ward von Kindheit an zum 
Studium der Theoldgie beſtimmt, und geneß eine 
ernſte und ſtrenge Erzichung. Er ſtudierte 1739 zu 
Noſtock unter Meine, Burgmann und Joachim 
Hartmann, welcher letzterer feiner Mutter Bruder 
war, und 1745 zu Halle unter Baumgarten und 
Knapp. Im Jahr 1750 ward er dem Pafßor Butt⸗ 
ſiadt, zweitem VPrediger zu Brenesnnäien, abiungiet 








und heiratete beiten Tochter Johanna Sopbia, 
ein Mädchen von ausgezeichneten Gigenfchaften. 
Der damalige Präpofitus zu Grevesmälen, Schu⸗ 
fier, bewies feinem jungen Amtsgenoſſen Kofegar- 
ten Feine Breundfchaft, fondern bereitete Ihm man⸗ 
che Unannehmlichkeiten. Aus Kofegarten’s erfer 
Ehe wurden: fichen Kinder geboren; das erhe war 


Johann, welcher Prediger zu Altegamme bei Ham⸗ 


burg warb; das zweite, Auguf, welcher, nachdem 
er zu Petersburg einer Apotheke vorgeſtanden, alt 
praktiſcher Arzt zu Roſtock lebte; das dritte, St 
phie, welche an den Doktor Neinecke zu Greves⸗ 
malen verbelrathet ward; das vierte, cine Techtet, 
weiche fruͤh Mach; das fünfte, Gotthard Ludrig 
dev Dichter; das fochste umd flebente, Joſua umd 
Bernhard, welche nach Nußland gingen. Dieſe 
find bereits alle geſtorben. Bernbard Chriflian 


Koſegarten verlor 1762 feine erſte Gattinn, und 


verheirathete ſich bald Darauf wieder mit Kane 


Chriſtina Stiegehaus, der einzigen Tochter des 
Hofrath Stiegehaus zu Schwerin. Im Jabre 1767 
ward Koſegarten Praͤpoſuus der Grevesmuͤlenſchen 











Dibeefe, und biektals folcher die Synodalverſamm⸗ 
Immgen. feines Spreugels, weiches ihn in eine neue 
Thugkeit brachte. Sehne theologiſchen Studien 
ſehte er mit großer Vorliebe ununterbrochen fort, 
und. gab einige Schriften Aber Suͤnde, Buße md 
Abendmal heraus. Er war ein ernfllicher Freund 
der Froͤmmigkeit, und aufrichtiger Verehrer bes 
Lehre ein, aber dabet, fo wie fein Oheim Joachim 
Hartmann. zu Moſtock, ein erklaͤrter Gegner der 
ſalſchen Pietiſten, welche ſeit 1774 unter Herzeg 
Friehrich in Mecklenburg großen Einfluß erlaug⸗ 
ten. Kofegarten predigte ruͤckhaltlos und beftig . 
gegen fie, weil durch erheuchelte Froͤmmigkeit viele 
Unmärbige die Beſſeren von ihren Stelle verdraͤng⸗ 
tm. Dadurch zog er fich vom Selten jener Par 
tel, welche ihn bald der Keberei, bald anderer . 
Vergehungen beſchuldigte, Iange mähuende Befein- ⸗· 
dungen und angenehme Verhandlungen mit ber 
Regierung und dem Conſiſtorium zu. Seit dem 
Jahre 1785 erhielt er, da nach Herzog Friedrichs 
Tode die falſchen Pietifien ihr Anſehn verloren, : 
von außen mehr Ruhe. Aus der zweiten Ehe wur⸗ 


— 6 — 


dem ihm ſeche Kinder geboren; das⸗ebſte war Led⸗ 
tale: welcher Jura Kudierte; das zIwelte Chrifkien, 
anfäange Theoluge, dernach Advokat zu Hamburg. 
Der drine Sohn, Friedtich Frauz, ſtuvierte Thes⸗ 
logie, und lebt in Ruftand. Eine Tochter, Louiſc, 
lebt in Braunſchwrig. Die beiden fuͤngſten ver⸗ 
ſtatben ſeuͤhe. Im Jahr 1797 verlor Koſegarten 
ſeine zweite Gattiun; er verheirathete ſich darauf 
.noch zweimal wieder, ans welchen beiden lehten 
Eben keine Kinder geboren wurden. (Er felerte 
fein Amtoſubildum 1800, und ſtarb in dohem Alter 
Bernbard Eriflan Koſegarten ſetzte im Fahre 
1794 die Geſchichte feines Lebens Auf. Ein Ink 
zug aus Ihr if in der Beſchreibung ſeiuer Amts— 
- jubelfeter, Wismar 1808, mitgetbellt. Er ſchließt 
darin mit folgenden Worten: „Schwächen und Seh: 
ler haften jedem Sterblichen an. Wir fehlen alle 
mannigfaltig. Welt entfernt alfo, daß ich nicht 
demütbig belennen ſollte: auch Ich habe vielfditig 
gefehlt, auch ich dedaef der Reinlgung vor dem 
Herrn burch Jeſuni Chriſtum, deſſen ich mich ge⸗ 








— 7 — 


trite. Dein Temperament hat mich gewiß Bfters 
irre geführt, und ich will nicht. in Abrede fegn, 
daß manche meiner Leiden durch mich felbh ent» 
Anden find. Uber. ich bin auch uͤberzeugt — und 
chen dies giebt meinem Herzen Mube, und läßt 
mid froh zu meinem Heilande aufblicken — daß. 
ih mein Amt tres, und nach befiem Wiſſen und 
Gewiſſen verwaltet habe. Stets ii mir das Wohl 
meiner Gemeine heilig geweſen. Um ſie zu er⸗ 
bau, um fie zur wahren Tugend und Gottfelig- 
Teit, und durch Diefelben. zur wahren, dauerhaften 
Glädfeligteit gu eniehen, babe Ich mir Keine Zeit, 
teine Mühe verdriehen laſſen. Taͤglich babe ich 
einige Stunden dem Studio der Wibel im Grunud⸗ 
‚tert gemibmet, um hefien wahren Stun zu erfor- 
ſchen, und elgewtlich darauf gedacht, wie ber ge⸗ 
ſammelte Stoff au. meinen Vorträgen recht prak⸗ 
A veracheitet werden mochte. Vorſatlich IR nie 
meine Willens eine: Amtspflicht von mir verſaͤumt 
werden; und was in. meinen Kräften geflanden, 
um meinen Isidenden Nachſten durch Wert, Rath 
und That anfpapelsen, glaube Ich zu scher Zeit obur 


‘ 


Mockſtcht anf Wertheite noch Anſehn der Yerfen 
geleifiet zu Gaben. Jungſt 1991 begehrte em er⸗ 
wachſene Juͤdinn, zum Chriſtenthum überjugche. 


Ich habe fie dazu vorbereitet, und wenn ihr Fünf 


tiger Wandel nicht chriſtlich ſeyn follte, fo Mi 


mein Gewiſſen mich darob nicht anklagen. Fir 


meine Gonfiemanden babe Ich ebenfalls nach belen 
Kräften geſorgt durch: die Stuͤcke der Buße, un: 
das: heilige Abendmal nach 1. Corinth. 11; welche 


Aufſahe 17382 und 1783 yon mir Im Druck erſchie⸗ 


nen, und ſeit der Zeit mit meinen Confirmanden 
getrieben find. Nun wäre noch über mein Leben 


in litteraͤriſcher Hinſicht einiges zu fagen; mie 


namlich Gott und. deſſen Wort mein Liebkingsfn- 
dium ausmachen; wie Ich meine Zeit ammende; mie 
ich die alten Theologen ſchaͤte, und die manern 
nicht ungepräft laffes wie ich Kant, deſſen Sqheiſ⸗ 
ten ich erſt kuͤrzlich udirt babe, als Denler ver⸗ 
ehre, ſeine Terminologie aber haſſe, und gegen ſein 


Buch:? Religion innerhelb der Grinsen: der Ver⸗ 


nunft, ſehr vieles in einer eigenen Proteſtatien er⸗ 
oͤrtert habe; wie bie exegetiſchen und dogmatiſchen 





> 9 — 


Kuͤnfteleden ber neueſten Zeit mich oftmals verſtim⸗ | 
men, weil die Vernunft in cin laͤcherliches Extrem 
ſich verirrt. Allein der Raum verſtattet es nicht. — 
Mine Freunde, meine Ingendgenoſſen find groͤß⸗ 
ten Theils ins boͤhere Vaterland zuruͤckgekehrt; wann 
auch meine Urne geſetzt werden wird, weiß nur 
allein der Here. Ich hatre feines Rufes; und 
mann langft meine Aſche zerſtoben if, wird mir 
36 Zeugniß eines treuen Hirten bleiben. Dies 
Bewußtſeyn dient meinem Gewiſſen zum Ruhe⸗ 
liſen, und giebt mie Muth, ruhig der Berwand⸗ 
lungsſtunde entgegen zu ſehen.“ 

Gotthard Ludwig Koſegarten warb am erſten 
Februar 1756 zu Grevesmuͤlen geboren, und verlor 
als vierjaͤhriger Kaahe am 15ten Mat 1762 feine 

' Mutter, deten Tichensmürbiges Bild in dee Stunde 
des Abſchiedes ſich ihm lebbaft einprägte. Ihrem 
Andenken weihte: ee als Jangliug mebrern Gedichte, 
wie das in den Melancholien, ©. 111, abgebradte: 

Wende deinen Blick, verklärte Seele 
und das Gedicht: Hnfre Ina; Dichtungen 
Bd. 6. S. i180b6. | | 





4 


— 10 — 
Es ſchläft im Schooß der Erbe bie Freundliche, 
Dis mich gebar, und Tängte und auferog, 
und das dann folgende Gedicht, ©. 154. Aber 
auch die zweite Mutter, welche ex erhielt, ſorgte 


| liebreich für die verwaiſeten Kinder. Gotthard 


Ludwig war in den erfien Jahren feines Lebens 
ſehr HIN und verſchloſſen, und die ihn umgaben 
glaubten nicht, daß vorzuͤgliche Fabigkelten in ihm 
ſchlummerten. Seit dem eilften Jahre aber fig 
er an fich auszuzeichnen, und befondre Geifiesträfte 


gi zeigen, theils durch unermädlichen Fleiß und 


ungewodͤhnliche Fortſchritte im Lernen, theils durch 


feine Neigung zur Dichtkunſt 


Zu dem Fleiße In den Studien hatte er ci 
Vorbild an feinem Water, weicher ein gelehrier 
Mann war, und auch in. dem praktiſchen Amte die 
Worliche für die Gelehrſamkeit behielt. Er. U 
feine Sohne durch Hauslehrer unterrichten, unter 
welchen ſich z. B. Die Candidaten Nonn und Bl 
menthal befanden, weil in ber Grevesmalenſchen 


Siadtſchule, welcher damals der. Rektor Rutenid 


vorſtand, der kuͤnftigen Gelehrten nothwendige Un⸗ 








— 41 — 


tereicht nicht gefunden ward. Der alte Rektor Mule- 


nid war zwar ein Man von einnchmender Hergens- 
süte, und fiand in freundfchafflichem Verkehr mit 
den Kofegartenfchen Söhnen; aber zur Ertheilung 
wiftenfchaftlichen unterrichtes war er minder fähig. 
Auch gab der Praͤpoſttus Koſegarten feinen Kindern 
ſelbſt Lehrfunden, umd bie Alteren Bühne mußten 
den jüngeren forthelfen. Auch ſchon In einigen bB- 
heren Wiſſenſchaften ward unterrichtet: Gotthard 
Ludwig ſagt in einem damals von ihm gefährten 


Tagebuche am fiebenten Auguft 1772, da ee im . 


funfgehnten Jahre Hand: „Beute Morgen fing Herr 
Bater de Information In der Dbeslogie ſeldſt am, 
weiches mir ſehr lieb iſt; denn ans den systemati- 
bus dogmaticis, welche ich bisher getrieben, bin ich 
ſehr wenig überzeugt worden. Denn ich verftand 
Schuberten, den ich bei Blumenthalen trieb, nicht 
teht, und er-Lönnte «6 mir auch nicht hinreichend 
erflären. Herr Dater aber gebt nichts vorbei, als 
nachdem er es erß recht deutlich gemacht.’ Am 
Schluſſe des Jahres 1772 fagt.er: „Mein Zuſtand 
war im Anfange und am Ende des Jahres fehr 


— 


._. nn — 

verſchieden. Zuerſt warb ich informiert, und nun 
bin ich ſelbſt ein halter Juſormator. Denn bat 
ehe Viertekahr war Blumenthal. nach Hefmeiſier; 
dns folgende informirte uns Hans (ber. ältehe Bru- 
der), und wie diefer nach Baden gekommen, kam 
unter Herrn Waters Oberaufſicht die Reihe ax 
wich, wobei es auch noch jetzt iſt.“ 

Im ſechszehnten Jahre war Gotthard Ladies 


nicht nur in der Kenntnig der griechifchen und der 


Inteinifchen Sprache ziemlich weit ſortgeſchritier, 
ſondern auch In der des Hebraiſchen, fo daß er mit 
dem Grundterte bee alten Teſtamentes belannt ge⸗ 
worben, und, wenn ibn der Vater über dicke Syte 
che egaminirte, genugende Antworten ertheilte, ne 
von einige Weifpiele ie feinem Tagebuche aufge 
zeichnet find. Zum neuen. Sabre ward, ber Vater 
jedesmal in lateiniſchen Städwänfchen in Verſen 
und in Proſa begrüßt, deren Styl und metriſchen 
Bau der Water zenau recenfirte. Auch mit den 
vorzuͤglichſen neueren Sprachen, beſonders de 
Frandſiſchen und Gnaliſchen, war Gotthard ver⸗ 
traut, ſe wie mit den Anfaugsgruͤnden ber Eogif 








13 — 
and Metaphyfik. Das Studium der. Getaiche 
lichte Getthard vorzuglich, und las daher nicht nur 
die von Baumgarten und Semler berausgegeben⸗ 
große Allgemeine Welthiſtorie, ſondern verfertigte 
uch ausführliche und genaue Auszüge aus faf 
allen Bänden derſelben. Mit unerſattlicher Be⸗ 
sierde Ins er alle. wifenfchaftlichen Bucher und 
Werke der ſchoͤnen Litteratur, welche er theils aus 
feines Baters Bibliothek, theils von Freunden mit⸗ 
getheilt erhalten konnte. Bis ſpaͤt in die Macht, 
und wenn das Licht ſchon herabgebrannt war, noch 
im Mondſchein fehte er das Leſen fort, lebbaft 
von dem Inbalte feiner Bücher ergriffen. Einſt, 
am ſechs ehnten Juli 1773, ertheilte ihm der Rektor 
Rutenick die Erlaubniß, aus feiner ſtaubbedeckten 
Bibliothek ſich De Bücher auszuwaͤhlen, an wel⸗ 
chen er Gefallen habe. Gotthard fand zwar, daß 
deſe Sammlung lauter ſehr alte Buͤcher enthalte; 
aber deſto begieriger unterſuchte er ſie, da er, wie 
er bem erkt, in alten Schriften am liebſten las. Er 
wählte vier und zwanzig Buͤcher aus, mit welchen 
er ſchwer beladen heimkebrte. Er fagt: - „Unter 


— 414 —_ | 


dieſem Haufen, ber ein aufehnliches zur Vermeb⸗ 
rung meines Bochervorrathes britrug, waren drei 
theplogiſche Soſtemata, verſchiedene wider die De 
pißen ausgefertigte Vertbeidigungen der Reform 
tion, auch einige Schriften von den aͤlteſten Wider: 
berfichern des evangeliſchen Glaubens, Yhiliw 
Melanchthon, Eruciger, Bacmeiſter, Syangenktr, 
‚uud anderen, Calviſii Theſaurus, Burxtorfers und 
Opidens bebräifche Grammatilen, ein Tereny ci 

Plautus. | | 


Beſouders zogen ihn die Werte der Sehen 
Ritteratus an. Er erhielt von der-befreumndeten da⸗ 
mille Reuſſen manche engliſche, Branbiien, dr 
ma, Tom Jenes, Humphry linker. Zanis ie 
nest. fühlte er ſich von den alten Kirchenliedern 
und. den Volkemabrchen, mie yon bem Kaiſer DI 
tavian, und von den tragiſchen Genen ber añati⸗ 
ſchen Banife. Daß die Profa dieſes Werkes vul 
Bombaſt ſey, hemerft er zwar in ſeinem Tut 
buche; aber Thraͤnen ſtuͤrzten Ihm aus den Augen, 
wenn er bie einfachen, und oft ruͤhrenden Lid 


— 5 — 
jenes Buches las, wie sum Beiſpiel ben Tedecge⸗ 
fang des herbenden Bringen: 
Ich flerbe, 
Bel Dad Verbaͤngniß fynicht: 
Die Gruft if Thron amd GErbe. 
36 ſterbe 
oder das Abſchiedelied der umtergebenben Wanifec: 
Sonen nun die grünen Jahre, 
und der Unſchuld Perlenkleid, 
.Auf die ſchwarze Tobtenbahre, 
In bie Dunkle Ewigkeit? 
Doch warb er mit den berähmteften Dichtern ber 
Griechen, der Engländer umd der Italiener er 
fpäter Hefannt. Die Predigt und das Eramen, fe . 
wohl des Waters wie bes zweiten Bredigers zu 
Gtenesmwälen, mußten vegelmäßis befucht, umb die 
Diepefition und der Hauptindalt der Pchigt anf- 
gezeichn et werden. Mit dem Meftos Nutenick Führse 
Gotthard bisweilen Serpniche Aber Iitterarifche Ge⸗ 
senhände; fo zum Beiſpiel disputirte er einmal 
mit ihm über die Scherlockſche Dreieinigkeit. 
Aber nicht bloß zum Studieren, fondern auch 


D N u 
- 
f ö — 16 — 


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N 


u häuslichen wird „Ländlichen: Srheitent wurden die 


— 


Koſegartenſchen Kinder angehalten. Gotthard ar 
beitete mit feinen Brüdern im Garten, ward zu 


den Einfammiern des Schntens auf. das Feld ge⸗ 


fit, und au den Arbeitern im Torfmoore; zu 
Bauern und Paͤchtern ward er als Beanftragter 


abgefendet. Häufig mußte er für den Vater amt 
uche Schriften und Akten abfchreiben. Wenn Be 


ſuch zu den Aeltern kam, ‚unterhielt Gotthard die 
Gafte bisweilen mit Clavierſpiel. Schr gern machte 
ee Spaziergänge in die umliegende Begend, bald 
allein, bald mit feinen Sugendgefährten. Gr liebt 
die Einfamkeit, und wanderte oft noch im bei 


Abenddaͤmmerung und Nachts in. SI und Bil- 


dern umber. Vorzuͤglich wurden beſucht der Pie 
chenſee, der Vielbeckerſee, der Hamberger Dei 
dns Mer des Meeres. det. Bhſſow. Er gebenkt die 
fer Gegenden in dem Gedichte: Melancholllen, 
welches er bald nach feier Aukunft in Greifemmt 
Yeofaßte: 0 oo. 

D1 wo fend Ihe nun, Ihe fühen. | 

Senniſchen und finen H66’n, 


. 








— 17° — 


Wo ich meinen Morgen ſprießen, 
und in feinem Bluͤhen geſeh'n. — 


Früh' ergriff ich meine Flöte, 

Wandert” durch bethaute Au'n, 
Sah des Morgens erſte Röthe 

Hinter Hambergs Hügeln grau'n. 


Dichtungen, Band 6. Seite 5. Mit den Aeltern 
machte er kleine Reiſen in benachbarte Staͤdte fei⸗ 
nes Vaterl andes, Boizenburg, Wismar, Roſtock. 


Gotthard's dichteriſches Talent zeigte ſich ſchon 
in ſeinen Knabenjahren. Ohne durch ſeine unmit⸗ 
telbare Umgebung zu dichteriſchen Verſuchen auf⸗ | 
geregt, oder bei diefen begünfliget zu werden, ver⸗ 
foßte er aus inneren Antriebe feit feinem vier- 
zehnten Fahre Kleinere und größere Gedichte mit 
geichtigkeit, und fand bierin eine feiner groͤßten 
Freuden. Im ſechzehnten Jahre legte er eine 
kleine Sammlung lyriſcher Gedichte an, welche in 
vier Heften bandfchriftiich nach vorhanden If. Die 
unvollkommenheit diefer Verſuche verfannte er nicht, 
wie auch das ihnen vorgeſetzte Motto zeigt: 

AU. Vand, [2 } 


— 18 — 
Sunt bona, sunt quaedam mediocra, sunt mala 
. plüra. 
Die Heineren Gedichte diefer Sammlung betreffen 
zum Theil merkwürdige Ereignifie ſeines damaligen 
Lebens, wie 4. B. den viäglichen Tod eines ſieb— 
zehniabrigen Jugendgefäheten, Namens Geldmans, 
and dem Abſchied verfchiedener Freunde. In einem 
dieſer letzteren Gedichte fagt er, nachdem er ben 
fcheidenden Greund aufgefordert, bie Treue gu bee 
‚wahren: 
Zornkind, Nanefid, erarimmder Bätter, 
Zeuch dad Schwert, sum Sturz des Feind's gewetzt — 
Zeuch das Rachſchwert, ſchlag, verfolg den Spoͤtter, 
Der die Treue, die er ſchwor, verletzt. 
zei u, daß —. Doch nein: Was braucht's der 
Eider - 
Schaudernd find fie, Freund, für Dich und mic. 
Ewig nipfte Sympathie und Beide — 
Inmmer Tnüpft fie ewialich. 
an die Einſamkeit iſt ein Lied gerichtet, welche 
mit den Worten beginnt: | 
Du ſtille Einſamkeit, du Diutter meiner Ruh‘, 
Du froger Wohnſitz meiner Muſen 





Dir weiße ich dies Lied, die ſchreibe ih «8 an; 
Ich Bin beglückt an deinem Buſen. 
Andre Lieder haben zum Gegenſtande die heidni⸗ 
fhe- und die chriſtliche Standhaftigkeit, die Hoff⸗ 
aung auf Gott. Auch befinden fc in der Samm⸗ 
lung metrifche Ueberſezungen mancher Oden des 
Horaz, und einiger Eklogen des Virgil, ferner 
ländliche Gedichte, Liebesgedichte, Schäfergebichte. 
zu den größeren gehört ein Echrgedicht; die Thor⸗ 
heit jauchzender Freuden, und die beroifche Mes 
mange: Nitogar und Wanda, weiche letztere in den 
ſpaͤteren Ausgaben der Gedichte freilich eine ganz 
andere Gehalt erhalten bat. Einige fcherzbafte 
Gedichte enthält die Sammlung gleichfalls, z. B. 
Chentellär oder die Schickſale eines Hahnes, komi⸗ 
ſches Heldengedicht in verſchiedenen Gpihenmangen, 
in zwolf Büchern, und: der Duell, aber Schwerte 
lich und Raufbold, Tomifches Heldengedicht in nem " 
Geſangen. In einem Anbange. befinden fich einige 
franzb ſiſche Nachbildungen deutſcher ‚Lieber, welche 
eine in jenem ter nicht gewbhnliche Kenntniß 


— 
> 








» 
. 


— 20 — 
dee frandſiſchen Sprache zeigen, unter anderen 
eine Ueberſetzung des Liedes: | 
” Sch liebte nur Ismenen, 
Ismene liebte mid. . 
Eine befondre Sammlung. enthielt geifllihe Ge 
dichte. Don diefen vor dem Abgange zur Afademie 
verfaßten Gedichten iſt in die fünfte Ausgabe der 
Dichtungen nur eines aufgenommen, nämlich das 
mit der Weberiährift: Gewitter und Selma; Band 6. 
Seite 3. | | ' 
Gotthard ward zum Studium der Theologie 
beftimmt, welches auch feiner Neigung entfprad). 
Er beſuchte gern den Gottesdienſt, und fühlte ſich 
von der kirchlichen Feier bewegt. Er bemerkt in 
ſeinem Tagebuche, bei Erwähnung der Kinderein- 
fegnung in feiner Vaterſtadt am gränen Donners- 
tage 1774, folgendes: „Um Halb eilf mar die Pre⸗ 
bigt aus. Man fang: Komm Heiliger Geil. Mein 
Bater ging in den Altar, die Kinder befchrichen 
‚ihren Halbfreis, und das Volk drang ſchaarenweiſt 
zu. Mein Vater bielt eine vortreffliche Rede über 
die Worte Chriſti: So ihr in meiner Rede bleibet, 





- 1 — i 
fo feyd ihr meine rechten Jünger. Sie banerte 
über eine halbe Stunde, und darauf nabm das 
Catechefiven feinen Anfang, welches bis nabe gegen. 
zwoͤlf dauerte Dann ging erfi das rährendfie an 
in der ganzen Geremonie; dieſes dreimalige feier⸗ 
lie Ja — die namentliche Benennung, GCinfeg- 
nung und Uebergabe eines jeden Kindes in die 
Hände Jeſu — das Gebet auf den Knieen um bie 
Erhaltung diefer jungen Pflanzen in der Lchre, 
welcher fie fo feierlich zu folgen befchworen. — 
Ad, wen diefe Ceremonie nicht rührt, der if-ein 
Unchriſt — der iſt nicht werth, ein Menſch zu bei- 
sen. Muß nicht unfer Inneres aufs Heftigfle be⸗ 
weget werden, wenn wir eine Schaar noch nicht 
ganz erwachfener Menfchen auf den Kniecen mit 


thränenden Augen, mit aufgehobenen Händen lie⸗ 


gen ſehen, wenn wir den Prediger in eben der 
Stellung, in eben der, durch aͤußerliche Zähren 
ansiwechenden, Gemuͤthsverfaſſung auf das drin- 
gendfke, auf das flehentlichſte, den Stifter unfres 
heiligen Glaubens um Verwahrung und Behdti- 
gung des in ihnen angefangenen Guten anrufen 


7 


— 22 — 

hören? Farwahr, der hat die Empfindungen ber 
Menfchbeit vdllig abgelegt, der durch diefe Auftritte 
ſich nicht zu einem edlen, den Schöpfer unfeer 
Natur. ehrenden, Weinen bewegt findet. Ich fühle, 
es drängt mich zu dergleichen Gelegenheiten be⸗ 
ſtaͤndig; ich fühle es dann, daB ich cin Herz habe 


— Aber, achı wie empört fich mein Geiſt, wenn 


ich mitten unter den: Schaaren des Volkes dan 
ſolche entdecke, welche fich unmwärdig betragen. — 

Noch ehe Gotthard zur Akademie abging, vet 
ſuchte er das Predigen. Am Charfreitage, den er⸗ 
ſten April, 1774 Nachmittags, hielt er ſeine ere 
Predigt, Aber die merkwürdigen Abſichten Gottes. 
bei dem Begraͤbniſſe Jeſu, mit stemfichen Muthe 
und Beifalle. 

Im Jahre 1775 ſollte nun Gotthard ſeine 
univerſitaͤtsſtudien beginnen. Der Vater wuͤnſchte 
nicht, daß er eine der beiden vaterländifchen Ani 
verfitäten, Mond oder Bübom, beſuche. Die Bi 
howiſche war bekanntlich damals vor nicht langet 
Zeit dadurch entſtanden, daß der Herzog Friedrich, 
veraniaßt durch Streitigkeiten mit der Stadt Re 





— 23 — 


ſtock, den herzoglichen Theil der Roſtocker univer⸗ 
fität nach Buͤtzow verſetzte, während der Adtiſche 
Theil zu Roſtock zurucblieb. Dicke Trennung 
fhwächte beide Univerfitäten. Die Urſache, warum 
der Dräpsfitus Kofegarten feinen Sohn weder nach 
Noſtock, noch nach Buͤtzow ſchicken wollte, lag 
theils darin, daß er die Sakultäten dort nicht ges 
nugfam befeht glaubte, theils, und Hauptfächlich 
darin, daß cr bei dem in Meclenburg berrichenden 
Dietismas, deſſen umerfchätterlicher Gegner er war, 
an einer Fünftigen WBefbrderung feiner Kinder im 
Baterlande zweifelte. Er wollte daher feinem Sohne 
Gotthard den Weg zur Befoͤrderung in einem au⸗ 
dert Lande erbffuen, wo es zum Fortkommen einer. 
erheuchelten Fronmigkeit nicht bebürfe Er rich⸗ 
tete in dieſer Hinſicht feinen Blick auf das benach⸗ 
barte Schwedifche Pommern, welches von dem Ein⸗ 
fluſſe jenes Pietismus frei geblieben way, und bes 
ſchloß deshalb, feinen Sohn auf die Yommerfche 
Nninerfität Greifswald zu fenden, von er übrigens 
weder Verwandte, noch Bekannte hatte. Diefer . 
Entſchluß beſtimmte die ganze Richtung der fpds 


— 1 — 


teren Laufbahn ſeines Sohnes, da dieſer dadurch 
im Schwediſchen Pommern anſaͤſſig ward und bis 
an fein Ende blich. . 

Gegen den Herbfi des. Jahred 1775 bereitet 
fi Gotthard, nach Greifswald abzugeben. Mit in- 
nig bewegtem Herzen fchied er von den Gefaͤhrten 
feiner Kindheit, und von feiner Vaterſtadt. Er 
fagt im Tagebuche, Sonntags den 17tem Septem⸗ 
ber, ald am Tage vor feiner Ahreife: „Ich ging in 
die Kirche — Zum Iebtenmal! — Sie feierten dat 
Erntefeſt, prächtig, und mit Hornern und Saiten⸗ 
ſpiel. Mein Water predigte. Groß waren feine 
Worte und voll Kraft: Noch fühl ich's, wie ihr 
vol Heil auf mich applicirte: Hoffe auf’den leben⸗ 
digen Gott — Ja wohl. Hoffen auf Ihn, bald 
ſoll's mir troſtvoll ſeyn, wenn nun eltern ven 
mir fern find, und die Freunde al. Da, went mit 
dieſe find mie tobt, da Ichet der Hobe, der mir auf 
ihm zu hoffen gebeut, und das if wie Balſam it 
offene Wunden.’ Der Abſchied von feinem alten 
Breunde, dem Rektor, ergriff ihn befonders. Er 

fagt: „Rüfte dich, meine Seele! ſprach ich, als ich 








— 25 — 
ing Hans tat; und als ich ihn ſihen ſah, den Al⸗ 
ten mit feinem Silberhaar, und dem Antlig vol, 
ruhigem Ernf, and dem Rüden gebeugt unter der 
Laft der Fahre und der Sorgen, als ich ihn ſitzen 
fah, und mir freundlich winken, und mich loben 
wegen meiner Liche — da warb mir's ſchwuͤl im 
Junern, und die Empfindung dunkel und Schmerz. 


Werfen's ſich aufn vier und zwanzig Stun⸗ 
den noch nieder,” fprach er mit gewoͤhnlichen Wor⸗ 
ten, aber ber Ton verrietb die erborgte Munter- 
feit. — Da fagen wir fchweigend, und ich ſah ihn 
an, und ee mich, und meine bethraͤute Wange. — 
Und es fchlug fünf. — Ich ermannte mich, und 
foßte meine Kräfte zufammen. Bei Ihr, der Rek⸗ 
torinn, bielten fie ans; aber da Ich den Greis um⸗ 
balfete, und er feine fesnende Stimme erhob, de 
waren fie nichts, und fchwanden, wie vom Winde 
die Teichte Spren. — „Theurer Freund, Sie rei⸗ 
fen — Reifen Sie im Schube des Hoͤchſten — — 
Bergefien Ste meiner nicht, wenns Ihnen wohl 
geht — — Immer fen des Himmels Gnade mit “ 


Ahnen —“ „O allen Gegen des Himmele über 
Dich, du Edler!“ 

Am 18ten September. 1775 verließ Ceuban 
Grevesmuͤlen in Geſellſchaft feiner Altern und ſei⸗ 
ner Schweſter, welche ihn bis Roſtock begleiteten. 


Auf dem Wege dahin ſtattete er mit feinem Vater 


einen Beſuch in Hohenlukow bei dem Herrn ll, 
meiſter von Baſſewitz ab, um ein von dieſem zu 
vergebendes Stipendium für feine Stubienjahre zu 
erbalten, welcher Wunſch auch in Erfüllung aim. 
. Mur warb bedungen, daß der neue Stipendiat und 
Verlauf vom acht Tagen die vorfchriftsnäßige Pre 
digt zu Hohenlukow halte. Bei der Beichreibung 
dieſes Beſuches äußert Gotthard fein großes Miß⸗ 
behagen am ben damaligen Formen der eonventl⸗⸗ 
nellen Höflichkeit, und dem In vornehmen Geſel⸗ 
ſchaften gu beobachtenden ſteifen Anfiande. Diet 
- Dinge blieben ibm lange Zeit ein äußert la friger 
Zwang, gegen welchen er oft und heftig eifert. In 
Roſtock verweilte er vierzehn Tage ſebr vergnuͤgt 
Im Kreiſe zahlreicher Verwandten und Freunde € 
wohnte mit feinen Aeltern im Haufe feines Ober 





— 27 — 


mes Buddig, in welchem drei junge Equfinen und 
fein zu Roſtock ſtudierender Fugendfreund Sufes 
mihl aus Bow ihm Unterhaltung gewährten. Ce . 
ward bier. mit dem Gtudentenleben, deſſen anzie⸗ 
henden und defien ranhen Seiten befaunt. Seinen 
Großoheimn, den Theologen Hartmann, befuchte er, 
und wänfchte auch defien Vorträge kennen zu lernen. 
Er äußert ſich bei Erwähnung biefes Aufent⸗ 
haltes in Roftock bfter über feine damalige theole- . 
sifche Denkungsart, und gelgt, daß er zu einem 
weiteren und unbefangeneren Nachdenken über die 
Saͤtze Der dogmatifchen Lehrbuͤcher geneigt war. 
Er ſagt 4. B.: „Da ich mit Sufemibl auf einem 
and demfelben Zimmer wohne, fo giebt diefe Ver⸗ 
einigung zu ewigen Dispäten Aulaß, die wir über 
die Verſchledenheit unfrer Meinungen führen. Su⸗ 
ſemihl if ein Anbeter Hartmanns und feines Com⸗ 
pendit, und ich bin ein gefchworner Feind aller 
Symbololatrie. Wir gertetben ſchon dieſen erſten 
Abend ſy an einander, daß mein Freund mich feier⸗ 
uch in die Zahl der Ketzer verfebte, und ſich fol. 
nicht getrante, bei mir au fehlagen,; um nicht von 





— 28 [U u 


dem ketzeriſchen Gifte, welches In mir laͤge, ange 
ſteckt zu werden. — Um es Doch nicht erfi in Greift- 
wald lernen zu dürfen, was ein Collegium fen 
entfchloß ich mic) heute, bei Hartmann eins zu bir 
ren. Der Manıı Heft für Sufemihlen und feine 
Sohn vier Stunden des Tags, und doeirt denſel⸗ 
ben von neun bis gehn die Dogmatik, welche ih 
zu meinem Vorhaben wählte. Aber bei unſrer An⸗ 
Zunft in Hartmanns Haufe erfuhren wir, daß er 
heute nicht leſen wuͤrde. Wir gingen im bes jun⸗ 
gen Hartmanns Zimmer, und bald trat ber alle 
Gelehrte zu ung herein. Er iſt, wie alle wahrhaß 
tig große Männer, freundlich und gefpräcig, Ir 
bet aber doch ein wenig zu fichtbar von feinen ei⸗ 
genen Verdienſten eingenommen. Die uͤherlegene 
Groͤße des Mannes ſchreckte meinen polemiſchen 
Geiſt doch nicht ab, ſeine wenigen Kraͤfte an ihn 
zu wagen. Suſemibl erwähnte vom ungefaͤhr dei 
Auguſtiniſchen Aphorismus: die Tugenden der hei 
den feyen glänzende Laſter. Ich verwarf dieſes 
Paradoron. Der alte Orthodore vertheidigte ei, 
und wer konnte die Subtilitaͤten des alten Pralu⸗ 





ters auftoͤſen. Ich ſchwieg und war doch uͤber⸗ 
zeugt, daß ich Recht hatte. Diefe Herren bedenken 
de Folgen ihres Satzes nicht; welcher, wenn er 
wahr wäre, mich fchlechterdings zum Feinde eines 
fa sranfamen Evangelii machen würde. — ueber 
Tiſche hatte ich das Vergnuͤgen, meines Freundes 
Sombololatrie von meinem Vater mit eben den 
Gründen angreifen zu hören, mit welchen ich es 
geihan. Dies überrafchte mich. auf eine angenehme 
At. Denn Ih babe meine Heterodorien ſchlech⸗ 
terdings nicht dee Unterweiſung meines Waters zu. 
danken, -fonbern eigenem Nachdenten, und den 
Ratfennements, die Ich fo häufig mit meinem alten 
Rektor gehabt.” 

Am dreißigften September begab Kofegarten 
fich wießer nach Hohenlukow, und hielt die Pre» 
digt für das Stipendium. Der Prediger des Ortes 
tbeilte Ehm darauf fein Urtheil über bie Predigt 
mit, wie e3, feiner Erklärung. sufolge, bie Statuten 
des Stipendium erforderten. Er fagte, bie Rede 
fey ſehr aut, und reich am fchönen Gedanken und 
Schilderungen geweſen, jedoch zu gefucht, und, wie 


— 30° 

er meinte, voll ſcholaßiſcher Kunftwbrter, und daher 
zu wenig verſtaͤndlich fur die Gemeinde. Koſegar⸗ 
tem bat ihn, er möge ihm taugliche Mufier unter 
den Kangelrednern nennen. Der Pafkor ermicherte 
Mosheims und Fernfalems Predigten paßten nicht 
für Kanzeln, fondern die von Rambach und Ahnll- 
chen Männern, welche in ihren Meden alle weltl- 
he Gelehrſamkeit verläugneten. 

Kofegarten kehrte nach Roſtock zuruck, und 
geifte am fünften Oktober nach Greifswald ab. In 
einer träben Stimmung langte ex bier an, ward 
jedoch von einem Greifswalder Studenten, Namens 
Ziemßen, mit welchem er auf dem Voſtwagen ir 
fammengetroffen war, für die erſte Nacht freundlich 
anfgenommen. Ym Tage nach feiner Ankunft er⸗ 
bielt er von dem Archiater Weſtpbal die Mattilel 
und von dem Profeſſor Dverfamp das Eignum 
Devofitionis. Der Ort duͤnkte ihn wuͤß und 9% 
thiſch, und er fühlte ſich daſelbſt ſehr eiuſam. 


Pi 











- Zweiter Abschnitt. 
Aufenthalt zu Greifswald 


1775 bis 1777. - 











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Di Theologie Ichtten zu Greifswald damals der 
General⸗Superintendent Stenzler, die Profeſſoren 
Duiforp und Brockmann; Pbiloſophie ward von 
Ablwardt und Mubrbeck vorgetragen, Gefchichte 
von Möller; den Homer erflärte der Schwede Trä- 
gard. Kofegarten brachte Empfehlumgen an Qui⸗ 
ſtorp mit, welcher ihn freundlich empfing, und ibm 
Zutrauen einflößte. Das fleifige Studieren, wel⸗ 
ches Kofegarten zu Haufe gewohnt gewefen, wollte 
er zu Greifswald fortſehen, und fing daher an, Hier 
eine moͤglichſt graße Anzahl von Vorleſungen zu bes 
ſuchen. Später aber erfchien er weniger regelmäßig 
In den Vorleſunzen, weil ev bier oft nur Ins boͤrte/ 
was. ibm fihon aus Brivatäubien bekannt geworden 
war. Am meißen intereſſirten ihm die philofenbt- 
XD. Bad, . _ [3] 





— 34 — 

ſchen Kollegla, und erk.ſchattte beſonders Mudrbed— 
auch wegen deſſen liebreicher Geſinnung 

Anfangs gefiel es Koſegarten nicht wohl zu 
Greifswald, und auch mit dem unter feinen dorti⸗ 
gen Studien⸗Gefaͤhrten herrſchenden etwas rauhen 
Tone konnte er ſich nicht befreunden. Melandell- 
ſche Empfindungen bemachtigten ſich dfter feine, 
die er in dem im Janur 1776 gedichteten: Melan⸗ 
Sorten: ansbedift: 


* 
»d& 
. I. 


2 Sſebn von melnem Baterlande, 

IT 7 Bern Dom Ort, der nilch zebat, 
rn Weib: ehe SEE In feenidenn Sande, 

0  Sia.ber Meinen ‚Feigen war, — 


u Saichial ESdiclai weiche Särüfe 
Schleudern mich aus freundem Land, 
ueber Verg und Rue and Filiſſe 

we MED Kilt versboten Sttaude 

Pen nach einiger: gu Amanıe 202 vieſet Koſe⸗ 
garten fand bet ſeinen ‚Gefährten, unter denen 
all manche Mecklenburgifche Lanbereute waren 








— 42s8 — 


einen Kreis von Freunden, welcher ihm den Aufent⸗ 
"Halt zu Greifswald ſehr angenehm und theuer 
machte. Vorzüglich geichnete-er unter diefen Freun⸗ 
den Gottfried Duffiorp und Franz Gering aus, wel: 
chen er auch feine erfien im Druck erfchtenenen Lie- 
derfammlungen widmete. Seine Dichtkunſt erwarb 
ibm bald ällgemeine Theilnabme und Achtung un. 
ter feinen Commilitonen. 

In den Ollerferien und in den Herbfiferien des 
Jahres 1776 machte er Beſuche in Roſtock, wo er | 
in dem verwandten Buhdlafchen Haufe immer eine 
freundliche Aufnahme fand. Die jüngfle feiner Cou⸗ 
finen, Sophie, ein zartfuͤblendes Mädchen, [hätte 
er vorzüglich, und vide feiner erſten, im ben Me 
lancholien abgebtutften, Gedichte entſtanden in Ro⸗ 
fo. Im Fruͤblinge 1776 dichtete er dort das Lieb: 


gilchen mit den blonden Boden, 

« Höre deines Saͤugers -Bied ; 

Se dep Hall von Abendglocken 
Ruhr es Feirglich Dein Gemüth. — 


“ 
u 1 


= 


— 36 — 


Wie den Strahl aus wetterträcht gen 


Dunkeln Wolken fühl's Dein Geiſt, 


Daß Du ·deutſch, und deutſcher Maͤdchen 
Unverfälfchte Enklinn Heißt. 


und das Gedicht an den Aurikelnſtrauß; Diät: 
gen Band 6. ©. 33.; im September das Geikt: 


De 


" J 
Ich Gab’ das Mädchen Funden, 
Das fich mein Herz erfor, 
und jede dieſer Stunden 


- Kommt mir seflfügeft vor. — 


Ich muß das Lüften teinfen, 


Das Die Geliebte traut, 
Muß jeden Raum durchdringen, ”. 
. Dur den bie Heil'ge drang. 


Mehrere diefee Gedichte wurden damals in dem 


Roſtocker Wochenblatte gedruckt. 
Immer theurer ward ihm jetzt Die Dichtkunſ 


und immer mehr entwickelte ſich feine Kraft darin. 
Das ganze Teuer der Jugend, ungeregelt und un- 








— 37 — 


gehemmt, lebt in den Liedern, welche er damals 


dichtete. 


Noch blůͤht mein jugendlich Reben 


Wie Srüblingd Morgenroth beiter. Mir tagt bie Sonn⸗ 


Im jüngſten des Maienfruͤh. 
Auch breunt mir mächtig im Buſen 

Der Gedanke, reißend, wie Donner im Schlachtgewühl, 
Daß Juͤngling ich bin, und frei. 


An einem Juniusabende dieſes Jahres dichtete er 
iu Greifswald die religiſbſe Hymne: Das Wehen 
des Allliebenden 


Was iſt's, wonach ich ſchmachte, 
Wonach ſchrei't al’ mein Seyn? 
Welch' unbekannte Sehnſucht 
Durchzuckt mir Mark und Bein? 
Strebt mädtig mir im Buſen, 
Setzt mis dad Her, In Glut, 
umd peitfcht durch jede Aber, 
Gedoppelt fast mein Blut? — 


* 





— 38 — 


an’3 Durſt bean nach der Theeuren, 
Iſt's, Wonna, Schrei'n nach Dir? 

Du, Tages mein Gedanke, 

Du, Traum im Schlummer mie? — 
Vielleicht — — Doch nein. Empfindung 
ie Wonna iſt nicht das. | 

Es iſt nicht Erdenliebe, 

€ in — o, wüßte ih, wa? ——— 


Er, den Dein Her verfennet, 

und doch mit Inbrunft ſucht, 

Er IR von Die nicht ferne, 

Das unge, das ihu ſucht, 

Wie leicht mag’s, ibn entdecken! 

Er wandelt am Dich ber, 

Im Abendroth, im Walde, 

Zu Land md auf dem Heer, — 

Sein Rang it Hochgelobter, 

Sein Kam’ Aulliebender/ 

Sein Thun it Ewisfhaften, 
Sen Wert der Welten. Heer; ° 
Sein Wo ik Allenthalben,. 
Sein Ebenbild biſt — DE — 
O Züngling, fühl die Würde, 

Du biſt fein Abglanı, Du! — — 


VD m m... 


- 40 — 


Auf · der fchbnen Inſel hei Güfrom dichtene er 
im Auguſt die Klage Hallders mm Wonna, in dert 
Melanthalien, S. 46 und die Hymne an den Eich⸗ 
baum, welche in ihrer erſten Bellalt fo fchließt: 


Baum Gottes, du ſtehſt! 

Baum Gotted, ed rauſcht 

Dein Wipfel im Schneefeld; 

Es webte die Wurzeln 

Dein Schöpfer Die Pfeiler des Erdballs Hinburd! 


Laß beulen die Windshraut, laß praſſeln bie Donner, 
Laß sifchen den rothen, todtträchtigen Blitz = 

Dir bricht fich die Windsbraut, bir theilen ſich Donner, | 
Dir pealten die brennenden Bute zurück, 


So fans ic, und cawen 

Es neigte der Starke 

Den Wipfel. Mich dauchte 

Ais borr ich ein Säufeln, dad üͤber ihn rann, 

Als hört ich ein Flüſtern: „Sen, Sünsting; vem Starken); 
Dan Edlen fen glei!” 


Mit fpäteren Veränderungen ſteht dag Gedicht in 
den: Dichtungen Band 8. ©. 57. 


— «0 — 


Anm dieſe Zeit vertauſchte Koſegarten feinen 
Taufnamen Gotthard, in der. Meinung, daß er fo 
viel Debeute wie: Gottes Rath, gegen deffen grie⸗ 
chiſche ueberfetzung: Theobul, und ſchried ſich da⸗ 
her Ludwig Theobul ſtatt Gotthard Ludwig; cm 
Veränderung, welche ex fpäter fehr mißbilligte, wie 
er in der Gefchichte feines funfzigſten Lebensiahret, 
©. 291, erklärt bat, 

Im Anfange des Jahres 1777. am 2 Fan, 
als am Geburtstage König Guſtavs des Dritten, 
bielt Kofegarten zu Greifswald im akademiſchen 
Auditorio, in Gegenwart der afademifchen Verfamm- 
lung, die Rede bei der von der Univerſitaͤt begange⸗ 
nen jährlichen Feier dieſes Tages. Die Rede er⸗ 
ſchien auch gleich darauf gedruckt unter dem Titel: 
Die wahre Größe der Fuͤrſten. Eine Rede und 
Hymne an Guſtavs von Schweden ein und dreißig 
ſtem Geburtstage: von Ludwig Theobul Koſegarten. 
Stralſund, bei Struck. 4. Er ſtellt in der Rede dem 
Bilde des Tyrannen und des Eroberers gegenuͤber 
das Bild des guten Fuͤrſten, welcher als Beſchoͤtzer 
ſeines Volkes, als Geſetzgeber, als Lenker der voll 


— 1 — 
ziehenden Gewalt, als Freund der Wiſſenſchaft und 
als Berehrer der Religion fein Reich beglädt. Diefe 
einzelnen Charaktere des Fuͤrſten ind in Belipielen 
ans der Gefchichte nachgensiefen. Er ſchließt mit 
Erwähnung der Verdienſte Guſtabs um die Wieder⸗ 
herſtellung der Ordnung im Schwediſchen Reiche, 
und ſagt unter anderm: „Selig ihr, ihr Tauſenden 
Skandinaviens; ener König IR Guſtav. Guflav if 
es, der euch in eurer erneuerten Herrlichkeit gebeut, 
der euch eine Sicherheit gewähret, deren Verluſt 
ihr oft nur gar zu traurig empfunden habt. Er if 
es, der den Zeiten ein Ende machte, deren die Nach⸗ 
fommen fi, fhämen werden zu gedenken; Zeiten, 
wo mit bleiernen Fluͤgeln die Anarchie über «uch 
drohte, die fruchtbar brätende Mutter aller Unord⸗ 
nung ‚ alles Berderbens. Die Maicflät begann auf 
ihrem Throne zu wanken. Ihren verdunfelten Glanz 
buͤllete Dämmerung. Ehrſucht und übelverſtande⸗ 
ner Patriotismus ſuchten eine ewige Nacht über 
fie herzuziehen. Schon nahete das Reich ſeinem 
Fall. Schwedens Gewicht begann in der Wagſchale 
der Voͤlker zu ſinken, und fein Schutzengel wendete 


* 


— 44 — 


traurig das Antlitz, um nicht ben Untergang feines 
geliebten Volles zu ſehen. Aber noch gruͤnte ein al⸗ 
ter herrlicher Stamm. Aus Waſa's Geſchlecht mußte 
ein Held erſtehn, ein Koͤnigsſohn, der vom Beik 
der Väter belebt, mit-mutbigen Händen zum Baatet 
griff. Der Morgen feiner Regierung war bendllt. 
Kühn und mit Heldenkroft Mresfte der koriellche 
Jaͤngling feinen-Zenger aus, und ſogleich getieth 
die ganze verderbene Mafe in Bewegung. Ferxuher 
ſammelten fih die Ungewitter, sogen näher und 
draͤueten dem Haupte des Büren. ‚Aber der Nach⸗ 
folger des großen Bußay mußte von feinem Schrel⸗ 
- Zen. unverzagt wand er fich die Gefahren hindurch, 
ſtritt, ordnete, glaͤnzte einſam und gebot. Muth 
und Mäßigung durchbrach jenes. ganze Gebirge von 

Schwierigkeiten, und ſtellte zum Erſtaunen Europ 
aus dieſem aufgegebenen Chaos die ſchoͤnſte ordent⸗ 
lichſte Schoͤpfung dar. Der Thron gerieth wieder 
in feinen. alten Glanz. Unter Ihm dammerien 
Rube und Sicherheit wieder herauf, Vorzuͤge, die 
vor Schwedens Staaten laͤngſt in einer unvertreib⸗ 
lichen Nacht vergraben zu ſeyn ſchienen.“ 





— 8 — 


Der Rede ik die Hymne beigefügt, welche Ko⸗ 
fegarten gleichfalls für die Feyer jenes Tages ger 
dichtet hatte. Sie iſt an den Genius bes Nordens 
gerichtet, welcher den Feßtag des nordiſchen Herr⸗ 
ſchers verländet: 


Br amt im Wintergewittern, 
Das Haar voll Schneegeſtöber; im Diadem 
- Zur Perle ein Eidgebirz? 


8 rauſcht fein Flligel wie Winbäbräut, 
Sein Ddem mächtig, wie Sturm im Wald! Ibm glüht 
Rotbbreunend dad Antlitz, wie Nordſchein. — 


Wer Hi du, Starker? — Dir freifen 
Im Ange Meteore. Vor deinem Napı 
Eralänzet ber duſterblaue RE, — — 


„Ich bin ein Starter. Der viere, 
Die Jovah's waltender Zepter den Zonen geſetzt, 
Der vier Gebieter ein Starker.“ 


Im Marz dieſes Jabres erſchien Kufegartens 
. exfie Gedichteſammlung, unter dem. Titel: Melan⸗ 
holten, Gtealfund 1777. 124. 8. Ex bat ſich auf 


4 


— 4 — 


dem Titel nicht genannt, jedoch am Schluſe ber 
Borrede, und die Sammlung feinem Freunde Gott⸗ 
frieb Quiſtorp gewidmet. Ste enthält die Gedichte, 
weiche während des Aufenthalts in Greifswald und 
in Roſtock entfianden waren, vorzüglich Die Lieber an 
Wonna, das Melancholifon, das Wehen des Allie- 
benden, den Eichbaum, Abendphantaſie, Nachtges 
banken, Frublingsklage, Abſchiedelieder am ſchei— 
dende Freunde. Die kurze Zuſchrift beginnt er mit 
den Worten: „Was manche ans Ziererei, manche 
aus Nachahmung fangen, und weil es der Mode⸗ 
ton iſt — das fing’ ich ans Wahrheit und aus Gt 
fühl: Das wollte ich, dag mir's die Welt glaubte, 
und das, hoffe ich, wird man in meinen. Liedern 
nicht vermiffen. . Einige werden fie leſen, und wer 
den fich drin fühlen. Ihr Gefühl gu erwecken, war 
mein Zweck. Ihn erhalten gu babe, wird mit 
Lohn ſeyn.“ Mehrere der in diefer Sammlung ent- 
haltenen Gedichte find in die ſpaͤteren Ausgaben der 
Dichtungen Kofegartens aufgenommen worben, abtt 
meiſtens in ſehr veränderter Gehalt. Sie erſchei⸗ 
nen in diefer fpätern Geſtalt allerdings korrekter; 





— 5 — 


viele der Alteren weniger paſſenden Ausdruͤce und 
Wendungen find "gegen richtigere vertauſcht; allein 
in der arſpruͤnglichen anvollkommenen Form haben 
fe oft größere Lebendigkeit. | 
Um Dfieen 1777. beſuchte Koſegarten mit ſei⸗ 
nem Freunde Gering die benachbarte Stadt Wolgaſt, 
wo er ſpaͤter feine erſte Anſtelluug fand. Die Se 
gend, durch einige Aubbben und die voräbeehri- 
mende Peene mannichfaltiger gemacht, gefiel ihm, 
und. erinnerte ihn an feinen baterländifchen Ham⸗ 
bergen Berg. Vorzüglich zogen ihm die damals dort 
vorhandenen Trümmer des alten Schloſſes der Yan 
merfchen Herzoge au. Er fagt in feinem Tagebuche: 
„Aber nichts macht dieſe Seeſtadt ehrwäͤrdiger, 
nichts merkwuͤrdiger und edler, als die. Trümmer 
des großen, serfiörten Schloſſes Herrliche, pran⸗ 
sende, eniſetzliche Truͤmmer? Thuͤrme ſechsig El⸗ 
len hoch, angefreſſen vom Graͤuel der Voerwuͤſtung, 
dafichend ohne Fleiſch und Blut, wie Gerippe, 
durch deren Knochen der Wind heult, auf deren 
Scheitel Moos und Wermuth wachſen. Rings um⸗ 
der anf dem großen weitläuftigen Platz if alles 


Steinklumpen und Chaos. Bald ſedreckliche, dir 
Are Locher, tief Im den Erdboden bimein, Ueder⸗ 


hleibſel von Gewdlben und praͤchtigen Zimmern, 





ungeheure Steintreppen, ruhend auf einem ein. 

gen bebenden Pfeiler, deren Glieder jedes Heat 

Aurz und Tod deut. Hin und wieder, theils un⸗ 

ter den Gemwblben, teils in’ die Manern hinein, 
haden die Kinder der Armuth ſi ſich Hohlen gegrahben 
an ſchleypen da, vor Sur und Sonnenſchen 
ficher, ihr arbeitſeliges Leden bin. Frappanter Con⸗ 
traſt zwiſchen den Fuͤrften der Vergangenbeit, ut 
den gegenwaͤrtigen Nachfolgern in Ihrem Gele. 
Im Mondfchein iſt es ein vrachtiger Offtaniſcher 
Andlick ſchoͤn und vuͤſter / 

Im Soemmerſemeſter boͤrte Koſegatten dei wine 
naturliche Theblogke, bei Kellmann aber die bora iſche 
Dichtkunſt, bei Traͤgard die ade, bei Otto Re 
urgeſchichte. Er predigte dfter zu Greifswald um 
Lrregte dadurch, fo wie durch feine Gedichte, Art 
merffamteit‘' Zu Pfingſten rehffe er nach Moſtec 
und traf dort mit feinen Aeltern zuſammen. IM 
Sommer deſuchte er auch Stralſund, und Bote 





— 141 — 
aufs neue, mo er prediäte, und Noſtock. Gegen den 
Herb lernte er die Inſel Ruͤgen kennen, wo er 
vierzehn Tage verweilte, kebhaft ergriffen von ben 
malertiſchen Ufern der Blichen Kuͤſte derſelben. 
Immer neue Ausſichten entzuͤckten Ihn auf dem Ru⸗ 
gard, zu Ralswyk, auf dem Dubberworth bei Sa⸗ 
gard, am Ufer der Waldung Stubniz, auf Stub · 
beukammer, fü Putbus. Mehrere Gedichte, welche 
in den: Thkaͤnen und Wonnen abgebtuctt Mad, 
entſtanden auf dieſer Reiſe, wie: Stubniz und Seab⸗ 
beifühiiier. DIE Bewohner der Intel zewaunen 
fehle Liebe durch Einkachbeit uiid SGaftfreun dſrhaft: 
wutdig erſchien Ihm der Praͤpoſitus Piſtorius gm 
woferiz durch Gelehrſamteit und Gefahl für dae 
Schoͤne. Zu Putbus fand er unvermuthet ſeinen ehe⸗ 


maligen Lehrer Blumenthal wieder, welcher in dem . 


benachtnftch Dörfe Lanken Prediger gensorben:; 
m September ward Kofegarten von feinem 

Vater nad) Kaufe gerufen, da er dann nach zweifdh- 

tiger Abh weſenheit ſeine Vaterſtadt wiederſah. Seine 


dkon omiſchen Hände erlaubten ibm: nicht länger, 


auf ber Sfmtverfindt zu verwetlen, amd er⸗ſah fish da⸗ 


—  — 


her gendibigetz, eine ihm vorgefchlagene Hauclehrer⸗ 
“Melle bei dem Herrn Landvoigt Carl Guftav von 
Wolffradt zu Bergen anf Nögen anzunehmen. Er 
Iehrte von Grevesmühlen nach Greifswald zuruͤd, 
und nahm im November mit großem Schmerz I 
ſchied won feinem geliebten Hyldathen und feinen 
dortigen theuren Freunden, unter welchen er ohne 
Zwang gelebt hatte. Diefen Zuftand der Freiheit 
ſollte er num vertauſchen gegen einen andren, it 
weichem ihm die Eingefchränktheit unter die ihm 
fo wenig sufagenden Barmen "ber conventionellen 
Sitten in bohem Grabe zu droben fehlen. In dem 
Gedichte: Mein zwanzigſtes Jahr, in dem Thraͤnen 
and Wonnen, ©. 153; Dichtungen, B. 6. ©. % 
druͤckt er feine Empfindungen bierüber aus: 
Holbe, gun, ich kam itzt nicht, an deinem Gtrand 
MI au freuen, mit deiner Schaar 
Serner au jauchzen. Ih kam, ach! um das Lebewobl 
Dir zu weinen. Mein Mißgeſchick 
Het nie Trennung, und nie Hab” ich der Trenung Wuth, 
Wie bie Trennung von dir, gefühlt. 
Dürer herrliche Macht, nimmer vergeſſ ich bein, 





| — 09 — 
‚Schöne, furchtbare, Iehte Nacht, 

Drinn die Klage der Schaar meiner Getreueſten 
um mid Gallte. Dee Pauken Sturm 

und der Drommeten Gejauchz, und ber hochſtolze Halt 
unſrer Lieder, die Rürmeten 

Jauchzten und Galleten mie Weh in das Herz, ein Web 
Wie ed den ſterbenden Helden faht. 

Surchtbar warf du, o Nast: Rings an dem Hinnnel Ging 
Diht Gewolte Die Nacht hindurch 

Halte unfer Gefang dumpfig und ſeuferlaut, 

nnd die Thräne des Scheidens raun 

In den Wein, und ed Ging immer der Welnenben 
Einer mir um bie heiße Bruft, 

Schluchzt' und Rammelte mir ewiged Lebewohl! 

- Ewige Liebe und Tree au! 

Einfem, wandte’ ich num, MIN und getümmeilfrei, 
"Hier im felfigten Rusia, 

Rean’ im Schnee und im Sturm durch dad Gefild’, beſteig 
Oft die Berge und ſchau von dort 

Dach den Thürmen der Stadt, drinnen die Freiheit jauchzt, 
Strecke ſehnend den Arm nach ihr, 

Genfie, bis mein Sefang über bie Geufier firömt, 
und mich im fanftere Schwermuth wiegt. — 

— — — 


AI. Band. | [4] 





Britter Abschnitt. 
Hauslchrerjahre 
| 1777 bis 1785. | 


BIRARRRNAARRARASADAARAARRANAAEDEEER 





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Zu Bergen, der Heinen Hauptſtadt der Inſel Ra⸗ 
gen, wo Koſegarten im November 1777 feinen neuen 
Stand antent, gedachte er anfangs noch ſehuſuͤch⸗ 
tig der zu Greifſwald hinterlaſſenen Sreunde, und 
des ungezwungenen Lebens, welches er dort ge- 
führt. Die Famille des Landvoigtes von Wolffradt 
nahm ihn mit Wohlwollen auf, und er empfand 
bald Achtung und Zreundfchaft für fie. Zwei liebens⸗ 
wuͤrdige Zdglinge, der fechsjchniäßrige Guſtav und 
deſſen dreijehnaͤhrige Schwerter Caroline fchloffen ſich 
mit Vertrauen an Ihn an, und er begann das Ge⸗ 
fchäft ihrer Ausbildung mit ganzen Eifer. In meh⸗ 
veren Haͤuſern der Stadt ward er gaflfrei empfatt« 
gen, vorzüglich in dem bes Magifier Neſtius, in 
welchem er frohe Stunden verlebte. Die bergige 
Gegend Bergens, die Anbbhe des Rugard, von wel- 
her fich weite Nusfichten auf die Häfen, Buchten 


— 4 — 


und Vorgebirge der Inſeln erhifnen, die bemooften 


Grabſteine der Vorzeit, welche auf den Huͤnen⸗ 
graͤbern dort emporragen, zogen ihn "vorzüglich an, 
und befchäfttgten ihn ſehr. Er fah die Gegend du 
mals unter den Stärmen des Herbſtes und im Bir 
teefehmude. Zu feinen Gedichten ans 4 dir Zeh 
gehdret der Nachtſturm: 

Sturm dir brüllenden Nacht, wie ſo entſehlich ſchin 

Habs dein Donney! On Thßft tiet in die Gegle ni, 

Wie dei. Schlachtvufs. Arommete, 
Jinglingẽwilde und Heldenkraſt. 
und die Gedichte: Rugard im Sonee, Kin 

Telynhards um ſelue Entkernten, mein amandakt 
Jabr, Auf Ufermartg Tod an. Guſtar und, Gtte 
line non, Wolfradt, Nachruf an Namen von Ber 
or, einen in feinem neunzehnten Fahre zu Ber 
gen entichlafenen Juͤngling, und. bie Drommett 

Donnerredendes Erz, Tochter der Wuth, dei Shut. 
‚Wide, freubige Braut, Schlachtengebieteriun, 

Stimime Gottes — Drommete! 
Laß nich fingen die Allgewalt 
Deined Kraftrufs. Du haft Öfter die Sale mir 
Himmelauiwarte geſtürnit. 














— 5 — 
um Weihnachten brachte Koſegarten mit ber 


Wolffradtfchen Familie bei einem nahen Verwand . 
ten derſelben, dem Herrn von Bageviz zu Mala, - 


-einige Wochen angenehm gu. Gegen feinen Wirth, 


einen Befchäper der fennzbfifchen Tragiker, verthei⸗ 


digte ee mit großem Eifer feinen Liebling Sha- 
fespeare. Er Hrebiate in dem nahegelegenen Lan- 
dow, umd wie gewbhulich mit großem Beuer. 
Bon dem alten Paſtor erdielt er eine Ermabnung. 
Er ſagt in ſeinem Tagebuche: „Dee alte Paſtor 
ſelbſt ward von Stund’ an mein Freund, Fam nach 
geendigter Arbeit gu mir, akäiränfchte mir von 
Herzen, nahm mich darauf allein, und ſtellte mie 


mit herzlichen, väterlichen Liebe vor, wie Ich Bott - 


su danken Babe fü das Pfund, das mir verlichen 
worden; wie ich es doch ja gu Ehrem Seiner und 
Seiner Kirche auch ferner brauchen, mich nicht 
ſollte Wenden Iaffen durch die Geſchwaͤtze der falſch⸗ 
verüßinten Kunf. — Zugleich geſtand er mir feine 
anfangs minder vortbeifhafte Meinung von mit, 
und bat mich, dach auch mein Aeußeres Fänftig ein 
wenig zu menagiren. Der Schwache Arare ſich fo 


leicht, und es wuͤrde gieig Schade fein, wenn ih 
dnurch Bernachläff igung eines zwar kleinlichen und 
nur einverſtandenen, aber darum nicht minder gefot⸗ 
derten Dekori, mich ſelbſt des hohen Gluͤds be⸗ 
rauben wuͤrde J Menſchenlebrer und Menſchen⸗ 
wobltbater. zu werden, Kurz, feit ich meinen Be 
. te.zum letzten male, geſprochen, hatte ich fo eins 
tonbres und ‚andringendes nicht gehört. Auch lieh 
ichs mir aeſagt ſein, und dankte dem. site 
Alten aus Herzensgrunde⸗ 

Im Anfange des Jahres. 1778 machte —* 
ten Öftere Wanderungen In. die. Sraffchaft Putbus, 
deren ‚Gegend fo .niele Reize für ihn hatte. Vor⸗ 

zuͤglich gern verweilte er zu Banken, am Fuße der 
wmaldigten Anbbben der Graniz, bei feinem chena⸗ 
ligen Lehrer, dem Paſtor Blumenthal. Auch lernte 
er bier den Paſtor Linde zu Casnevij, feinen nach⸗ 
maligen Schwiegervater, kennen. Im April erſchien 
ſeine zweite Gedichteſammlung: Thranen und 
Wonnen. Von dem Verfaſſer der Melancholien. 
Stralſund. 1778. Sie iſt ſeinem Freunde Gering 
aewidmet, und eathaltd die gegen das Ende feines. Auf⸗ 








uns "87 —— 


enthalte" zu Greifewald und die su Bergen bis da» 
bin verfaßten Lieder. Gleiches Leben herrſcht in 
ihnen wie In denen der Melancholien, Ueber Diefe 
feine fruͤheßen Dichtungen. urtheilte ex in ſpaͤterem 
Alter, in der Geſchichte feines funftigſten Lebens⸗ 
jahres, nachdem er gefagt, daß feine erfien Lebens⸗ 
Ingen dichterifcher Entwicelung ungünßig geweſen, 
alfo: „Wie fchildert doch der nun auch hinüber 
gegangene, aber uns unvergeßliche Wandebedler 
Bote uns feinen Dichter: „Ich ſtelle mir den 
Dichter vor, fchreibt er, als einen fchönen weich“ 
herzigen Züngling, der zu gewiflen Zeiten pletho⸗ 
tifch wird, fo deſperat, als wenn unfer einen der 
Nachtmoor reitet; und dann tritt ein Fieber ein, 
das den fchönen weichberzigen Juͤngling heiß und 
krank macht, dis ſich die materia peccans in eine 
Ode, Elegie oder deß etwas ſecernirt, und wer 
ihm zu nab koͤmmt, wird angefledt...... ” Diefer 
Füngling war ich. Man darf nur leſen die Me⸗ 
lancholien, die Thraͤnen und Wonnen, bie 
Katurgefänge zumal und die Darfiehungen innerer 
Zußände; und man wird wehmuͤthig lächeln der ge⸗ 


+ 


— 7. — — 


waltfamen Anſtrengnugen, womit der niefbemegit 
Jungling ſich auszuſprochen fireht, wie er ſich zer⸗ 
arbeitet, los zu werben bes Drauze, der ihn audit 
und die in feinem Junern gahrende Welt zu gr 
falten und zu bilben: 





Bereidet keinen Schule, keinen Motte 

Verkauft um ſchnöden Lohn und feiled Lob, 
Geborchend einzig dem gewaltigen Gotte, 

Wagt' Ih zu fingen, wad die Bruſt mir bob. 
Die Katarakte ſchoß den Seldhang nieder ; 

Raub Hangen, herzlich doch des Juͤnglinge Ein. 


Gezundet durch dad Heilige und Hote 
Entſtoben Funken der verborgnen Giuth; 

Dad Schlechte nur, das Niedrige and Nabe 
Verſchmähte zürnend die geweibte Wut, 

Ich fang die Liebe meiner Rofeniugend , 
Gott, die Natur, die Schöntzeit und die Tugent 


— 


Im Fruͤhlinge 1778 dichtete Kofegarten I 


Bergen die Elegienan Agnes; Dichtungen; Band. 
Er bewarb fich zu diefer Zeit, um feine abhaͤngige 
Lage verlaffen gu Tonnen, um bie erledigte Rekter⸗ 


- > 











ur; 
— 9 — 


fielle u Stratſund, und hoffte in ber Folge viel⸗ 
leicht zu einem alademifchen Amte befebert zu 
werden. : Inzwiſchen gelang ihm diefer Plan da⸗ 
mals nicht. Obwohl nun fein Aufenthalt zu Ber⸗ 
gen, für eine Stelle diefer Art, manches Angenehme 
für ihn hatte, fo machte bach fein ungefimes Tem⸗ 
perament, daß er im folchen Engen ſelten lauge aus⸗ 
herren konnte. Die Aeltern hielten es gerathen, 
einem ruhigeren Fuͤhrer die Erziehung Ihrer Kiu⸗ 
der zu Abergeben, und er verließ Bergen nach Ofern. 
Er bielt fich einige Zeit bei feinem Freunde Blu⸗ 
menthal in Landen auf. Er ſagt: ‚Mehrere Tage 
verlebte ich. hier wieder, ind ganz wieder auf meine 
alte Weiſe — Tag und Nacht umherſchwaͤrmend. — 
"Auf meinen unermüdlichen Wanderungen hatte ich 
ein altes und fehr wohl erhaltenes Hünengrab ent⸗ 
delt, das mich ganz am fich sog. Es lag im tie 
fon Walde... . Ein Hügel — um feine Wurzeln 
das Rund der Steine, auf feiner Scheitel dag Fel⸗ 
ſenmaal, überfchauert vom Getrümmer taufendiähe 
tiger Eichen, die. von Alter eingefchoffen- und nur 
ſehr ſparſam belanbt, dem Rande einen vüsftigen 





— 60 — 

Schatten: lieben. Hier verfaß ich den balben Tu 
Hier barg. ich mich vor dem. Brande des Mittagt 
Hier ſah ich die Sonne binter die Berge nieder 
ſinken. Hier lag ich oftmals noch, auf einen der 
bemosf'ten Maalßeine der Länge nach hingeſtredt, in 
Hoher Mitternacht. Leu und Wang, umd Jung 
frau. und Skorpidn beaͤugelten mich Durchs rar 
felnde Laub der Eichenwinfel. Meine Kleidung mr 
von. Thau durchwaͤſſert. Mein Haar for en 
"um meine Schultern: 


Schweigt Nachtigallen. Unken ſchweigt. 
Schauererinn erung umflüſtert mich. 
Zwiſchen vier moofigen Steinen, 
unter drei rauſchenden Eichen fin ih bie. 


Ueber die vier moosbedeckten Steine, 
Aber die drei. rauſchenden Eigen Gried’ und N! 
Die ihr hie ſchlummert, Helden, Herrliche, 
Stumm fanft, die ibr fielet in der donnerrda 
Echlagt. “u 


Bu Lanken verfaßte ı er im Mai 1778. auch ME: 
Schutzgedicht: 





Im weißen —E im ſtillen Monben alamen 
Sitzt hoch auf einem Negenbogenthren 
Die Unſchuld. Ihre Stirn, von Amneantgenfrängen 

“ Umfchattet , blickt nicht Stolz ned Hobn. | 


Doch blickt fie Würd‘ und uh der Spuͤrhund arewobn 
wittert, 
Die Dogge Alatſchſucht befiet um fie Gen, 
Ihr Gemein Bleibt weiß. Ihr Stutl bleibt um: 
erfchüttert, 
und isre Stirn: wollenleer. 


Bon Lauken aus eſechte er das einfame Dind- 
ont, deffen She Hügel, und meerumbraufse Borge⸗ 
birge Peerd, Kleingicker und Sbieſſew. .Die zu 
Middelhagen grade zur Kirche verſammelten ſchwar;⸗ 
wammſigen Monchguter führten ihm mit vielen 
banetiſchen Reverenzen in ihre Schente, dann 
aber auf fein Verlangen ‚zum Paſtor, in welchem 
er einen gutmuͤthigen, kranklichen Hypochendriſten 
fand. Diefer klagte bitter, daß er doert in einer 
Vuͤſte, abgeſchieden von allen Menſchen ſeines 
Standes, verſchmachten muͤſſe. Koſegarten begleitete 


— 62 —. .- 


ihm nach feinem Wohnorte Brogenpiihr, und ſuchte 
ibn von feinen -Häferen Schilderungen abzulenken, 
und ihn beiterer gu filmmen. Er fing an Ihm von 
dem neueſten Zuſtande der vaterländifchen und der 
auswärtigen Literatur zu erzählen. Er. fagt: „Noch 
batte ich meinen Abriß nicht zur Hälfte geendigt, 
als der träbfinnige Mann aufland. Seine Bat 
gen hatten etwas Farbe, feine Augen etwas Glut 
gewonnen. Er sing mit ſtarken Schritten Im Zin⸗ 
mer auf und ab» Dann ſtellte er ſich mit in ein⸗ 
ander geſchlungenen Armen laͤchelnd vor mich bin- 
‚Dies war das Lacheln nicht mehr, das mir vorhin 
ſo weh that. Es war der cerfie Sommnſtrabl/ der 

ſich durch den euenblkten Himmel Bricht’ Ich vente 
diefen: Augenblick. Er hatte mir vorhin fhen fe 
nen Hang zur Muſik entdeit. Ein alter Aumpel⸗ 
kaſten von Clavier Band de, der freilich feit man⸗ 
chen Jahren nur bie Stelle eines Bacherrepoſtorim 
amnmerlich vertreien hatte: Ich taumte ihm huruit 
ab, immte Die hals verroſteten Gatten, fe aut m 
ſchlecht ich kounte, und ſpielte daraitf, mad de 
Ding ertragen woute. Der Paßer verfuchte ſelbi 











— 63 — 
ein Dane feinen alten Lieblingslicher, Die Vaſtsrin 
fng: Ich Hedte kur Jomenen. Die Kinder fagen 
borchend um uns ber. Seit Jahren hatte es einen 

fü luſtigen Abend in Großenzicker nicht gegeben.“ 

Koſegarten begab ſich hierauf, im Fruͤblinge 
1778 gu dem Herrn Wewezer gu Boldeviz, einem 
Gute auf Rügen in der Nähe von Bergen, und 
blieb dort als Hauslehrer anderthalb Jahre. Er 
ward von der Familie mit Freundſchaft behandelt, 
und gefiel ſich wohl in der dortigen Gegend, weiche 
reich an Weldung if. Er gedenkt iprer in dem Ge⸗ 

dichte: bie Ralunlen, da er ſagt⸗ 
Sqlant aiͤihr Wucht, wie die Rick’ im Nolenis Hainen, Ifr 

Buſen 


Wie die Feder am Halſe des Schwans am Behade der 
Prora. 


Auf feinen Wanderungen im Bolbeiker See 
Ing er den. ganzen Eſchenburgifchen Chakespeare 
mit Begierde darch. Auch fing er ders am, feine 
Sindien wieder fortzuſeden, und Ins die Schruten 


— 64 — | 
von Lambert und Euler. . au. Bold dichtete er 
im Mat 1778 die Elchie: 


Die du mich OAter am Arm ber Freunde beim bliukenden 
| | Helchglas, | 
. Defter an. Jinny's Bruſt, öfter im Wald erarifk, 
Oefter mich im Rauſchen der Kirchhofpappel beſuchtet, 
Wenn ich mich ernſt wie die Nacht unter den Torten 
| erging — 
Suͤhe ernſte, trauernde Wehmuth, wer biſt dur 


md im Sommer deifelken Jahtes die Romane: 
die Ralunken, deren Handling in die Mästide 
Vorzeit, nach dem Schloffe Ralow, verlegt iR; im 
Herbfe-den: Abſchied von Zinny : 


Dich verlaſſen ſoll ih? Di verlieren, 
Die ih mir and einer Welt erfor? 


md. etwas fpäter das: Gebicht: Unfterblichkeit⸗ 
Inn Jahre 1779 ließ er zu Stralſund die Ode: 

Die hochfe Gluͤcſeligkeit, drucken, und gab ein Ttau⸗ 
erſpiel heraus unter dem Titel; Darmand und 





.- 5 — 


Allwina, ein Trauerfpiel. Dem Verfaſſer des 
Julius von Tarent zugeeignet. Frankfurt und Leipzig 
1779. Der Gegenſtand ifl die unglüdliche Liebe ei⸗ 
nes bürgerlichen Juͤnglinges und eines abligen Fraͤu⸗ 
leins, welche die Ungleichheit des Standes trennt. 
Diefes Verhaͤltniß if in dem Stuͤcke mit den grell- 
“fen Farben gefchildert; und da man auch Anfpies 
lungen . auf wirkliche Umfände darin fand, fo 
mißbilligten einige Bekannte die Herausgabe. Zu 
Boldeviz Ins Kofegarten damals auch zum erfieh- 
male die Iliade und die Odyſſee vollſaͤndig, und 
fühlte fich befonders von der Ichteren fo lebhaft er⸗ 
griffen, daß er fie ins Deutfche zu Aberfeben bes 
ſchloß. Er vollendete noch zu Boldeviz die Ueber⸗ 
ſetzung der zwolf erſten Geſaͤnge, und machte ei⸗ 
nige Jahre fpäter eine Probe bekaunt. 

Da ihm um dieſe Zeit zu einer Stelle in Meck⸗ 
lenburg Hoffnung gemacht ward, fo entichloß er ſich 
im Herbſte 1779 Boldeviz gu verlaffen. Ungern 
ſchied er von ber ihm lieb gewordenen Inſel, und 
befonders von einem Freunde Eiferbart, welchen ev 
dort gefunden hatte. Er fagt von diefem, Inden er 

XIL. Band, 05] 


— 66 — 


| feine Abreiſe von Boldevitz erwähnt: „Ich hatte 


* 


biee manche liebenswürdige Familie kennen gelernt, 
manchen wadern Mann, manchen guten Juͤngling 
An keinen hatte ich mich inniger angefchlofien, ale 
an meinen. Etfeehart. Diefer feltne Mann mar 
Hauslehver in einer benachbarten adligen Familie. 
Während feines etwa viersigiäßrigen Lebens hatte 
ex mit unermübetem Fleiß, der durch die herrlich⸗ 
ſten Naturgaben und bie beſten Gelegenheiten un: 
terküßt ward, ſich bes Wiffenswärdigen im beinahe 
allen Faͤchern bemächtigt. Er -dichtete, mahlte, mar 
Virtuos auf mehreren Inſtrumenten, fchrich und 


‚redete die gelehrten :und die Geſellſchaftsſprachen 
mit Fertigkeit, war Meiſter in allen Leibesübungen, 


ein tieffinniger Philoſoph und Mathematiker, ein 
Gefchichtkundiger, als wäre diefes fein einziges Stu⸗ 
dium gewefen, und im mehr deut einer Fakullaͤt 
der hoͤchſten afabemifchen Würden faͤhig. Es ver⸗ 
ſteht ſich, daß fo. ausnehmende Verdienſte micht 
ohne ſeltne Gutmuͤthigkeit und eine durchaus an- 


ſpruchloſe Demuth fein konnten. Was mir ihn aber 


boͤchſt intereſſant und ehrwuͤrdig machte, war de 





— 67 — 
Heldenmuth, mit welchem dieſer verdiente, aber 
fein ganzes Leben durch vom Verbaͤngniß gleichſam 
verfolgte Mann, die berafen Schläge defielben, 
Schlaͤge deren Einer jeden anderen zermalmt haben 
würde, befianden hatte. — Eine liche Braut hatie _ 
ihm der Tod entrifien.. . . Hm ein Vermögen von 
smanzigtaufend Thalern hatten Schurken Ihn betro⸗ 
gen... Mebrmalen waren feine Lieblingspläne Durch, 
ſchreckliche Krankheiten vereitelt warden. Eben icht, 
da ich feine Belanntichaft machte, erlag er einem 
hoͤchſt fchmerzhaften hofnungsloſen Siechthum, das 
feine Gelenke verſteinert, feine dußerſten Glied⸗ 
maßen aleichſam verglaft batte, jede willkarliche 
Bewegung ihm aͤußerſt erſchwerte, feinen Troͤſtern, 
der Floͤte und dem Clavier, ein ewiges Schweigen 
auferlegte, und ihn fo einem langſamen, aber ge 
wiſſen, Abſterben täglich ſpuͤrhar entgegenfährte. 
In dieſer gaͤnzlichen Verſchloſſenheit aller irdiſchen 
Ausſichten behauptete mein Eiſerhart eine Heiter 
keit, die, um Strahlen zu werfen, nur eines Ge⸗ 
genſtandes bedurfte, auf dem ſie ſich brechen kounte 
O! wie oft bin ich muthlos zu ihrn gefammen, und 


— 68 — 
durch fein Beiſpiel beſchaͤmt und geſtaͤrkt in hoher 
Mitternacht freudig von ihm hinweggeritten. Ich 
beſuchte ihn die Woche einmal, zuweilen auch wohl 
mehreremal. Stundenlang luſtwandelten wir in 
den Auen alles menſchlichen Wiſſens. Homer und 
Sophokles, die ich ſteißig mitbrachte, ſchienen mit 
Medeenzauber ihn zu verjuͤngen. Je tiefer die Nacht 
ward, je muntrer, ausgelaſſener ward er; fein Bit 


floß unerſchoͤpflich, die Anekdoten ſtroͤmmten ihm in, 


und er verſtand fie ſo unwiderſtehlich drollig variı: 
tragen, daß ich ihn oft mit thränenden Augen und 
ichmerzender Hirnhaut bitten mußte, meines Athems 
umd meines Zwerchfells zu fchenen. — Kein But: 
Der, daß ich ihm unentbehrlich ward. Er freue 
ich zu den Tagen meines Befuches. Er yäplte die 
. Stunden bis gu meiner Wiederkunft. Und einmal, 
der zweimal, da ich, durch Gefchäfte gehindert, auf 
geblichen war, hatte er ſich in den Sattel heben 
laſſen, und Fam Tee und kuͤhnlich, dem ſchulgerech⸗ 
seien Meiter gleich, vor meine Thür gefprengt. 
Nm dieſes Edlen willen hätte ich auf Rügen 


" Weiten mögen. Er verlor in mir fein Ichtes Hebri- 





— 69 — 


ged. Uber ee ſelbſt hatte mich zu meinem Ent⸗ 
ſchluſſe beſtimmt. Wir waren am Abend vor mei⸗ 
ner Abreife beim Propfle sufammen, einem hellden· 
kenden feurigen Manne, der uns beide ſchaͤtzte, und, 
um unſer zu guter Letzt noch einmal zu genießen, 
ihn, mich, und mehrere junge Gelehrte aus der 
Nachbarſchaft zu ſich geladen hatte. Wir aßen, 
tranken, ſcherzten und waren fröhlich bie zum Au⸗ 
gendlicke des Abſchiedes. — Jetzt verlor Eiſerhart 
alle Faſſung. Stumm und ſchluchzend fiel er, der 
Unerſchuͤtterliche, mir um den Hals, und ſeine be⸗ 
wegungsloſen Arme ſchlangen ſich krampfhaft um 
mich zuſammen. — Schon waren wir aus eingnder 
geſtoben — jeder zoz einſam feinen Weg — ich mit 
‚meinem Zoͤgling den meinigen, langſam und gedan⸗ 
fenvoB, den ſternbeſaeten Himmel anſtaunend — 
als ploͤtzlich die Stoppeln heruͤber querfeldein ein 
Reiter zu uns herſprengt. Es if Eiferhart! fagte 
Erich. — Er war ed. Bender, fagte er, und 
reichte mir die flatre Hand, ich wollte Dir fo 
gern noch einmal dic Hand geben — iM 
dieſer Welt! Sprachlos velchte ich Ihm die mei⸗ 





— m — 


nige — und ich werde: fie Ihm in biefer Belt nicht 
wiederreichen. Er if bald in eine beſſere hinüber: 
geſchlummert.“ 
Die letzten Tage feines damaligen Aufentbaltes 
- auf Rügen brachte Kofegarten zu Casnerh und 
Putbus zu. Dann ging er im November nach Stral⸗ 
fund, uf der Ueberfahrt vief er der Inſel cin 
‚Lebewohl zu. er 
gebe woht, 
Mit deinen heiligen Bergen ! 
Mit deinen fänfelnden Hainen: 
Mit Heinen traulichen Töchtern: : 
Mit deinen: biedern Söhnen ! 
® ‚lebe, lebe, lebe wohl! 


Da. Die Assfickt, eine Stelle in Meienben zu 
erhalten, wieder verſchwunden war; fo uͤbernahm 
Eoſegarten noch in dieſem Herbſte eine Hauslchrer⸗ 
ſtelle bei dem. Herrn von Kengew zu Zanſedur, 
einem Landgute zwiſchen Stralſund und Bard. Zu 
Zanſebur blieb er fünfzehn Monate. Dort vollen⸗ 

dete er die Ueberſetzung der Odyſſee, begann wieder 
ohllofsphifche und theologiſche Studien, predigt: 








— 71 — 


bänfig ‚ und Dichtete viel. Augenehm machte ibm 
diefen Aufenthalt vorzüglich. der freuuäfchaftliche 
Umgang mit der benachbarten Familie des Yallır 
Otto zu Nievars, und mit der Hagenowſchen Fa⸗ 
milie zu Laſſentin und Todenbagen. Im Fahre 
1780 gab er ein Schaufpiel heraus, unter dem Titel: 
Wunna, oder die Thränen des Wiederſehens. Ein 
Schaufpiel mit Gefaug. Am Ende eilf Lieder und 
eine Elegie. Stralfund 1780. 8. Ferner lies er in 
diefem fahre als Probe feiner ueberſetzung der 
Odyſſer den vierten Geſang derfelben drucken: Probe 
der verdeutfchten Odyſſee nebf Ankündigung. Stral⸗ 
fund 1780. 4 Don diefer Ueberſetzung urtheilte er 
etwas fpdter: „Waͤrmer if fie als die Voſſiſche, 
vielleicht minder wahr.” Kinige feiner Predigten 
erſchienen unter dem Titel: Wahre Weisheit. Stral- 
fund 1780. Glaube und Unglaube. Stralſund 1781. 
Zu Zanfebur bichtete er die Romanze: das 
Sräulein von Garmin, die Rieder: Post mubila Phoe- 
bus, Via crucis via lucis, Elldor an Elldore, Abſchied 
von Ida, fo wie fie in der erſten Ausgabe der Ger 
dichte. Leipzig 1788 lauten, Viele kleine gu Zan⸗ 


\ 


— —7 — 
ſebur von ihm verfatte Gedichte find ungedenci 
WS Andenlen an jene Zeit moͤge eines derſelben hier 
Heben. 0 


An den Garten su Laffentin, 


In deinem falben Sterbekleid, 

In deiner Herbſtesherrlichkeit, 

Im Wehſn des Todes rings um dich, 
O Garten, Garten, grüßt ich dich 


TU wine’ dir tauſend Grüße au, 
Du Fleine traute Lande, du: 

Ko ich fo oft bei Agnes (aß, 
Und meiner und der Welt vergaß, 


Ich gruͤße dich, du Naſenbank, 
Wo Agnes an die Bruſt mir ſank, 
Wo mir die Hocherröthende 

Daß ſie mich liebte, lispelte: 


Ich grüße dich, du Blumrevier, 

Wo oft die holde Agnes mir, 

Die ſchönſten Blumen abgepftückt, 
und meine Bruſt damit geſchmückt: 








ag — 73 — 

Ich grüß' euch alle mit Geſaug, 

Ihr Gänge, die ich oft entlang, 

Wenn Gottes Mond am Himmel hing, 
Mit meiner Agnes wandeln ging! 


O Sartent Garten: Geiede biel 

D Garten! Garten! für und für 
Gebenk ich dein, und dein Geſiche 
Berge ich nun und ewig wicht! 


Im Sſchmetz des Brüßlingd Tide 15 Aiı 
Im Strahzi der Sommers liebt ich dicht 
Jert lieb ich die in Herbſtestracht 

Einſt lieb ich dich in Winterpracht: 


Bas ſtehſſt fo traurig? Trau'rſt vielleicht, 
Daß alle deine Zier erbleicht? 

Daß al dein Laub im Sturm verſauſſt, 
Daß Reif und Kälte dich umbanf'r? 


Steh nicht fo traurig! Gräm dich nicht. 
Einf ehrt des Frühlings golbnes Licht! 
Dann wir du wicher Geld md (döm 
WwWie Boden Mund Garten fein: 





— 74 — 


Dann wird auch Agnes Hold und ſchön 
Bon neuem in dir wandeln gehn; 
Dann werd’ ich wieder, ihr am Ara, 
Dich grliien, lenz⸗ und liebewarm. 


Dany will ich die, du Holder, di, 
Biel tauſend Geüße winten au? — 

. Deum bi8 getroſt? Denn ewigtich, 
Wie meine Agnes, ueb ich dich. 


Im Gebruar 1781 verließ Koſegarten Zanſebur, 
und beſuchte ſeine Baterſtadt, wo er der Hochzeit⸗ 
feier ſeiner Schweſter beiwohnte. Dann trat er Im 
Maͤrz eine Hauslehrerſtelle an bei dem Herrn von 
Flotow zu Rees, einem Gut in Mecklenburg, ehn⸗ 
gefaͤhr eine Meile von Rofol. Hier brachte er 
den Sommer zu, in einer Gegend; welche ihm a" 
ziehend fchten, wegen ihrer Hügel und Hölzungen, 

welche die Warne durchichlängelt. Er las dort die 
Geſange Taſſo's und Petrarka's, und ſchrieb die ſpaͤ⸗ 
ter herausgegebenen Roſenmande Ewalds. Zugleich 
befchäftigte er ſich mit egegetiichen Stadien, und 
machte im Julius dieſes Jadrer das tzeologiſche 











— 3 — e— 

Eramen zu Greifswald. Um Michaells verließ er 
Reg, und sing auf kurze Zeit nach Buͤtzow. Hier 
fuchten ihn mehrere Profeſſoren für die Akademie 
feſtzuhalten, und verwendeten fh bei dem Herzoge 
dafür, daß Kofegarten angeſtellt werden möchte mit 
dem Auftrage, Borlefungen über griechiſche Litera⸗ 
tue und fchöne Wilfenfchaften zu halten. Allein 
diefes Geſuch ward nicht bewilliget, und Koſegarten 
wandte fich daher. wieder nach Pommern. Er bes 
fuchte im Spatherbſt feine Freunde gu Niepars und 
Todenhagen, und dichtete dort bie Romanze: Schön 
Hedchen, und das Lied: Das Blattchen, an Ida 

Otto. 

Gegen Ende des Jahres 1781 ging Koſegarten 
wieder nach Ruͤgen, wohin tun feine Vorkiebe für 
die Infel, und feine früheren Bekauntſchaften zo⸗ 
gen. Dort erhielt er bald darauf eine Hauslehrer⸗ 
elle bei dem Seren von Katben zu Gbtemiz, ei⸗ 
nem Manne, beffen geraden und biebren Charakter 
er ſchaͤzen lernte. Diefe war die letzte Stelle die⸗ 

fer Urt, welche Kofegarten verwaltete, und er blieb 
gu Gotemiz vier Jahre. Er befand fich dort in ber 


— 76 — 


Naͤbe feines alten Freundes, des Paſtor Linde zu 
Casneviz, und ber ſchoͤnen Gegend von Putbus. Oft 
beſuchte er auch das benachbarte Mellniz. Gr did. 
tete viel, Audierte gricchifche Schriftſteller, vorzüg- 
lich Euripides, und üiberfebte daraus. Zu Meint 
dichtete ‚er im Jahre 1732 unter anderem die Hymne 
an die Tugend, das boͤchſte But, Salem und Sul 
mh, die Sprüche Jehova's, und bie Bearbeitungen 
einiger Stuͤcke ans Euripides, die ſterbende Alkaͤſis, 
Iphigeniens Opferuug, letzte Webklage um Troia: 
zu Gotemiz im Herbſte dieſes Jahres die Romanze: 
AMitogar und Wanda. Im Hexbſte des Jahres 178 
überfebte er einige Hymnen englifcher Dichter, wie 
die an den Morgen von Milten, und die an die 
Sabresgeiten von Thomſon. Häufig ‚predigte er in 
ben benachbarten Kirchen, vorzüglich zu Casnevij 
Im Anfange des Jahres 1784 machte Koſegar⸗ 
ten eine. Reife nach Grevesmuͤhlen, und beachte 
bei dieſer Gelegenbeit Laͤbbeck, wo er Berfienbein, 
den Verfaſſer des Ugolino, kennen zu lernen waͤnſchte, 
aber nicht vorfand. Zu Goͤtemiz befchäftigte er ſich 
in dieſem Jahre mit der Uckerttagung orpheiſcher 


— 





— 2 
. 64 


Hymnen, z. B. der Hymne an die Natur, und ber 
an den Mond. Auch die altnordifche Literatur er; 
vegte feine Aufmerkfamfeit, und er uͤberſetzte Reg⸗ 
ner Lodbrogs Sterbelted. Im Fruͤhlinge des fül- 
genden Jahres verlor er feinen väterlichen Freund, 
den Paſtor Linde zu Casneviz, und hielt bei deſſen 
Beſtattung die Gedaͤchtnißrede. Bald darauf machte 
er abermals einen Beſuch in feiner Vaterſtadt, und 
fah mit Rührung die Fluren wieder, auf melden 
er feine Kindheit verlebte. Er fagt daräber: 
„Diefen Morgen babe ich mit meinem Freunde 
und beiden Brüdern eine Wallfahrt gemacht nad . 
dem lieben Hamberger Berge, dem "gembhnlichen 
Ziel meiner Knabenwanderungen. Am Fuß des 
‚ Bielbeder Sees ſteigt er allmaͤhlich, bald in ſanf⸗ 
teren Abhaͤngen, bald in ſteileren Wänden, in dic 
Höhe, und gewährt von feinem grauen Gipfel eine 
ſehr mannigfaltige Ausſicht. Unzaͤblige Forſte, Flu⸗ 
ren, Flecken und Dirfer kreuzen ſich rings umber. 
Zur Rechten begrenzt die Oſtſee den’ Geſichtskreis. 
Zur Linken ruht das Ange auf duͤſterblauen Bergen. 
Hinten raufcht dev Everfiorfer Wald. Born Findet 


— 78 — 

das mühe Auge keinen Rubpunkt. — Hier fand id 
ſo oft in meines Lebens Dämmerzeiten, ſtaunte in 
die uferloſe Schöpfung hinein, ſtreckte meine Arme 
gegen die unendlichkeit aus, ſehnte mich in die 
Welt hinein, die jenſeit der Berge ſich aufthun 
möchte, zauberte mir Roſenwelten und ahndeie un⸗ 
bekannte Seligleiten. — Hier regte das ſuͤße Flu⸗ 
ſtern der Fraͤhlingsabende mir den erſten ſympathe⸗ 
tiſchen Herzſchlag. Hier hob die Begeiſterung mich 
zuerſt empor auf Fluͤgeln des Sturmwindes. Hier 
fühlte ich meines Geiſtes verborgne Tiefen, und 
sröftete im Genuſſe meiner ſelbſt mich ob den Kraͤn⸗ 
„ungen und den Demuͤthigungen, die mir nicht ſel⸗ 
ten zu Haufe widerfuhren. — Unvergeßlich fen mit 
Hambergs Hoͤbe! Nie müffe die Melle Vielbecks feine 
Wurzeln erwühlen! Nie verdorre das Dorngebuͤſch 
auf ſeiner nackten Scheitel! Der gruͤne Wald, der 
feinen braunen Ruͤcken befchattet, woge ewig him⸗ 
melan, und die. falfche Verfeinerung dringe hie zu 
den friedlichen Hätten, die in feinen Thalen fiedeln.” 

Bald nach feiner Ruͤcklehr aus Merkienbutg 
im Sommer des Jahres 1785, erhielt Koſegarten zu 





— 19% — 


Gbtemiz von dem Wolgaſter Magifirat die Voeation 
zu dem Rektorate der Wolgaſter Stadtſchule. Wie⸗ 
wohl dieſe Stelle viele Arbeit und wenig weltlichen 
Lokn .verbieh, fo übernahm Koſegarten fie doch 
gern, um einmal eine fee Anſtellung zu erhalten. 
Im September verlich er das Haus des Heren von 
Kathen, in dankbarer Anerkennung der bort gemofle- 
nen Freundſchaft, und begab füch nach Wolgaf, um 
daſelbſt fein neues Amt anzutreten. 


»’- 


Vierter Abschnitt. 
Schulamt zu Wolga ſt 


1785 bis 1792. 





X Band, [6] 





21 





Glieich nach feiner Ankunft zu Wolgaf erhielt ge⸗ 
ſegarten von der philoſophiſchen Falultat zu Butzon 
die Magiſterwuͤrde, und gab bet dieſer Gelegenheit 
die Abhandlung heraus: De pulcro essentiali; ex pla- 
ciis veterum. Commentatio philosophico - aesthetica. 
Lipsiae 1785. he er, nach vollzogener Einführung 
feine Amtsgeichäfte beginnen konnte, befschte er die 
ihm fchon ans fruͤherer Zeit werth gewordenen Trüm« - 


mer des alten Schlofies, und die an die Stadt grän- - 


sende Gegend. Don dem, wie ce damals Wolgaſt 
fand, fchrieb er folgendes: 

„Wolgaft iſt dem erfien Anſehn nach ein etwas 
abholder abſchreckender Ort. Er if klein und enges 
die Gaſſen find krumm und böderig, und die Haͤu⸗ 
fee innerbalb der hoben Ringmauern regellos an 
einander gefuͤgt. Das Pflaſter iR ſcharf und ſpibig. 
Eine ſchoͤne helle hochgewdlbte Kirche baben fe. 


64 — 
Ich bin dieſen Nachmittag drinnen geweſen. Sie 
war gedraͤngt von, und als nach dem Schluffe der 
Predigt die verfammelten Schnaren mit: einmal in 
"die Höhe fuhren, des Predigers ſegnender Hand eit- 
gegen, wandelten mid; Schauer an von Anbetung 
und Ebrfurcht. Zwei Kicchen liegen noch vor den 
Thoren. Es find Begraͤhnißkirchen, und nicht zu 
Sffentlichem Gottesdienſt bekimmt. Die eine in der 
fogenannten Bauwiek, einer Vorſtadt, die von lan 
ter Acersleuten bewohnt wird, hat gar ein trauli 
yes Anfehn. Dort von Kornfeldern, hier von doͤrf⸗ 
“ chen Wohnungen umgürtet, hebt fie File und 
einfach gwifchen Linden und Pappeln auf dem gras⸗ 
grühen Gottesacker ihr beicheidenes Haupt empor. 
. Wenn ich bier wandre in der Abenddaͤmmerung, 
und die Bäume mit fchon Armlicherem Laube auf 
mich nieberraufchen, wenn bie Heerden heimkehren, 
und die Leute vor ben Haͤuſern mich fo freundlich 
grüßen, wird mir ganz zu Muthe, wie zu Casneit- 
Gern wandle ich in den VWorflädten, und am Hafen 
. herum. Diefer iſt tief, weit und ſchiffreich. Jene 
find weitläuftiger als die Stadt, veinlich, luftig und 





— 85 — 

landlich. Schiffer und Seefahrer wohnen bier in 
langen Reihen Iachender Häuschen, hinter deren 
hellen Zenfterfcheiben man im Voruͤbergehn manche 
barmlofe Familie wahrnimmt. Von Kindern wim⸗ 
melts bier; die melflen haben ein wohlgefleideteg, 
wohlgendhrtes Anfehn. Wild und freudig tummeln 
fie durch einander, und es If ein Kreifchen und 
Tubeln, daß einem das Herz im Leibe lacht. 

„Die ſchoͤnſte Parthie der Stadt find die alten 
Schloßruinen. Diefes Schloß, welches im vierzehn⸗ 
ten Jahrhundert erbaut ward, und im fechsschnten 
und fiebenzehnten der Sitz manches biederu, from⸗ 
men Herzoges war, if zu Anfange des achtzehnten 
Jahrhunderts von den gerfibrungsfeligen Ruffen ohne 
Noth und Nutzen in Schutt gefchoffen worden. Heute 
Abend nach Sonnenuntergang ging Ich bin. Es liegt 
auf einer Inſel, hart vor dem Wafferthor, und 
Wall und Graben umgürten es. Doch iſt der Wal 
ſehr niedergetreten, und der Graben iſt größtentheils 
trocken. Lange wandelte ich am Buße des Burg- 
walles auf einem mächtigen, aus dem Wafer her⸗ | 
vorragenden Schiffskielholze auf und ab, und lauſchte 


— 86 — 
dem Brällen der See, die, vom Nordoſtwinde auf⸗ 
gewählt, dumpf und fern hergrollte. — Die Sonue 
war geſunken; die Flut klatſchte am meinem Kid. 
Im tiefen Wehen daͤmmerte noch cin kranukes Raid. 
Mäplig flieg der weiße Vollmond höher, und be 
leuchtete die grauflgen Trümmer. — Jcht ging ih 
bin, fie zu fehn. Ueber einen mächtigen Bruͤcken⸗ 
bogen gelangte ich durch ein noch übriges Thor ind 
Innere des Burgringes. Da that das Reich der 
Verwuͤſtung fih vor mie auf,. weit und gräßlic, 
finlende Mauern, taumelnde Pfeiler, berſtende Bo- 
gen, gähnende GStuftgewblbe, Gemäuer umrankt 
von Wintergrän, Schutt und Graus, uͤberkleidet 
mit beerenreichem Hoblunder. — Mich ſchauerte leiſe. 
Nidende Schatten, deuchte mich, fäßen -auf den 
Schutthaufen; Gebilde alter Zeiten wandelten is 
den ſchwarzen Plichergängen, Helden im Gtabl: ' 
ſchmucke, Mädchen mit fließenden Loden. — Hech 
über das wühe Getruͤmmer heben zween gewaltige 
Thürme ihr Haupt empor, Mahner alter Herrlich⸗ 
keit. Ich trat näher. Refte einer Treppe lockten 
mich, in dem einen emporzuſteigen. Sie führte in 





— 87 — 

einen gewblbten Saal, offen allen Winden des Hhit« 
mels. An feinen weißen Wänden las ich tanfend 
Namen, hincingekridelt und bincingegraben, in 
Mondſchein. — Ha wie der Wind bier heulte! Wie 
der Moud wählte In den Ichlagenden Fluten! — 
Die Treppe trug nicht höher. Abgebrochen, Autz« 
drobend ſah ich noch ein vaar morſche Stufen bach 
über meinem Scheitel bangen. Ich ſtieg hinab und 
befab den andern Thurm. Dieſer war unerſteiglich. 
inter dem ungeheuren Steinklumpen aber bffnete 
ein weites Souterrain mie feinen ſchwarzen Schlund. 
Ich tappte mich hinunter. Lange wallte ich in den 
gewdlbten Kreupgängen umber. Es war fü MN bier 
und fo dumpf. Der Bogen ſchwieg uitter mieinem 
Zritt. Die Wände gaben meinen Ruf wicht wie⸗ 
der. Jeder Laut erſtarb im Augenblick des Wer⸗ 
Dend. Es war wle im Brabe. — Hervor Rica ich 
aus der Behanfung ewigen Schweigens, und, ſchon 
vertranier mit den Schauern biefes Zerſrungs⸗ 
veiches, wanderte ich lauge nach zwiſchen ben epheu⸗ 
bewachſenen Gemduern, lange in den dunkeln Flie⸗ 
dergängen umber ..... weihte dieſe Heimald der 


— 88 — 

Moelancholie zu meinem Eigenthum . . . . ahnie 
leiſe, welche Wonnen und eben, welche Gefühle 
und welche Begeiſterung, welche Gefichte und Ban- 
tafieen bier in Zukunft mich‘ überdrängen werden. — 
„Ich bin ausgeweſen, und habe die Landſchaft 

um Wolgaſt befeben. Die Sewäfler abgerechnet, von 
denen fie durchfchnitten wird ’ iſt fie ach und ein⸗ 
formig, ein weites Sandmeer, in deſſen weichen: 
den Wogen der ſinlende Spaziergänger ermuͤdet. 
Eine halbe Stunde von der Stadt liegt der Cifa- 
berg, das Belvedere der Wolgaſter. Ein ziemlich 
beſcheidenes Belvedere; cin niedriger Hügel ei⸗ 
gentlich, der jedoch gegen die waſſerrechten Flächen 
umher ſich ſchon ein ziemliches bedunket. Ich erſiieg 
ihn, und Überfah eine weite Strecke Landes und 
Waſſers. In Dften liegt die Inſel Ueſedom. Nord⸗ 
waͤrts thuͤrmen Ruͤgens Kuͤſten in blauem Dufte. 
Sonne und Mond ſteigen und ſinken zu ſehen von 
"des Hügels moosbedekter Stine, muß einem ganı 
wohl thun, und ohne Zweifel wird diefer Ciſa⸗ 
berg das Ziel von manchen meiner Wan derungen 
werden. An feine Echte lehnt ſich ein Tanne 








— 89 — 


wälbchen, das aber ziemlich licht und Tabl iR. Das 
junge Volk der Stadt firbmt hier an Sonntagen 
zuſammen, ſchmauft frifche Semmel, pfluͤckt Blu⸗ 
men, jagt den Dritten, erluſtigt ſich bis Abend, 
und wandert in ſchimmernden, ſchoͤn gepuhten Rei⸗ 
ben zu Haufe. — Andres als Nadelholz iR Hier 
um Wolgaß nicht zu finden.. Drei oder vier Tan- 
nenkaͤmpe find alles, mas man hat; fie liegen zer⸗ 
ſtreut in den Geldern, und alle in einer Entlegen- 
beit, die zum Luſtwandeln iu fern, zu beilfaner 
Abmuͤdung zu nab iR. — Gar ein trauliches Plaͤtz⸗ 
chen fand ich diefen Nachmittag, als ich das fer 
des Fluſſes hinabwandelte; eine einſame grüne 
Bucht, umfchirmt von hoben Uferraͤnden, in deren 
Mitte eine einzige Linde ſchattet. ine" lange 
Weile Ing Ich bier.— Ein Blümchen babe ich bier 
gefunden, was ich fonft nirgend fand, ein zartes, 
luftiges, atberiſches Gewebe, Fünf milchweiße 
Blättchen, fadenartig zerſchlitzt, mit tauſendfach 
ſchattirtem Kelch. Sie nennen es Feldnelle, und 
es waͤchſt bier uͤberall, auf dem Ciſaberg, im den 
Tannenkaͤmpen, auf dem Schanzenwalle, aus ſchie⸗ 





4 


— 90. — 


rem weißen Sande hervor. Es if wahrlich Das 
liebſte, traulichſte aller Feldbluͤmchen, ein Emblem 
der Reinigkeit und Unſchuld. — 

„Die Einwohner der Stadt find ein recht gu 
tee Schlag von Leuten, kalt und beſonnen, ruhig 
. umb vernünftig, regelrecht und umkändlich.” 

Zu Wolgaf dichtete Kofegarten bald mac ſei⸗ 
ner Ankunft die Ode: Was bleibet und was ſchwindet: 


Es rinnt der Sand der Stunden, 
Es rauſcht der Jahre Flügel. 
Der Zukunft heil'ge Siegel 
Bricht jeder Augendiick. — 


Kiagt, Saiten! weint, ihr Weiden! — — 
— — Doch nein — Eriauchzt in Palmen! 
Rauſcht, Edend ew’ge Palmen! 
Mag fein, daß Staub zerficht! 

. Eins, weiß ih, Tann nicht ſterben, 

Eings trozzet dem Verderben. 
Eins ſpottet der Verweſung — 

Ein Geift der Tugend liebt! 


Am zehnten Oktober erfolgte Kofegartens eis 
führung. Der Präpofitus Kriebel übergab ihm bad 





— 91 — 
Amt mit einer Rede von der Würde und den Pflich- 
ten des Jugendlehrers, welche Kofegarten mit ei⸗ 
"ner Rede vonder Anmuth und Erfreulichkeit des 
Echrergefchäftes beantwortete. Die Wolgaflifche 


Schule war damals gelchrie Schule und Buͤrger⸗ 


ſchule zugleich, und es ſollten auf ihr Juͤnglinge bis 
zum Abgange zur Univerſitaͤt vorbereitet werden nt: 
nen. Den vielartigen Bedärfniffen einer zablrel- 
hen, auf "den verfihiedenartigfien Stufen des Al- 
ters und der Ausbildung fichenden Jugend einiger» 
maßen abzuhelfen, erforderte eine nicht geringe 
Arbeit, und Kofegarten ward bicbei durch feine 
 Gehülfen, welche theils Alter, theils Sorge fchwächte, 
nur unvollfommen unterhüßt. Daher untergog er 
ſich denn ſelbſt während dieſes ſeines Schulamtes 
zu Wolgaf faſt uͤbermaͤßiger Arbeit, und gab Lehr⸗ 
ſtunden vom fruͤheſten Morgen bis zum Spätabend. 
Die Einkünfte der Stelle waren. fehr geringe, und 
dieſes veranlaßte mit, dag Koſegarten auch noch die 
Ausarbeitung größerer ſchriftſtelleriſcher Werke, vor 


zuͤglich Ueberſetzungen englifcher Schriften, „ über- . 


nahm. Diefe verdoppelien Anſtrengungen erſchoͤpf⸗ 


x 


ten endlich feine Erperlichen Kräfte; ſeine Gefund- 
beit ward gefchwächt, vorzuͤglich durch Brußbe⸗ 
ſchwerden, und nach Verlauf vom ungefähr fieben 
Jahren war es Zeit, daß er die Stellr mit eine 
anderen vertauſchen konnte. Die aufrichtige Freund⸗ 
ſchaft, welche viele Familien der Stadt wie die 
des Praͤpoßtus Kriebel, und die des Kaufmann 
Runge, Koſegarten während feines Aufenthaltes zu 
Wolgaft bewieſen, diente dazu, ihn in der muͤhevol⸗ 
len Lage aufzumuntern und zu erheitern. Er ſagt 
daher hiervon in der Geſchichte ſeines funfzigfien 
Lebensjahres: „Gleichwobl, wenn ich ſpaͤterbin, des 
fruͤheren Berufes gedenkend, meiner flebenjaͤhrigen 
agyptiſchen Dienſibarkeit zu Zeiten erwaͤhnt haben 
ſollte, ſo will ich dieſes Bild einzig nur auf das Ueber⸗ 
maß der Arbeit, dem ich mich dort meiſtens freiwillig 
unterwarf, bezogen haben, mit nichten auf die lieb⸗ 
reiche Geſinnung jener bledern und gefuͤhlvollen 
Menſchen, welche mit innigem Bedauern ung rei⸗ 
fen ſahen, und nicht aufgehört haben, mit den 
rahrendſten GErweilungen Achter Freundſchaft und 
thaͤtiger Erkenntlichkeit uns zu überbäufen bid ju 


4 














— 0 — 

dem Augenblidee unſrer Abfahrt./ Koſegatens 
Geiſt und Stimmung waren beim Unterrichte wohl 
mehr dazu geeignet, vorzuͤglich befaͤhigte Geiſter 
lebhaft zu wecken und raſch weiter zu führen, als 
dazu, die groͤßere Zahl der mehr sdgernden langſam 
weiter zu bringen. Er erhielt in fpäteren Jahren 
viele ihm ſehr theure Beweiſe der Anhaͤnglichkeit 
und Dankbarkeit von manchen ſeiner chemaligen 
Zoͤglinge. unter ſeinen Schuͤlern zu Wolzaß be⸗ 
fanden fich der als lieblicher Dichter bekannt ge⸗ 
wordene Carl Lappe, und der geiftreiche Maler 
Otto Runge aus Wolgaſt. 

Nachdem Koſegarten ein Jahr su Welgaf ge⸗ 
wegen war, heirathete er im Herbſie des Jahres 
1786 feines verforbenen Freundes Linde zu Casne⸗ 
viz zweite Tochter Catharina, und feierte feine Hoch- 
zeit zu Greifswald, mo mehrere väterliche Obeime 
feiner Gattinn wohnten. Seit dieſer Zeit brachte i 
er im Sommer oft einige Wochen auf dem bei 
Greifswald gelegenen Landgute Kleinen Kieſow iu, 
welches auch ein Bruder feines Schwiegervaters 
beſaß. Gin häbfcher Garten und ein daran ſtoßen⸗ 


— 94 — 


des Gebblz gewährten ibm ‚bier Erholung, und 
viele feiner Gedichte aus jener Zeit bat er zu Klei⸗ 
nen Kiefow verfaßt. Im Sommer des Jahres 1787 
dichtete er dort die Lieder an Kieſows Fluren, des 
edlern Selbfl Semuthigung Fruͤbgeſang, Geiſt der 
Liebe, an Roſa, die Erſcheinung, an einem Ge 
witterabend, an bie fcheidende Sonne, und mandıe 
andre. Zu Wolgaſt verfaßte er In den Jahren 1787 
.. und 1788 bie Heinen Lieder an Odalla, Sulvina, 
Minona, Fredegunde, Roſa, Fanny, Hippolyta, 
Wallder und Oda, welche in dem fechsten Buche 
der erſten Ausgabe ſeiner Gedichte ſtehen. Die 
Dichtkunſt erhielt ibn jung unter den r abRumpfen 
den Arbeiten. 

Im Anfange feines Aufenthaltes zu Wolgıf 
gab Kofegarten heraus: Pſyche. Ein Mährchen des 
Altertbums. Leipzig 1786. Im Jahre 1788 lich 
er die erſte Ausgabe feiner Gedichte folgen: Gedichte 
von Ludwig Theobul Kofegarten. Zwei Bände. Leip⸗ 
zig 1788, Sie enthaͤlt eine Auswahl aus den Melan⸗ 
cholien, Thraͤnen und Wonnen, und die ſpaͤter entflan- 
denen Lieder. Er drückt in der Vorrede die Hoffnung 





— 95 — — 


ans, daß der Geiſt der Dichtkunſt fein Leben bis 
ans Ende ihm verfchönern werde. Er fagt. „Weit⸗ 
gefehlt alſe, daß ich Gellerts Philomelenruf an die 
Dichter als allgemeingültig anerkennen folte, lebe 
und fierbe ich vielmehr des Glaubens, daß Urania 
ihre Lieblinge mimmer verläßt, und daß in der 
Seele des ächten Dichters das Richt des Liedes erfi 
mit der letzten Lebenslohe erliſcht Diefer Glaube 
bat ſich auch als richtig Ihm bewährt. 

Im Jahre 1788 hielt er zu Wolgaſt an feine 
Zbglinge eine Mede, im welcher er Blicke auf die 
Vergangenbeit und auf die Zukunft feines Lebens“ 
wirft. Er ſagt Bier unter anderem: „Brübe lo⸗ 
ſiete ich des Kelch der Wiſſenſchaften, und kaum 
batte ein Troͤpfe deſſelben meine Zunge gelebt, fo 
entbranute in mir unerfättliche Wißbegierde Welche 
Wolluß war mie das, als ich die Auen der Wiſſen⸗ 
ſchaften ſchoͤn bluͤhend umd duftend weit um mich. 
ber verbreitet liegen fab, und dem Findifchen, aber 
großen Schluß befchloß, fie su durchwandeln in 
allen ihren Graͤnzen. Eifrigk lernte ich num. Ma- 
los fammelte ich. Lange Winternächte durchſaß ich 


* 


— 96 — 


über den Werken der Weiſen, und der kommende 


Morgenſtern fand mich dfter eingenict auf meinen 


>. 


Büchern. Ich lerute die Zungen der Vorwelt, die 
Zungen Maro’s, Homers, Jeſaias und ſchon im milf- 
ten Jahr las ich in den Meiſterſtuͤcken ihres Geißts 
Ich forſchte nach dem Schöpfer im Geſchoͤpfe, inder 
Pflanzenwelt, und im Steinreich, im wundervollen 


Bau des Menſchen, in den Kräften ber. Kbrper und der 


Beier, und im Reigentan feiner tauſendmaltan⸗ 


ſend rollenden Weltenballe. — Mein Entzüden war 


die ſelige Dichtlkunſt. Meine Erholung die Ge 
fehichte der Welt. Ueber dieſe verſaß ich Spiel 
und Gefelfchaft; über Noms und Wihens Taten 
verfaß.ich Schlaf .und Mahlzeit. An die Rieſen⸗ 


geiſter diefer Zeiten bing ich mich, und lichte ſie 


und trug Freude und Leid mit ibnen,. theilte ihren 
Ruhm und litt um ihre Schmach, fiegte mit.Bil- 
tindes bei Marathon, farb mit Leonidas fürs Br 
terland, wanderte mit. Rorielan ins Elend, geld 
tete Caſar über den Rubikon, wähnte unter Die 
fen Genien und Heroen mich. ſchon ſelber einen 


Heros. — 0, 





— 1 — 


3% gebente an bie Tage, bie nicht mehr 
find. Ich gedenke an die Wege, die mich die Vor⸗ 
ſehung wandern hieß, Wege, die ich nicht faſſen 
Tonnte, und die dennoch, fiehe! mich führen mußten 
zum Beften des Ganzen, und folglich auch zu mei⸗ 
nem Beſten. Durch Hell und Dunkel, durch Engen 
und Irren, durch Umwege und Richtſteige, durch 
Stürme und Sonnenſchein, durch Auen und Bi 
ſten fabrte Die Hochzupreiſende mich endlich in eure 
Mitte, meine jungen Sreunde, und gebot mit, 
euch zu bilden umd zu lehren, euch für die Zeit 
‚und Ewigfeit zn erziehen. —. Wie ich dieſes ſeit 


den ſieben und zwanzig Monden, die ich unter euch 


bin, gethan babe, wißt ihr ſelbſt am beſten. _ 
Daß meine Veſchaftiguns an euch nicht gar verlo⸗ 
ren geweſen, daß hin und wieder in meinem Baum⸗ 
garten ein iunger Schoͤßling draͤngende Knospen 
treibt, und für die Zufunft viele Bluͤthen und 


Fruͤchte verſpricht, if mein fchönfter Lohn. — Und. 


| für dieſen Lohn ‚und für dieſe belohnende Ausſi ht, 
und für alle Begegniffe meiner dreißigiährigen 
Banderfchaft, für. jede ‚Stile und jeden Sturm, 
XI. Sand. [7] —— 


4 


98 — 


fdr jeden Regenſchauer, und jeden Hagelſchlat 
fuͤr jede Ermattung und jede Erlabung — Da, 
der den Sternen ihren Lauf, und dem Menſchen 
feine Bahn bezeichnet — dafür danfe Die dieſer 


heißere Hergensfchlag! 


nude Wanderer wender fi anf feines. Berges 
Hbhe, und ſteht die Straßen an, die er noch ıu 
wandeln bat. Aber Nebel ſchatten fie. 3 wende 


mich, und ſchaue in die Tage binein, die ned 


kommen werden. Aber Dunkel Hälet fie — Bar 
den meiner Erdentage noch viele fein, oder winfe 
mie bald Vollendung? ‚Weide ich noch oft bie 
Blumen bienieben forießen fehn? Oder werde ich 
bald pinüberwelten in Gottes ewigen Frühling? 


J Werde ich noch oft mit irdiſchen Noſen meine 


Stien kraͤnzen? Oder wird der Verklaͤrung unver⸗ 
welkiicher Lorber bald durch meine hellen Locken 
ſchimmern? Wird in diefen Geldern meine Ace 
ſchlummern? Oder ſpart die Vorſebung mich noch 
zu andern Wirkungskreiſen? Wird meine Zufünft 
Under Sonnenſchein ſeyn? Oder drohen mir noch 
ſchwere Stürme? — Ich weiß es nicht. Ich ahnt 





— 09 
es nicht: Aber folte Ich darum zagen? — Gern 
durch das mitternaͤchtliche Dunlel funkeln wir 
aween beide Sterne: der Giaube an den All⸗ 
liebenden, und bie ſchone Hoffaung beiferer 
Welten Ihrem Schimmer will ich durch: ‚das 
Dunkel folgen. In, meinem Buſen lebt der eherne 
Entſchluß, nuͤtich gu ſeyn. Das fey der Stab, der 
mich durch die Zukunft leitet! — Heute früh, als 
ich zu meinem ein und dreißigßen Lebensiahr er⸗ 
wachte, als ich meinem Lager raſch entſpraug, und 
binausfab in bie ſchimmernde Morgendaͤmmerung/ 
als der blaue reine Himmel. wie ein gegofiener 
Spiegel über: mir fand, und Arkturus und Boetes 
. noch In Ihren Keeifen jauchzten, und ber Halbınond 
in Süden filtern niederſauk, und im fernſten Güb- 
ofen des Tages junge Blume fich edthete, da fühlte 
ich mich wie nengeboren, da bäuchte mich's, ich. 
hätte. Mark in mehren Gcheinen auf Sabrbunkerte, 
da gelobte ich’ dem Vater der Geiſter aufs neue, 
die Kraft, bie er mir verlichen bat, aufzubrauchen 
in Seinem Dienf, zur Forderung Seines Lieblinge 
gedankens: die Vervolllommnung und Beſeligung 


4 


u 100 —f 


Seiner Schopfungen, da ſchwor ich mir aufs 
‚neue, um mich ber zu wirken, fo nah und fern 
ich Tnnte, und Wuffldvang und Entſchloßenheit 
und Gluͤckſeligkeit um mich her zu breiten, fo Kühn 
und mutbig ich konnte. — . Dies iſt mein Ent- 

ſchluß. — Hund. halte ich ihn, wie ſchon wird dann 
nicht meine Zufunft fen! — " 

„Lieben Zünglinge und Knaben! Einf wer⸗ 
det ihr Männer ſeyn, wie ich. O lebet eure Kua⸗ 
vbenjahre fo, daß Ihe als Manner noch euch ihrer 
freuen Yinnet. O lebet euer Juͤnglingsalter fo, 
daß es in den Dagen des Mannes und des Greiſen 
> ech nicht mit Vorwuͤrfen Angkige. — Bas iſt des 
Knaben Pflicht? Fleiß und Sittſamkeit! — Was 
iſt des Janglinge Schmuck? Unſtraflichkeit und 
SBGelbſtbeherrſchung: — Wo ibr nicht ſaetet, da 

‚Panne ihr nicht ernten. Wo ihr im Sommer uicht 
ſammeltet, ſo werdet ihr im Winter darben muͤſ⸗ 
fen! Solches erwägt, und laßt bie fähläße md 
ſchmiegſamſie Zeit eures Lebens nicht ungenuht 
verrinnen. — Dreißig Jahre babe ich gelebt, und 
‚babe Feine Achte Freude gefunden, ohne die rende 








— 11 — - 

Gutes zu thuun, und habe Feine füßeren Gefühle 
gelannt, als das Gefuͤhl des Benfalls der Edlen, 
und des Beyfalls unferes eigenen Herzens. Sol⸗ 
ches glaubet mir, und trachtet nach diefer einzig 
wahren Freude. — Dreißig Jahre babe ich gelebt, 
und babe feinen Danım wider We Sünde gefunden, 
als die Religion, und Keinen Schild wider bie 
Berfuchung, als das Mandeln vor den Yugen des 
Augegenwaͤrtigen. Solches glanbet mir, und wan⸗ 
delt ewig vor feinen Augen. — 

Im Sommer des Jahres: 1788 befuchte Koſe- 
garten Die der Stadt Greifswald zugebörende Tleine 
Juſel, genannt die Greifswaldifche Die, welche in 


niemlicher Entfernung vom feſten Lande einſam in 


don Fluthen der Dfifee zwiſchen Ruͤgen und Uſedom 
Uegt, durch ihre hoben Ufer gegen das Ankürmen 
der Wellen gefchäbt. Er gedenkt dieſer Meife und 
des Eindruckes, welchen die Oie auf ihn machte, im 
erſten Bande der Rbapſodien, wo er ſagt: 

„Im Julius des vergangenen Jahrs machte 
ich mit einigen Freunden eine Lufſtreiſe nach dee 
fogenannten Greifswalbifchen Die, einem kleinen 


— 


— 12 — 
Mobinfonsellande, das, durch eine Waſſerflaͤche von 
wenigſtens drei Meilen überad- vom feſten Lande 
abgeſchnitten, den dreh harmloſen Familien, bie es 
bewohnen, alle Lebensbeduͤrfniſſe Aberläfig dar⸗ 
‚ reiht. Die Nacht über Ingerten wie ung auf einer 
Scheunbiele, wo die gaflfreien, durch unfern Be⸗ 
ſuch hocherfreuten, Einwohner uns eine Streu ge⸗ 
breitet hatten. Alles fchlief um mich ber. Mich 
ließ das feierliche Bruͤllen der See nicht fchlafen. 
Dumpf und dunkel fcholl «8, wie Stimmen der 
Vorzeit. — uUnd auf Seenen der Vorzeit und der 
“ gerne — itzt auf Oſſians graubemoosten Bergen, 
ist auf den den Felſen von Meillerie, ibt auf 
| Zinlans und Juan Fernandez menſchenloſen ewiz⸗ 
gruͤnenden Geſtaden, itzt auf den Fluren meine 
Heimath und meines ſeligen Juͤnglingslebens luß⸗ 
wandelte meine erinnerungtrunkene Seele, WW, 
als ich mit dem erſten blafien Tagesſtrable mich 
meinem Enger entraffte, mit drei Schritten hinaus 
ans Ufer trat, und den weiten Himmel und das 
‚blaue Meer mit Einem mächtigen Staunblick um⸗ 
. faßte, die Vergangenheit, wie Wolfen, fich fentie, 








— 103 — 
und das Licht der Seneman wieder in meiner 
Seele aufblitzte.“ 

Zu Wolgaſt ward Koſegarten im Sommer des 
Jahres 1789 feine erfie Tochter, Allmina, geboren. 
Gegen das Ende feines Aufenthaltes in Wolgaſt 
war ee als Schriftſteller ſehr tbatig, theils durch 
Herausgabe eigener Werke, theils durch Ueberſet⸗ 
zung engliſcher Schriften. Im Jahr 1700 erſchien 
der erſte Band der: Rhapſo dien oder zerſtreuten 
Blaͤtter, welchem ſpaͤter noch zwei Baͤnde folgten, 
und der in einer zweiten Ausgabe einen veranderten 
Inbalt erblelt. Der erſte Band enthält in der erſten 
Ausgabe eide Anzahl Gedichte, wie: der Morgen, 
Miſodon, des Grabes Furchtbarkeit und Lieblich⸗ 
keit, Schlaͤfer erwach, Ellwinens Klage um Elwill, 
die Erfcheinung, der Sternenhimmel, Herbſt, 
Grab, Ton und Auferfichung, und die Ueberſet⸗ 
zung der Ode des, im ſiebzebnten Jahrhundert 
zu Toulouſe als angeblicher Gottes laͤugner ver⸗ 
brannten, Neapolitaners Banint an Gott: 

Dei supremo percita famine 


Mentem voluntas exstimulat mean; 


— 14 — 
Hinc per negatum tentat alta 

Daedaliis iter ire coris, 
Ferner eine Anzahl Auffäbe in Proſa, Über die 
weſentliche Schönheit, eine Gfafe meiner frübern 
Jugend; Schatten abgefchiedener Stunden, aber 
Schilderungen aus dem Yufenthalte auf Rügen Im 
Fahre 1782, worin die Namen der Perſonen 
und Derter gegen erdichtete Namen vertaufcht find; 
des Herrn Abendmapt, an Serena, oder Betrach⸗ 
tungen über die Bebentung, den Zwed, und die 
Erfordernife ‚zum würdigen Genuffe des Abend 
mahls, eine Abhandlung, welche ſpaͤter mehrere⸗ 
male auch beſonders gedruckt, und ins Feanzbfifce 
und Hollaͤndiſche uͤberſetzt worden iR; vom großen 
Manne, eine Homilie, gehalten ju Wolgaf im 
Sabre 1789, und: Schlaf, Erwachen, Wiederſehen, 
eine Predigt, gehalten zu Wolgaſt Im Herbſie de⸗⸗ 

ſelben Jahres. 
| Im Jahre 1791 erfchienen von Kofegarten 
Ewalds Roſenmonde; befchrieben von ihm ſel⸗ 
‚ bee, und herausgegeben von Tellom. Das Bud 
enthält Schilderungen feines erſten Aufenthalte 





„> . 


— 105°. 


auf Rügen, welche größtentheils aus dem damals 
von ihm geführten Tagebuche entichnt, und gu 
Res vollendet worden find. Auch manche der das 
mals verfaßten Gedichte find in die Erzählung auf- 
genommen. Gleichfalls 1791 erfchienen: Hatnings 
Briefe an Emma, beransgegeben von Ludwig 
Theobul Kofegarten, zwei Bände. Sie enthalten 
Schilderungen aus dem fpäteren Aufenthalte auf -. 
Rügen, zu Gotemiz, und der Zeit der Anſtellung 
in Wolgaſt. Dem zweiten Bande find einige Re 
den und Stellen aus Hredigten beigefügt. 

Fuͤr die Englifche Literatup hatte Kofegarten 
ſchon feit feinen Knabeniabren eine große Vorliebe 
gefaßt, welche ihn icht dazu bewog, die Hebertra- 
gung mehrerer Werke der Englifihen Literatur ins 
Deutſche zu unternehmen. Vorzuͤglich richtete er 
hierbei feine Aufmerkſambkeit auf die Clariſſa. Als 
eine Vorarbeit zur ueberſetzung derſelben verfaßte 
ee die Ueberſetzung des: Freudenzogling, von Herrn 
Pratt. Leipzig. 179. Die Clariſſa ſelbſt erſchien 
hierauf in acht Bänden, Leipzig. 1790—1793. Er 
ſagt in der Vorrede, er habe ſich der Treue im 





.— 106 — 

uebertragen befliffen, jedoch die ſehr lang authe— 
ſponnenen Verioden Richardſon's dzfter zu theilen, 
und dadurch zus verchufachen, und den im Bude 
haͤufigen Dialog leicht und ungeswungen wicerus 
geben fich bemüht. Er widmete die Ueherſchung 
einer Foͤrſtiun feines Vaterlandes, der Königin 
Sophie. Charlotte won England, gehorenen Prit 
zeſſinn von Mecklenburg, welche er in der Zuche 
nung an bie Gluren ihrer Kindheit erinnert: 


. Und kaͤuſcht mich mit ein fumpathetiich Wähnen, 
So träumt in manchem ſtillern Augenbiic 
Ein heimverlangendes und füßed Sebuen 
In Deiner Roſerjugend Dämmerglück, 
In Deines Mirow Paradieſesſcenen, 
In Deines Canow Schatten Dich zurück — 
Zurück von Vater Thames Goldgeſtaden J 
Zu ber Tollenſe hellem Silberfaden. 


Ferner begaun Koſegarten jetzt die Ueberſehang 
der: Theorie der ſittlichen Gefuͤhle von 
Adam Smith. Zwei Bände, Leipzig. 1791-178 
und die der: Romiſchen Geſchichte von DI 
ver Goldfmäth. Zwei Bände. Leipzig. 1% 


4‘ 
- 





— 107 — 


Diefe letztere Arbeit, weiche noch in zwei neuen 
Auflagen 1798 und 1805 erfchien, widmete er dem 
damaligen Schwebifchen Kronprinzen Guſtav Adolph. 
In der Zuſchrift an den Kronprinzen führt ex das 
an, wovon des Rbmifchen Wolles Gefchichten Zeug⸗ 
niß geben, und bie Lehren, welche aus ihnen ber 
Herrſcher entnehmen koͤnne; und ſchließt dann, 
nachdem er yon des Kronpringen Länftäger Beſtim⸗ 
mung geredet, mit folgenden Worten: „Mit einem 
Worte, es lehren die denkwuͤrdigen Geſchichten die⸗ 
ſes Volles unumſiͤßlich, daß willkuͤrliche Gewalt 
bei weiten das groͤßte aller Uebel ſey; «iu Uebel, 
gegen weiches einige geringfügige Vortheile der 
Polizei, des rafchern Eutſchließens und bes fchuellern 
Ausführens durchaus nicht in Anfchlag kommen, 
angefehen jenes Hebel den Menfchen von der Wur⸗ 
zel aus verderbt, und alle Verbeſſerung feines 
bärgerlichen und fittlichen Zußandes, den einzigen 
gedenkbaren Zweck der Geſellſchaft, ganz und gar 
verettelt. So Heilige und hohe Wahrheiten find 
En. Königlichen Hoheit von denen weiſen Män- 
"ern, welchen die Bildung des Thronerben anver⸗ 


— 18 — 
traut wurde, ohne Zweifel laͤngſt ans Herz gelegt 
worden. Sie find es, welchen die Geſchichte Ganc- 
tion und Nachdruck giebet, und chen in Hinſicht 
anf fie babe ich den Gedanken gewaget, Em. Kir 
niglichen Hoheit diefe geringfügige Arbeit in Un⸗ 
terthaͤnigkeit zu überreichen. Bon einer Reihe glaͤd⸗ 
licher und großer Ahnen, von einem Großvater, 
deffen Tugenden eines beſſern Zeitalters wärbis 
waren, und von einem Water, welchen Europa 
bewundert, werden Ew. Königliche Hoheit derein⸗ 
ftens den Alteſten Thron Europens, und mit im 
die Beherrſchung eines Volkes erben, das an Ruhm 
der Thaten und der Tapferkeit keinem Wolke alter 
und neuer Zeiten. nachficht, an Edelmuth, Bieder⸗ 
ſinn, Medlichkeit und Reinigkeit der Sitten aber 
‚bie meiſten neben ihm blühenden binter ſich zuruͤct 


laßt. Mege das ſchoͤne Loos, von der Vorfehuue 


zum Beherrſcher eines folchen Volkes erkoren in | 
ſeyn, Em. Königliche Hoheit unausloſchlich zu dem 
großen Entfchluffe begeiftern, nicht nur der Erſte 
unter diefem. Volke zu werden, fondern anch det 
Beſte. Moͤge während Ihrer dermaleinfiigen Staate⸗ 








verwaltung es Ihnen gelingen, die Tugenden Ib⸗ 
rer in Gott ruhenden Verfahren zu erreichen und 
zu übertveffen,. deren Verirrungen aber einzuſehn 
und zu vermeiden. Denm, adj! Gnädigfier Herr, 
wiewohl über das gemeine Richtmaß . irdifcher 
Groͤße fo bach .erhbhet, find die Großen und Ge⸗ 
waltigen der Erde. dennoch Feine Weſen höherer 
Het; ſind fie ſchwach und umvolllommen, wie wir . 
andern, mit dem Unterſchiede nur, daß fie der Ger . 
„fahre, gu. irren, und den Werfuchungen sum Boͤſen 
-angleich Aärker bloßgeſtellt find, als alle, die anf 
den niedern Stufen der Geſellſchaft ſtehen. Möge 
es, nach Ihres koniglichen Vaters, nach des helden⸗ 
muͤthigen und erleuchteten Dritten Guſtav's ſcho⸗ 
nen Worte, Ew. Koniglichen Hoheit hoͤchſter Stel; 
ſeyn, unter einem freien Volle der erſte freie Buͤr⸗ 
ger zu leben und zu ſterben! Möge es Ihnen ſuͤßer 
ſeyn, daß ein jeder, auch der geringſte Ihrer Un⸗ 
terthanen, Ihnen gern um den Hals fallen moͤchte, 
als dag auch die Gewaltigſten derſelben vor Ihnen 
nittern! Moge, gleich jenem feommen Antonin, 
deſſen dieſe Geſchichte gedenkt, die Erhaltung Eines 


Pe 


— 10 — 


. ntertbanen Sie Ebklicher. duͤnken, als die Verill⸗ 
gung von Myriaden Teinde! Möge bei jeder Keife 
Ihrer Fünftigen, Gott wolle, glorreichen Laufbahn, 
die gewichtige Frage Ihnen gegenwärtig ſeyn: Bat 
wird die Geſchichte fagen? — Die Gefchiäte, die 
der Flitterglanz angeſtaunter Thaten nicht zu blau⸗ 
den, die das Bold. der. Könige nicht zu beſtechen, 
noch ihre Kerker und Henker zu befchwichtigen ver⸗ 
mögen. Denn während felle Dichter und gedun⸗ 
‚gene Lobredner bie Thaten dev Torannen bis gam 

“Simmel erhoben, ſchrieben die Suctene, die Pre 
kope und die Sonlavie die Befchichte ihrer Graͤuel 
im Stillen, und -Aberlicferten fie dem Richterfuhle 
der furchtlofen Machwelt. Möge: der Stimme der 

Wahrheit der Weg zu Ew. Königlichen Hoheit Ohr 

me verriegelt Teyn! Möge das beſcheidene Berdienf 
von Ihnen aus dem Dunkel hervor gezogen und 
belohnet werden! Moge, damit die Klippen der 

Hbchften Gewalt Ihnen nicht gefährlich, und das 

mißlichſte aller Bonfe, das Loos, ein Volkerbeherr⸗ 

ſcher geboren zu ſeyn, für Ew. Königliche: He 
beit und Dero Unterthanen ein: Loos des läd 





— 11 — 


werde: wie eriöfchen In Ihrer Seele das Ange 
denken an den König der Könige, und an fenen 
feierlichen Augenblick, in welchem auch Diademe 
ihren Glanz verlieren, und nichts bie untergehende 
Kreatur zu erquicken vermag, als nur der Anblick 
des gefifteten Guten! — O, wie anders war die 
Seelen limmung, in welcher der gute und gerechte 
Vespaſian, feine nahe Aufloſung gewahrend, zu 
feiner Freunden heiter laͤchelnd fagte: „Mich dauͤnkt, 
ich ſelle jetzt ein Bott werden!“ als jene, in wel⸗ 
cher Severus ausrief: „O des Elends, Alles ge⸗ 
weſen zu ſeyn!/ ie gar anders das Hinſcheiden 
des Titus, des Lieblinge des Menſchengeſchlechtes, der 
aus feinem ganzen Leben nur Eine That beremete, 
als der Hintritt jenes hoch gefeierten wierschuten 
Ludwigs, der, verlafſen in feinen ketzten Augen⸗ 
blicken von dem ganzen undankdaren Schwarm fel 
ner Ganſtlinge, auf feinem einſamen Todbette, 
fünf und fiebenzig lange Jahre einer Regierung 
voll Prunks und Glanzes, welcher aber die zu 
Grunde gerichteten Wätfer Auchten, zu beweinen 
hatte, und wirklich beweinte!“ 


— 112 — 


Einige Freunde Koſegarten's meinten, daB bie 
Aeußerungen gegen den Kronpringen zu frelmuͤthig 
ſeyen, und am Hofe Mi fallen erregen konnten 
Dieß geſchab aber nicht bei Suflav, Adolph. Det 
Kronyrinz antwortete Kofegarten bald darauf in 
. einem, weiter unten anzuführenden, eigenhaͤndigen 
Briefe, daß er Kofegarten für die Zueignung dankt, 
daß er fich für eine Verbefferung feiner Sage, durch 
Ertbeilung ber Atenkiccher Pfarre, bei dem Koͤnige 
feinem Water, verwendet habe, daß er die Zufcheift 
mit aller Aufmerkſamkeit gelefen, und daß er mut 
‚den Ruhm eines Titus zu erwerben ſich bemößen 
‚werde. - 

An den polktfgen Verbaltniſen der ‚Sum 
wart hatte Kofegarten bis dahin wenig Mntheil a6 
nommen. Als aber um dieſe Zeit die Franzöfiht 
Revolution begann, zog dieß Ereigniß feine Auf⸗ 
merkſamkeit auf ſich, weil er, wie manche edle Män- 
‚ner jener Zeit, nur die Auflifung veriährter Vor⸗ 
urtheile und Ungerechtigkeiten von demfelben er⸗ 
‚ wartete. Die Achtung, welche. er vor dem frau⸗ 
nſiſchen Volke fchon wegen der. von ber Geſchichte 


> 
“ 





413 — 


aufbewaheten Thaten und Werbienfe defelben begte, 
wuchs biedurch, und erhielt ſich bei ihm auch waͤh⸗ 
rend der ſpaͤteren sroßen amernchmangen — ienes 
Volkes. 

Im Jabre 1791 bewarb ſich Koſegarten um die 
erledigte kanigliche Pfarre Altenkirchen auf Mügen, 
welche auf Witten, dem nrdlichhen Theile jener 
Imfel, Best. Da aber dieſe Pfarre wegen ihres 
großen Ackerwerkes und Zehntlornes für eine dee 
eintraͤglichſten auf ber Jnſel gilt, und desbalb bei 
ihrer Erledigung viele Bewerber ſich für fie fan⸗ 
den, Koſegarten jedoch Feine bedeutende Verbindem-⸗ 
sen am Schwediſchen Hofe Hatte, fo machte er ſich 
wenig Hoffnung dazu, daß er jene Stelle erlangen 
würde. Gegen Ende bes Jahres ergingen an ihn 
mihrere Anträge aus der Fremde, nämlich ein Vor⸗ 
ſchlag, Hofprediger bei-ber Königin von England 
in werden, und ein Vorſchlag, das Rektorat des 
Fatferlichen Lyeeum zu Riga zu Abernehmen, weiches 
mit dem Diakonat bei der St. Jakobikirche daſelbſt 
verbunden war. Wegen der Ungewißheit des Aus⸗ 
ganges der Bewerbung um die Altenkircher Pfarre 

XI. Sb, [8] 





_ 14 — 


ging Koſegarten auf beit DRigatfhen Berl. ein, 
und die Stelle dert warb. ihm zugeſichert. Er ver⸗ 
Iauste feine Eutlaſſung von dem Welgafier Mask 
Rrate, und die Vollmacht von Riga ward {om im 
Mir 1792 zugeſtellt. 

Mittlerweile war aber auch zu Gtedsein eine 
für Kofegarten günfige Enticheidung erfolgt, da 
durch, daß bei Verleihmg der Altenkircher Pfarre 
der Krouprinz Guftav Adolph bei dem Könige ein 
AVaarwort für Keſegarten eingelegt hatte. Im Ja⸗ 
nuar 1792 ward Keſegartens Vollmacht zur Alten⸗ 
kircher Pfarre zu Stacdolm ausgefertiget, und zu⸗ 
"gleich Kolegarten davon in Kenntniß gefeht. Diele 
Gefülung feines Wunſches überrafchte ibn ſebr; 
er freute ſich, auf Mögen bleiben gu koͤnnen, und 
lehnte ſogleich Die Nerufung nach Rise, unter 
Bezengung ſeiner Daukbarkeit gegen feine dortigen 
Gönner, wieder ab, Aber ein unerwartetes Ereig⸗ 
nig beveitete ihm wene Ungewißbeit. und Uurnhe 
wegen feiner Zukunft. Noch che König Guam 

Koſegartens ſchen aefchriebene Vollmacht unterzeich⸗ 
net haste, fiel er unter der Oaud des Moͤrders 


— 15 — 


Die Bollmacht blieb icht aus, und man machte 
Kofegarten bange, daß es num mit der Aktenkiccher 
Pfarre wieder eine ganz andere Wendung nehmen 
koͤnne. Der Stelle zu Wolgaft und auch der zu 
Riga hatte er ehtfagt, und bie Altenkircher war aufs 
newe ungewiß geworden. Im May endlich ward er 
aus dieſer unficheren Lage geriffen. Die Stockhol⸗ 
mer Vollmacht traf ein, verfehen mit einer Nach- 
ſchrift, welche der Regent, Herzog Carl von Süder- 
manland, unterztichriet hatte. Koſegarten erzaͤhlt 
ſelbſt von dieſer Sache, in der Geſchichte ſeines 
funfzigſten Lebensjahres, folgendes: 
A„Nun war zwar die Stelle, wozu der König 
von Schweden mich ernannt, im geringfien nicht 
bebeuttender, weder was die Wuͤrde, noch was das 
Einkommen anlangt, als jene, gu deren Verwältung 
ich nad) Miga war berufen wörden. Es mochte 
manchen bedünfen fagar, daß eine erſte Profeſſur 
auf. einem bluͤhenden kaiſerlichen Lyceum einge 
fchlichten Landpredigerfiele mit nichten nachzuſetzen 
wäre. Es mochte fcheinen, daß die Einbürgerung | 
in einer volfreichen und geldreichen See⸗ und Hatte 


— 116 — 


deleſtadt, deren Bewohner den Ruhm der wärdighen 
Geſtunung bis auf dieſen Tag behaupten, uncndlich 
vorzuziehen fei der Verweiſung in einen abgelegt: 
nen, meiſtens nur vom niedern Voll bewohnten, den 
. feinern Genuͤſſen der Geſellſchaft faſt unzugaͤnglichen 
Winkel der Erde. Allein eben die Abgeſchicdenheit 
der Lage ſchmeichelte meinem tief gewurzelten Hals 
zur Einſamkeit und zur Betrachtung. Die Vermin⸗ 
derung der Berufsgefchäfte lieh Hoffen, dag ich um 
fo ſchneller genefen würde von der Grichänfung de 
meine bisherigen Anſtrengungen mir sugezogen. duͤr 
das Entbehren der fagenannten feinern Welt, un 
ihrer Beenden rechnete ich Erſatz zu finden in der 
Feellen, die ich im Innern trug, mehr eingewidlelt 
‚sur Zeit noch, als entfaltet. Die aubgere Muh W 
tiefere Nuhe, das idylliſche Stilleben, deſſen ich M 
genichen hoffen durfte, innerbalb des romanüſches 
Eilands, für welches ich eine frühzeitige Warlık 
gefaßt, alles dies diente, meine Wahl zu entſcheite 
Ich bat die edelmäthigen Männer, die mich in jet 
Berne Hatten gichen wollen, mein Wort mie mrö® 
angeben, und erwartete nur noch das Eintreffen det 


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Aniglichen Velnacht, um in Beſitz zu nehmen Beaft 
ihrer das mir verlichente Amt. 

„Wein es verzog fich mit dem Eingehen der 
Vollmacht. und die Lage des Hofes war eine ſolche/ 
daß zu fürchten Hand, fie werde noch. länger verzie⸗ - 
ben... Es iR gebräuchlich im Schwediſchen Gabinet, ’ 
dag, fohald die Sihung des Staatirathes anfsche- - 
ben worden, das während feiner Sihung von bem 
exvedirenden Secretair geführte Protokoll ſofort ins 
Reine gebracht, und deſſelbigen Tags noch dem 
Könige zur Unterſchrift vorgelegt wird, da daun bie 
In der Aete niedergeſchriebenen Beſchluͤfe den Ber 
hoͤrden zur Ausfaͤhrung mitgetheilt, und, falls Er⸗ 
nennungen darunter befinälich, die vom Konig eben⸗ 
falls zu unterzeichnenden Vollmachten ungeſaumt 
ausg efertigt werden. In Gemaßbeit deſſen bringt 
denn auch dießmal der Geheimſchreiber das mun⸗ 
dirte Protokol des Tags dem Koͤnig. Guſtav, au⸗ 
derer Sorgen voll, und nicht allzu freundlich ge⸗ 
ſimmt, verweigert die Unterſchrift für beute. Der 
Geheimfchreiber gebt: Die Aete wird hingelegt. — 
Nie hat. der König ſie unterzeichnet. 








— 118 — 

„Ich ſthe am einem der milderen Aprilabende 
des Fruͤhiahrs mit meiner Gattin vor unferer Huͤt⸗ 
tentbär. Wir hatten ung ausgeredet über die An⸗ 
nehmlichkeiten ſowohl, als über die Unbequemlich⸗ 
keiten unfeer kaͤnftigen Lage. Geheftet den Blid 
umwintährtich auf die Mondenſtrahlen, die in den 
Bogenfenſtern der ung gegenüber gelegenen Kirche 
ſich flimmend brechen, ſitzen wir jchweigend. Ein 
Fubrwerl raſſelt ſchwerfaͤlig die nächfle Straße der- 
nunter. Ss feheint zu halten vor dem Poſthauſe an 
der Ecke. Nicht lange und in der Stadt erhebt ſich 
eine Art von dumpfen Brauſen, das, wachſend mit. 
jedem Augenblicke, einen formlichen Wolkseufkand 
anideuten ſcheint. Meiner Gattin wird. bangı. 
Indem fie ins Haus tritt, ich aber im Begriff bin, 
binzugehn und die urſach des Tumulits zu erfunden, 
kommt ein Bekannter den Kirchbof herunter ge⸗ 
ſprengt, und ruft im Borubereilen ung zu: „el 
len Sie ſich vor, der Konig if: ermordet!“ 

„Augenblicklich knuͤpfte ſich an den GBebaufen 
des ungehenern Schickſals, das ein ganzes Kinis 
reich. umzumälgen drohte, die Sorge um bie eiget 





Zutunft. ‚‚timb was, konnte ich nicht umbin, gu 
meiner Gattin gewendet, zu ſprechen/ was wird 
un aus uns⸗ 

‚Wanännliche Kleinmuth geboͤrt gleichwohl im 
geringſten nicht zu meinen Schwächen; und von den 
Forderungen: des Evangelii iR von icher Teine leich⸗ 
tee von mir erfüllt worden, als die, welche verbietet, 
auch nur um dem naͤchſten Morgen zu forgen. Wab⸗ 
rend andere meine age überaus bedenklich fanden, 
(und wirflich befand ich für den Augenblick wid 
anfer Amt und Brot, dafern «8, vole manchen 
gam wahrfehetnlich dankte, mit der Mügifchen Be⸗ 
förderumg set růckwaͤrts ging,) fuhr ich rubig fort, 
bis der mich erſehende Lehrer eingeführt fein würde, 
meines bisherigen Berufes wahrzunehmen, im ben 


A 


Nebenſtunden aber an ber Vollendung der Clariffe, 


deren Heberfehung mich fett einigen Fahren befchäf- 


tige hatte; gu arbeiten. Ich wurde dann auch bald 
von Stockholm aus verkändigt, daß der Tod des 


Konigs in meiner Angelegenheit nichts andern Tonne, - 
daß vichnehe, ſobald die draͤngenden Gefhäfte «6 _ 


nur irgend erlaubten, dem Herzog Regenten die 


— 


— 1%9- — 


Sache vorgelegt, und ſobald nur biefer das Fehleude 
ergänzt. haͤtte, die Vollmacht ausgefertigt werden 
würde. Ste if dann auch eingetroffen nach Verlauf 
einiger Wochen. Und zwar iſt ſie datirt vom Tage 
der Ernennung, und ausgefertigt unter König 
Guſtavb's Namen. Alsdann folgt ein oßkrint: 
„Wie durch feiner Majeftöt mittlerweile nach Gets 


108 Willen eingetretnem tbdtlichen Hintritt die Voll⸗ 


ſtredung Seines Willens bis hieher verzägert wor⸗ 
den; ſalchem Mangel aber in Kraft feiner teſa⸗ 


mientariſchen Verfügung und Namens Seiner Ma⸗ 
 jeflät, des gegenwaͤrtigen Königs, biedurch abbelfliche 


Maaße geleiſtet werde, "durch den Regenten dei 
Reichs, den Herzog yon Sübermanland Carl." — 

nNichts hinderte ung nunmehr, zu unſrer Ab⸗ 
reife aus Wolgaſt uns anzufchiden. Der Mühe dei 
Einpackens überhoben ung unſre gefälligen Freunde 
Alles ward an Bord einer Jagd geſchaffet, welche 
eigends von Wittor ausgelaufen war, wm unfee 
Sachen abzuholen. Wir ſelbſt für unfee Herfonen 
sogen freilich vor, zu Lande unfers Weges zu sichen- 
Nicht ohne Schmerzen trennten wir uns von ba 





— 11 — 


gaßfreien Stadt, die ſeit ſieben Jahren uns beher- 
bergt und gepflegt hatte.’ 

Ein Gedicht, in welchem Kofegarten von feinen . 
Wolgaſtiſchen Zreunden Abſchied nahm, ſteht Im 
weiten Bande der Rhapfodien. — 

Kenn ihr auf der Eifa braunen Gipfeln 

Arm im Arm euch ſonnt im UbendRrabl, 

Wenn es ſauſet in den Tannenwipfeln, et 

und es dampft in Hochdoris Wieſentbat; 

Wenn ide ſtarr dann in dad Spatroth blicket, 

Dann auch inniger die Hände drücket, 

Dann euch hie und da die Neike pfüͤcket, 

Meine Theuern, denkt auch mein einmal, 


Beigefuͤgt find dort auch zwei Gedichte, welche 
mer Wolgaflifche Fünglinge, Daniel Runge und 
Friedrich Sonnenfchmidt, bei dieſer Berantafung 
an Koſegarten richteten. 





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I 








Füntter Abschnitt. 
Pfarramt zu Altenkirchen. | 


1792 bis 1808. 


* 


.. 








1 


Naqdem Koſegarten im May des Jabtes 1792 
feine Vollmacht zur Altenkircher Pfarre erhalten 

hatte, begab er fi auch ſchon im naͤchſten Monate 
wit. feiner Familie nach Altenkirchen. Er ward, 
nach der damals in Schwediſchvommern befichenben 

Drbuung, m. Greiftwald ordiniet, und hielt bei 

dieſer Gelegenheit die im zweiten BDande her Rhav⸗ 
ſedien gedruckte Ordinativnsrede: von ber Vartreff⸗ 
lichkeit des evangeliſchen Deebigtamies. Von feiner 
Ankunft. in Altenkirchen ſagt er im ‚der Geſchichte 
ſeines funfiigfien Lebensjahres felgendes: 

In den Mitte des Junius verliehen wie el» 
of. Zu Greifswald, wo ich die prieſterliche Weihe 
‚za nehmen hatte, werweilten wir mehrere Tage, und 


geſegneten fohanın dieſe ſchoͤne Stadt, nicht abmend, 


daß wir nach einer Reihe ſchickſalvoller Jabre froh 
ſein waͤrden, innerhalb chrer Mauern ein rettendes 


es 


| — 16 — | 

Aſol zu finden. Fuͤr ieht ſtanden uns Sinn und 
Seele einzig bin nach der erfehnten Inſel. Die 
Nacht jedoch ſahen wir ung gendtbigt, dieſſeit des 
Waſſers zu verweilen, in dem Haufe des Faͤhrmauns 
u Stalprode. Am folgenden Morgen zogen wir 
binäber, and fanden das Bußeistrt,_ das zu unſcer 
Abholung am vorigen Tage ſchon eingetroffen mar, 
unfer warten. Das Werguägen, weiches wir un 
davon verſprochen haften, das ganze Land In feine 
gebehuteten Diagonale zu durchreiſen, warb ei 
wenig geſtort durch den Regen, det dem ganjzen 
Tag nicht anfdbrte, in Stedmen auf und beräb. u 
Fürzen: Bogen Abend rk, als wir num die Ichten 
Sewaſſer im Racken hatten; und Seht zu dent Wie 
tewiſchen Buben gelangten; trat die Sonne Aral 
lend berbor ans dem grauen Duft. Wittows ge 
fegwete Furen, vom überfchwengkidden Regen er 
feifcht, prangten in erhöhter Schönheit. Zur Ne 
ten und. Ehifen der Straße grunte vielfarbig dei 
SGetreldes üppige Säle. Im abendröfklichen Lichte 
lag bald:unfee nunmehrige Heimalth vor uns, ven 
nun an der Schauplatz, weicher Freuden and Leiden! 


I. 





1 -— 


Weit aus einander geſtreut reiheten ſich bie lien 
Hütten um die ſogenaunte Allte Kiuche, die Ateße 
des Laudes, in deren Nähe: wir daun auch bald 
unfre Wohnmg entkedten, demuͤchig, einfach, 
frie dewinkend. Wir Aumfen nicht, fie zu erreichen. 
Schon hielten wir unter den Ruftanlenbäumen,. aa 
dee Borfahr geyftannt. Die Witnwe, Die mir zu 
verdrängen. famen, ‚empfing uns gleichmehl mit 
Herzlichkeit. Bald auch erſchienen der Diacenus/ 
der Käfer, die Vorſteher, andere ehrbare Manner 
der Gemeine, um zu unſter Ankunft uns Glaͤck zu 
wunſchen. Am naͤchſten Sountag, es war der Tas 
Jobannes des Täufers, erfolgte Die feierliche. kirch⸗ 
liche Einführung durch den oberen Geiftlichen des 
Landes, den verewigten Generalſaperintendenten 
Sthlegel, mnähf die Inveſtitur in die zeitlichen 
Gerechtſamen und das Lahn bee Pfarre durch ben 
kaniglichen Beamten. Tags darauf wurden bie: 
Nechnungen des Rirckenweiens rebidirt, fobanıs bie: 
Zimmer inventirt, Die Bacher und Archtve abgelice, 
fert. Es felgte Die Auseinanderſchung mit der: 
Wittwe, welcher. ich mach einer billigen, von zueien 


— 133 -— 


einfchtigen und. reblichen Gemeinbegenoffen gemein⸗ 
ma mid entworfenen: Schägung ihr zanzes Inven⸗ 
tarium ablaufte, auch zugleich ibr gefammtes Ge 
finde in meine Dienſte neben. Mehrere Tage ver⸗ 
reichen. über dieſen, mie freilich nicht ſonderlich zu⸗ 
ſagenden, jedoch umausweichlichen Geſchaften. Ind 

und nach kam alles in ſeine Ordunug. Die Bern 
tem reiſten an ihren Det; die erbetenen Veiſtinbe 
thaten desgleichen. Much bie Wittwe, welche vor⸗ 
zeg, In Greifewald gu wohnen, wozu ihr die Dit 
tel nicht fehlten, verlieh uns. Wir blieben nun uns 
ſelbſt Aberlaſſen, und anf das ‚Setögumel der Ichteß 
Tage folgte eine um ſo füßert Stile. 

„Nichte Tag mir näher jert, als zu erlunden 
den Charulter ber. Landſchaft, und die Eigenthun⸗ 
lichkeit der Gegend, darin mir verhängt mar, Dit 
fort zu lehen. Dei wiewodl ich mehrere Jahre 

meiner fraͤhern Jugend auf Mögen verlebt, auch 
die verfchiehenen Juſein und Halbin ſeln des Ileinen 
Acchipelagus in jeder Richtung gu durchkreuzen, mid 
nicht verdrießen laſſen, dennoch hatte. mir nie gif 
gen ‚werben wollen, das entferntere Wittew in | 


— 








— 19 — 
eifen. Auch war mir diefes allezeit beſchrieben 
worden, als der am wenigfien anstehende Theil. des 
Landes; es fet, hieß es, bloßes Blachland, deffen 
Öberans ergiebiget Boden die Scheuern und die 
Speicher zu füllen zwar vortrefflich tauge, dem Auge 
aber und der Fantaſie nichts datbiete, als eine 
weite eintönige ermädende Zläche. Man hatte ſich 
geirrt gleichwohl. Man war zu nahe getreten die= 
fem ganz ſtil und heimlich, aber mit wunderbarer 
Kraft die Gemüther feffelnden Erdreich. Man batte 
ihm gu hoch angerechnet den Mangel der Forſte und 
der Anhohhen; und viel zu wenig in Anſchlag ge 
bracht die Nähe des Meeres und feine verſchlun⸗ 
genen Mferfchluchten. Zwar meines Wohnorts aller- 
nähe Umgebungen fchienen auch mir Mach und 
bde, und wenig aumuthig, alfo daß mir far bange 
‚werden wollte um das Ganze. Aber ich war kaum 
um einige Ackerbreiten weiter hinausgetreten, bis 
dahin, mo das Land kaum merklich fich hebt, nicht 
ſobald hatte ſich mir dargeſtellt jener maichdtifche 
Tromper Golf mit den ihm beherrſchenden Hochge⸗ 
Baden, als ich gänzlich ausgeſohnt mich fühlte mit 
XU. Band, | | r9] 


-_ 


meinem Looſe. Diele Buchten, dieſe fer, dieſe 
verſchwiegenen Uferſchruͤnde, diefes herrliche Arkona⸗ 
vorgebirge, dieſe ſilberweißen Dünen, deren Schuc 
gegen des Meeres tiefen Purpur wunderſam abficht, 
dieſe ganz erſchuͤtternde Majeſiat der Natur -ver- 
baͤrgte mir, daß ſolchen Erſcheinungen gegendber 

die geiſtigen Flügel mir nimmer gaͤnzlich ſinlen, 
der Funke ber Begeiſterung nicht in wir erlägden 
wärbe, ale mit dem: Funken des Lebens felber. 
AHieruͤber zufrieden geftellt, eilte ich, die irdi⸗ 
ſchen Dinge, von deren Verwaltung des Leibes 
Nabrung und Notbdurft, ſe wie des Lebens Be⸗ 
quemlichkeit und. Behaglichkeit abbaͤngt, alſo zu 
ordnen, daß Die Sorge um fie in dem hoͤhern geiñi⸗ 
gen Leben mich möglich wenig fißren moͤchte. Das 
Dfaregehäfte, was freilich feit zwei jahren des 
pflegenden Hausbaters entbehrt, bedurfte uͤberall faß 
und in jedem Sinne der Nachhuͤlfe und Ausdeſe⸗ 
rung, deren Koſten in Gemäßbeis des Geſches dem 
Mögifchen Pfarrer allein zur Laſt fallen. Es mußte 
gedectt, geklebt, gepflaſtert, das geſammte Gehift 
mit Inbegriff der Gärten durchaus nen eingefriedigt 





— 131 — 


werden; welches Ichte befonders für den Anfänger. 
eine ſchwere Aufgabe war. Alles geiff ich gleich⸗ 





wohl an zur felbigen Zeit, und fchente Teinen Aufr - - 


wand, der mie nur um fo-fchneller zum gewänfchten 
Ziele verbuͤfe. Im Herbſte ließ ich Die Gärten in 
allen Richtungen erweitern, Teiche austiefen, God⸗ 
ben sieben, Steinmauern feben. Bäume pflaute 
ich fonder Maß und Ziel. Den fonnigen Nafen- 
platz, der ben Hofteich von dem Wohngebäude fütt- 
dert, umzog ich mit einem Krauz von Aespen und 
von Sulberpappeln, welche, längk ſchon über dee 
Haufes Giebel hinausgewachſen, ‚oben im luftigen 
Blau ihre Wipfel verſchraͤnken zu einem lebendigen 
der Sonne wie dem Winde wehrenden Baldachin, 
in deſſen Schatten jetzt bereits die Kinder meiner 
Kinder Spielen.” 

Bald nach feiner Anfunft zu Aitenticchen erhielt 
Koſegarten die Antwort des Kronprinzen auf ſeine 
Zufſchrift. Er Hatte ſie felbf geſchrieben, und man 
ſieht es ihr an, daß die deutſche Sprache und 
Schrift ihm noch etwas Muͤhe machten. Sie lau⸗ 
tet alſo: 


— 12 — 


„An unſern lieben getreuen Paſtor 
Ludnis keſegarten 


Mit vielem Rergnũgen Sure 36, men licher 
Paſtor, ihre huͤbſche Arbeit in der Romiſchen Ge⸗ 
ſchichte empfangen. Ihre Dedibation emmuntert 
Mich, das Buch In einer Sprache zu leſen⸗ welche 
30 ſchon angefangen babe ‚ zu lernen, und welche 
mir nun noch angenchmer wird. Die Befbrderung⸗ 
‚bie fie auf Meine Faͤrſprache von Meinem be 
ſeeligen Herrn Vater erhalten, freuet Mich tot 
febr, da fie dadurch mehr Mute bekommen, ſch dit 
Wiſſenſchaften gang zu ergeben, die ihnen beſenders 
Bed find, und womit fie. das: Publikam am tüle 
Tichften fein Innen. Von dem viel umfagardeı 
Wunfche, womit fe ihren Brief beſchlichen, wählt 
Ich am liebſten bie Belohnung des Titus verdiene 
ud erreichen Ich verbleibe Ihe woblaffeltionre 


 Drettningbeim |. Gefau Mein.“ 
den 3. Aaguft 1792. 








13 — 


„Im Herbfie des Jahres 1792 warb zu Witen- 
Archen Koſegariens erſter Sohn, Johaun Gottfried 
Ludwig, geboren. Das neue Amt gab. Koſegarten 
nicht nur kirchliche, ſondern auch weltliche Ge⸗ 
ſchaͤfte mancherlei Art. Als Gehülten im Amte fand 
er vor den Diakonus Groot, einen zwar gutgeſinu⸗ 
um, aber ſchon beiabtten, und wenig regſamen 
Dann. Die Altenkircher Gemeinde if ziemlich 
zahlreich und weit zerſtreut. Sie umfaßt die nord⸗ 
Mliche Halfte des. Landes Wittow, und es gehbren 
ai ihr Fünf ud zwanzig groͤßere und kleine Doͤrfer 
und Hbfe; fo daß einige Derfelben, wie Witte un) 
Yurgard, beinahe eine Meile zur Kieche zu wan⸗ 
dern haben, welcher Umßand indeß die Bewohner 
ſelcher Dörfer vom fleißigen Kirchenbeſuche nicht 
abhielt. Die Einwobner des Kirchſpieles waren 
gewohnt, nicht blos durch den Gottesdienſt in Bew 
niabung mit ihrem Seelſorger zu ſteben, ſondern 
auch drrch Einholung feines Rathes und Zuſpruches 
in mannigfaltzgen Angelegenbeiten ihres: Lebens 
Zur Triaung der Kranken, und Verreichuns des 
Abendmahles an. ſia, ward der Prediger zu allen 


— 134 — 


Zeiten des Tages und der Nacht abgeholt. Eh 
Art Filial hat die Altenkircher Pfarre in⸗dem Fiſcher⸗ 
dorfe Bitte bei Arkona, wo in einer uferſchlucht 
an acht Sonnthgen des Jahres, im Herbdſte, unter 
freiem Simmel angefichts der See, Gottesdienß ge 
balten wird. Rofegarten erhielt die kirchliche Frier 
nach ihren alten, dem Volke beilig gewordenen, 
Gebraͤuchen, und lichte nicht die modernifirten Ge⸗ 
fangbücher und Catechismen, welche haufig lan au 
Geiſt, und deshalb matt an Sprache find. Wiewohl 
die alten @efänge und Lehrbärher Hin und wieder 
den Ro des Alterthumes an fi tengen, fo ſtamm⸗ 
ten fie doch aus einer Zeit, in welcher bie Nnhäng- 
lichkeit an die geoffenbarte Meligton und die Achtung 
vor der Firchlichen Feler lebendig waren, ‚und darum 
auch im den Worten der Männer mit Kraft ſich 
‚ausfprachen. Deshalb ſchien es Kofegarten, dab 
jene Lieder und Formeln Martin Luthers, Yaul 
Gerhards, Johann Bugenhagens, das Volk mehr 
bewegten und erbauten als das, was in diefer Hit 
fücht das Ende des achtzehnten Jahrhunderts erzeugte, 
und welches natuͤrlich den Character bes damaligen 





_ — 15 — 
Indifferentismus an fich trug. Dft eiferte er ſowobi 
aus religibſem, wie aus dichterifchem Intereſſe, ge⸗ 
gen die Verunſialtungen der alten Kirchenlieder, 
welche bei Abfaffung neuer Geſangbuͤcher moderne 
Correttoren einführen zu muͤſſen glaubten, entweder 
am der aufgeklaͤrten Dogmatik gemäß zu fingen, 
oder um einen alten Musdru zu verfeinern, oder 
um einen zierlicheren Versbau herzuſiellen. Es ver⸗ 
Kieht ſich, daß er in dieſer Sache auch Ausnahmen 
auerkannte, und auch den ſchoͤnen Kirchenliedern 
einiger Neueren die gebührende Gerechtigkeit wi⸗ 
derfahren ließ. Bei dieſem Verfahren iſt waͤhrend 
Koſegartens ganzer Amtsfuͤhrung zu Altenkirchen die 
Kicche ‚gefällt geblichen, und über Sittenverfall der 
Gemeinde if Feine Klage zu führen gewefen. Et 
äußert fich über diefe Ungelsgenheit in det Geſchichte 
feines fanfzigſien Lebensjahres alfe: 

Bei weiten die meißen Altenkircher Gemeinden - 
genofen gehören zum niedern Volke; es find Acker⸗ 
baner, Schiffer, Fiſcher/ Handwerker und Tageldh⸗ 
ner; aus jenen Staͤnden, die ſich die gebildetern 
nennen, giebt es einige wenige Gutsbefiber HUF 


— 136 — s 
und Pächter. Ich war gänzlich fremd den. Einen 
wie den Andern, als ich unter fie trat. Aliein fe 
kamen mit zutraulicher Herzlichkeit mie entgegen. 
Diefe ſchlichten Menfchen, gefchäßt noch bis bahin 
durch ihre abgefchiedene Enge von den Einſlſſen 
des immer weiter um fich greifenden neuen Helden⸗ 
thums, waren gewohnt nach vom den Vätern ber, 





in ihren Seelſorgern zu verehren eine Art m 


Gottbegeiſterten Weifen, von denen fie berechtigt 
“find, Math und Trok, Mahnung und Warnung, 
Zurechtweiſung und Ermuthigung zw empfangen in 
jeder geifligen und leiblichen Bedraͤngniß. Se 
Aluͤchten ſie denn zu ihnen im jeder Verlegenheit 
Sie ziehen fie zu Math in ihren haͤuslichen und 
- börgerlichen Angelegenheiten. Sie Rellen ihrer Exi- 

ſcheidung heim Ihre Leinen Zwiſte. Sie ſachen 

Schuß bei ihnen gegen Druck und Drang. Sie 
fuchen und finden in ihnen, gegenüber den Höhen 
Behörden, ihre: natürlichen Vormunder und Ber: 
treten. Auf folge Weiſe bildet zwiſchen dem Geel⸗ 
ſorger und feinen Gemeindegenoſſen fich ein ſchoͤnes 
menſchliches, faſt patriarchaliſches Werbälinig, in 


⸗ 


— 1437 — 
Folge deſſen jedes, was den andern angeht, empindet 
und zum Herzen nimmt, als hetreffe es das Eigne. — 
„Es hatten feit den Tagen der Mefermation 
fat lauter ausgezeichnete Männer. dieſer Gemeine 
vorgeſtanden: Leonhard Meaikfch, der Herzog Phi⸗ 
livp zuer das. Evangellum in feinem Kabinett ge⸗ 
predigt; Gedeon von Klemyen, der anfangs Die 
Mechte gelehrt auf der hoben Schule zu Greifewald; 
Fohannes Runge, der alt Stärme des dreißigiäßti- 
gen Krieges glaubig und großberzig befanden; 
ſpaterhin der milde menfchenfreundliche Schwarge; 


gunacht der ſeurige Eiferer Almen; welcher abge 


TR worden von dem gätigen und leutfeligen Teenke; 
da dans, als diefer bald abgerufen worben durch 
feinen Herrn und Deifer, ‚mein unmittelbarer Ber» 
fahr ai Das Amt gelangt, der Schrift: umd Natur⸗ 
Gelehrte Wille — Dieſer Wilke, mein Auteceſſor 
ein geborner Schwede, war ein ſehr gelehrter 
Mann gewefen, ein tuͤchtiger Theolog ans Sieg⸗ 


mund Baumgartens Schule, dazu ein Schuͤler des 


Linnaͤus, mithin ein eifriger Naturbdeobachter, ein - 


Liebhaber der Pflanzen und Blumen, wie er daun 





18 — 


Ben dotaniſchen Garten zu Greifswald, ‚der keinen 
andern weicht, amgenflaugt, eine Flora Gryphic 
geſchrieben, auch in feinem Garten viel aurlaͤndi⸗ 
ſches Geſtrauch und Gewachs gepflegt, woven ich 
denn Mach manches vorgefunden, und zu des Kirn 
Andenken zu arbalten geſucht. Eben dieſer hatttı 
nim. Gehrauch des ihm in die Hände wachſenden 
Geſchlechts, zweierlei Katechismen entworfen, den 
Einen kurz, klar, naiv, wahrhaft kindlich, fuͤr die 
unmuͤndigen, den andern ausflihrlicheren und sr 
dachteren, für die Reißeren. Auch VredigtConeci 
babe ich von ihm vorgefunden, verfaßt im ſchuſern 
Latein, disponirt nach allen Regeln ber Topf, aus⸗ 
aeſtattet mit einem Reichthum ber Matecialien, 
"welcher. beroumdern laͤßt, mie folches. alles In. Ein 
oder in anderthalb Stunden babe abgehandelt wer⸗ 
den Ihnen. . Diefer mürdige Mann war UM 
Schwindel, der Neuerung, der in feinen Lagen and 
fehere und gefundere Köpfe zu verruͤcken drehte 
maͤnnlich wiberfianden, fo Iguge- er gelcht. Auch 
nicht eines Fingers Breite hatte er dem Dimm 
eingeräumt innerbalb feines kirchlichen Gebletet 





— 19 —_ 


wohl wiſſend, daß er nur deren bebärfe, um fefert 
der ganzen Hand ſich zu bemeißern. Er war treu 
‚geblieben dem alten beraebrachten Lehrbegriff; abzu⸗ 
welchen von dem vorfchriftsmäßigen Ritus hatte er 
ſich wicht ermächtigt gehalten; auch den bifenlichen 
Gottesdient hatte er wir bintetlaffen in feiner 
ganzen altesthümsichen Umſtaͤndlichkeit und Groͤße; 
und ich meines Tdeils babe mich wobl gehätet, 
folchem auch nur ein Jota abzuziehen. 
„Während, einem wermöhnten Zeitgeſchmack ſich 
bequemend, in der Nähe und der Gerne alles ſich 
beeiferte, den Cultus zu vereinfachen, zu emnifinn- 
lichen, zu verwaͤſſern; ibn abjutärgen vor allen 
Dingen, damit der Schlaffheit und Lauigkeit des 
Beitgeifies nur je vecht weiche Volſter untergelegt 
würden; während deſſen erhielt ich meinem Volke 
ſtand haft die von den Vätern berab geerbten und ihm 
werth gewordenen Formen, erwehrte mich ber von 
oben herab uns fah gewaltthaͤtig aufgebrungenen 
Gtfengbücher und Liturgien, bewahrte der Gemeinde 
die alten Kraft» und Kernlicder, hielt fireng über 
den durch die Agende fanctionirien Ritus, und wid) 


10 — 


nicht keichtlich ab von dam ſchoͤnen ſinnvollen Cyrlus 
unfrer Evangelien aud Epiſteln. Den Katechtemus 
des Krakewiz zu vertauſchen mit dem des Schlegel, 
Web ich war durch bie Gebrechen bes Ginen mich 
verleiten, und durch manche Berzüge des Andern. 
Iqh babe abet Arſache gefunden, auch diefes zu bes 
reuen, wed haͤtte hinterher dem alten gerne wieder 
gehabt mit. allem feinen ſcholaßiſchen Wuſt, und 
feiner polemiſchen Härte. - Um jo viel möglich ab⸗ 
zuhelfen dem Schaden, ber aus. dieſem üͤbereilten 
Taufch su erwachfen drobte, hielt ich von num an 
deſſe ſtrenger über dem -Auswenbiglernen bes Hei⸗ 
nen Katechtomus Eutheri:nach Wort und Buchtab. 
Dem es it nothwendig, daß dem Bell «in Blei⸗ 
dendes und Gewifſſes mitgegeben werde, worauf es 
Hi Rügen möge im Leben und im Sterben. Es ik 
rathſam in alle Wege, daB das Ewige und Unwan 
delbare abnefpiegelt werde, auch durch die Unver⸗ 
änderlichleit feiner. gerne. . - . . 

: „Welche der beiden. Berfabrungsweifen in den 
Dingen diefer Art dem. Bolt. am meiſten sufage, 

hat ſich denn auch. bald gezeigt. Während dieſſeit 








— 


— 1 — 


und jenſeit der Gewaͤſſer die Gotteshäufer, worin 
dem Zeitgeiſt war gehuldigt worden, verbdeten gu 
ſammt den Altaͤren, wollte in unfrer entlegneren 
Kirche den Anbetern uͤberall der Raum rrmangeln, 
md der Tiſch des’ Seren warb nmicht leer von 
ſolchen, die ſein mößlichen Bedächtnig beafugen. 
Aus dem Morgen und dem Abend kamen fie daher 
gezogen, mit Weib und Kind, gu Roß, zu Wagen . 
umd gu Fuß; es vermochten weder die Regenkürge 
des Herbſtes fie zu ſchrecken, noch die Schnerge- 
witter des Winters, weder der weichende Triebſand 
der Dünen, noch. der ausgetretenen Gewaͤſſer unbe⸗ 
Tannte Gefahren. Ruͤhrend war mir in den erſten 
Jabren ber Anblick eines fat hundertiaͤhrigen In⸗ 
validen, dem ſeit langer Zeit ſein Standort ange⸗ 
wieſen worden, auf dem um mehrere Meilen ent⸗ 
legenen Wittowiſchen Poſthofe an des Landes aͤufer⸗ 
ſter Ecke, von wannen im Fau eines dringenden 
Ereigniffes die PYacketbote pflegten abgefertiget zu 
werben nach den ſchwediſchen Küfen. Die Wall⸗ 
fahrt gu. ung mußte diefem Alten nothwendig jeder⸗ 
jeit den beſten Theil der Woche koſten. Gleichwohl 


_ 142 — 

babe ich anfangs ibn faß fonntäglich gefehn; ge⸗ 
lehnt an: den Pfeiler: der Kanzel gegenüber, Rand 
ee, hoch aufgerichtet, kerzengerade; daͤnnes weißes 
Haar ſpielte ibm um die Stirne und die Schlaͤfe. 
Spaͤterhin, wie su erwarten war, wurden ſeine 
Beſuche feiner und felmer. Als er endlich anr⸗ 
lich ausgeblieben, bin ich eines Tags unerwartet 
auf fein Grab geſtoßen, mitten unter den ‚Gräben 
der Inſel Hiddenſee, wohin jen er Poſthof einge⸗ 
pfarrt ˖ iſt, obgleich getrennt von ihr durch cin orei⸗ 
tes Gewaͤſſer. Auf des Kirchbofes fonnigfier Höhe 
hatten fie ihn eingeſcharrt; der Stein zu des Gra⸗ 
bes Haupten nannte feinen Namen; , lang Gras/ 
pfeifend im Wiade, deckte ringe den machtigen 
I Huͤgel. u 

7 Bigentbämtih dem Sande Witten und de 
Altenficcher Gemeinde iſt die Sitte Der jährlichen 
feierlichen Gottesverehrungen ‚unter offenem Himmel 
am Geſtade des Meeres. Es if diefe Sitte ‚aufge 
Fommen in den alten laͤngſt verſloßnen Zeiten, 1 
der Heringefang an unferen Küften nach zu dei 
bedentendfien Nahrungsquellen des Landes gehhett, 





® 
L) 


— 143 — 
und sum Einlauf des gefangenen Kifches die Han⸗ 
delsleute ſich zuſammen fanden aus dem ganzen 
Norden. Damit nun weder die Fiſcher der ſoge⸗ 
nannten Bitte über der Wanderung in die entlegne 
Alte Kirche des guͤnſtigen Momentes verfeblen, noch 
"die Fremden, während Ge in dieſer Ferne verweüten, 
der geiſtigen Pflege aduslich entbehren möchten, fe. 
war. beliebt worden, daß ſowohl jenen als dieſen, ſa 
lange die Zeit des Fanges dauerte, ein eigner Get⸗ 
tesdienſt gehalten werden falle auf dam Plage ſelber. 
Die Urſach bat nun zwar längfi aufgehdrt; den 
Hering bat fich hinweggewoͤhnt von dieſen Ufern, 
und es wird defien.nur kaum noch fe viel gefangen, 
als die zunaͤcht wohnenden Gemeinden gu Ihres 
Verbrauch bedürfen. . Nichts deßo weniger bat die 
Sitte ſich erhalten. Alljaͤhrlich, ſobald nur bie 
Fiſcher der Vitte dem Paſtor melden, daß der He⸗ 
ring (der liche Hering, wie fie ihn nennen, in dem⸗ 
felben frommen Sinn, worin wir andern das liebe 
Brat:zu fagen pflegen) ſich ſpuͤren laſſe, was deun 
gemeiniglich zu Ende des Auguſt, oder zu Anfang 
des September der Kal iR, fo mird der Anfang 


— 14 — 
der Afer⸗ Gottesdienſte der Gemeinde angekündigt . 
für den nachſten Sonntag; worauf fie denn an acht 
anf einander folgenden Sonntagen gehalten werben, 
und zwar fo, daß der Paſtor der Gemeinde die ehe 
und letzte Predigt hätt, die fechs mittlern aber def: 


- fen Diaconus. Es verſammelt ſich das Wolt zu 


gipei Uhr Nachmittags in einem hochgelegenen Thale 


derhalb dee Bitte, gang nabe dem. Merre, und 


unfern der Mferfpipe Arkona. In ber Mitte bes 
Thales neben dem alterthuͤmlichen Stein ſitzt oder 
Bet der Lehrer; Ihm zur. Rechten find Die Frauen, 
die Ränner linke. Ungefichts der Verſammlung 
wogt das Meer, und jenſeit feiner blauen Flache 
des romantiſchen Jasmund waldbededte Gehadt; 
da dann die Herrlichkeit der Landſchaft, die file 
Große der umgebenden Natur, die rings umher 
ansgebreitete Unermeßlichkeit des weiten Himmis 
und des offnen Meers nicht ermangeln, auch obne 
des Lehrers Wort and ben feierlich ſchallenden Pſalm 
der Gemeinde, zu tiefer Kaͤhraug und ehrfurdis- 
voller Andacht zu finimen.. » . Daß ich eine ſe 
ſchoͤne Sitte nicht werde baben außer Gebrauch 





— 15. — 
senflegt, und mit Sorafalt. ausgebildet haben werbe, 
wird man mir ohnſchwer zutrauen. Es warb dann 
‚auch, fobald nur bekaunt geworden, daß die fer 
gottesdienfle ieht ihren Anfang nehmen wärden, 
gewallfahrtet zu uns, zur Witte und demnächf gen 
Arkona, aus allen Gegenden der Inſel, und von 
dem feften Lande felber. — 

„Daß inzwiſchen boiche Andachten im Freien auch 
mancherlei Unbequemlichkeiten ausgeſetzt ſeyen, wird 
jedem beifallen. Die bedeutendſte freilich war die, daß 
in Folge der ſpaͤtern Jahreszeit, bis gu welcher die 
Alten unfre uferdienſte verfchoben hatten und mo, 
in diefen Climaten zumal, Die Witterung bereits , 
Wandelbar und abhold zu werden anfängt, durch - 
dicke Nebel, reißende Stürme und berabflärzende 
Regengüffe nicht felten unfee Andacht gefidrt, > 
auch wohl zw Zeiten die Feier gänzlich vereitelt 
wurde. Wir pflegten in folchen Fällen in eine der _ 
geräumigen Hütten des Dorfes zu flüchten, inner⸗ 
balb deren morfchen Wände yufammengebrängt, 
wir unſrer Erhauung ſodann auf eine zwar minder 

XII. Sant. ; [10] 





8 


— 16 — 


feierliche jedoch um fo berzlichere und vertraull⸗ 
here Weiſe wahrnahmen.“ 

- Eine Schtiderung diefes bei guͤnſtiger Witterung 
ſehr fhönen Vitter Gottesdienftes hat Kofegarten im 
dritten Gefange feines Gedichtes Jukunde gegehtnt, 
109 er fagt: 


Aber als jet ber Gefang eeftummt, und Schreigel 
| im Thal war, 
- 98 von dem Sitz fich erhob der andachttrunkene Echte, 
Als er gebrängt umher wahrnabm die Taufchenden Schaartk: 
ML er ſenkte ben Blick zum Thal Hinaud in den Oft, 
ME er gewahrte die Hütten des Dorfs zerſtreut in der 
Strandſchlucht, | 
ueber die Schlucht hinaus des Golfs wildtobende Sluten 
Jen ſeit des tobenden Golfs blaudämmernd Jasmunde Geſtade; 
Ai⸗ er ſchaut' umher bie prangenden Haupter der Verge⸗ 
ueber den Häuptern der prangenden Hön’n des woͤlbender 
Htmmels 
Lautern Laſur, durchflammt don ber ESonn ' unendlichen 
Glutball; 

Als er vernahm zugleich dad Rauſchen der See u der 
| Brandung 
Dumpfes Gelänt, durchbrüllt vom Gewieher der RoP MM 
| der Rinder ; .. 








— 147 — 


Schlus ihm dad Herz im beklommener Vruſt. Es ver⸗ 
fagte die Kraft Ibm 

Den iu ioben, ein ſündiger Menſch, mit ſtammelnder 
Zunge 

Welchen gewaltiger ſchon der erſchütternde Palm der Na: 

| tur pries. | 

Doc er ermannte ſich, und fprach bie geſtugelten Worte. — 


In Anfehung des Geiles, in welchem Kofe- 
garten predigte, bemerkt er in der Geſchichte fel- 
nes funfzigſten Lebensiahres , daß er eine Weile, 
mach ben zu Ende des achtsehnten Jabrbunderts 
vorherrſchenden Anfichten, auch heſonders ‚die Sache 
der damaligen Aufklärung geführt, dem Glauben 
an den Teufel, die Geſpenſter und Seren ben Krieg 
gemacht, und | gemeinnübige Kenntniſſe aus ber 
Diätetit und Defonomde durch Predigten zu ver⸗ 
breiten gefucht babe. "ger bald gelangte er gu der 
Heberzeugung, daß dieſe Dinge nicht auf Die Canzel 
geboͤrten, und befchränkte füch darauf, die Blaubens- 
lehre und Sittenlehre Jeſu vorzutragen, den Glau⸗ 
ben und die Hoffnung und die Liebe zu predigen. 
Er entſagte einem zu großen Beſtreben, recht por " 


’ 


- 18 = 


pular gu ſeyn, und trachtete darnach, nicht bios 
dinabzufieigen zu den Zubbrern, ſondern dieſe auch 
emporzuheben. Er trug ſeine Predigten, wie ſich 
von ſeinem Temperamente und von ſeiner Stim⸗ 
mung erwarten 1ä6t, immer in einer fehr lebhaften 
Sprache und mit ſtarker eigener Gemüthsbeweaung 
vor, jedoch ohne große Kunſt auf ihre Ausarbeitung 
zu verwenden. Er fagt in diefer Beziehung: „Ohne 
. Zweifel find diejenigen die rechten Prediger, welche 
vergeffen werden über der Predigt felber. Nicht 
bie find es, welche. den Hbrenden binreißen zur 
Bewunderung ihres Talentes und ihrer Kunf, ibrer 
Dietton, Aetion und Deflamatton; fondern die, welche 
ihn an die Bruſt fchlagen machen und fprechen: Gott 
fey mir Sünder gnaͤdig! oder: O Abgrund der Er⸗ 
barmungen Gottes! ober: Ich glaube, Herr; bilf 
du meinem Unglauben! oder: Amen, ia! komm, 
- Here Jeſu!?“ Diefe feine Meinung hat er auch in 
dem Gedichte ausgeſprochen, welches er an den ver⸗ 
dienten Canzelredner, den Conſiſtorialrath Bieder⸗ 


ſtedt zu Greifswald, bei deſſen Amtsiubelfeyer 
richtete. 





x, 


— 19 — 
Und was iſt noth und? Buß' und Glaube! 
U, Buß' und Glaube thun fo noth! 
Vom Dornſtrauch tiert ſich nicht die Traube; 
Die Dieſtel bringt Fein Lebenkbrod. 
Durch Zittern nur und durch Erbangen 
Errindt fü die Berußigung: 


und niemand mag zum Hell gelangen, 
Als auf dem Weg ber Heiligung. 


TER Buße! rief in feinem Grimme 
Dee Täufer mit ded Donnerd Ton: 
Thut Buße: ſprach mit ſanfter Stimme —. 
Deb ew'gen Vaterd ein’ger Sohn. 
Die Haben Zwölf, die Boauergen, 
Sie blieben ihrer Sendung treu; 
und in den Thalen, auf den Bergen 
War Buße rings das Feldgeſchrei. — 


Johannes Gerſon ſchlief im Brabe; 
Doch blieb des Eifrers Grab nicht ſtumm; 
Tour Buße, rief er and dem Grabe, 
und glaubt dem Evangelium! 

AR an ded Leman Lufigefiaden 

Die Stimme Labadie's erſcholl, 

Sah man Geneva thränenbaben, 

und der Rhodan ſchwieg ehrfuirchtänen,; — 


*æ 


Kehrt wieder Starke! Unſre Rede, 
Beſchaͤmt durch euer kräftig Wort, 
Waut durch des Münſiers weite Dede 
Dumpfpanend Über Gräbern fort, 

Ihr Rraftet, und bad Todte lebte 

Wir fchonen, und was tobt, bleibt todt! 
O Geiſt, ber in den Vätern webte, 
Ser Gottes, Iehr’ und, was und notthz 


Bisweilen bielt Kofegarten biftorifche Predig⸗ 
ten, in welchen er das Leben frommer Männt 
der Vorzeit als Beiſpiele fchilderte, wie bas Le⸗ 
ben des Janatius, des Biſchofes von Anticchie, 
und das des vaterlandliehenden Bruders Nilolaus 
von der Fluͤhe. Er ſchaͤtzte die Erbauungsſchriften 
Zaulers, Arends, Speners und Terſieegens, weil 
es ihm fchten, daß, bei mancher Sonderbarkeit de 
Zorm und des Ausdruckes, dennoch wahrhaftes re⸗ 
Hgidfes Gefühl in ihnen lebe, während biefes in 
fo manchen veligiäfen Schriften aus der Schale 
der Aufklärung vermißt werde. Auch mar er ei 
Freund der evangeliſchen Bräderunitäs, deren tele 
ſende Mitglieder ihn bisweilen befuchten. Eine Ver⸗ 





v 


— 151 — . 
finferung des Geiſtes und Lähmung der Thätigkeit, 
wie man fie gewöhnlich von deu Lefung der Schrif- 
ten jener Art befürchtet, bewirkte gleichwohl dieſe 
Leſung bei Kofegarten nicht; und auch mit gruͤnd⸗ 
licher Gelehrſamkeit und fittlicher Thätigkeit in der 
menfchlichen Geſellſchaft Können folche religiäfe Ge⸗ 
fühle fich wohl vertragen... Uebrigens blieb Koſegar⸗ 
ten weit entfernt von undulbfamer Polemik gegen 
achtungswerthe Anhänger des rationalififchen Gy⸗ 
fiemes der Theologle, welche aus redlichem Stre⸗ 
ben nach Wahrheit ihre Anfichten verfolgten. 

Bei feinen gembhnlichen Predigten fchrich Ko⸗ 
fegarten vorher nur eine kurze Dispofition auf, 
über welche er dann frei redete. Einige feiner frü- 
beren Predigten find gedruckt, wie außer den ſchon 
erwähnten, die Antrittspredigt au Altenkirchen, und 
die erſte uferpredigt in der Vitte, Leipzig 1792; die 
Jubelpredigt zum Gebächtnig der in Schweden voll- 
endeten Reformation, Leipzig 1793; und: Predigten, 
zwei Bände, Berlin; 1794. 1795. Einzelne findet man 
auuchin der Eufehla und In den Rhapſodieen. Zu Ko⸗ 

ſegarten's Schriften im religidſen Fache, welche er 





—_ 152 — 


An Altenlirchen herausgab, gebbren auch noch: Eu 

febta, ein Jahrhuch zur Befborderung der Religie 

‚fität, Leiprig 1792, und: der Prediger, wie er fe 

ſollte, dargeſtellt im Leben des Baptiftenpredigers 

Mobert Robinſon; nach dem Englifchen 1800. Ein 

paar andre Arbeiten, welche das Firchliche Lehramt 

betreffen, werden unten erwähnt werben. 

* Die zahlreichen, zum Theil ſehr unangenehmen; 
weltlichen Gefchäfte, welche Kofegartens neues Amt 
berbeiführte, entſprangen zuvbrderſt darans, def 
dee Altenkircher Pfarrherr zugleich Grundherr 
des Kirchdorfes Altenkirchen iſt, und folglich ned 

ber damaligen Landesverfaſſung die Patrimonialge⸗ 

vichtsbarfeit über das Kirchdorf ausüben mußte 
Die große Nähe umd faſt gänzliche inentgeltlichteit 
der Nechtspflege in erſter Inſtanz machte die Be⸗ 
wohner des Dorfes deſto gerichtsluſtiger, und zahl⸗ 
reiche Gerichtstage wurden von Ihnen verlangt, 
welche, wie Leicht gu erachten, den Gerichtäherm 
Belt, Geld, und Verdruß Eofleten. Kofegarten be 
merkt über dieſe feine Juſtizpflege, in der Geſchichte 
feines funfsigßen Lebensiahreg, folgendes: 








— 153 — . 
 Beddlich ſchlichtete ich die meiſten Haͤndel ohne 
große Weitlauftigkeit unter vier oder ſechs Augen. 
Allein ich hatte mich Dach auch dadei wohl vorzu⸗ 
ſehen; zumal, wenn es Erbfchichtungen galt, Aus⸗ 
einanderfehungen, Verträge, die das Mein und 
Dein, betreffen, Berlaffungen, Eutatelen, Bormund- 
ſchaften und ähnliche Dinge. Wozu noch Fam, dag 
innerhalb meines beſchraͤnkten Weichbildes, in Folge 
deffen, Daß dreierlei Klafien von Leuten darin wohn⸗ 
ten, auch dreierlei Recht galt, Kaiſerrecht, Luͤbi⸗ 
ſches Recht, Bauerrecht; nicht zu gedenken bes 
Herkommens, dag noch ein Ueberbleibſel des uralten 
Mögifchen Landesgebrauchs war, der meines Er⸗ 
achtens wohl verdient hätte beibehalten zu werden, 
weil er, der hervorgegangen war aus der Natur 
des Bodens und des Ihn dewohnenden Volkes, zu 
den Dertlichleiten am beflen paßte. Bei folcher 
Gehalt der Dinge war mit dem fhlichten Men: 
fehenverKande und dem natürlichen Billigkeitsge⸗ 
fuͤhl hier nicht Immer auszureichen. Kein Rechts⸗ 
gelehrter befand ſich in der Naͤhe, den ich haͤtte zu 
Rathe ziehen kbͤnnen. Mein Juſtitiarius wohnte 





14 — 


in Bergen, drei Rarke Meilen jenſeit des Waſſers. 
Kine ordentliche, Pop reihe zwiſchen dort und hier 
Wohl fandten wir wöchentlich einen Zußboten bin, 
um Briefe und Zeitungen abzubolen, mas aber für 
die Beduͤrfniſſe des Augenblickes nicht genügte. 
Waren die Befchäfte nun gerade.nicht fehr verwidelt, 
fo beſchied ich die Parteien. vor, berief ein paar ver⸗ 
ſtaͤndige Nachbarn als Zeugen, distirte das Prote⸗ 
tokoll in die Geber, dem Lehrer meiner Kinder > 
won, oder dem Wundarzt des Orts, oder dem Cau— 
tor; am Ende warb das Protokoll aufgelefen, und, 
nachdem die Parteien deſſen Richtigkeit erkannt, von 
mie und ben Zeugen unterſchrieben und unterſiegelt, 
dann aber ing Archiv gelegt, um, wenn es Neth 
that, auf dem nachſten foͤrmlichen Gerichtstag ſolen⸗ 
niſirt zu werden. Ein ſolcher Gerichtstag war ein 
Tag großer Unruhe und nicht geringen Aufwandes. 
Tags vorber ſchon fand der Juſitiarius ſich ein 
für meine Rechnung. Die Herren des Landes, die 
zu Bejſitzern erbeten worden, erfchienen mit ‚großem 
Gepränge und Gefolge. Nachdem nun die Yat- 
teien ſich eingefunden und gefräbbärkt worden, wart 





15 — 
das Gericht erbfinet. Der Grund» und Gerichte 


here präffdirte. Die Parteien rechteten entweder in 


Verſon oder durch ihre Sachwalde. Die Beiſitzer 
ſagten ihre Meinung. Das Urtheil ſprach Namens 


des Grundherrn der Juſtitiarius. Bon dem Paſte⸗ | 
ratgericht galt Die Berufung an das Landgericht, 


vom Landgericht an das Hofgericht, von diefem an 


das Oberappellationsgericht, von dicfem am den 


jängfen Tag. Mitunter haben wir die Weten auch 
verſchickt, und die Urtheile ſprechen laſſen von aus⸗ 
waͤrtigen Facultaͤten, dee Roſtockſchen zumahl, des 
ren Urtheile an Grandlichkeit der Motive, Schnel⸗ 
ligkeit der Entickeldung, auch Billigkeit der Koſten⸗ 


rechnung nichts zu wuͤnſchen uͤbrig ließen. wir 


faßten uͤbrigens die Gelegenheit am Schopf. Eine 
Menge Gefchäfte wurden abgemacht an Einem und 
demfelben Termin; und weil wir gern fertig ſeyn 
wollten, der Mechtsfeeund auch felten Ueberfluß au 
Zeit hatte, fo haben wir bisweilen zu Gericht geſeſ⸗ 
fen von fraͤh zehn uhr bis zwei ubr nach Mike 
ternacht; was uns ſchwerlich irgend ein Gerichts⸗ 
hof nachthun nidchte im ganzen romiſchen Meich. 


16 — 


Ich kenne deren, bie aus Einem ſolchen Termin 
dreißig gefponnen, und zu breißig malen die Sper⸗ 
teln fich hätten zahlen laſſen. Ich meines Theils 
nahm keine Sporteln, und auch bie Bewiethung 
wat mie niemand gut. Zwar waren zur Entſan. 
gung bie etwa zu erlegenden Buß- und Strafgel⸗ 
der mir gefehlich zuerkannt. Allein ich hätte mich 
geſchamt, ſolch Suͤndengeld zu nehmen. Ach ſtedte 
es in die Armenkaſſe, und babe das Recht gepflegt 
in meinem Wolf ſechzehn Jahre lang unparteifä, 
unbeugſam und unentgeltlich.“ 


Auch mußte der Pfarrer zu Altenkirchen, als 
Grundherr des Kirchdorfes, der Polizei darin dni- 
girmaßen wahrnehmen; weiches Gefchäft vorraclich 
notbwendig ward, wenn bei feierlichen Anlaͤſen Me 
Bewohner andrer Dirfer der Gemeinde im’ Kitih- 
dorfe ſich verfammelten. Dann Tonnten bisweilen 
unrubige Auftritte nicht ausbleiben, und fohald 
dergleichen fich eregneten, ward ber Pfarrer geheilt, 
am, in Ermangelung der Diener, in Perſon Ne 
Ruhe wiederherzuſtellen. Kofegarten fagt, im der 





. 


— 157 — 
Geſchichte feines funfzigſten Lebensjahres, von die 
fem Umſtande folgendes: 

„Wenn nun an Sonntagen und Feiertagen gu- 
Abend Die Schenken ſich fuͤlten; wenn bei Hochzei⸗ 
- ten oder Leichenbegängnifien die Ausrichtungen im 
Drte ſelbſt gegeben wurden; in ben Jahrmaͤrkten 
vor allen, wenn die Bevbblkerung des ganzen Lan⸗ 
des zufammengedrängt war in einem Bezirk von we⸗ 
nigen Quadratruthen; fo beburfte es wirklich kei⸗ 
ner geringen Kraft des Bleichgewichtes und ber 
Selbſtheherrſchung, um die weltliche Autorität gel⸗ 
send zu machen anf eine ſolche Weile, dag nicht 
etwa die geifliche Wuͤrde dadurch möchte gefährbet 
werden. Es war unbequem in dieſer Hinſicht, 
obgleich in anderem Betracht wieder ſebr erfren⸗ 
Hch, daß es Im gzanzen Lande weder cin Gefäng- 
niß gab, noch einen Stockmeiſter, weder Schaar⸗ 
waͤchter, noch auch einen einzelnen Haͤſcher. Da 
nun auch die Nachbarn ſich viel zu gut dielten, 
die Stelle der Lebteren zu vertreten, fo biich, 
wenn es etwa galt, einen Tumult zu ſtillen, oder 
einer Schlägerei zu ſteuern, oder einen Unruhſtif⸗ 


— 18 — 
tee über Seite u bringen, dem geiflidhen Sen 
nichts übrig, als felh Hand anzulegen, worauf 
denn auch die Nachbarn sicht Länger Bedenken 
trugen, mit zuzugreifen. Es flebt zu leſen in den 
Chroniken des Landes, . daß ein Pfarcherr des fieb- 
zehnten Jahrhunderts, der auch Brundherr amd 
Gerichtsberr geweſen, allzeit feinen Knotenſtab mit 
auf die Kanzel genommen; wenn nun die Bauern 
unten, im Schiff der Kirche allzu laut geworden, 
und feine mündlichen Vermahnungen wicht haͤtten 
- anfchlagen. wollen, fet er einſtweilen binabgefiegen, 
babe den Frieden mit dem Stabe wieder bergehcht, 
- und fobann feinen Vortrag rubdig zu Ende gebracht. 
Wenig fehlte und ich wäre bisweilen im den Tal 
gekommen, daſſelbe thun zu muͤſſen; zwar nicht in 
der Kirche, aber doch in den Gaſt⸗ und Trinkſta⸗ 
ben.” Die große Ehrerbietung, welche diefem Belle 
eingepflanzt if für feine Lehrer und Seelforger, als 
die fie eine Art geheiligter und unverletzlicher Per⸗ 
fonen zu feyn beduͤnken, kam mir zu ſtatten in Zdl- 
len diefer Yet. Es iſt mir wohl cher begegnet, daß, 
wenn ich etwa pläglich gerufen ward, um Mord 





— 159 — 


und Todfchlag, wie es hieß, zu feuern, und nun 
in die Stube trat vol taumelnder, ſtuͤrmiſchtobender 
Menfchen, angenblidlih eine allgemeine Stille 
ward; die Reiben fich dfineten, demnächk binter 
mir fich: wieder aufammenfchloffen;, man wärde aus 
großer Begierde, mich zu ſehen und zus hören, mit. 
allem erfinnlichen Reſpeet mich am Ente gar er⸗ 
drüct oder erguetfcht haben, wenn ich nicht die 
Partei ergriffen hätte, auf den Tiſch zu fleigen, 
und von folcher Tribune herab meine Mahnungen 
and Verweiſe auszuſpenden. Aliezeit ik mein blo⸗ 
ßes Erſcheinen hinlaͤnglich geweſen, den Tumult 
zu ſtillen, und nie iſt man auch nur mit einem 
Wort oder einer Gebehrde, der Ehrerbietung, die 
man dem Seelſorger ſchuldig zu ſeyn glaubte, zu 
Nabe getreten.“ 

Ferner wendeten dem Altenkircher Pfarrer auch 
die Bewohner der übrigen Dorffchaften der Ge- 
meinde mancherlet weltliche Beichäfte zu, Indem. 
jener diefen Gemeindegenoſſen zwar nicht Grund» 
bere und Gerichtshere war, jedoch als naͤchſter all⸗ 


_ 10 — 
gemeiner Rathgeber von ihnen angeſchen wurde. 
Hieruͤber ſagt Koſegarten folgendes· 

„Es war aber der Pfarrherr zu Altenlirchen 
nicht bloß ſeiner eignen Angehörigen Schiedsrichter 
und Berather; es hatten aus Gelegenheit der 
vielfältigen Verpflichtungen, worin folche mit den 
ſammtlichen übrigen Gemeindeeinwohnern fanden, 
auch dieſe nach und nach fich dazu gewoͤhnt, Ihre 
Handel ebenfalls demſelben geiflichen Richter vor⸗ 
zutragen, und ſich zu beruhigen bet feiner Entſchei— 
dung. Seit undenklicher Zeit war der Altenkircher 
Pfarrhof oder Wedem, vote ihn die Leite nennen, 
das Hammonium ‚oder Dodona bes Landes gewe⸗ 
ſen. Wer nur irgend ein Anliegen hatte, wer con 
eines Rathes bedurfte, wer Fuͤrſprache und Ver⸗ 
wendung gebrauchte, wandte ſich dort bin als as. 
die Duelle des Rechts, der Einficht und der Hülfe 
So kamen dann die Leute aus allen Gegenden des 
Landes. Klagende und Vertheidigende, Berichtende 
und Erkundigende, Huͤlfsbeduͤrftige aller et, die 
Geplagten und Gedruͤckten im Volke vor alen. 
Sie kamen zu allen Stunden des Tages, früh 





14 - 


wenn ich mich fo ehen an, den Schreibtijch gefcht 
Mittags, wenn ich mit den, Meinigen über Tie 
Sche faß, Abends wenn ich. etwa eben batte anſpannen, 
laſſen, um durch eine Spazterfahrt an dag ufer mich 
zu erbeitern, am bäufigfien freilich dann, wenn ich 
der Beſuche mich am liebſten haͤtte überhoben ge⸗ 
ſehn, Sonnabends namlich vor und nach der Beichte, 
und Sonntags zwifchen den Gottesdienften. Wohl 
war mir eingefallen Anfangs, die Befuchenden zu 
befchränten auf gewiſſe Stunden des Tags, mo 
ich allen umd jedem zugänglich ſeyn woBe, außer 
folchen aber nur dem, der meiner dringend. bedurfte. 
In Erwägung jedoch, daß einen jeden fein Gall 
der dringendfte beduͤnkt, und daß, welche Stunden 
mir die bequemfien wären, jenen leichtlich am we⸗ 
nigſten bequem ſeyn moͤchten, unterließ ich biefes. 
Zu rechter Jeit noch ward ich inne, daß meine Leute 
ſich angewoͤhnt hatten, wenn nach ihrer Meinung 
des neberlaufens zu viel wurde, die Kommenden fot⸗ 
zuſchicken eignen Geheißes und nicht allzufreundlich, 
vorwendend, ich ſpeiſe oder ruhe, oder fudire. Ich 
unterſagte dies aufs ernftlichfe; und. indem ich mie - 

Xu Sand. 111] 


— 162 — 


ein für alle mal zum Grundfaß machte, keinen air 
zuweiſen, jeden vorzulaſſen augenblicklich, abzumachen, 
was es irgend vertrug, anf der Stelle, nichts, was 
fofort enfichteden werden konnte, zu vertageit, er⸗ 
rang ich es, daß ich-micht nur zu allem, was vor⸗ 
fiel, Zeit gewann, fondern.daß mir auch noch Mafı 
übrig blieb zu Gefchäften, die meiner Stimmun— 
freilich inniger iufagten 


Der größere Theil der Bewohner des Kirchſpie⸗ 
les Altenkirchen, ſo wie der Inſel Ruͤgen überhaupt, 
befand damals ans fogenannten Interthänigen 
oder Leibeigenen, und diefe Leute, wenn fie von 
ihren Herren gemißhandelt wurden, oder ungerecht 
bebandelt zu ſeyn glaubten, wollten gembbnlic bei 
ihrem. Seelforger Rath und Schuß fuchen. Die 
Antertpänigen waren glebae adscripti, und gehoͤr⸗ 
ten dem Gute an, auf welchem fie geboren worden 
dieſes durften ſie nie verlaſſen, ſondern mußten ihr 
Leben lang dort zu Hofe dienen, fuͤr einen äußert 
geringen Lohn. Sie konnten alſo kein Gewerbe 
ergreifen, und kein freies Eigenthum nach ihren 


} - 


Zur 





— 13 — 


Willen erlangen. Sie durften nicht beirathen ohne 


Erlaubniß ihres Gutsherrn, und wollte ein Freier 
eine Unterthaͤnige heirathen, fo mußte der Freie 


die Unterthänige loskaufen, daferne der Here fie 
' Iosgehen wollte, oder der Freie mußte auch fich 


ſelbſt, und einen Theil feiner Kinder, gu Unterthaͤ⸗ 
nigen des Heren feiner Braut machen. Wollte der 
Herr einem Unterthaͤnigen, der fich Ihfen zu Tonnen 
glaubte, die Freiheit gewähren, fo mußte der un⸗ 
tertbänige für eine Summe Geldes füch loskaufen, 


- beren Aufbringung ihn oft lange hernach drüdte. 


Welche Willkuͤhr üblen Herren Uber ſolche Leute 
freigeftanden, laͤßt fich leicht erachten, da der un- 
terthänige, fans er wirklich in einem einzelnen Falle 
vor dem Richter fein Recht erwies, doch durch die 


- Zeit feines Lebens unter der Herrichaft bes verflag- 


tem Herrn blieb, und diefer dann Gelegenheit ge⸗ 
nug hatte, jenen empfinden zu laſſen, was er wollte; 
dazu Hatten die Gutsherren die Patrimonialgerichts⸗ 
barkeit. Einem folchen Zwange entzogen’ fich denn 
jährlich manche junge Unterthaͤnige durch die Flucht; 
von Wittow gingen ſie häufig nach Luͤbek und 


v 


J 
x’ 


14 - 


“ 


- Hamburg, und baxgen ſich "dann auch meifens 
- por: dan fie verfolgenden Stecbriefen. Der Predi⸗ 
ger konnte dieſen Leuten, wenn fie Rath bei ihm 
ſuchten, wenig, Huͤlfe keiften, da die Landesgeſetze 


den Zufand Für Recht ertläcten; Fuͤrſprache Tannte 
ber Prediger wohl einlegen, die aber ſelten wehl 


, aufgenommen ward. „ Einige haben die Rügenfde 
. and Pommerfche Leibeigenſchaft damit. rechtfertigen 
wollen, daß fie ſagten, fie fen Feine eigentliche Leib⸗ 
eigenſchaft, fondern nur eine Gutsunterthaͤnigkeit, 
. die Unterthaͤnigen ſeyen dabei fehr wohl verforgt 


geweſen, und, der Herr babe sur Entlaffung gegen 


das Läfegekd geſetzlich geſwungen werden fu- 


nen. ber wie die Sache beſchaffen geweſen, 


bat Era :Morig Arndt in feiner: Geſchichte der 


; Leibeigenfcheft in Pommern und Rügen, beſchrie⸗ 


ben. König Guſtav Adolf bat darnach im Jahr 


1806 dieſen unnatuͤrlichen Zwang geldſet. 
Ein andrer mit der unterthanigkeit nahe jü« 


ſammenbangender Umſtand, welcher oft traurige 


und ſchreckliche Auftritte herbeifuͤhrte, war das ſo⸗ 
genannte Legen ober Verfen der Bauern. & wurden 





— 165. — 


, 


nämlich von den Gutsberren, um einen gebgeren 
Geldertrag der Ländereien zu erzielen, den unter 
dem Gute wohnenden Dienſthauern ihre Aecker ger 

nommen; die Bauern, welche bis dahin einen ei⸗ 
genen Heerd gehabt, mußten ihre Höfe verlaſſen, 
anf welchen fie und Ihre Vorfahren gelebt batten, 
und blieben nun mit Ihren Kindern nur dienende 

Knechte auf. dem Gute; ihre Wohnungen wurden 
niedergeriſſen, die Dorfliche ward umgepflägt ober : 
in Einliegerlatben. verwandelt, und die Ackerwerke 
wurden zu Dem Gute gefchlagen, oder zu einen neuen 
großen Pachthofe gemacht. So verfchwand ein Bau⸗ 
eendorf nach dem andern; man kaufte fremde Bau⸗ 

erndärfer, nur am fie auf diefe Weife zu gerfibren. 

Huch, diefem Verfahren fuchte Gußan Adolf bei. 
den: Krongoͤtern Einhalt su thun. Er verordniete,- 
daß im Gegentheil große Krongüter in kleine Bau⸗ 
erhoͤfe zertheilt werden ſollten, und befahl in dem: 
Patent vom zehnten September 1806, daß bei allen, 
neuen Verpachtungen eben fowohl und suerh das: 
billige Auskommen der Pächter, wie des Khnigs, 
Vorctheil gefucht werben folle- Kofegarten bemerkt 


® 


x . 


— 166 — 


über dieſe Verdaltniſſe in ſeiner Gemeinde im wwei⸗ 
ten Bande der Rhapſodieen: 

Die ichige Zahl der Einwohner Wittons ber 
trägt gegen dreitanfend. Bon diefen dreitaufenden 
ſind böchftens nur vierhundert freie Perfonen. Die 


u übrigen brittehalbtaufend find — Sachen, Mobilign 


ſo zu fagen, die mit der Exdfcholle, auf ber fie ge 
baren wurden, verkauft, vertauſcht/ verſpielt oder 
verpfändet werden, und Feine andre Ausſicht haben, 
als den Boden, dem fie einmal angehören, Zeitles 
lebens für andre zu bauen, und mit ihrer Aſche 
ihn endlich zu düngen. Die, Krone inzwiſchen bee 
ginnt feit einiger Zeit, das Schickſal ihrer Auge 
börigen auf das kraͤftigffe zu mildern. Gle zertheilt 
die großen Domantalgäter in mehrere klejnere par⸗ 
zelen⸗ Sie erlaͤßt dem Baueremann‘ die herabwuͤr⸗ 


digendſte und niederſchlagendite Art der Unterdruͤl⸗ 
kung, die Ftohne. Sie erlaubt ihm, fein Gefchäft 
‚amd Feld ſelbſt zu pachten, ermuntert ſolcherge⸗ 
ſtalt ſeine Betriebſamkeit, ſichert fein Eigenthum, 


und erhoͤht ſowohl fein haͤusliches wie fein mora⸗ 
liſches Wohlbefinden. Einzelne Guͤterbeſitzer fahren 





— 467 _ 

dagegen noch immer fort, dem entgegengeſehten, 
dem Staate nicht minder als den Individuen fo 
ſchaͤdlichen, Syſteme zu folgen; entſetzen den Bauer 
ſeiner Wehre, ſchleifen ganze Dorfſchaften, errrichten 
anf den achzenden Laren derſelben ſtattliche Hofe, 
und genießen dann der hohen Wolluſt des verwü- 
fienden Engels in der Meffiade, der Wolluſt — ſich 
umgufehn! 

„Noch in diefem Jahre hat die Guts⸗ 
herrſchaft zwei Bauerwehren in dem Dorfe Dre⸗ 
woldfe, zu Gunſten eines benachbarten größeren 
Pachtgutes, gefchleift. Umſonſt erboten die Bauern 
ſich, die Herrſchaft vdllig ſchadlos zu halten. Um⸗ 
ſonſt verwandten ſich mehrere angeſehene Maͤnner 
fuͤr ſie. Umſonſt wagte ich es ſelbſt, durch das 
Flehen meiner Beichtkinder gedrungen, eine Fuͤrbitte 
fuͤr ſie einzulegen. Weit entfernt, daß auf meine, 
gewiß des Aufmerkens nicht unwerthe, Vorſtellung 
die geringie Ruͤckſicht genommen wäre, bat man 
mich- nicht einmal einer beantwortenden Zeile ge⸗ 
würdigt, diesmal fo wenig,. wie in einem früheren, 
noch ungleich dringendern Galle, während mir noch 


" PP 
. . ” * RT 
47 ER 
De ‚ 


— 468 — 
nie cin King, y ein Fuͤrſt, ein wabrhaftig Großer 
und Edler unſres Bolfes eine Antwort ſchuldig 
blieb.” 

Kofegartens Sage zu Altenkirchen, dem uhrd⸗ 
lichſten Kirchſpiele Deutſchlands, war zwar, veſon⸗ 
ders im Winter, etwas abgeſchieden von der großen 
Belt, hatte aber dennoch manche Annehmlichkeiten 
für ihn. Der Pfarrhof iR von Gärten umgeben, 
und von der See kaum eine halbe Stunde entfernt, 
fo baß bei etwas unrubigen Wetter, vorzüglich bei 
Oſtwind, der dumpfe Donner der Brandung aus 
der Tiomper Wyk dort hinüber tönt. ‚Das Land 
if zwar flach; aber die dſtlichen und nördlichen Ufer 
ſind ziemlich hoch, und die unbegrängte Ausſicht 
von ihnen in die offene See behält immer etwas 
feieeliches, erhabenes und ernfies, ſowohl bei der 
Stile der See, wie wenn bei Sturm der weiße 
Schaum die dunfelblauen Bogen kraͤnzt. Ein bei 
Altenkicchen ‚gelegenes Hünengrab, der Capellen⸗ 
bein? genannt, von welchem man über die See nach 
Jasmund hinüber ficht, war oft das Ziel ber Spa- 
siergänge Koſegartens. Gerne befuchte er auch die 


x 








— 169 — 

ſogenannten Lieten oder uferſchluchten am dulichen 
ufer. Eine ſolche Fahrt nach den Lieten bat er 
befchrieben in feiner Eeloge. Noch lieber verweilte 
e auf dem etwas entfernteren Borgebirge Arkona, 
auf. welchem man ſich faR rings umber von der | 
Ser umgeben ſiebt, wo man rechts die blauen Ufer 
Jasmunds erblickt, und links die der Inſel Hid⸗ 
deuſee, auch am nordweſtlichen Horizont bei hellem 
Wetter die weiß ſchimmernden Kreideufer der daͤni⸗ 
ſchen Inſel Moen. 


Dort, wo umſchaäumt Arkona 
Die Bruſt den Wogen beut, 
Schaut glanzberauſcht das Ange ht 
In die Unendlichkeit.” 
Erhabnes Ahnen ſchwellet 
Des eruſten Schauers Bruſt, 
und Hohngelächter däucht uns 
Der Erde Schmerz und Luſt. — 


*Sieb' dort am Saum bed DOfken, ‘ 
uUmſchürzt vom Ozean 
Hebt Jadmund feine Scheitel 


Zitaniſch mondhinan. 


€ 
% 


— 170 — 


Wobl ſeid ibr, Quoltiz Berge, 
Hoch Seelow's Wolkenheerd, 
Gewalt’ge Stubbenkammer, 
Wohl unſers Preiſes werth. 


Oft machte er auch Reiſen nach der Inſel 
Hiddenfee, wo er in dem Dorfe Grieben bei det 
Symilie Heters immer "eine gaſtfreie Aufnahme fand. 
Der füdliche Theil der Inſel iſt fiach und fandig; 
aber der nördliche iſt bergig, und vom der Hide 
des Swantig ſchweift der Blick unbeſchrankt über 
die Fluten der Dfifce bin. Hiddenfee hat Koſe⸗ 
garten gefchildert in feinem Gedichte: die Jnſelfahrt, 
worin dieſe Inſel den Namen des Bernſteineilandes 
fuͤhrt, weil an ihren Kuͤſten Bernſtein gefunden 
wird. | | 

„Siehſt du in, Saweter, den Wimpel, den fern⸗ 

herflatternden,? Deutlich 
werd ic das guͤldene Kreuz gewahr in der wallenden 
Leinwand. 


Schwerter, fie find es: Gewiß! es find bie feßnlich erharrten 
Sieben Gäſte.“ | 





— 171 — 


f 


allſo ſprach zu Iſoren, der trauten älteren Schweſter, 
Jutta, das liebliche Kind. Am Geſtade der heimiſchen Inſel 
Saßen ſie ſeit des Tags Anbruch, vom äußerſten Vorland 
Emſig hinunterſchauend die engere See, die ſich ſtrudelnd 
Zwiſchen des Hauptlands Küſten ergießt, und des Bern⸗ 
ſteineiland⸗ 

Oederem Strand. 


Bisweilen beſuchte Koſegarten auch die alten 
Freunde in den übrigen Theilen Ruͤgens, zu Ber⸗ 
gen, Bilmpig, Lanken, Mönchent, Gingſt und auf 
Jasmund. Selten kam er nach Pommern. Mit den 
Gebildeteren unter feinen Eingepfarrten pflog er 
“einen freundfchaftlichen Umgang, am meiſten mit, 
der Familie des Praͤpoſitus Schwarz zu Wyk auf 
Wittow, feines. naͤchſten Amtsgenoſſen. Während. 
des Sommers erhielt er haͤufige Beſuche von Frem⸗ 
den aus allen Gegenden Deutſchlands, welche die 
Inſel Rügen bereiſeten, und dann gewöhnlich auch 
in Kofegartens Wohnung einfehrten. Sehr oft 
nabm er biefe Fremden gaflfrei bei fich auf, da das 
Dorf werig Gelegenheit zu einem anfländigen Un⸗ 
terfommen barbot; fie vermeilten mitunter mehrere. 


⸗ 


_ N — 


Tage bei tum, und er begleitete fie nach den fehens⸗· 
werthen Gegenden der Inſel. Manche ſchaͤßbare 
und ausgezeichnete Männer Teente Kofegarten auf 
diefe Weife. Tonnen, wie den Zreiberen Wilhelm 
von Humboldt und den Grafen Leyel von Naſ⸗ 
ſenheide. 

Im Winter ward dagegen der nufenthalt auf 
Wittow deſto einſamer. Schon der gewoͤhnliche 
Weg von dort. nach der groͤßeren Inſel Rügen. 
führt über einen Meerarm, die Wittowfche Faͤhre, 
und ber Landweg nach Stralfund führt außerbem 
much nach Aber die Meerenge, die alte Faͤhre. Beim 
Anfange und beim Aufhoͤren des Froſies, welcher 
ſich Mter einſtellt und wieder nachlaßt, kann man 
oft gar nicht uͤber dieſe Faͤhren kommen, weil das 
Eis noch nicht trägt, und doch die Fahrt der Boote 
- hindert. Dann find die Bewohner Wittows ſelbn 
von ihren naͤchſten Umgebungen abgefchnitten. An⸗ 
dere Fremde freilich fuͤhrte der Winter bisweilen 
unter traurigen und ſchauerlichen umfönden ders 
bet, nänrlich durch die Schiffbruͤche oder Stran⸗ 

dungen. Dieſe ereigneten ſich beſonders an der 


1 





— 13 — 


Silichen und nbrdlichen Kuͤſte Wittows durch Nebel, 
Stuem und Eis, und nicht felten kam ein Theil 
der Mannschaft der Schiffe dabei um. Defter fab. 
man die feſt gewordenen Schiffe in nicht großer . 
Entfernung vom Strande von dan Wellen befärmt, 
amd die Beſatzung derfelben in fortwährender To- 

desgefabr, ohne Im Stande zu fein, fie gu erldſen, 
weil die furchtbare Brandung alle vom Sande ale - 
gehenden Boote wicher zuruͤckwarf. Ungefaͤhr im 
Jahre 1802 firandete in der Tromper Wyk. am ufer 
des Hofes Reiderviz ein kleines daniſches Schiff. 
Beim Anbruch des Tages ſah man die Wellen un⸗ 
aufhoͤrlich über das Schiff, und bie auf dem Ver⸗ 
det verſammelte und fi an Die Maſten anklam⸗ 
mernde Mannfchaft binwegfchlagen, fo. daß die 
Leute Minutenlang vom Waſſer bedect waren, und 
dann wieder: bervortauchten, das Waſſer von den 
Köpfen. fchättelnd. Einer derfelben ward vor un⸗ 
fen Augen von einer Welle losgeriſſen und ver- 
| ſchwand in den Fluten. Indeß war es ſehr ſchwer, 
den Leuten zu helfen. Da ſich in jener Gegend 
des ufers Feine Boote befanden, fo mußten dieſe 


— 174 — 


erft anf Wagen berbeigeholt werden; auch wollte 
ſich Niemand recht mit Leberisgefade in die tobende 
Brandung hineinwagen. Endlich befiiegen einige See⸗ 
Iente aus dem zur Altenkircher Gemeinde gehoͤrenden 
Dorfe Breege ein Boot, und wagten den Verſuch. 

Es gelang ihnen, die Mannfchaft von dem’ Schiffe 
berabzubringen und ans Land zu führen; doch fat» 
ben fchon mehrere davon während diefer eberfabet, 
und nur zwei blieben am Leben erhalten. Koſe⸗ 
garten machte die Ibbliche Entfchlofienheit der Bree⸗ 
ger Seeleute‘ dekannt, und der König von Däne- 
mark fandte darauf gu ihrer Auszeichnung große 
.. goldene Medaillen, und der König von Schweden 
ſilberne Medaillen. In der Aitenkircher Kicche wur- 
den ihnen nach heendigtem Gottesdienfie von Koſe⸗ 
garten dieſe Ehrenzeichen übergeben. Bel fcharfem 
- Beofle gerieben bisweilen Schiffe auf den Strand, in 
weichen die Mannfchaft.fhon erfroren gefunden ward. 
Auch Auftritte Fomifcher Art ereigneten fich mitm- 
ter bei-diefen Vorfäden. Im inter des Jahres 
1803 ward ein-englifches Schiff an der Kuͤſte des Ho⸗ 
fes Reiderviz im Eife fehl. Dieans Land gegangenen 





— 15 — 0. 


u ; 
- Matrofen bitten, daß in dem benachbarten Alten⸗ 


firchen der Doctor Kofegarten wohne. Bald dar- 
auf ruͤcktte ein Haufe derſelben dreiſt in Kofegar- 
tens Zimmer ein, zeigte feine verfchtedenartigen 
Leivesfchäden vor und verlangte, daß der Herr Doe⸗ 
tor fo fort die Kur derfelben unternehmen ſolle. 
Wiewobl num diefem Geſuche nicht gewillfahrt wer- 
den Tonnte, fo wurden doch Die Leute gut beiwir- 
thet und auf diefe Weife befriedigt entlaffen. Nach⸗ 
ber kam auch der Capitain fter, bolte fih einen 
Schakſpeare aus Rofegartens Bibliothek, und erhielt 
von Kofegartens Samilte einen Gegenbeſuch am 
Bord. — 
Koſegartens dkonomiſche Lage zu Altenkirchen 
war zwar in ſofern guͤnſtig, als die Pfarre zu den 
eint raͤglichſten der Inſel gebbrt. Allein dennoch ge⸗ 
noß er die Vortheile derſelben keinesweges in ſol⸗ 
chem Umfange, wie mancher Anderer ſie genutzt 
haben würde. Denn die Einkuͤnfte fließen haupt⸗ 
fahlich aus dem Pfarrader und dem Kornzehnten. 
Der Ader war lange Zeit fehr nichrig verpachtet, 
und Manche derienigen, welche ihn nutzten, begablten 


S . 


16 — 


auch die niedrige Vacht nicht ordentlich; ſoiche 


Saumſelige aber zu drängen, war Koſegartens Sache 
ganz und gar nicht. -Das Korn ward nad, Stral⸗ 
‚fund geſchifft, und auch dort war Kofegarten gar 
nicht geſchickt, den Handel zu fuͤhren. Außerdem 
war er außerſt willfäpeig gegen die. Wuͤnſche der 
Bittenden, fo oft er auch von ber Unzuverlaͤſſigkeit 
der Menſchen traurige Beweiſe erhielt. Daher er⸗ 
Abrigte er zu Altenkirchen Nichte, fordern febte 
‚nach und nach immer mehr zu. Er verwendete 
Manches auf feine Bibliothek, welche ſowohl in 
wiſſenſchaftlichen, wie in dichteriſchen Werken der 
gebildeteren Literaturen febr reich ward. Noch mebr 
koſtete ihn eine Sammlung der. berüpmteßen Kur 
pferſtiche, an welcher er mit großer Borliche hing. 
Noch drei Kinder wurden Kofegarten zu Alten 
Firchen geboren, Julie, Karl.Emil, und (Erume. 
Die beiden erfieren verlor er nach Furger Zeit wieder, 
und bei diefer Gelegenheit entflanden die Gedichte: 
An Juliens Grabe, und: Cidli und Mei, Zur 
Erpiehung feiner. Kinder nahm Kofegarten im Jahre 
‚1796. Heen Ernſt Moritz Arndt aus Lhhnig in 








— 17 — 


Pommern in ſein Haus, welcher als Dichter und 
politifcher Schriftſteller belannt if. Als dieſer nach 
einigen Jabren ihn verließ, um eine große Reiſe 
zu unternehmen, trat: an deſſen Stelle Herr Carl 


Lappe, aus Wuſterhuſen in Pommern, welcher bis 


zum Jabre 1801 bei Koſegarten blieb. Auch dieſer 


ik ein Freund der Dichtkunſt, und bat BWittows ’ 


Gegenden gefchildert in feinen Gedichten: Wittow, 
die Liete, der Winterficand. Als er an das Gym- 
naſium zu Stealfund befdrdert worden, folgte ihm 
in Kofegartens Haufe Here Herrmann Baier, aus 
Bobbin auf Fasmund. | 


Wiewobl nun Kofegarten zu Altenkirchen man 


cherlei Gefchäften vorzuſtehen hatte, fo verlor er 
Doch dabei nicht feine Liebe zur Dichtfunft und zu 
den Wiſſenſchaften, fondern wußte ſich Zeit zu er⸗ 
übrigen, in welcher ex dort eine große Anzahl von 
Schriften vollendete. . Er fagt in der Gefchichte ſei⸗ 
nes funfstgfien Lebensiahres: „Es gab außer den 


einzelnen freiern Stunden, die ich jeden Tag mir - 
zu fparen wußte, auch. noch gewiſſe ruhigere Zeiten 


im Zabre, wo mie frei hand, mie felbfi und meinem 
XD. ont, 0. [BR] 


— 173 — 


Genius ungeftdrier " leben. ine foldhe war die 
ſchone Zeit der Ernte, wo alles in den Feldern lebte, 
und die Befchäfte anderer Art indefien ruhten; eine 
ſolche auch die Tiefe des Winters, wo die Streuge 
des Froſtes die Leute in den Haͤuſern hielt, wo 
Schnee und Eis bie Werbindungen erſchwerten, wo, 
auch hiervon‘ abgefeben, die Kuͤrze des Lage die 
Befuchenden auf wenige Stunden beichräntte, alle 
daß die langen Morgen und bie noch längeren Abende 
mir gänglich u Gebote fanden. Wer aber hat ſich 

. wohl nicht aufgeregt gefühlt durch Die begeiſternde 
Stille der winterlichen Fruͤbſtunden, gegenäber der 
erquickenden Flamme im fanft erwaͤrmten und beleuch- 
teten Gemach, während draußen der Schneeſturm 
beult, und durch die noch ſchwarze Nacht die Ra⸗ 
hen Freifchend Uegen: Ber wird nicht zurictgehrängt. 
in fein Inneres durch das Enge, Bange, Bellen- 
dende, was der winterlichen Iahresgeit einen iR, 
euch die Abgeſtorbenheit ber Natur felber, und das 
Ermatten. bes finnlichen Lebens. Ich fühlte erwa⸗ 
hen in diefer Stille, in diefem Schweigen , wäh 
rend biefer feiervollen Ruhe, alle ſchlafenden Kräfte 





— 19 — 


[4 


meines Geiftes. unwillkuͤrlich tauchten die Schoͤp⸗ 
fungen herauf ans dem Abgrund des Innern.“ | 

Zur Hervorbringung dichterifcher Werke ward 
Koſegarten durch inneren natuͤrlichen Trieb 
gefuͤhrt. Einſt, als er noch zu Gdtemiz Hauslehrer 
war, fragte ihn eine junge Freundinn, Sara Hen⸗ 
riette Linde zu Greifswald, nachmalige Gattinn 
feines Freundes, Gottfried Quiſtorp, wie man ei⸗ 
gentlich die Gedichte mache. Er antwortete ihr in 
einem Briefe folgendes ˖/ Als einen Beweis, wie 
viel ih an dich, meine theure Henriette, und an 
deine Gefpieltünen denke, und wie innigf ich mich 
oft nach euch fehne, ſchicke ich dir hier ein kleines 
Gedicht. Ich machte es den Abend, als ich eure 
Briefe empfing, als ich im Holz ſpazieren ging, und 
die Abendfonne fa ſchon ſchien, und die Nachtigall 
fo berrlich ſang. Du fragteſt mich neulich, meine 
ijunge Freundinn, wie man denn ein Gedicht machte. 
Diefe Frage iſt gar nicht leicht zu beantworten, 
meine Belle. Denn die Gedichte machen fich ei⸗ 
gentlich ſelbſt, und die Seele des Dichters gebiert 
fie nur! — Wie es bei mir bergebt, kann ich dir 


— 


⸗ 


wol fagen. Ich weiß es nie vorher, watt ich ein 
Gedicht machen werde. Ich febe mich guch nie nie⸗ 
der und ſpreche: Nun will ich ein recht Ichdnes Ge⸗ 
dicht machen. — Nein, es koͤmmt immer von ohn⸗ 
gefaͤhr und ungerufen. Ich gehe ſpazieren, und be⸗ 
trachte die wunderſchone Welt Gottes. Ich bin 
‚allein und denke an bie unergleichliche Schönbeit 
der Tugend. Oder ich denke an meine entfernten 
Sreunde und ſehne mid zu ihnen bindber. . Eine 
Füße Melancholie überfänt mich. Eine ungemöhn- 
liche Empfindung erwärmt mich. Ein mächtiges 
Gener rollt in meinen Adern. Dies iſt der Augen⸗ 
blick der Begeiſterung. Nun kommen Gedanken, 
Bilder, Worte aus Suͤd und We, und Freuen 
Wild durch meine Seele. Kaum kann ich fe ale 
ſeſthalten. Don felbft fließen fie in Melodien zu⸗ 
fammen / und das Gedicht iſt fertig/ ehe ich darau 
dachte, daß ich dichtete — Nun ſchreib ichs zu Haufe 
auf und verbefiere es. Zuweilen ſchreib ichs auch 
nicht auf und vergeſſe Alles wieder, da ich doch 
font ein ungerodhnlich ſtarkes Gedaͤchtniß habe: 
Nun wirſt du wol eben ſo klug ſein, als vorber, 


\ - - 


_ 





— 131 — 


meine Beſte. Aber ich kann nicht dafür! Das Dich⸗ 
ten fann Niemand befchreiben. Auch kann es ſich 


kein Menſch geben oder nehmen. Biſt du zur Dich⸗ 


terinn geboren, liebes Maͤdchen, ſo wird es dich 
einſt ankommen unvermuthet. Und du wirſt Verſe 


machen muͤſſen, du magſt wollen oder nicht. — 


Kömmt es nicht von ſelbſt, fo bemuͤhe dich auch nicht, 


es zu rufen. Es wird doch nichts daraus. Und . 


brascht’s "auch nicht. Du kannſt ein vortreffliches 
und Tichenswürdiges Mädchen werden ohne das, 


und eine einzige gute That in mehr werth, als i 


zwanzig Gedichte. — Wir haben fonft in Deutfchland 
viele Liebenswürdige Dichterinnen. Am bekannteſten 


find die Karfchin, die aber einen etwas zu männ- - 


lichen Seit bat; Philippine Satterer, die cine 
recht angenehme Schwäherinn If, und Karoline 
Rudolphi, die lauter Tugend und edle Empfindun⸗ 
gen dichte. — Am liebſten aber find mir Nant- 
chen Gokking und ein Zräulein von Hagen. Die 
fen möcht‘ ich wohl mal einen Kuß geben, wenn 
ihre Lippen auch noch fu blaß wären.’ * 


In der Geſchichte feines funfsigfien Lebensiahres 


s 


— en — — 


— 182 — 


ſagt er: „Ich dichtete, weil ich nicht umhin konnte, 
alfo zu thun; weil die mich treibende Unruhe nicht 
anders befchwigtigt, die in mir lechzende Sehnfucht 
nicht anders geleht merden Tonnte, als durch die 


‚ Hervorbringung eines Dichterwerks. Der Gedaule 


zu einem folchen kam mir, wie durch Eingebung. 
Das Ganze Rand vor mir Eines Schlages. Die 
Herfonen, tie fie Teibten und lebten, die Hand⸗ 
lung, wie fie fland und ging, dig Orte, die Zeiten, 
die Umgebung, es machte fich Alles von ſelbſt. Ein⸗ 
zelne Maſſen traten hervor aus dem Ganzen; Par- 
tien, die ihrer Natur nach erſt fpäter erfcheinen 
durften, drängten ſich bisweilen in den Vordergrund, 


und mußten befeitigt ſeyn, ebe mir vergönnt ward, 


das Frühere nachzuholen. Da nun auch die 
Maaße und Rhythmen fih gar willig fugten, da 
ganze Reipenfolgen von Verſen zugleich mir vor 
die Seele traten, ſo batte ich die äußerfie Noth nur, 
Alles nicdersufchreiben; feſt zu halten, was mir durch 
die Seele bligte, und was zu verſchwinden drohte, 
ehe ich Zeit gewonnen, es zu ſtriren. Auch ver⸗ 
mochte ich weder zu eſſen noch zu ſchlafen in ſolchen 


— 183 — 

Zufländen. Ich war obtuefend in der Bitte der 
Meinigen, und der-ung etwa befuchenden Freuden, 
Ich fuhr fort zu dichten wachend und träumend, 
. während der Mahlzeiten, während der gefellichaft- 
lichen Unterbaltungen, und während der kirchlichen 
Berrichtungen ſelber. So iſt Jukunde geworden ˖ 
So bie Infelſehrt. So auch bie romantiſchen Dich⸗ 
tungen; fatumt neun Zebntheilen der lyriſchen Gr 
Fänge. 

„Eine Folge diefer Art zu arbeiten war, dag 
tch allzu ſchnell nur fertig ward. Die fünf Eflogen 
der Jukunde find in eben fo vielen Tagen entſtanden; 
die ſechs der Inſelfahrt in nicht mehrern da 

von Pleſſen iſt innerhalb funfzehn Tagen geſchrie⸗ 
ben. Halb ſo lauge hat Bianca del Giglio mich 
befchäftigt; etwas länges Adele Cameron. Ida von 
Pleſſen iR wie im Maufche gedichte. Bianca, 
heilige Begeikerung athmend, bebarf nur einiger 
Nachbälfe, um unter den romantifchen Kunfwer- 
fen ber Nation eine ehrenvolle Stelle einzunehmen. 
Adele, überlegen ihren Schwefleen, was die Mube 
and Selbſtbeſonnenheit anlangt, weicht ihnen gleich⸗ 


— 


+ 


| are iss u . 
wohl nicht am inniger Empfindung und Lebenbig- 
feit der Phantafie. — Aber auch das folgte ans der 
Art und Weiſe, wie Ich zum Dichten aufgeregt 
wurde, und ans der Willkuͤrloſigkeit, womit dch 
dem mid) leit den Genius mid, überlieh, daß, 
wenn num das Werk vollendet war, ich mic nicht 
weiter darum befümmerte, Borzunehmen hinterher 


“das Ganje, es zu berichtigen und daran zu beſſern, zu 


ſtreichen, zu ergaͤnzen, zu brauchen die Feile und 
den Bimsſtein, war mir nicht gemuͤthlich. Zufrie⸗ 
den, das Gleichgewicht in meinem Innern wicher 
bergeftellt zu feben, Tegte ich bin, was ich hervor⸗ 
gebracht, und lich es ruhen.“ 

Kofegarten erhielt bisweilen Briefe von Boie, 


| Bürger, Schiller und Herder, welche ihn ermahn⸗ 


ten, ſich einer größeren Correctheit in feinen Ge⸗ 


dichten zu befleißigen. Später befolgte auch Koſe⸗ 
garten dieſen Rath, und ſuchte beſonders eine groͤ⸗ 


Bere metriſche Strenge zu beobachten, ſowobl in 
neuen Dichtungen, wie in neuen Bearbeitungen 
aelterer. 

Im Jabre 1793 erwarb ſich heſenarten von der 





N 
% 


‘ . — 185 — 


theologiſchen Zacultät zu Roſtock den Grad eines Doe⸗ 
tors der Theologie, und ſchrieb bei dieſer Gelegen⸗ 
beit die ‚Abhandlung; Dissertatio theologico- aesthe- 
tica de auctorum sacrorum ipsiusgiie Jesu Christi vi 
atque indole poetica. Rastockii 1793. In dem fül« 
‚senden Fahre erfchien der zweite Band der Rhap⸗ 
fodieen. Er enthält eine Anzahl Gedichte und Pre⸗ 
digten, unter welchen letzteren ſich auch eine zu 
Vitte gehaltene uferpredigt: vom Meere , befindet; 
ferner einige andere Aufſatze in Proſa, wie die Briefe 
eines Schiffbruͤchigen, welche Koſegartens damalige 
nachſte Umgebungen, Wittow, Jasmund und Hid⸗ 
denſee, ſchildern, und die Gedaͤchtnißſchrift auf Carl 
Georg Pollett, einen durch Tapferkeit, Edelmuch 
und Wilfenfchaft ansgegeichneten jungen ſchwediſchen 
Offieier. Im Jahre 1795 lieferte Kofegarten den 
erfien Band feiner Gefchichte des Oſtroͤmiſchen Kai⸗ 
ſerthums, deren zweiter 1802 folgte. Eine Heine philo⸗ 
fopbäfche Abhandlung, unter dem Titel: Eubämons 
Briefe an Pſyche oder Unterſuchungen über das Urſcho⸗ 
ne, Urwahre und Urgute, gab er 1796 heraus. In den 
beiden folgenden Sabre vollendete er die Heberfeßung 


” — 186 — 


noch yweier englifcher biforifcher Werke, namlich di 
des dritten und vierten Bandes von John Gillies Ge⸗ 
ſchichte Griechenlands, nachdem der Hauptmann von 
Blankenburg die beiden erſten Baͤnde bearbeitet hatte, 
und die Ueberſetzung der Geſchichte Griechenlands 
von John Gaſt. Eine neue verbeſſerte Ausgabe ſei⸗ 
ner Gedichte erſchien gleichfalls 1708 unter dem 
Titel: Poeſien. Im Jahre 1800 gab er das britti⸗ 
ſche Odeon ober Denkwuͤrdigkeiten aus dem Leben 
und der Schriften der neueſten brittiichen Dichter, 
wei Baͤnde, heraus. Esenthält biographiſche Nachrich⸗ 
ten von engliſchen und ſchottiſchen Dichtern det 
achtzehnten Jabrhunderts, und Ueberſetzungen aus 
ihren Dichtungen; einige der Ueberſetzungen bat 
Koſegartens damaliger Hausgeneſſe Heer Carl Lappe 
verfaßt, und dieſe find im der Vorrede bejeichnet. 
Das Schaufpiel: Ehba von Medem, erfchten in 
demfelben Jabre, und tm folgenden unter dem Ti- 
tel: Blumen, eine Sanimlung von eberfetzungen 
ſqhottiſcher, ſchwediſcher und dänifcher Volkslieder. 
Der dritte Band der Rhapfodicen, Leipzig, 1801, 
enthaͤlt vorzuͤglich theils eigene Gedichte, tbeils 











uUeberſetzungen englifcher und fchottifcher, und drei 
zu Vitte gehaltene Uferpredigten: vom Sande am 
Meere, von der Anmuth des Ländlichen Lebens, und 
von der Liebe. 


Hm dieſe Zeit begann Koſegarten eine Reihe 
romantiſcher Dichtungen in Proſa, in welcher er 
die verſchicdenen Erweiſungen des Gefuͤhles der 
Liebeẽdarſtellen wollte. Die erſte dieſer Dichtungen: 
Ida von Pleſſen, deren Scene die Inſel Rügen if, 
ſtellt dar die Liche der Natur, und erfchten 1800. 


Die zweite: Bianca del Giglio, deren Ereigniffe 


nach Ztalten und in das Morgenland verlegt find, 
ſchildert Die religidfe Liebe. Sie erſchien 1802. 
Die dritte, Adele Cameron, deren Vorgänge fih 
in Schottland ereignen, ſtellt die Eiche der Hei⸗ 
math dar und iſt vom Jahre 1803. Eine vierte 


Guy und Pfenle, die braͤutliche Liebe gu mablen 


befiimmt, und in der Zeit. der Kreuzzuͤge fpielend, 
blieb unvollendet. Noch follten zwei folgen, welche 
die Eindliche Liebe und die Freundſchaft darſtellten. 
Die fpäter veränderte Lnge Kofegarteng verhinderte 





— —— 


— i68 — 


deren Ausarbeitung. Sm Jahre 1803 vollendete 
auch Koſegarten ſeine laͤndliche Dichtung Jukunde 


in fuͤnf Eklogen; ihre Scene iſt nach Wittow ver⸗ 
ſetzt. Im Sabre 1805 folgte eine ähnliche Dich⸗ 
tung: die Inſelfahrt oder Aloyſtus und Agnes, in 
ſechs Eklogen, deren Handlung auf Hiddenſee vor⸗ 
geht. Das Intereffe „welches Koſegarten für 
die Geſchichte der aͤlteren Kirche und die Schick⸗ 
fale der erfien Chriften beste, bewog ihn im Jahr 
1805 die Legenden herauszugeben, theils metriſch, 
theils in Profa bearbeitet. | 


Slaubet mic, ebele Frauen, am Jordan auch uud am 
' Nilſtrom 
Wehet dichtriſche Luft, ſpringt der Begeiteenng 
Quel. 
Shrmen blüh'n im den Schauern der Thebaide. Dem 
Klausner 
Selbſt in dem Nitriſchen Sand hebt die Empfin⸗ 
dung die Bruſt. 
Auch die Cäcilien (ind, die Eupprofinen und Agnes 
Auch Scholaſtica iſt unfrer Bewunderuns 
werth 








— 139 — * 


Folget mir, edele Frau'n, in die frommen Tage der 
Vorzeit, 
Bo noch Glaube die Bruſt, Liebe noch ſchwellte 
Das Herz. 
Tauet mir, bier auch. grünt zomantifcher Boden; auch 
Gier no 
Wehet dichtrifche Luft, fpringt der Begeifterung 
Quell. 


Außerdem aͤberſehte Koſegarten dann und wann 


etwas aus dem Engliſchen und Franzbſiſchen, wie: 


Thomas Garnetts Reiſe durch Hoch⸗ Schottland 
und die Hedriden; mit Beilagen, den Dffian be⸗ 
treffend, vermehrt; zwei Bände; Läber 1802. and 


den franzöfifchen Roman: Jukunde von Cafe; zwei 


Bände. Neu⸗Strelitz 1802, Beiträge zu Beitfchrif- 
ten und Recenfionen, gu welchen er dfters aufge⸗ 


fordert ward, lieferte er feltener, weil es ibm we⸗ 


iger sufagte,. eine Arbeit gu einem befimmten Zeit⸗ 
punkt vollenden gu möffen, In den früheren Jah⸗ 
ren feines Aufenthaltes zu Altenkirchen führte er 
einen ziemlid, ausgebveiteten Briefwechſel. 

Im Jahre 1802 ertheilte Guſtav Adolph, bei 





— 1600 - 

er Geburt feines zweiten Sohnes, des Großher⸗ 
zoges von Finnland, Koſegarten den Titel ei- 
nes koniglichen Conſiſtorialrathes. Um die Feier 
bes Gottesdienſtes In der Altenkircher Kirche zu erbb- 
ben, hatte Koſegarten gewauͤnſcht, in diefer Kirche 
eine Drgel anführen laſſen zu Finnen. Nachdem 
er in einer Predigt um Weiträge zu dieſem Zwecke 
gebeten hatte, gelang es ihm auch, mit Huͤlfe der 
bierauf eingegangenen unterſtuͤzungen, das Werk 
gluͤclich zu vollenden. Etwas ſpaͤter, im Jahre 
1802, dachte er auch darauf, ein fuͤr den Ufergot⸗ 
tesdienſt zu Vitte nuͤtzliches und nothwendiges Werk 
auszuführen. Es war der dortige Gottesdienſt bei 
einfallender uͤbler Witterung bisher in ber größten 
Hütte des Dorfes gehalten worden. Diele Hütte 
ward fo baufaͤllig, daß es nicht mehr möglich war, 
die gottesdienſtliche Verſammlung dahin zu beru- 
fen. Koſegarien beſchloß daher, eine Kapelle oder ein 
Bethaus für diefen Zweck dort aufführen zu laſſen. 
Die zu diefem tinternchmen erforderlichen Koſten 
konnte er freitich nur durch die Freigebigkeit from⸗ 
mer Gemuͤther zu bereiten hoffen, welche er dann 


u. 








— 191 — 


auch alsbald in Anſpruch nahm. König Gufav 
Adolpf erlaubte: den Bau auf koͤniglichem Grund 
und Boden, oberhalb der Schlucht, in welcher bei 
Auter Witterung der Bottesbienfi im Freien gehal- 
ten wird. Auch bewilligte der Konig alles gu dem 
Bau erforderliche Holz aus den koniglichen Wal- 
dungen. Geldbeiträge erhielt Koſegarten von man- 
chen Privatyerfonen und Gemeinden im Lande, 
den Städten Stralfund, Greifswald, Wolgaſt, der 
Bandesuniverfität Greifswald, einigen Maurerlogen 


von dem Minikerium der Stadt Hamburg, und mehre⸗ 


ven deutſchen Fuͤrſten, dem Könige von Sachſen, der 


Koͤniginn von Baiern, dem Großherzoge von Ba⸗ 
den und dem Herzoge von Weimar. Die Gemein⸗ 
demitglieder leiſteten Fuhren und Handdienſte. Es 
ward beſchloſſen, die Manern aus geſprengten Beld- 
blocken zu bauen, und ein gluͤckliches Ereigniß fuͤhrte 
den dort ſchwer zu erlangenden zum Mörtel erfor⸗ 


derlichen Hafffand herbei. Ein heftiger Sturm aus 


Nordoſt warf ganze Bänke diefed Sandes unmittel- 
bar anf den Strand der Bitte. Als num nach ei- 
nigen Jahren der Bau wirklich begonnen ‚Hatte 


NS 


— 192 — 


und die Mauern. aufgeführt waren, brach der fran⸗ 
. file Krieg aus. Das Band ward von den feind- 
lichen Truppen befebt, und unter den biedurch 
berbeigeführten Umftaͤnden konnte auch der Bau der 
Kapelle nicht fortgefeht werben... Daher verzon ſich 
die Vollendung derſelben bis in das Jahr 1816, wo 
es Kofegarten vergoͤnnt ward, nach mancherlei Auf⸗ 
opferung und nothwendig gewordenen eigenen 
Beiträgen, die Kapelle durch den erſten Gottesdienfi 
einzumweiben. Sie ficht jetzt unverfebrt und führt 
über der Thuͤr die Infchrift: Alles, was Odem hat, 


lobe den Herrn, Halleluia. 


Kofegartens damaliger Hausgenoſſe, Herr Herr⸗ 
mann Baier, ward im Jahr 1803 yon einer in der 
Schweiz wohnenden Dame eingeladen, die Erziehung 
ihres juͤngſten Sohnes zu übernehmen. Diefe Dame, 
welche Baier während feiner Studien gu Jena ken⸗ 
nen gelernt hatte, mar Madame Gordon, die Wittwe 
des hollandiſchen Oberſten Gordon, der bei der Bes 
fabung des Worgebirges der guten Hoffnung land. 
Nach dem Tode ihres Mannes war fie vom Cap 
mit ihren Kindern nach Europa aurädgefehrt, und 


⸗ 





— 13 — 


hatte ſich ih ihrem Vaterlande, zu Laſarra nicht 
weit von Lauſanne, niedergelaſfen. Baier nahme 
ihre Eintadung an, und Koſegarten gab ihm ſei⸗ 
nen eilfidbeigen Sohn mit. Beide blieben zwei 
Jahre im Hauſe der Madame Gordon zu Lafarra, 
und kehrten dann durch Frankreich nun Bityw 
zurüd. 

Im Jahre 1805, in wachem auch der bveutſche 
Reichsverband aufgeldſt warb, begann Konig Gu⸗ 
ſiav Adolph die bisherige deutſche Berfaſſung Schwe⸗ 
diſchponimerns und Mügens ganzlich zu verandern. 
Er verfuhr dabei gewiß mit den beſten Libſichten 
für das. Wohl des Landes, went gleich wohl et⸗ 
was zu raſch und willkurlich. Inter Den. damals: 
von ihm erlafienen MWerflgungen befanden fih ei⸗ 
nige ſehr Ihhliche und heilſame, deren gute Wir⸗ 
"Zungen forigedauert haben. Am dreißigſten April 
verordnete der Koͤnig ans feinem Hauptquartiere 
zu Greifewald/ wegen der damaligen kriegeriſchen. 
Verhaͤltniſſe, die Errichtung einer: Tdniglichen pom⸗ 
merſchen Landwehr, welche nur zur Vertbeidigung 
der Grenzen heffimmt feun ſolite. Die damaligen 
AA(AWl. Sand. [13] | 


f 





— 


— 184: — 
nowmerſchen Landſuaͤnde, weiche. actstanthetis der 
Adel bildete; auf die Bisherige. Verfeffung ſich grůn⸗ 
dend, weigerten ſich, ber. koͤniglichen Verorduug 
Zoige zu leiſten, ud ertlaͤcien, desbalb bei den 
deutſchen Dieichegerichien klegen wu. mgen. Ju 
deiien warb die‘ Laudwehr angehoben, und anf 
Wittow fand fich die einberufene junge Mannfehaft, 
auch von dan Orten, wo die Herrſchaft ihr das 
Erfcheinen underfagt haute/ Tocimilie vi Der Kir 
nig, welcham, al⸗ einen Sreunde der ugteren Volke⸗ 
fände, die damalige. yommariche Verfeſſuug ohne- 


Din. uimas: zu ariũekretiſch eingerichtet ſcheinen 


mochte, warb durch den. Widerſpruch der Landſtaͤnde 


gerein. Gr entließ am achtzehnten Junius die yon“ 


merſche Regierung, weil dietelbe bei Einbwelung 
der. Landwehe einen: ſirafbaren Ungeborſam gezeigt 
babe, und. erklarie ben Generaifiunihelter von Eſſen 


- fr nunmehrigen alleinigen Voßeedee der Tinige 


lUchen Befehle tm Lande. Am jchs und wantigſien 
Junlus erfolgte die vbllige Auſbebung der bicheri⸗ 
gen Verfafſung. Der König erklaͤrto daß die bie⸗ 
herige Landrselurichtung feinen für des Landes Wohl 





— 195, — 
mothwendigen Verfuͤgnngen Überall‘ Hinderniſſe ie 
den Win: lege, wie-fich noch ihaigf' gezetgt, da Die 
Landſtande wegen" Errichtung: einer Aut: in 
chremi: Zeitpunkte⸗ ra’ die Geehzen bei" Bandes vom 
Feinde bedroht wrden, den "König: zu ben deut ⸗ 
ſchen Reichsgerichten hirgemwidfen kälter Demnach 
ſeien biemtt bie: bisherigen Mandſiunde und Laubra⸗ 
the anfgelifi, war der Ebaig verordne die Gintah 
runz der Verfaſſang der freien ſchwedifchen Volkes, 
und die Errichtung der vier ſchwrdiſchen Stunde, 
Adel, Prießer, Baͤrger und Banuernin Prnamern. 
Am: dratten Julins ward die: pommerſche Juſtver⸗ 
faſſung aufgrhoben und die Emfährengder ſchwe⸗ 
dichſen, ſo wie die des: ſchwediſchen Geſezbuche⸗ 
anbeſohlen, weiche Ciufaihrung innerhalb Jahres, 
friſt bewirkt fein ſollte. Doch wurden die bicheri⸗ 
gen Gerichte auf der Stelle verändert, und damit 
zugleich. die: Patrimonialgerichte abgeſchufft. AUm 
folgenden Tage erſchien die Anigliche Verordnung 
weiche die unterthaͤnigkeit ‚ober Leibetgenſchaft in 
Schwediſchvommern und Rügen für immer amp 
bob, jedoch, ur Vermeidung von Unordauunzen 


— 1%, — 


weislich feflfehte, dag erik mach Verlauf vom vier 
Jahren die bisherigen Unterthinigen ihre Dienſte 
verlafen dürften. Am zwolften Julius verordnete 
der Kinig auch die Einführung der ſchwediſchen 
Kirchenverfaſſung, der ſchwediſchen Kirchenagende, 
und des ſchwediſchen Catechismus des Erzbiſchofes 
Suchilins in Pommern; dieſe Veranderung ber 
Kiecheneinrichtung ſollte nach Verlauf eines Jahres 
vbewirkt werden. Auf den vierten Auguſt ward ein 
Laubtag nach Greifswald berafen, auf. welchem der 
Koͤnig bie Deputirten der vier neuen Stände um 
fi verſammelte, and unter Anderem verfchiedene 
Vorſchlaͤge zu Lanbesverbeflerungen vorlegte Zu 
diefen gehoͤrte Die Zertheilung der großen Kronguͤter 
in kieinere Bauerboͤfe, welcher Vorfchlag in den 
Verordnungen vom achten und zehnten September 


weitläufigen entwidelt warb. 


. IS die Deputirten des. Priefterflandes, melde 
auf dem Landtage in Greifswald erſcheinen ſollten, 


gewaͤhlt worden waren, ſchrieb Koſegarten eine 


kleine Aurede nu fie, unter ber Aufſchrift: An die 
Ermählten des zweiten Standes. Er fagt Barin 





_ 4147 0 

. umter Anderem.” Der laͤhmende Druck ausfchließenter 
Vorrechte iſt geläftet. Welche bisher die Einzigen 
taten, werden ſich beſcheiden hinfort die Erfien zu 
ſeyn. Welche kaum als Zahler galten im Staat, 
find gleich den’ Audern in die Reihe der Nenner 
getreten. Die Schmach der erhlichen Dienkbarkeit 
in enblich binweggenommen. Gine einfachere Ver⸗ 
waltung wied eingeleitet. Eine minder verwickelte 
‚Nechtspflege begann. Win neues Gefch erwarten 
wie — Es iſt ein Großes, das uns anvertraut 
wurde, meine Bruͤder: Wir find das Salz der 
Erde. Wenn aber das Salz ſelber ſchaal und dum⸗ 
pftg wird, o meine Brüder, womit ſol man war⸗ 
zen? Daß jenes nicht geſchehe, ſei die Sorge der 
verſammelten Brüder. — Es gelte von neuem wieder 
‚der alte, achte, vielbewänrte Glaube; wie er Mar 
und offen da liegt in unfern heiligen Urkunden, 
vdinwegerklaͤrbar durch Feine rebliche Schriftausle⸗ 
gung, wie er ausgeſprochen wurde in unſern Sym⸗ 
wBolen and Confeſſionen, wie bie Concilien des Reichs 
ihn ſanetionirten, wie er ſeit Jahrtauſenden feine 
lebrende, beſſernde, tebficnbe Kraft erprobt hat an jedem 


- 


— 


— 498 — 


‚zelnen Sinn und ichem lindlichen Geuratze. Es 


„werbe der Culeng waeder eingefeht In feine vone 
altertehenliche airfät. Es werde ibm ‚nriventih 
anraͤggeaeben, pas. Varwith, Bequemlichteit, Nue⸗ 


ruuggucht, feige Raͤcſſicht auf einen verdneichüc⸗ 
‚ten Zeitgeiſt an ihm. verenaten und verkäggten. 


Es werde aeigegt.fär die Mlskbkbrumigkelt- des iech⸗ 
lichen Geſanges; uud da von ham uͤhlichen Samm⸗ 
lungen die Altere den Gebildeten anſtͤtig daudt, 
die nenere aber dem Wolle ein Aczgeruiß bereitet, 
ſo werhe die langwierige und tiefgewurzelte Ent⸗ 
amdung: anzgenlichen durch ‚cine dritte Sammlung, 
und gmar durch eins ſelche, welche ital unvar⸗ 


teliſcher und ‚nerkäuniger. Smfonmenkehang des 


bewabrten Allem und des prabehaltigen Neuen ie: 


dem, Badaurtniß uoſagt, und iedem Einmande beges⸗ 


net. Es werde geſaret var allen Dingen, daß dat 
jene Lehrbuch, welches unferen. Jugend verkeißen 


wird, Überfeht erde Au einer klaten, kindlichen, 


herzlichen und ejnfaltigen Sprache, was geſchehen 


og, geicht auch, daß ber Ueſchrift dieſe Sprache 


monselte, dem Shan. und. Beifle unbrſchadet. Gs 


— 








— 1099 — 


raube ber Berſall der VPolkeſchulen den verſammel⸗ 
ten Bruͤdern Schlaf, Ehluß, Heiterleit und Nabe. 


nen auftahelfrn, kei. ihr erſtar Gedanke und Ike 


Iegtar.: Ihr Oedelhen Tel in dem Krame, den wir 
den Heimlchrenden echten werben, das arünendfle 


7 Belt m Eh Tee das Reich opties nicht Außer- 
‚Sich. und weit Iußerlichen Gebarden; ſondern es iſt 


anwaudig in und. Mäge mr nmfer Inmendiges 
erſt cine Gaßalt geroimment Mdge die.dußere, ſicht⸗ 
bare Ritihe Immer ſorgſamer nur geläntert und ver⸗ 
Hört werden, his zur durchſichtigen Halle der Ju⸗ 
neren ad Unfihtkaren: Möge dem Reiche Geottes 
nur augeßteht werben mit Era und Neblicheis und 
nit Bagtitenung! fo werden auch icheinhar ſchreie⸗ 
rige Aufenben und werueiruende irdiſcht Berfiechtun- 
gen ſich Achte und milde Abfeni — 

- Da un der in Pammern einufährende Cate⸗ 
qhiemus des Euchiliue Ins. Deutſche Übertragen wer⸗ 
ven mußte, fo unternahm Noſetzarten cine Geber⸗ 
ſchung deffezden, um gu zeigen, wie er glaube/ 
dag dieſes Buch far die yemmerfihen Gemeinden 
bearbeitet werden knne. Manche hatten aellagt, 


* 





' 
PR) 


— 20 — 
daB ein fo alter Catechiſmus für: unſere aufgellar⸗ 
son Beiteh gar. nicht mehr paſſe. Keſegarten fagt 
daher in dee Borrede zu feiner Ueberſebung fees 
Bouches folgendes: „Des-längfk entfhlafenen Dber- 
‚Dirten Fromme Arbeit bat nicht Urſache, das ped- 
fende Auge unferer Mugen Zeit su ſcheuen. Sie 
iſt in der That, worte Re ſich ausgiebt: einfaliig, 
bibliſch, ebangeliſch, chriſtlutberiſch, areng abgene⸗ 
gen nach dem Richtmat und der Bleiſchnur der 
Heiligen Schrift und der geltenden Confeſſionen; 
mithin, was den Juhalt anlangt, alles Lobes werib 
und zugleich für als Zeiten brauchbar. Deum fern 
fey von uns in Angelegenheiten der Religion, als 
Die mit dem Unwandelbaren ſich beſchaftigt, dem 
Wabn und Dankel eines den Begriff vergdtternden 
Zeitgeiſtes uns au bequemen; viel ferner Koch, durch 
feighernge Einrdmmüngen um deſſen ſehr entbehr⸗ 
uchen Beifall zu dudlen! Much die Sprache, Die 
in dieſem Büchlein herrſchet, i — eine alterthuͤn⸗ 
Miche zwar (und grade biefe, ſollteich meinen, kleidet das 
Heilige, das eben-nuch das Aelteſte if, am been) 
ander darum keinesweges veraltet. Es dt diefelbe 





— 201 — 

dm: Grunde, die und anſpricht aus unſerer Bibel; 
und wem wur dieſe nach nicht fremd oder gar. zum 
GElel geworden, der Fans unmdglich an jener eini- 
gen Anſtoß nehmen. Bibel, Catechtsmus nad Ge⸗ 
ſangbuch, diefe dreifache guͤldne Schnur, welche 
den Glauben des Volks haͤlt und ‚bindet, ſollte bil- 


Ugs aus nicht allzu ungleichartigen Fäden gemeht 
ſeyn; nicht aus ſolchen, deren Farben allzu ſchreiend 


gegen einander abflächen, geſchweige, daß ihre ur⸗ 
ſpruͤnglich ſtreitenden Stoffe einander wechſelfeitig 


aufrieben und zeeſtorten. Dieſes, fürchte ich, ha⸗ 


‚ben diejenigen wicht ſatiſam erwogen, welche, gut⸗ 
meinend Übrigens, zu der vorgeblichen Hbbe des 
Zeitalters das Volk berauffiimmen gu muͤſſen mein⸗ 
fen. Sie haben: verwirrt, anſtatt aufruklaͤren. Der 
Slaube des Volkes wurde in ſeinen Grundfeſten 
erſchuͤttert; ſein Aberglaube iR geblieben. — Was 
. demnach an dem vorliegenden: Buchlein vermiſſet 
‚werben möchte, betrifft burchgehends nur das min⸗ 
“ber Weſentliche. Es betrifft Seltener den Begriff, 


‚bfler die Einkleidung, bisweilen die Verkettung 
der Materien, hin und wieder die katechetiſche Mes 


—* 


— 20 — 
thode. Die Antworten find meillens um Wicks zu 
“ang. Die Perioden bewegen ſich ziemäih unge 
lent um fdmverfäiig. Die Definitionen find alle 
get Durch game Meipen den Iufnitiuen euige 
rät. — Diefe aund Ihnliche unbrquemlichkeiten 
Fund ſAmmtlich von der Art, daß ihnen veruiticht 
einer beſonnenen neberſeang abgeholfen werden 
eg, gang. leiſe und ohne dem Siane ben yeritg 
. Ken Winteng zu then. Eine falche Ueberſetzueg Hi 


“hier verſucht werben.” 


Rofegarten übergab feine Ucherfogumng dem Po 
nige, uckcher fie freundlich Aufsehen, Dinzisfägend, 
ee werbe fie fonleiih dem: Gugbifchefe van Hofele, 
ats oberſem Yrieſter des Meiches, zußellen laſen, 
wat deffen urtheil daruͤber zu erfahrenn. Wald dar⸗ 
auf kebete der Knig nach Schweden url. 

Inzwiſchen draug im Herblle des Jahres 1B06 
das eiegsgetümmel auch bis nach Schecdülch⸗ 
pommern vor. Wenige Tage nach der Schlacht 
bei Rena exrſchienen preußiſche Fluͤchtlinge in 
großer Anzahl an der Schurdiſch vommerſchen 
Grenie, Überfigeitten fie, md zertreiuen (Ei zum 








— 23 — 


Theil big nach Rügen, und deſſen dußerſten Spitze 

MWitiow. Plandernde franmpſiſche Haufen folgten 
ihnen, und ſuchten einige an der Grenze gelegene 
ſchwediſche Orte heim. Indeß kehrten diefe frangd- 
- füfchen Pluͤnderer bald wieder in das preußiſche G⸗⸗ 
biet auräd, und bie zu Ende des Jahres ward van 
keinem Srangafen weiter die ſchwediſche Greuze uͤher⸗ 
ſchritten, Die Bewohner Pammerns und Ragens 
ſahen min war voll aruhe den Feind in ihrer un⸗ 
mittelharen Nähe ſtehen, und darften jeden Tag bie 
Angriffe deſſelben befürchten, da zwiſchen Schweden 
und -Zraufusich kein Friedliches Verhbaͤliniß mehr 
Statt faud. Indeß da der Feind ſich rubig verhielt, 
fo gewoͤhnte man ſich etwas an deſſen Naͤhe, und 
Yaffke, Melleicht duvch einen bald eintretenden Frie⸗ 
den der drobenden Gelabr su entgeben. Es befan- 
den ſich zwar wuc einige ſchwediſche Regimenter 
im Lande, weryhalich die Beſatzung Stralſunds: 
doch ließ ſich horaus ſeben, daß dieſe einen maͤch⸗ 
tigen Feind wicht würden abwehren Ihnnen. Unter 


bangen Beſorgwſſen endete das Jahe, Im Die 


bee farb Koſegartens alter Amtsgehuͤlfe zu Alten⸗ 


— mM 

kirchen, der Diakoönus Daniel: Groot, und Kofer 
sarten hielt ibm die Leichenprebigt über bie Borte: 
„Du ‚aber, Daniel, gebe bin, bis das Ende Fomme, 
amd rube, daß Du aufficheft in deinem Theil, am Ende 
aller Tage. Die Amtsgefchäfte und die zweima⸗ 
Uge Predigt an jebem Sonuntage und Sefltage mußte 
Koſegarten num alfo allein verrichten. Zwar ge⸗ 
ſchieht dort Die Berufung des Diakonus durch den 
Paſtor; aber Koſegarten eilte nicht mit der Wie 
derbefetzung der "Stelle, da es Ihm ſchien, daß Ihm 
die Beforgung aller Geſchafte gar nicht ſchwer werde. 
Das Prebigen insbeſondere machte ihm gar Feine 


eigtige Mühe, wenn. es ſich auch im den Gehen 


bisweilen traf, daß er in drei Tagen ſechs Vredig⸗ 
ten hielt, ungerechnet andere Imtsverrichtungen und 
Neden. Eer pflegte zu ſagen, je mehr er- prchige, 
deſto Leichter werde es Ihm, weil er dann in ber 
hiezu erforderlichen Stimmung fortwährend bleibe 
‚Uber leiblich griff ihn dieſes allerdings an. Da Ke⸗ 
ſegarten damals keinen Hnnslchrer.batte, fo unter⸗ 
richtete er auch feine Kimer, vorzaͤglich feinen 
Sohn im. Griechiſchen und Hebräifchen, ſelbſt. 





. — 20 — 

Des Abends nachdem Eſſen lehrte er ſeine Kinder der 
seftienten Himmel feinen, weil es eine große Vor⸗ 
liebe für die Aſtronomie Hatte, und nachdem an 
jedem Abend die Bücher und Sternfarten Bode's 
eingefehen worden, ward auch im firenger Kälte: 
zur Aufſuchung der Sternbilder umbergemandert. 

Mit dem Anfange des Jahres 1807 Härte die 
bisherige. unfichere Ruhe des Landes auf. In den 
letzten Zagen des Januars rädte Marſchall Mor⸗ 
tier mit einem aus franzdſtſchen und hollandiſchen 
Regingentern befiebenden Armeecorps in Schwediſch⸗ 
Pommern ein, umd. Ingerte fi unter ben Wallen 
Stralſunds. Nach Altenlirchen gelangte dieſe Rache 
richt durch einen in der. Dämmerung betanfpren« 
genden Boten, welcher ben Befehl zur fofortigen . 
Einberufung der Landwehr überbrachte. Es hieß, 
und wodl mit Grund, dag bie Franzoſen nach Rd 
gen übergehen würden, ſobald das Eis halten werde; 
da die Befetzung Ruͤgens die Einnahme Stralſunds 
ſehr erleichterte. Große Furcht ergriff daher die 
Bewohner Ruͤgens, und Angflich achtete man auf. 
die Veränderungen der Witterung; denn die Nach⸗ 


8 





—— 206 —. 


riqhten won dem Betragen ber Fratzoſen in Yom- 


mern lauteten nicht am beſten. Ein naher Vermand⸗ 
ter Koſegartens, der Oheim feiner Gattinn, Herr 
Linde zu Kleinen. Kieſow bei Greifswald, ein ſechs 
und ſiebtigiaͤhriger Greis auf deſſen Landgute 
Koſegartens Familie viele frohe Tage vetlebt hatte, 
ward von franzoͤſiſchen Plaͤnderern, welche ce auf 
das Beſte aufgenommen hatte, ermordet, und der 
ange Sof warb verwüßeh Nicht die geringfe 
Ahndung einer. folchen That dielten die frambſi⸗ 
ſchen Befehlshaber für nöthig: Man verbang daher 
anf Rügen fein Habe, fo gut man Fennte, und 


| bat den: Simmel um Thauwetter. Wirklich ward 


diefe Bitte erhbrt, und anhaltender Nigen machte 
es den Franzoſen unmbgtich, felen Fußes nach Ms 


gen Übergugchen. Die Waſſerfahrt ſchienen fe 


nicht an wagen, weil einige ſchwediſche Ransuch- 
bite am den Küfen der Juſel lasın. Nach Mer 
kauf von zwei Menaten mußte Mortiers Corps 


nach und nach mehrere Regimenter nach Polen ab» 


fenden zur Verſtarkung der frandſiſchen Hauptae⸗ 
mee. Da es num dadurch ſehr geſchwaͤcht ward, 








— 7 — 


und der Plan, Stralfund mit Huͤlfe des Winters 
einzunebmen, vereitelt war, fo beſchloſſen die Fran» 
sofen, einfiweilen den Angriff auf Stralfund wic- 
der aufzugeben, und traten den Ruͤchiug nach der 
preußtfchen Grenze an. Die Beſatzung Stralfunds, 
welche. mäprend des Winters einige Verßtaͤrkung von 
Schweden erhalten haste, verfolgte die retirirenden 
Franzoſen bis in das preußiſche Gebiet, auf dem 
Wege nad, Stettin. Dann traten ben Schweben 
die Franzoſen wieder entgegen, trichen fie bis Anelam 
zuruck, und ein Waͤffendillßaud ward gefchloffen, 
vermbge deifen die Franzoſen die ſchwediſche Grenze 
nicht überfcheitten. | 

Abermals durften die Bewohner Schwediſch⸗ 
pommerns hoffen, nun von der Geißel des Krie⸗ 
ges befreit zu. bleiben, da im Julius der Friede zu 
Tilſit erfolgte. Allein Guſtav Adolph, welcher wie⸗ 
ber nach Pommern gekommen war, weit eutfernt, 
diefem Frieden beizutreten, kuͤndigte vielmehr, for 
bald ex bie Nachricht vom demſelben erhalten hatte, 
den Granzofen den Waffenſtillland auf; wiewohl 
die ſchwediſchen Truppen in Pommern wohl nicht 





— 28 — 
Mer schutanfend Mann beirusen, und Dagegen 
Meſcha Branc mit fechs Diviſtonen an ber Orene 
ſtand, zwei framsöfiichen, eimer italdenifhen, eitier 
itanifchen, einer deutſchen und einer heiduriiärt. 
Oee Maxſchalt vackte daun fafort ein, die Schwe- 
den zanau ſich nach Stralſund zurück, und die De 
yituppiariseiten gegem dieſfe Geflung beganren. 
m damu Diesaiaritenmenst zu entachen,/ ffächteie ein 
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“209 — 


freien Abzug nach Schweden erhielten, und die In- 
ſel Rügen in verfchiedenen Terminen den Franzo⸗ 
fen übergeben ward. "Die beutiche Divifign, aus 
den Rheinbundstruppen befiebend, unter dem Be⸗ 
fehle des Generals Grandican, wurde beſtimmt, die 
Inſel zu beſetzen. 

Koſegarten ſagt von dieſer Zeit in der Geſchichte 
feines funfzigſten Lebensiahres Folgendes: „Mit 
Webhmuth gedenke ich der letzten ruhigen und fill 
len Tage, der Ichten Sonntage zumal, die ich ver⸗ 
lebte vor des Landes Heberlteferung, im Kreiſe meiner 
Gemeinde. Jene Gefluͤchteten, welche an den fruͤ⸗ 
hern Tagen meine Kirche fafl überfühten, waren 
heimgezogen. Ich war wieder allein mit meinen 
Hfiegbefohlnen, die damals freilich durch den Ernſt 
ber Zeitumflände nachdenkender und gelchriger ge» 
ſtimmt fein mochten, als in beffern Tagen eben alle 
mal der Fall gewefen. So verfäumte ich dann nicht, 
veranlagt durch die fchönen Evangelien, die auf - 
diefe Sonntage füllen, vom Tauben und Stummen, 
vom heildhegterigen Juͤngling, vom dankbaren Sa⸗ 
. mariter, von den Alien auf dem Felde, fie vorzube⸗ 
XU. Sand, -. 114] 


6 


— 2108 — 


über gehntaufend Dann betrugen, und dagegen 
Marſchall Brune mit ſechs Diviſtonen am der Grenie 
Hand, zwei franzdſiſchen, einer Haltentfchen, einer 
ſpanifchen, einer deutſchen und einer hollandiſchen 
Der Marſchall richte dann fofort ein, die Schwe⸗ 
den zogen ſich nach Stralſund zuruck, mid die Be⸗ 
lagerungsarbeiten gegen dieſe ‚Seftung begannen. 
Hm dem Bombardement gu entgehen, fluͤchtete ein 
großer. Theil der Bewohner Stralfande nach Rüs 
gen, und aud Altenkirchen und Kofegartens Wob⸗ 
nung nahmen folche Flüchtlinge auf. Es war eine 
beklommene Zeit mehrerer Wochen; bei ſchwuͤler Som⸗ 
merhitze und faſt ununterbrochenem Kanonendonner, 
von welchem auf Wittow der Boden zitterte. WI 
endlich die Franzoſen ihre Laufgraͤben vollendet hate - 
ten, Heß der König ſich bewegen, bie Stadt de 
Beſchießung nicht preis zu geben. Er räumte ſie 
im Auguſt, und Tagerte fich mit mit feinen Truppen 
auf Rügen. Die Franzoſen ſammelten eine Flotte 
von Booten, um ben uebergang nach Rügen zu be 
werkſtelligen. Hlerauf Tam eine Convention in 
Stande, vermibge deren die ſchwediſchen Truppen 








“209° — 


"freien Abzug nach Schweden erhielten, und bie In⸗ 
fel Rügen im verfchiedenen Terminen den Franzo⸗ 
fen übergeben ward. "Die deutſche Diviſion, aus 
den Rheinbundstenppen beſtehend, unter dem Be⸗ 
fehle des Generals Grandican, wurde betimmr, die 
Inſel zu befepen. I 

Koſegarten ſagt von dieſer Zeit in der Geſchichte 
feines funfzigſten Lebensjahres Folgendes: „Mit 
Wehmuth gedenke ich der letzten ruhigen und ſtil⸗ 
len Tage, der letzten Sonntage zumal, die ich ver⸗ 
lebte vor des Landes Heberlieferung, im Kreiſe meiner 
Gemeinde. Jene Gefluͤchteten, welche an den fruͤ⸗ 
‚bern Tagen meine Kirche faſt überfuͤlten, waren 
beimgezogen. Ich war wieder allein mit meinen 
Pflegbefohlnen, die damals freilich durch den Ernſt 
der Zeitumfände nachdentender und gelchriger ge» 
ſtimmt fein mochten, als in beſſern Tagen eben alle» 
mal der Fall geweſen. So verfäumte ich dann nicht, 
veranlaßt durch die fhönen Evangelien, die auf 
dieſe Sonntage fallen, vom Tauben und Stummen, 
vom beilsbegterigen Füngling, vom dankbaren Sa⸗ 
- mariter, von den Lilten auf dem Felde, fie vorgubes 

ZU. Sand, . 114] 


6 


— 210 — 
reiten au den Dingen, die da kommen möchten, und 
die Faſſung, Ruhe, Hille und Tindliche Ergebung 
ſie zu lehren, mit deren Hülfe auch das Schwerſte 
aberſtanden, und dem Zeinde ſelbſt Schonung und 
Achtung abgewonnen werdet möge. Der letzte dies 
fer ruhigeren Sonntage war der fechsgehnte nad 
Trinitatis. Es war ein Tchöner blauer ſonniger 
warmer Tag, einer jener balcyonifchen Tage, der⸗ 
gleichen in unfern Klimaten zur Herbſtzeit uns 
bisweilen befchleden werden, zum Erſatz für das 
Enibebren fo mancher andern Naturfreuden. Zum 
Ser und Thema wählend jenes rührende Weine 
nicht, das ber Erldſer zu der leidtragenden Mate 
nitinn ſpricht, habe ich an dieſem Tage mid noch 
einmal mit meiner mir vertenuten Gemeinde ge⸗ 
labt, erquickt und mächtig geſtaͤrkt. Es war das 
Iepte Mal: Am nachſten Sonntage ſchon war das 
"Land überfchwenmt; Tumult überall; die Kirche 
dde umd leer.’ - 
Am zwollften September rüdten die erſten 
Sremdlinge auf Wittow ein, und zwar ein groß- 
berzoglich Bergiſches Infanterieregiment, geführt 








von dem Obrifilientenant Mufi, welchem bald auch 
ein Naſſau⸗ Uſtingiſches Bataillon unter dem Major 
von Joſſa folgte, fo dag nun eben fo vide Solda⸗ 
ten auf Wittow lagen, als die Zahl der gefammten 
Einwohner ‚betrug. Der Major von Joſſa nahm 
fein Quartier in Kofegarteng Wohnung. Die Bere 
sifchen Truppen betrugen fich ungenuͤgſam und an⸗ 
maßend, und Klagen bei den Officieren halfen 
wenig; unter den Naſſauern ward ſtrengere Zucht 
gehalten. Auch auf dem übrigen Mügen beflagte 
man fich bitter über die Dischplin der deutſchen 
Landsleute, beſonders uͤber die der Baiern und der 
Würzburger. Sechs Wochen blieben dieſe deutſchen 
Truppen auf Rügen, und Marfchal Brüne bereiſte 
ihre Cantonnements. Er kam auch nach Wittow, und 
ein Offüster meldete ibn und fein ganzes Gefolge 
bei Kofegarten zum Fruͤhſtuͤcke an. Kofegarten ſtellte 
vor, daß fein Haus zur Aufnahme folher Gäfe gar 
nicht geeignet fe, und brachte es dahin, Daß der 
Marſchall ſich nach dem benachbarten Landfige Ju⸗ 
Huseube begab. Dort machte Kofegarten dem 
Marſchall feinen Beſuch, da diefer, in Folge einer 


Sn 


— 212 — 


| Empfehlung von Seite der Königinn yon Baiern, 
den Befehi erlaſſen hatte, Koſegarten gegen etwanige 
gewaltſame Beunrubigungen zu ſchuͤtzen. Der Mar⸗ 
ſchall nahm Koſegarten anfangs heiter auf, ward 
aber dann durch eine eben aus Paris bei ihm ein⸗ 
treffende Devefche fehr ernſt geſtimmt, und reifle 
ſchleunig ab. Als die Deutfchen abgezogen waren, 
trat an deren Stelle die italienifche Divifion unter 
dem General Pino, und nach Wittow ward das 
erfie Italtenifche Linteninfanterieregiment unter dem 
General Fontana gelegt. Diefe Leute waren ge 
nügfamer, als die Deutfchen. Auch General Pins 
bereite die Quartiere feiner Truppen; und kehrte 


vei Koſegarten ein. Die Italiener wurden bald wie⸗ 


der abgerufen, und an ihre Stelle traten einige frau⸗ 
idfifche Regimenter, welche fo ein Jabr dort 
blieben. 

Durch diefe Kriegsumfände ward Kofegartens- 
Lage zu Altenkirchen ſehr verändert und unanger 
nehm. Nicht die allgemeinen Beſchwerden des 
Krieges, Einguartterungen und Requifitionen, welche 
jeder Einwohner tragen muß, waren das, worüber 





— 


— 213 — 
Koſegarten ſich beſchweren konnte. Sondern zu dies 
fen unvermeidlichen Laſten geſellten ſich für Koſe⸗ 
garten andere, viel widerwartigere, nämlich die Ge⸗ 
fchäfte einer Quartierkammer, eines Fubrenbuͤreaus, 
eines Provianteommiſſariates, welche Kofegarten, 
ee mochte wollen oder.nicht, verwalten mußte. Es 
gab auf Wittow Leine Beboͤrde, welche diefe Ange» 
legenheiten beforgte, und als etwas fpäter in dem 
drei Meilen entfernten, ienfelt des Waſſers gelege⸗ 
nen, Bergen eine bauptfächlich aus Edelleuten ger 
bildete Ruͤgenſche Landesadminifiration errichtet. 
ward, fo konnte dennoch diefe das auf Wittow une 
mittelbar zu Beforgende nicht beſchaffen. Die Be⸗ 
fehlshaber der Truppen wendeten ſich, beſonders 
ſeit dem Einruͤcken der Italiener und Franjzoſen, 
immer nach Altenkirchen, weil dieſes Dorf, wie⸗ 
wohl ſehr mit uUnrecht, auf der Karte als ber 
groͤßte Ort des Landes bezeichnet. if. Zu Altenkir⸗ 
chen aber war Niemand, der Ihren Forderungen 
hätte genügen koͤnnen, als Kofegarten. Diefer 
mußte daher die Einquartierung vertheilen, nicht | 
nur in feinem Dorſe, fondert auch in den benache 


N 





— 14 — 


Barten, und oft Im ganzen Lande. Dann gab «# 
Klagen von Seiten der Eingnartierten, daß die 
Quartiere nicht gut genug felen, und wieder Kla- 
gen vom Seiten der Wirthe, daß fe zu ſtark be⸗ 
quarttert wären, ‘oder daß die Einquartierung 
ſich ungezogen betrage Dann mußten uhren ge: 
ſchafft werden und Meitpferde; die Einwohner 
weigerten fich, fle zu liefern, und die, welche fie, 
von Kofegarten forderten, tobten Über die Zögerung- 
Dann ward Holz gefordert zur Hetzung der Machen 
und der Gefängniffe, Leder für den Negimentsfatt- 
fer, Roblen für den Regimentsſchmid, Leinwand 
und Zwirn für den Negimentsfchneiber, Papier, 
Siegellack, Federn, Stroh, und alle Augenblicke tra⸗ 
fen Billete ein, welche anfingen: Monsieur le mini- 
“ stre est invitd de 'fournir. Undersmohtn aber lie 
Ben ſolche Fordernde ſich fehlechterdings nie weiſen, 
um fo weniger, als fie in Koſegartens Haufe fran⸗ 
naſtſch Redende fanden. -Kofegarten mußte aus 
dem Berger Magazin die für die Truppen nötbigen 
Vorraͤthe kommen laſſen, und auf ſeiner Hausflur 
ward das Steife zerbadt, und der Branntwein ge⸗ 


⸗ 











— 15 —. 

ſchenkt an die in der Umgegend liegenden Solda⸗ 
ten. Diefe Unannehmlichkeiten währten nicht ei» 
nige Tage ober Wochen, fondern ununterbrochen - 
fort, weil die Truppen nicht hurchmarfchirten, ſon⸗ 
dern kantonnirten. Kofegarten bat diefe Umflände in 
der Geſchichte ſeines funfzigſten Lebensjahres bes 
ſchrieben. Dabei bemuͤhte er ſich auch oft, bei Ver⸗ 
theilung der Kriegslaſten die Rechte der untern 
Staͤnde zu vertheidigen, da dieſe Leute am wenig⸗ 
gen im Stande waren, bei den fremden Befehls⸗ 
habern ihre Stimme geltend zu machen. Koſegar⸗ 
ten ingt hiervon in der Geſchichte feines funfriaſten 

Lehensjahres unter Anderem Golgendes: 
Bon allen Befchlshabern, die bei uns ges 
ſchaltet, bat Keiner mir aufrichtiger befeelt geſchte⸗ 
nen von dem Wunſch, die Uebel bes Kriegs nach 
Möglichleit zu mildern, als der Dberfeldherr des 
Italieniſchen Heers, der Divifions- General Ping. 
Er befuchte mich wenige Tage nach dem Einrüden 
feiner Schaaren. Ich fand einen ‚unterrichtete 
Mann in ihm, der vertraut war. mit den Claſſi⸗ 
kern ſeines Vaterlandes, den aͤltern wie den neuern; 


— 16 — 


aus Monti wußte er manches auswendig, verſprach 
auch, deſſen Werke mir zu ſchicken, die mir dann 
freilich nicht gekommen find. Es verficht ſich, dag 
auch geſprochen wurde von den Belegenbeiten un⸗ 
ſers Landes, yon deffen Huͤlfsquellen, von der Noth 
der Einwohner, von der Auffuͤhrung der Soldaten. 
Der General zog ein Papier aus der Taſche; es 
enthielte, fprach er, einen ihm _mitgetheilten Ent⸗ 
burf, wie die auf der Inſel Fantonnirenden Trup⸗ 
pen auf eine Weiſe verlegt werden koͤnnten, welche 
gleich zutraͤglich waͤre fuͤr die Befriedigung der 
Truppen und für die Erleichterung des Landes. 
Nun hatte ich ſchon gehört von diefem ſaubern 
| Plan. Es war die Abficht, daß die Truppen in 
den Dorfichaften zuſammengepfercht, die Offiziere bei 
den Predigern einguartirt, die Edelſitze und Pacht⸗ 
böfe aber frei bleiben ſollten; angefchen daß durch 
Diefe, fo ward es vorgefpiegelt, der Bau des Landes 
- betrieben wuͤrde, welcher nothwendig ſtocken muͤſſe, 
ſo lange die Hoͤfe belegt blieben. Die Befehlsha⸗ 
ber waren leicht beredet. Ihnen konnte in Erman⸗ 
aelung der Caſernen nichts willlommener ſeyn, als 





— 217 — 


® 


menigfiens auf dieſe Weife ihre Lente fein beiſam⸗ 

men zu haben, und unter Zucht und Aufficht zu 
behalten. _ Einen ſolchen Plan nun entbickt jenes 
Papier. Monfeigneur, fagte ich, nachdem ich Ihn 
flüchtig durchgeſehen hatte, wenn Menfchlichkelt und 
Billigkeit Ihnen lich find, fo werden Sie diefem Plane 
ihre Zufimmung verfagen. Er ſtutzte. „Wie ich 
das verfiche? Er koͤnne mie fagen, daß diefer Plan 
von der Landes⸗Adminiſtration felber entworfen 
und ihm mitgetheilt ſey.“ ... Das, erwiederte 
ich, würde mir der Geiſt, in dem dieſer Plan ger 
arbeitet worden, verrathen haben, wenn auch Em. 
Ereellenz nicht die Güte hatten, es mir zu erdffnen. 
Denn diefer Entwurf if einzig und allein darauf 
berechnet, die Reichern und Wohlbabendern gu er⸗ 
leichtern, dije arbeitenden und unentbehrlichen Klaffen 
aber zu Grunde zu richten - ... Aber, mein Gott! 
‚ verfehte der General faft ungeduldig, es ſoll den 
Quartier-Wirthen ia alles geltefert werden, wie Sie 
ſehen; Brot, Fleiſch, Gemäfe, Branntwein, Sal 
fogar; nichts ſollen ſie herzugeben haben als Licht, 
Feuerung und das Quartier... . Aber, erwiederte 





- 18 — 


ich, es: wird nichts geicheben von allem, was in bie- 
fem Plan verfprochen wird. Es werden die Ibbll- 
chen Apfichten Em. Excellenz im Geringfien nice 
erreicht werden. Die Proviantlieferungen werden 
gugefchlagen werben den Unternehmern. Die Une. 
ternehmer werden das Land betrügen, das ihnen 
zahlt, und zugleich den Soldaten, den fie zu faͤt⸗ 
tern übernehmen. Die Lebensmittel, die man Ue⸗ 
fern wird, werden nichts taugen. Statt Brotes 


wird man Kleyen ſchicken, Knochen fatt Fleiſches, 


Spreu für Graupen; die Kartöffeln werben an⸗ 
braͤchig feun, die Erbfen wird man kochen muͤſſen 
bis an den juͤngſten Tag; ſtatt Branntweins wird 
der Soldat meinen, geſchwefeltes Waſſer binunter 
m gießen. Der Soldat wird ſich halten an den 
Wirth; der Wirth wird geben mäflen, fo lange er 
bat. Das wird fo lange nicht vorbalten. und 
nachdem die Dörfer, der Nerv des Landes, zu 
Grunde gerichtet find, wird der Plan dennoch aufs 


gegeben werden müfen. . . Jedoch gefeht auch, ' 


fuhr ich fort, und mit gefleigerter Wärme, denn 


der. Eifer um mein Voll fraß mich,” gefebt, es 
f 


- 





— 29 — 
würde uns alles geliefert, was hier verſprochen wird: 
angenommen, es würden ung erſetzt über dies, bei Hel⸗ 
ler und Pfennig, unfee anderweitigen Vorſchuͤſſe und 
Auslagen; wer erfeht ung das Unerſetzliche? Wer 
die Angh und unruhe, den gefdrten häuslichen. 
Frieden, die fchlaflofen Nächte, die gefährdete Si« 
cherheit, die bedrohte Unſchuld unferee Kinder? 
Die Seufzer, die man ung entpreßt, die Thränen, 
die man ung vergießen macht, follen auch diefe etwa 
gefchäßt, berechnet, ausgeglichen werden nach Hel⸗ 
ler und Pfennig? ... Ich ſchwieg. Der General 
ward nachdenkend, feine Zuͤge verfinſterten ſich ſicht⸗ 
barlich. Ich ſah wohl ein, daß ich eine Saite be⸗ 
cũuhrt hatte, die nicht allzu lieblich klange, und fand 
rathſam, abzubrechen das Geſpraͤch für den Augen⸗ 
blick. Beim Abſchied aber, als der General in den 
berfömmlichen Sormeln mich aufforderte, fo oft tch 
ſein bebürfe, mich gerades Wegs am Ihn zu wen⸗ 
den: Wohlen, ſprach ich, ich wage, Em. Erechen; 
"un eine Gunſt zu bitten bier auf der Stelle. 
Gebieten Ste, daß innerhalb meines Kirchfpiels 
wenigfiens Feine Truppen vertheilt werden, ohne 


J x 


— 20 — 


daß man mich deßhalb zu Ratbe siehe, und ich ge 
traue mich, Ihre Leute zufrieden un ftelſen, 
ſammt den meinen ... Der General verſprach das 
freilich; daß er die Ordre wirklich ausgeſtellt, habe 


A Urſache gu bezweifeln.“ 


Die franzdſiſchen Offtziere, welche boͤrten, daß 
Koſegarten ein Gelehrter und Dichter ſei, beſuch⸗ 
ten ihn ſehr bäufig weil fie in feinem Haufe Un- 
serhaltung zu finden hofften, und weil fie ſich auch 
Dadurch - {chen als Liebhaber und Protertoren da 
Wißenſchaften zeigen zu muͤſſen glaubten. Kofegar- 
ten waren ‚diefe Beſuche und die Redſeligkeit der 
Säfte dußerſt Idfig, zumal da. die oben angeführ- 
ten Ümfdnde wenig Luſt erwecken Fonnten, auch 

ſonß noch mit diefen Leuten viel zu verkehren und 

zu diskuriren, wenn auch manche derfelben fich nicht 
bloß boͤflich, fondern auch freundfchaftlich, bewleſen. 
Doc vermochte Kofegarten auch diefer neuen Art 
von Beläfiigung nicht gu entgeben, da die Zudring- 
licjfeit der Säfte ihrer Redfeligkeit gleich Fam. 
Es mar wenig Ausſicht vorhanden, daß biefe Lage 
ber Dinge fich bald ändern würde, da die Franzoſen 








— 21 — 


befonders Rügen recht forgfältig bewachen zu müf- 
fen glaubten, damit nicht etwa einige Engländer 
dort landeten. . Daher fing Kofegarten an, darauf 
zu denken, ob er nicht, zur Wiederherſtellung feiner 
geiſtigen und leiblichen Kräfte, Altenkirchen auf ei⸗ 
nige Zeit verlaffen koͤnnte, nachdem er für die Ge 
meinde wieder einen jüngeren und Fräftigeren Dia- 
eonus berufen. Zuerſt wendete er bierbet feinen 
BR nach Schweden, wohin mehrere Bewoh⸗ 
ner Pommerns zu dieſer Zeit fich begeben bat» 
ten; um dee franzbſiſchen Unruhe gu entge⸗ 
ben. Kofegarten erzaͤhlt diefes in der Geſchichte 
feines funfzigfien Lebensiahres alfo: „Mein erſter 
Gedanke war, übersugeben. nach Schweden, für 
welches Land ich vom jeher eine eigne Vorliebe ge- 
naͤhrt, und welches zu vertaufchen mit ber deut- 
ſchen Heimath mir kaum eine Verwechſelung des 
Vaterlandes gedäucht bätte. Ich bedurfte jedoch 
zu einem ſolchen Schritt der Genehmigung des 
Königs. Daß fie mir nicht entſtehen werde, glaubte 
ich hoffen zu dürfen. Ich kannte den König. Cr 
Fannte mich. Ich wußte, daB er mir gewogen ſey. 


— 22. — 


Ich durfte nicht zweifeln, daß er mir ein einſtwel 
liges oder- bleibendes Aſyl in feinem Reiche geflat- 
tem werde. Die Frage mar nur, auf welche Weiſe 
mein Wunſch ihm zu offenbaren, auf welchen Wege 
ein Brief von mir in ſeine Hände zu beingen fen, 
da das Land gefperrt, und aller Verkehr mit dem 
fogeuannten Feinde hoch verpoͤnt war. Jedoch aud) 
biesu bot fich mir eim Ausweg dar, dem ich unge 
fdumt benußte. Auf einer Reife nach Bergen, der 
einzigen, die ich feit der Befehung des Landes, drin⸗ 
gender Befchäfte halber, mir erlaubt hatte, lernte ich 
in dem gaſtfreundlichen Haufe meines Jugend⸗ und 
Univerfitäts = Greundes, des Vverebrungswürdigen 
Propſtes Droyſen, einen ſchwediſchen Rittmeiſter, 
Aauilon, kennen. Er war zuructgeblieben nach des 
Schwediſchen Heeres Abzuge, um der Kranken, die 
in den Hoſpitaͤlern zuruͤckgelaſſen werden mußten, 
einſtweilen wahrzunehmen, und ſtand eben icht 
auf dem Punkt, mi den Geneſenen ſich einzuſchif⸗ 
fen für die Heimath. Diefer Aquilon fchien mir 
eines ernſten Sinnes zu ſeyn und eines gefchten 
Weſens. Ich glaubte zu lefen in feinen ſtark aus⸗ 





— 23 — 


gepraͤgten Zügen die Eigenthuͤmlichkeiten des Na⸗ 
tionalcharakters, eine Treue, die alle Proben be⸗ 


ſteht, und eine Feſtigkeit, die keinem Sturm ſich 


deugt. Da der. Propft die Meinung), die ich von 
ibm gefaßt hatte, befiätigte, fo offenbarte ich Ibm, daB 
ih an den König mi fchreiben habe, und fragte 
ihn, ob er ſich getrane, den Brief zu beſorgen. Er 
übernabm es mit Eifer. Er verſicherte, daß er 
den Brief eber vernichten, als ihn in andere Haͤnde 
geben würde, als die des Königs felber. Nachdem 
ich das Nothige mit ihm verabredet hatte, reifte ich 
nach Hanfe umd fchrich. Ausführlich berichtete ich bem 


König, was vorgegangen bei ung feit feiner Abreiſe, 


verbreitete mich über des Landes gegenwärtigen Zu⸗ 
fand, entwarf ſodann ein erfchätterndes, aber wah⸗ 
res, Gemaͤlde meiner eignen Lage, und bat, nach⸗ 
dem ich für meine Gemeinde geforgt haben würde, 
in fein fchönes und ficheres Reich mich retten zu 
dürfen, wo ich bereit fen, jedes Geſchaͤft, deſſen 
ich mich fähig fühlte, und das er mir anzuvertrauen 
geruhen würde, einſtweilen zu übernehmen und zu 


. verwalten. Mittlerweile hatte Propſt Dropfen mir 


_ 224 — 
gemeldet, daß Aquilon bereits in der Zanker Bucht 
liege, und mit dem naͤchſten günfligen Winde ab- 
fegeln werde. Ich ſchickte dann meine Briefe an 
den Bropft, welcher fie weiter fpedirte an den Pa-- 
for zu Lanken, und mir zurückſſchrieb im defien 
Auftrag, daß Aquilon alles wohl empfangen, daß 

er bereits abgegangen ſey, uns aber wohl chen 
beige, und bes henußten balber ihm gänsglich 
vertrauen. 

„Ich fühlte mich eubiger nach dem Abgange mei⸗ 
nes Briefes. Hatte ich Doch einen Faden ange⸗ 
knuͤpft, mittelſt deſſen ich hofſfen durfte, aus diefem 
Irr⸗ und Drangfal berausgeführt zu werden. 
Diefe Hoffuung ward jedoch nicht erfüllt. Ich follte 
wicht fremd: werben der vaterländifchen Erde. &$ 
war mir nicht verhängt, eingebürgert zu werden in 
„Ddins: rieſenhaftem Reiche” . . . Ich babe Feine 

- Antwort erhalten auf ienen Brief. Daß der treff⸗ 
liche Schwede den übernommenen Auftrag getren- 
lich angerichtet habe, daran zweifelte Ich Teinen 

Augenblick. Wie er\cs gethan, erfuhr ich erſt volle 
ſechs Jahre ſpaͤter. Im Grühling nämlich des 











. 228 — 

achtzehnhundertdreizehnten Jabres, als auch die 
fchwedifchen Krieger von ihren‘ Küflen berüber- 
fehifften, um wegen der. erlittenen Verhoͤhnungen 
ich die Genugthuung zu nehmen, war auch Aqui⸗ 


lon fammt den. andern gelandet auf dem Mönd-. 
gutifchen Geſtade. Nun führte aber die Marfchlinie, . 
bie man den gelandeten „und nach Gtralfund be⸗ 


ſtimmten Kriegern abgeſteckt hatte, Durch dag Städt» 
lein Garz und nicht: durch Bergen. Aquilon, bes 
gierig, der ihn druͤckenden Rechenſchaft ſich zu ent⸗ 
buͤrden, laͤßt die andern ihres Weges sieben, 
lenkt ab, da bie Straße: ſich theilt, auf Bergen, 
nimmt die Nacht zu Hülfe, und tritt, fruͤhmorgens 
zu-meinem eben .aufgefiandenen überrafchten Freunde 
in das Zimmer; meldet in wenig Worten, moher 
ev komme, wie die Zeit ihn dränge, wie er den 
umweg genommen, eigens um Bericht abzuſtatten 
vom der Ablieferung des anvertrauten Briefes, wie 
er bitte, ſolches mir zu überfchreiben, indem er, 
mich ſelbſt zu forechen, ſchwerlich hoffen duͤrfe. 
Was er aber berichtet, iſt diefes. 
„Aquilon, fobald er nur auf der ſchwediſchen 
Band, XI. . [8%] 


— 2260 — 
Käfte gelandet, hat nichts Angelegeneres, als ſich 
nach des Konigs dermaligem Aufenthalt zu erfundi- 
gen. Er.erfährt, daß der König in einer kleinen 
entlegenen Landſtadt liege, einfam und zugänglich. 
feinem. Aquilon, ohne einen Weg von amanıla 
ſchwediſchen Meilen ſich verdrießen zu laſſen, rei 
bin. Da er merken läßt, dag er komme, den König 
gu ſprechen, bedauert man Ihn; er habe die Neife 
fparen Finnen, meint man; der König Ipreche Nie⸗ 
mand. Aquilon laͤßt gleichwohl ſich melden, und 
wird abgewieſen. Aquilon erklaͤrt, wie er ſich un⸗ 
möglich fünne abweiſen Iaffen; er babe dem König 
einen Brief zu überreichen von mie; er habe feine 
Ehre verpfändet, den Brief tn Feine andere Hände 
ju geben als die des Königs; er mäffe gar ſehr bit⸗ 
ten, daß der König ihm geſtatte, fein Wort zu ld⸗ 
fen. Sofort laͤßt der vitterfinnige König ihn vor, 
hört feinen Bericht, empfängt den Brief, und ent- 
läßt den Meberhringer mit Güte. Daß mein Brief 
auf den König gewirkt, laͤßt deſſen gefuͤhlvolle edel⸗ 
muͤthige Sinnesweiſe mich nicht zweifeln. Daß der 
Brief ohne Antwort geblieben, iſt zu begreifen. 





Auf dem geraden Wege konnte die Antwort. nicht 
-Tommen. Drittel eines Schleichweges fie mir zus 
sufdrdern, war unter des Königs Würde. . . .. Wie 
dem auth fen; Friede müffe feyn mit des hart ges 
prüften, auch ohne Krone fattfam gefränten, Kd⸗ 
nigs Gott liebendem und die Menfchen achtendem 
Gemüthel ».. . Und nie müffe,mangeln ein Freund 
In der Noth jenem ächten Schweden, dem zuver⸗ 
läffigen unverdroßnen Bewahrer anvertrauter Pfaͤn⸗ 
‚der, dem mannbaften Rittmeiſter Nautlon! Hacke 
dem ich einige Monate vergeblich gerartet batte 
auf einen Wink aus Schweden, fing meine auf je⸗ 
nen Brief gehübte Hoffnung freilich an zu finfen. 
Der Januar war indeß verſtrichen.“ 

Da Koſegartens Gedanke, ſich nach Schweden 
"m begeben, unausfuͤhrbar zu werden ſchien, ſo 
überlegte er nun, ob er nicht, nachdem er einen 
Diakonus berufen, ſich auf einige Zeit von der da⸗ 
maligen pommerſchen Regierung einen Urlaub er⸗ 
bitten, und dieſe Zeit in ſeiner Heimath, in Meck⸗ 
lenburg, auf den ihm theuren Fluren feines Ju⸗ 
gendlebens, zubringen koͤnne. Auch dieſem Blane 


— 28 — 


ſchienen ſich manche Hinderniſſe entgegenzuſtellen 
m April des Jahres 1808 Fam der auch in Pom⸗ 
mern damals kommandirende Marſchall Soult, in 
Begleitung mehrerer Generale, nach Wittow, um 
‚ bie Cantonnements zu befichtigem Er kehrte in Ko⸗ 
fegartens Haufe ein, und zeigte fich artig und ziem⸗ 
,Uch gefprächig. Er bemerkte wahrſcheiulich, daß Kofe⸗ 
garten in feiner dortigen Lage ſich damals nicht allzu 
wohl fühlte. Als er Abſchied nabm, bot er, wie dieſe 
Herten zu thun pflegten, ſeine Dienſte an, that 
dies aber mit etwas mehr Nachdruck als gewoͤhn⸗ 
Uch, fo daß die Vermuthung gehegt werden konnte, 
es ſey bei vorkommender Gelegenheit wirklich auf 
ihn gu rechnen. Kofegarten dankte indeg und bat 
nur, diefe Gefinnung ihm ferner zu erhalten. Nach 
einigen Wochen nun, als mit dem Beginne des” 
Sommers die bftere Abloſſung der Wittowifchen Be 
ſatzung, und ber daraus hervorgehende Wechfel der 
Einquartierung die bisperigen Unannehmlichkeiten 
vermehrten, bedachte Kofegarten, DaB er ſich um 

die ſchon feit längerer Zeit erledigte Profeſſur der 
Geſchichte zu Greifswald bewerben koͤnne, da die 











— I — 

Geſchichte immer ein Lieblingsſtudium für ihn ge⸗ 
wefen, und er auch mehrere ſchriftſtelleriſche Arbei⸗ 
ten in diefem Fache geliefert hatte. Er fehrieb da⸗ 
ber an den Marſchall Soult, als damaligen Stel 
vertreter des ſchwediſchen Genceralſtatthalters, und 
hat denſelben, ihm die hiſtoriſche Profeſſur zu Greifs⸗ 
wald zu verleihen, mit der Erlaubniß, das Pfarr⸗ 
amt durch einen neuen Diakonus verwalten zu laſ⸗ 
fen. Kofegarten wönfchte bei der Profeffur auch 
das Pfarramt zu behalten, und demſelben in den 
akademifchen Serien vorzufieben, damit ihm frei 
bleiben möge, in Fünftiger rubigerer Zeit ganı nach 
Altenkirchen zuruͤckzukehren. Den Gebanfen der 
Verbindung beider Aemter erweckte in ihm auch det 
Umfnd, daß in Schweden dieſe Verbindung 
nicht ſelten iſt. Schon nach vierzehn Tagen erhielt 
Kofegarten die einwilligende Antwort des Marfchalls, 
und ‚bereitete fich freudig dazu, in eine neue und 
von äußeren Unannehmlichteiten fretere Wirkſam⸗ 
feit zu treten. Er berief feinen früheren Hausge⸗ 
noſſen, Heren Herrmann Baier, einen bewaͤhrten 
Mann, zum Diakonus, vollzog im Auftrage des 


— 250 — 
Generalſuperintendenten deſſen Einfuͤhrung, und 
ſagte der Gemeinde zu, jährlich einige male ſelbſt 
wieder zu ihe zu Fommen. Nachdem cr feine uͤbri⸗ 
gen Angelegenheiten dort geordnet, begab er fih im 
Auguſt diefes Jahres nach Greifswald, und ward 
dort unter dem Meftorate des Profeſſors Ganzler 


als ordentlicher Profeffor der Gefchichte und Mit- 


glied des akademiſchen Concilii aufgenommen. 


er ⸗ 


Sechster Abschnitt. 
Akademiſches Amt zu Greifswalb. 


1808 bis 1818. 


* 


Kolegarten fuͤhlte ſich nach ſeiner Ankunft zu 
Greifswald in feiner neuen Lage ſebr wodl, wegen 
der Ruhe und der Stille, welche ihr bier umgabeır, 
im Vergleich gegen die laͤſtige Unruhe, in welcher 
ee die letzte Zeit zu Altenkirchen sugebracht hatte. 
Seine Kräfte ſtaͤrkten fich wicher, und feine Heiter⸗ 
Zeit kehrte zuruͤck. Er batte num ungefbrte Muße, 
ſich mit wiſſenſchaftlichen Stadien gu beichäftigen, 
. welche ihm von jeher werth geweien waren, und 
. manche feiner Kräfte, welche fonf weniger entwickelt. 
geblieben ſeyn würden, fanden nun Gelegenheit zu 


Hebung und Wirkſamkeit. Zu Michaelis des Jabres 


1808 begann er feine Vorleſungen. Im gefchicht- 
lichen Fache trug er in diefem und den folgenden 
Semeſtern bauptfächlich vor die Weltgefchichte, die 
europäifihe Staatenbiſtorie, die Geſchichte der Deut- 


> 


— 134 — 


ſchen, die Geſchichte der Griechen, die Gefchichte 
der Kreuzzuͤge, und die Hrgefchichte. Er arbeitete 
biefe Borlefungen fehr volftändig fchriftlich ans, hielt 
aber dennoch in der Stunde -felb mit großer Leb- 
baftigkeit einen ganz freien Vortrag, und fein un 
gewoͤhnlich ſtarkes Gedaͤchtniß erlaubte ihm diefes, 
auch wenn noch fo viel Namen und Zahlen anzu⸗ 
führen waren. Ferner hielt er Vorleſungen über 
die griechifche Literatur, und erklärte die Ilas, die 
Odyſſee, die Hymnen des Pinder, die Orefitas des 
Aeſchylius, die Bisgraphien des Plutarch, die Olym⸗ 
piſchen und Philippiſchen Reden des Demoßhenes, 
und die Rede um die Krone. Oft uͤbertrug ihm 
das Coneilium das Amt des alademifchen Redners 
bei der jährlichen Gehurtstagsfeter des Landesheren. 
Bei den Promotionsdisputationen der Doctoranden 
der philofophifchen Fakultät praͤſidirte er drei und 
zwanzig mal, und fchrich bei diefen Gelegenheiten 
achtzehn Differtationen über biftorifche, philoſophi⸗ 
ſche, philologiſche und theolsgifche Gegenflänbe. 
Das. Rektorat der Univerſitaͤt und, das Defanat 
der philofopbifchen Fakultaͤt verwaltete er mehrere 








ei — 

male. An den allgemeinen Angelegenheiten der uni⸗ 
verfität, welche der Leitung des Concilii anver⸗ 
trauet waren, nahm er den lebhafteſten Antheil. . 
Einer feiner Collegen, welcher feine Thätigkeit in 
dieſer Hinficht kennen gu lernen Gelegenheit hatte, 
fagt davon: „Die Angelegenheiten der Aniverfität 
and ihr Gebeihen Ingen ihm vorzuͤglich am Herzen. 
Fa den hicher gehbrigen Verhandlungen adußerte 
ſich fein Eifer oft in frdmender Beredtſamkeit. Er 
ward eben fo feurig, wenn etwas Gutes gefdrdert 
werden ſollte, als er den edelften Unwillen laut wer« 
den ließ, wenn es darauf ankam, etwas Unwuͤrdi⸗ 
ges zu bekämpfen. Man fand ihn jederzeit auf einer 
ſelbſtſtaͤndigen Höhe, frei von aller Befchränfung 
berfömmlichee Vorurtheile, und mutbig, mit eben 
der Kraft das Gute und Wahre zu vertbeidigen, 
“als das Schlechte gu beſtreiten.“ | 

De im’ Fahre 1809 Schwediſchpommern noch 
von ben Franzoſen befebt war, und im Namen des 
franzoͤſiſchen Kaifers vegiert ward, fo wurde ber 
Geburtstag des Kaiſers als des damaligen Landes- 
berrn feierlich begangen. Koſegarten uͤbernahm es, 


— 236 -\ 
bei der akademiſchen Beier iu Begenwart der fran⸗ 
dſiſchen Generalität die, unter ſolchen fchwanfen- 
den politiſchen Berhältniffen immer ſchwierige, Rebe 
zu bakten. Diefe Mede iſt anter dem Titel: Rebe 
am Napoleonstage des Jahres 1809, mehrmals ge 
druckt worden. Koſegarten gab darin eine Hebet- 
ſicht der bisherigen großen Unternehmungen und 
Erfolge Napoleons in der. kriegeriſchen und in der 
geſetzgebenden Laufbahn. Er fügt dann den Wunſch 
hinzu, dag hinfort der: Kaiſer auch eingedenk fern 
"möge der Hinfaͤlligkeit der menſchlichen Macht, und 
daß er Die Wunden, die er der Menfchbeit gefchie- 
gen, durch Weisheit der Geſetze und durch Friedens⸗ 
Hebe heilen möge, den Lorber verfaufchend mit 
sem Delzsweige, weil, dafern er diefen Münfchen 
-genäige, fein Name nicht bloß bewundert, fonderk 
auch beliebt. bleiben werde. Er ſpricht ferner die 
Hoffnung aus, daß aus den Ummälzungen der Ge 
genwart auch das Wohl Deutſchlands wieder ch 
hervorgehen werde, dafern das deutſche Volk nur 
dem Ernſte und der Tugend aufrichtig ſich zuwende. 
Er ſagt: „Möge Napoleon ehren. die Geſchichte 











— 237 — 


und ſcheuen die Nemeſis, und fchonen der Menſch⸗ 
beit edelſtes Recht, das Necht der freien Rede und 
‚ der freien Tone! Möge er gedenken, dag er unter 
Gott fen, und nicht vergeffen, dag auch Sein die 
unabwendbare Stunde harre!’ und: „Nein, Du 
wirſt nicht untergehen, befcheldbenfle, obwohl ge- 
‚ baltreichfie aller Nationen! Heimath des Herrmann 
und des Wittelind, Vaterland des Luther und des 
Hutten, Mutter, Amme, und Pflegerinn des Duͤ⸗ 
ver, Balde, Kepler, Leibniz, Kant, Klopſtock, Her⸗ 
der .... Und follte deiner heute dergeſſen werden, 
um deſſen allzu frühen Verluſt die noch feifche 
Wunde blutet, glaubenwerther Mann, ehrwuͤrdiger 
Jobannes Müller! Nein es if nicht im Plan des 
MWeltgenius, daß eine Nation, wie die unfrige, 
ausgetilgt werde aus der Reihe der Menfchenfamts 
ken. Es müffe nur cin jeglicher vom uns den 
Glauben bewahren an den Gott Aber ibm und im 
feinem Innern! Es mäfle nur Peiner ſich laſſen 
abhanden kommen feinen Antheil an ven Tugenden, 
welche von. icher find betrachtet worden als des 
Deuiſchen angefiammtes und hezeichnendes Gepraͤge, 


— 233 — na 

der Zucht und Treue, der Rechtlichkeit, Medlichleit 
und Aufrichtigkeit, der Befcheidenheit, Frömmigkeit, 
Bebarrlichkeit, des ſchwer zu erſchuͤttern den Ord⸗ 
nungsliebe, und tiefgewurzelter Ehrfurcht fuͤr das, 

was wahr und recht und heilig! Es niuͤſſe unſre 
Sprache, die da iſt keuſch, klar, ſtark, zart, herzlich, 

fräftig, erweichend beides und erfchütternd, von 

uns nur anerfannt werden in ihrem Werth, und 

gepflegt und gehuͤtet werden, wie das. Palladium 

unſrer Selbſtſtaͤndigkeit! Es muͤſſe das herzliche 

deutſche Lied, das Lied der Luther, Opitz, Haller, 

Kleiſt und Klopſtock von uns vorgezogen werben des 

Auslands noch fo lockenden Weiſen! Es müſſe der 

Mann nur vorleuchten bem Juͤngling in jenem ge- 

feßten Ernfi, der dem Deutfchen ungleich beſſer 

ſteht, als die Leichtigkeit und Beweglichkeit der 

Nachbarn! Es muͤſſe der Juͤngling frühe fich ent- 

zuͤnden an der Vaͤter großem Vorbild! Es möffen, 

um zu brauchen des Propheten Worte, die Herzen 
der Kinder nur befehret werben zu den Wätern, 
ber Völker zu den Sürften, der Bürger :zu den 

Rriegern, der Laien zu den Nichtlaten, aller Herzen 











‚ — 239 — 


aber ergriffen und vereinigt werden durch einerlei 
ſtarken Glauben, einerlei fenrige Liebe, einerlei 
begeifternde Hoffnung - . . . umd wahrlich, die Aere 
unferer Wiedergeburt wird nicht fern ſeyn. Ver—⸗ 


ſtaͤndigt durch die Erfahrung, gelaͤutert durch dns 


uUngluͤck, erfiaekt unter den Stuͤrmen felber, werden 


wir fruͤber oder fpäter den Rang wieder einnehmen . 


unter den Nationen, welchen der Weltgenius uns 
ferem Volke zugedacht zu haben ſcheint, den Rang 
eines Ur⸗ und Gentralvolfs, in deſſen Foeus alle 
Strahlen der höheren Bildung zuſammenbrennen.“ 

Im Herbſte des Jahres 1809 ward Koſegartens 
alteſte Tochter, Allwmina, verbeirathet an den Dia⸗ 
konus Baier zu Altenkirchen, und der Vater vollzog 
die Trauung felbft zu Greifswald. Gin neues Band 
knuͤpfte ihn nun an ſeinen Stellvertreter zu Alten⸗ 
kirchen. Als im folgenden Jahre, nachdem Karl 
der dreizehnte zur Regierung Schwedens gelangt 
war, der Friede zwiſchen Schweden und Frankreich 
geſchloſſen, und Schwediſchpvommern an Schweden 
zuruͤckgegeben worden, bat Koſegarten den König, 
er moͤge ihn in der von der franzdſiſchen Regierung 


— 40 — 


ihm verliehenen Stelle befätigen, und ihm erian- 
ben, einſtweilen noch das alademiſche Amt zu Greifs⸗ 
wald beisubchalten. Der König bewilligte auch ſo⸗ 
gleich diefes Gefuch durch einen Erlaß an den Kanz⸗ 
fer der Hniverfität, Zürfien von Eſſen, von Gtod- 
bolmsschloß den vierzehnten Mai 1810. Kofegarten 
befuchte jetzt Hfter feine Gemeinde zu AltenFirchen, 
wo er num sugleich die Freude hatte, feine- Kinder. 
zu ſehen. Im Sabre 1811 bielt Rofegarten, da der 
Profeſſor Bratt zu Greifswald geflorben, auf den 
Tod diefes feines Collegen eine Gedächtnißrede, 
welche gedruckt if unter dem Titel: Quo sensu 
pbilosophia meditato mortis a Veteribus dicta sit, 
ac dici qpeatı Oratio parentalis in memoriam Andreae 
Bratt. Gryphiae 1811. Seit diefem Jahre fchrich 
Kofegarten häufig die bei den philoſophiſchen Pro⸗ 
motionen erforderlichen Differtationen. Die Ge 
genflände derfelben find: Aonius Palearius, immor- 
talitatis animarum praeco atque'vates quondam prae- 
celarissımus, idemque infelicissimus, ab oblivione vin- 
‚dieatus, . 1811. . Cassandra fidelis, saeculi et —* 


sui Phoenix, e cineribus revirescens; 1811. Givitas 








— 24 — 

solis, Thomae Campanellae,. sapientum affliclissimi 
juxta ac fortissimi res publica idealis; 1811. De glo- 
riosissimi et pervetusti regis Dschemschid, Achaeme- 
nidarum atavi, claris natalibus, facinoribus egregüs, 
exituque, quem ferunt, fatali; 1811. Doctrinae Dua- 
lismi a Zoroastre Medo- Bactrico instaurati deline- 
. atio; 1811. De Poätarum, effatis Graecorum, in s0- 
ero novi foederis codice laudatis. Particulae IV; 
4811er 1% Hymnus Cleanthis, denuo recensitus, no- 
us illustratus; 1813 Orphei Hymaus in Tellurem ; 
. emendatus, illustratus, 1813. De Aurilamma, vexillo 
quondam Francorum auspicatissimo et sacratissimo; 
monographia historica; 1813. Sal, Ex efato Salva- 
toris Matth. V. 13, verbi divini, ejusdemque mini- 
strorum imago et exemplum; 1815. 

Auch begann Kofegarten in dieſem Fahre eine 
neue Ausgabe feiner fämmtlichen metrifchen Dich⸗ 
tungen, in welche er nur das ihm bewährter fchels 
nende aufnahm, und morin er bie früheren Mängel 
der aufgenommenen Gedichte -mbglichft- verbeffern 
wollte. Er fagt davon in der Gefchichte feines funf⸗ 
zigften Lebensiahres: „Ich Heß Liegen das unheil⸗ 

XU. Band. [16] 


— 42 — 

bar kraͤnkelnde und ſchwaͤchliche, las ans, was mir ei⸗ 
nen Ichendigen Odem in fich au tragen ſchien. Vie 
Nles iR gänzlich umgenrbeitet; Das gar Alte und 
Formloſe iR faft men gefchrieben; uͤberall war ich 
befliffen, der Rhythmik, Proſodie und Metrik nach⸗ 
zuhelfen, welche ich, ‚verführt durch die großen 
feüheren Dichter, die freilich- für die Mängel der 
Form durch die Hoheit und Herrlichkeit des In⸗ 
haltes fchadlos hielten, bis dahin Über-die Gebühr 
vernachlaͤſſigt hatte. — Wobei mir nicht unbekannt 
iſt, daß manchem ſinnigen Menſchen gerade dieſe 
älteren Zerte mit allen ihren Härten und Nau⸗ 
heiten, ihren grofesten Bildern und bimmelfchret- 
enden Metaphern, noch immer lieber find, als die 
neueren mit Ihrer @lätte und Blinker Er ſchrieb 
zu dieſer Ausgabe dag Vorwort, welches auch in 
‚dee fünften. Ausgabe abgedruckt iſt vor dem mweiten 
Bande. 

Im Anfange des Jahres 1812 ruͤckten die Fran⸗ 
zoſen, welche anfingen, ſich nach der ruſſiſchen 
Grenze hin gu begeben, ans Mecklenburg kommend 
abermals in Schwedifchpommern ein, unter dem 
Befehle des General Zriand. Sie fagten Anfangs 





— 243 — 


fie kaͤmen als Freunde und Bundesgenoſſen des 
ſchwediſchen Hofes, zeigten füch aber bald ale Feinde, 
und entwaffneten auf eine hinterliſtige Weiſe die 


: fchwebifchen Teuppen in Stralſund und Greifs⸗ 


wald. Kofegarten. übernahm damals zum- erfien 
Male das Rectorat der Univerfität, und bielt bei 
dieſer Gelegenheit die: Oratio habita in senatu aca- 
demico, tum magistratum academiae iniret: Gryphiae. 
1812. Die Beſetzung des Landes durch den Feind, 
der von diefem gegen die Geſinnung ber Einwoh⸗ 
ter gehegte Argwohn, und die deßhalb von ihm 
eingerichtete fo genannte hohe Polizet veranlaßten 
natuͤrlich, daß dfter auch. Eingtife in die Rechte 
und dag Eigenthum der Univerfität verfucht wur⸗ 


ben, ſowohl von den fremden, wie von den einbei- 


mifchen Beborden. Kofegarten hatte daher oft. 
Mühe, folche Angriffe abzuwehren, welches ihm ie 
doch meiftens gluͤcklich gelang, wenigſtens gegen die 
feemden Bebbrden. Da nun am ficbenten October 
der Geburtstag Carls des dreisehnten einfiel, fo 
bielten es manche für bedenklich, unter den dama⸗ 


ligen Umftaͤnden, in Gegenwart des Feindes, das 


Feſt des ſchwediſchen Königs zu begehen, Aber 


v 


— 244 — 


Koſegarten erklärte, er Tinte nur ſeines Amtes hal⸗ 
ten, die vrdnungsmaͤßige Feier zu. beſorgen. Er 
randigte fie demnach durch dus gewoͤhnliche Pro- 
Bramm an, und ließ anch, der Gewohnheit gemäß, 
den in Greifswald. Fommandirenden franzdſiſchen 
Beneral mit feinem Offiziercorps dazu einladen. 
Diefe Franzoſen erſchienen auch ſammtlich, und 
wohnten der Geier mit aller Stile und Aufmerk⸗ 
ſamkeit bei. Kofegarten hielt ſelbſt an diefem Tage 
die übliche Mebe, und zwar bie: von der Hingebung 


- des Lednidas, gedruckt Greifswald. 1812 Er ſchloß 


die Rede mit einem Blicke auf die damalige Zeit 
Deutſchlands, und dem Wunſche, daß auch Dentfde 
land gegen die Franzoſen einen Leonidas gezeigt 
baben moͤchte: „Gluͤckſelige Spartamer, euch ward 
befchteden vor Millionen eurer minder gluͤcklichen 
Bruͤder, welche verbluteten fuͤr eine ihnen fremde 
Sache, zu. fallen für Altar und Heerd, ber Freund 
an der Seite des Freundes, im begeiſternden Ge- 
fühl für Freiheit und Vaterland, verlufig zwar des. 
zeitlichen Lebens, jedoch gewiß, einig übrig zu ſeyn 
im Andenken aller kommenden Geſchlechter. — Die 
Theſpider nur bat Fein Stein genannt, jene treuen 








— 245 — 


frommen Eidgenoſſen, die wohl ein Beſſeres ver⸗ 
dient haͤtten um ihre ſpartaniſchen Bundesfreunde; 
denn Eidgenoſſen ſolcher Art ſind ſelten gewiß zu 
allen Zeiten ... Jedoch Herodotos hat ibrer gedacht 
in ſeinen unvergaͤnglichen Geſchichthuͤchern ... 

und auch wir wollen heute ihrer gedenken, wir 


Wenigen und Spatgebornen, die wir aufgeſpart 


wurden einem Zeitalter, das im Eingang eines un⸗ 
gleich pruͤfendern Thermopyla feinen Leonidas er⸗ 
wartet, aber nicht gefunden!“ | 


Im Herbſte diefes Jahres fandte Koſegarten 


feinen Sohn, welcher bis dahin zu Greifswald 
‚Theologie Aubirt hatte, mach Paris, damit er dort 
feiner Nelgung gemäß in dem Studium ber vrien⸗ 
talifhen Sprachen fich vervollkommnen mächte, vor⸗ 
züglich unter der Anleitung Silveſtre de Saevs. 


Als im Jahre 1813 in Deutfchland zu den 
Waffen gegriffen ward, erfüllte die Ausficht in eine 


feobere Zukunft des Vaterlandes Kofegarten mit 
Freude, und er dichtete in diefem Gefühle feine 
saterländifchen Geſaͤnge: 





— A — 


Erwachſt du endlich aus dem Todesſchlummer, 
Heimat des Herrmann, Marbod, Wittekind? 
Wird endlich Grimm dad Grämen, Zorn der Kummer? 
Verraͤth die Zunge, wie die Bruſt gefinnt? 
Ja du erwacht! Du ſprengſt die Kette, 
Du raffſt dich auf von Schaan und Schmerz; 
Der Kinder Angſtruf: Hette: Rette! 
Zerreißt dein Ohr und ſchweillt dein Sr. — 


 Xentonia fteht auf! Gekränzt mit Eichenlaube 
Zuckt fie den Heilgen Stahl zur Nettung, nicht zum Raube 
Nicht ſtolz, wicht frech, nicht rob! Stets war, Thuiskon's 
. Stamm, 
Freiheit bein 1 Seldgrfärti, Frommheit dein OSriflamm 


Da ihn aber auch duͤnkte, daß in manchen der 
damals erſcheinenden Lieder und Flugblatter eine 
unedle Sprache geführt werde, welche theils auf 
| eine unwuͤrdige Weiſe den Charakter des feindlichen 

Volkes. feomäpte ‚ tbeils mit gedifcher Selbfibe- 
fpiegelung von des deutſchen Volksthumes uͤber⸗ 
ſchwaͤnglicher Vorirefflichkeit unaufborlich redete, 
thells zu einem unchritllichen Haſſe gegen den "Bein 





— 247 _. ⸗ 


aufforderte, ſe wollte Kofegarten zugleich in ſeinen 
vaterlaͤndiſchen Geſaͤngen eine reinere und edlere 
Nichtung des gerechten Volksgefuͤhles bezeichnen. 


Du ſollt kein Held im Prablen 
Nicht keck ſeyn mit dem Maut! 
Mit Thaten ſollt du zahlen; 

Wer ſchwätzt, wird hohl und faul, 


Du ſollt den Send nicht läſtern, 
Baß Heiden Maaß und Glimpt. 
Der Feind iſt nicht ſeit geſtern 
Geübt auf Ernſt und Schimpf. 


t 


Du ſollt in frommen Sprüchen 
Nicht ſprudeln Gift und Groll; 
Gebet ſtimmt nicht zu Flüchen, 
Chriſt nicht Beat! 


— —— 


In dem Gedichte: Wir und Ibr, will er auf⸗ 
merkſam machen auf die Werdienfte, welche das | 
franzdfifche Volk um die Bildung und Sittigung Ä 
der Benblferung Europa's fich erworben babe; wor. 

mit verglichen werden kann, was In gleichem Sinne | 


% 


— 4 — 


Johann von Muͤller uͤber dieſen Gegenſtand ſagt, 
in dem Schreiben an Bonſtetten, im funfzehnten 
Bande feiner ſaͤmmtlichen Werke, ©. 152. 
Koſegarten bemerkt in dem Vorworte zu jenen Ge- 
dichten: „Man follte ung genug achten, um mit 
ung nicht fchlechter wenigfiens zu reden, als zu 
nicht beſſern Volkern aus gleichen Anläffen geredet 
wurde von den Vortrefflichſten ihrer Zeit, von Ari⸗ 
ſtomenes zu den Meſſeniern, von Demoſihenes zu 
den Athendern, von dem heldenmüthigen Makkabaͤer 
au Jehova's Wolke, von den Männern im Ruͤtli zu 
den herzlichen biderben Eidgenoſſen. Maaß und 
Zucht und Sitte ziemen dem Deutfchen. Gerech⸗ 
tigkeit und Wahrheit haben von je der für des va⸗ 
terländifchen Heerdes Laren und Penaten gegolten; 
‚nur unter der Wahrheit und Gerechtigkeit unver» 
sänglihem Panier werden wir obſiegen! . 
In den Anmerkungen zur vierten Ausgabe fuͤgte 

er nachber hinzu: „Es iſt übrigens geſprochen gu 
uns feit dem in dieſem wuͤrdigern Sinne und Geiſte; 
von Friedrich Jacobs 3. B. in den: ‚Hoffnungen 
Deutſchlands, und in jenes trefflichen Anshelm von 
Feuerbach ſchoͤnet Schrift: Ueber die Unterdruͤckung 





und Wiederbefreiung Europas. Solcher Schrif⸗ 
. ten bedürfen wir; ſolche Männer thun uns noth; 
Männer, welche, befonnen und begeiſtert zugleich, 
wiffen, was fie wollen, und, was fie willen, auch 
auszufprechen verfichen mit Kraft, Klarheit, Innig⸗ 
keit und Ruhe. “ | 

Da im Sommer dieſes Jahres der Kronpring 
Karl Johann als Befehlshaber der ſchwediſchen 
Truppen nach Greifswald Lam, verfaßte Kofegarten 
Das demfelben im Namen der Stadt zu überrei- 
chende Gedicht: An den Heerführer der Schweden 
bei feiner Ankunft auf dem beutfchen Boden. Er 
ermahnte ihn darin, den wahren Zweck des Hel- 
den umd bes Krieges flets im Auge zu behalten, um 
fo den Ruhm deifen zu erwerben, welcher bei 
Lügen Fark. | 


Die ihr auf Thronen prangt, um Bald im Staub | 
su modern, 
Der Könige Rönig wird vor feinen Stuhl euch fobern, 
Prüfend fo Schrot als Korn, ein firenger Waradein, 
Er ſchürt der Schmelzglut Stammen, 
Nur er mag euch verdammen, 
Nur er mag euch verzeihen! 


— 250 — 
" Beh, Krieger, über dich, dem ob dem kalten 
Morden 

Dad Eingeweid: zu Stein, zu Stahl die Bruſt geworben, 
Den nie die Wimper naß und nie dad Herz wird weich! 

Nicht mag. der Lorbeer danern, 

um den die Völker trauern; 

dJor Jammer wäſcht ihn bleich 

Im Herbſte dieſes Jahres hielt Koſegarten, da 

die Profeſſur der Beredtſamkeit damals nicht beſetzt 
war, abermals die Rede am Gehurtstage des Könige, 
und zwar die: von dem Tage gu Cletmont, wo be 
kanntlich der erſte Kreuzzug beſchloſſen wärd; ge⸗ 
druckt Greifswald. 1814. Auch im folgenden Fahre 
bielt Kofegarten die Rede, und zwar die, welche 
unter dem- Titel: Das taufendiährige Gedaͤchtniß 
Kaiſer Karls des Großen. Leipzig. 1815; erfchienen 
iſt. Gegen Ende des Jahres Fehrte Kofegartens 
Sohn von Paris zuruͤck, und ward von dem Kant 
fer der Aniverfität, Fuͤrſten von Eſſen, als Adiunct 
bei der theologiſchen und der philofophifchen Fakul⸗ 
tät zu Greifewald angeſtellt. Im folgenden Fahre 
vat Koſegarten den Koͤnig, er moͤge ſeinen Schwie⸗ 








— 13 — 


gerſohn und Stellvertreter zu Altenkirchen, den 
Diakonus Baier, zu feinem Subflituten und der⸗ 
einfiigen Nachfolger in der dortigen Pfarre ernen- 
nen; welches Geſuch gur großen Freude Kofegar- 
tens, anf die Empfehlung der pommerſchen Megie- 
rung, der König auch ‚fofort bewilligte, vermittelſt 
Schreibens und Vollmacht, ausgeſtellt von Stock⸗ 
holmsſchloß, den acht und zwanzigſten Julius 1815. 

Im Herbſte des Jahres 1815 erfolgte die ueber⸗ 
gabe Schwediſchr ommerns an die preußiſche Regie⸗ 
rung; bei welcher Gelegenbeit Koſegarten auf Er⸗ 
ſuchen das Gedicht: An Ingersleben, verfaßte, in 
welchem er die Vereinigung des ſchwediſchen Pom⸗ 
mern mit dem vreußiſchen Pommern begruͤßt, und 
deni ſchwediſchen Reiche ein Lebewohl zuruft. 


| Wohl unter den drei Kronen 

Ließ ſich's gemächlich wohnen; 

Doch mag das Band nicht dauern, 
Was die Natur verneint. | . 


Sabr, Odins Bolt, fahr wohl! In nie bewöllter 

Klarheit 

Funkl' ewig dir dein Stern, der Angelſtern der Wahrheit 
Wir ſcheiden. . Sabre wohl 


= 252 — 


Ans gleicher Veranlaſſung entkand das im Na⸗ 
men ‚ber Univerfität gefchrichene Gedicht an Har⸗ 
benberg. Dft noch ward Kofegartens Dichtkunſt bei 
feierlichen Gelegenheiten in Anſpruch genommen. 
Su bemerken iſt aus. biefer Zeit auch fein Gedicht 
bei der Amtsiubelfeier Friedrich Chriſtoph Scheele's 


a find der Volkskraft Schnen? Was die Adern 

Des Bürgertfumd? Was beffen Band und Kranz? 
Eind es die Mauern? Sind’3 die ſtarren Quadern? 
Iſt's der Palläſte Prunk? der Münfter Glanz? 
Nein, Treu? und Glaub’ iſt's, Eintracht und Vertrauen, 
Der ſchöne Sinn, der keine Opfer ſcheu't; 
Der Jugend frifher Muth, die firenge Zucht ber Frauen, 
Der Alten heitrer Ernft, dee ſich des Jenſeits frent! 

Einige der Schreiber in den Tageblättern, 
welche, nad) der Vertreibung der Franzoſen aus 
Deutfchland, neben dem Franzoſenhaſſe die Noth⸗ 
wendigkeit der Herfiellung eines von Ihnen abge- 
fchilderten alten ober neuen deutfchen Volksthumes 
predigten, hatten es übel empfunden, daß Kofegar- 
ten in ſeinen vaterländifchen Gefängen, vorzüglich 
in den Anmerkungen zur vierten Ausgabe, ihre thoͤ⸗ 
richten Uebertreibungen zu tadeln gewagt. Sie mach⸗ 


s‘ 





— 253 — 


ten daher zu dieſer Zeit in ihren Blättern einige Schma⸗ 
hungen gegen Koſegarten bekannt; ſie nannten ihn 
einen Bonapattiſten, and ſagten, dag er durch Schmei⸗ 
chelei gegen die Franzoſen ſein akademiſches Amt 
erhalten, darauf in der Rede am Napoleonsdtage 
des verruchten Kaiſers Thaten lobend zu ſchildern 
ſich unterſtanden, und nun das deutſche Volksthum 
befeinde. Koſegarten haͤtte dieſes Geſchwaͤtz wohl 
unbeaqchtet laſſen Finnen; denn dag Geraͤuſch, wel⸗ 
ches jene Leute machten, verging bald. Doch glaubte 
- ee ihnen antworten gu müffen, 'und fchrich zu dies 
fem Zwecke die: Geſchichte feines funfzigſten Les 
bensjahres; Leipzig. 1816. Er befchreibt darin feine” 
Rage zu Altenkirchen, und erzaͤhlt, aus "welcher 
Beranlafiung er das afabemifche Amt gefucht habe. 
Serner verweifet er darin mit heftigen Wörten jenen . 
Schmähern die Verfehrtheiten, in welche fie bei 
dem Streben nach ihrer Altdeutſchheit verſtelen, 
und die Leerbeit ihrer yhilofopbiich = polttifchen 
Deelamationen. Bald nachher iſt das Falfche‘ in der 
Richtung, welche iene Leute genommen batten, 
allgemeiner Anerfannt worden. 


— 254 — 


Da im Jahre 1816 nach vicen Zögerungen dis 
von Kofegarten zu Bitte begonnene Kapelle fo weit 
- vollendet worden, daß Gottesdienſt in ihr gehalten 
werden konnte, fo reiſte Kofegarten im Herbſte bin, 
um fie durch den erfien Gottesdienf einzuweihen. 
Die von ihm und feinem Gebuͤlfen Bater bei die 
fe Gelegenheit verfaßten Predigten ſind gedruckt 
unter dem Titel: Denkmal der Widmung des auf 
Arkona erbauten Uferbethauſes. Stralſund 1817. 
Schon lange war Koſegarten ein Freund der ſogenann⸗ 
ten Theologie des Herzens geweſen, oder der myſti⸗ 
ſchen Theologie, das heißt weniger des theofophifchen 
Zweiges diefer Theologie, welchen Jae. Böhm, Val. 
Weigel und Achnliche erwählten, als vielmehr des 
afcetifchen Zweiges, welcher aus den Schriften des 
Lacombe, des Franz von Sales, und ähnlicher Gei⸗ 
fler erfannt werden kann. Er hatte bemerkt, daß 
in unfrer Zeit in den Urtheilen über die myſtiſche 
Theologie gewöhnlich ‚gar Fein Unterſchied gemacht 
werde zwifchen jenen Theoſophen, die eine philo⸗ 
fophifche Erkenntniß Gottes und des Univerfums 
begründen wollen, und dieſen aſcetiſchen Moflikern, 
welche fi mehr den Gefühlen der Bewunderung 





— 25 — 


und Eiche für das boͤchſte Wefen hingeben; daß über- 
banpt auf eine ſehr unmiffenfchaftliche Weiſe dag 
Wort Myſtik icht oft Für Alles und Jedes gebraucht 
werde, welches man als dem ratisnalififchen Sy⸗ 
ſteme widerſprechend betrachte, und. daß ſelbſt ein 
Feſthalten an den in den Bekenntnißſchriften der 
Kirche feſtgeſetzten allgemeinen Grundlehren des 
Chriſtenthums, eutweder aus Unwiſſenheit, oder 
aus Leidenſchaftlichkeit, mit dem Namen des My⸗ 
ſftieismus belegt werde, ungeachtet gerade die kirch⸗ 
liche Lehre der Bekenntnißſchriften die eigentlichen 
Myſtiker für Irrende erklärt; wie diefes auch neulich 
treffend bemerkt worden iſt im dritten Bande der 
. . Jahrbaͤcher des preußiſchen Volksſchulweſens. Ko⸗ 
ſegarten glaubte bei denjenigen, welchen der Name 
Myſtiker eigentlich zukommt, viel wahres und edles 
Gefuͤhl zu finden, und er befchloß daher, eine der 
 vorsüglicheren ihrer Schriften befannter zu machen, 
und zugleich hinzuweiſen auf den Unterſchied, wel 
her Statt finde zwiſchen einem Jacob Böhm und 
einer De la Motte Gujon. Deßhalb gab er dns 


Buch: Die Stroͤme; Stralfund. 1817, heraus. Die: 


ſes Buch enthält eine deutſche Bearbeitung des 


— 256. — 


eben ſo uͤberſchriebenen Werkes dee Jeanne Matie 
Bounteres, verehelichten De la Motte Gujon; beige⸗ 
fügt iſt Einiges aus dem Werke derſelben Verfaſ⸗ 
ferinn: vom Wege und von der Vereinigung mit 
Sott. Auch find angehängt die Marimen bes Lacombe, 
bie kleine Schrift vom Freund und von dem Geltebten, 
wehhe einem Eremiten Blacherna zugeſchrieben 
wird, drei Gedichte des Johannes a Erute, und 
ein Gedicht von Tauler. Ueber den Unterſchied 
zwiſchen den Theofophen und den Moßifern fagt 
Kofegarten in der Vorrede: „Zu einer Zeit, welche 
fih) es muß nachſagen Iafien, daß fie gar fehr an 
einem Frankhaften Hang zum Myſticismus leide, 
mag diefes Buch Übrigens vielleicht dazu bebuͤlftich 
fein, die umlaufenden Begriffe von der Myſtik gu 
berichtigen und zu lautern. In der That wil es 
mir vorkommen, als ob es an einer Flaren und ge 
nögenden Einſicht in das Wefen und eigentliche 
Abſehen der wahren Myſſik überall gebreche. Es 
fcheinen mir die Meifien die Myſtik gu vermengen 
mit der Theofopbie, und fobald von der erfien die 
Mede koͤmmt, fofort nur an Jacob Böhm zu den⸗ 
Een, au Paracelfus, an Valentin Weigel und dieſen 








J — 257 — 

ähnliche Beifter. Allein, wenn gleich der Theo: 
ſoph allzeit auch Myſtiker if, fo if doch der reine 
- eihte Myſtiker keinesweges Theoſoph; er if nur 
eine Art von potenzirtem Asketen. Die Theoſopbie 
fleigert die erkennenden Kräfte; die Myfſtik rei⸗ 
nigt den Willen. Der Theoſoph iſt in befiändiger | 
Erpanfion, wogegen die Gontraction im Centro 
bes Mymkers bleibende Stellung iR. Des Then 
fopben Streben gilt dem U, das. Streben des 
Myſtikers dem Nichts. . . Es darf daher auch im 
seringfien- nicht beforat werden, daß die moufifche 
Anfchauungs= und Sinnesweiſe alu tief eingrei⸗ 
fen. möge In das gegenwärtige Gefchlecht, alfo da 
dadurch Abbruch oder Eintrag gefchehe unferer bes 
lobten Nuͤchternheit und Gruͤndlichkeit, das Zeital« 
ter aber wicher zuruͤckgeworfen werde von ber Höhe 
“der Bildung, auf die es fich gefchwungen. Viel 
zu ſchmal in Wahrheit iſt diefer Weg, und viel zu 
niedrig dieſe Pforte, als dag Ihrer viele auf jenem 


zu wandeln, und unter diefer fich zu bien fih 


entfähliegen möchten, in einem Zeitalter zumal, 

das in den juͤngſt erworbenen Errungenſchaften fich 

fo fatt und felig fühlt, und den Stolz fhr die erfe 
Band. XII. [17] 


— z288 — 

der Tugenden, fo wie die Selbſiſtaͤndigkeit für das 
böchfie aller Güter nusgtebt. Wie follte ein folches 
Befchlecht die ernſte Lehre von der Entwerbung nicht 
eine Thorheit dünfen!“ 
Die Vorliebe für die theologtichär Studien ber 

wog Kofegarten, ſich im Jahre 1816 um die damals 
erledigte ordentliche theologiſche Profeſſur zu Greifs⸗ 
wald, welche mit dem Paſtorat bei St. Jacobi ver⸗ 
bunden iſt, gu bewerben, und das koͤnigliche Mini- 
ſterium verlieb ihm biefe Stelle. Cr übergab daher 
nunmehr dag Altenkircher Pfarramt gänzlich dem 
bereits zu feinem dortigen Nachfolger ernannten 
Paſtor Baier, und trat die theologiſche Profeffur 
und das Paſtorat gu St. Jacobi zu Michaelis 1817 
"an. Die Altenkircher Gemeinde hatte während der 
Amtsfuͤhrung Kofegartens das alte pommerſche Ger 
fangbuch beibehalten. Im feiner Greifswaldifchen 
Gemeinde dagegen fand KRofegarten nun das neue 
pommerſche Geſangbuch vor, welches gegen Ende 
des vorigen Jahrhunderts von der damaligen pom⸗ 
merfchen Megterung empfohlen worden war. Er 
vermißte darin fehr ungern die Lieder Luthers und der 
übrigen älteren Kirchendichter, und gab Daher cine 





— 2600 — 
Sammlung dieſer in jenem Geſangbuche ſehlenden 
Lieder heraus, um die Lieder gelegentlich bei dem 
Gottesdienſte anwenden zu koͤnnen. Er ſagt in der 
Anfündigung: „Ich bin willens, eine Sammlung 
der Lieder Luthers, wie auch der uͤbrigen bewaͤhrte⸗ 
ren älteren Kirchengefänge, zu beforgen; folcher zu⸗ 
mal, die in unferm Gefangbuch entweder gänzlich 
ubergangen, oder doch dermaßen verändert: und 
verwäflert worden, daß auch Fein Funke bes ur- 
fpräönglichen Geiſtes darin zuruͤckgeblieben.“ Cr 
nahm in die Sammlung, außer einigen Feiergeſaͤngen 
der aͤlteſten Kirche, die ſaͤmmtlichen aͤchten Lieder 
Suthers auf, ferner die befien der von Spengler, 
Speratus, Jonas, Weiß, Nicolai, Dach, Riſt, 
Heermann, Gerhard, und einige aus der Spener⸗ 
FSrankiſchen Periode. Koſegarten bemerkte in Be⸗ 
treff dieſer Sammlung: „Warum ſollen nur bei 
uns die Lieder Luthers und ſeiner Geiſtesgenoſſen 
nicht mehr gehört werden, während man fortfaͤhrt, 
fie zu fingen bis auf den heutigen Tag in der ge- 
fammten übrigen evangelifchen Chrifienbeit? Sol⸗ 
Nlen denn dem Volke nie zuruͤckgegeben werden 
feine bewährten Bührer und Freunde, Die ihm find 


r 





— 260 — 


entwunden worden trotz ſeines Straͤubens, und zum 
fuͤblbarſten Nachtheil feines kirchlichen und religid⸗ 
ſen Lebens? Sollen wir uns nimmermehr wieder 
erquickt und gehoben fuͤhlen durch jene heiligen 
und ſuͤßen Tone, die ung umklungen haben in den 
Tagen unſerer Kindheit, die zuerſt unfere innere 
Welt uns auffchloffen, und ung durchſchauerten mit 
der Ahnung einer bäheren, die ung aufrecht erhiel⸗ 
ten in den Stürmen der Zeit, und uns halfen Wis 
derfiand Teilen in der boſen Stunde? Was find 
doch alle Erzeugniffe der neueren Poefie verglichen 
mit den’ erfchätternden Ausbligungen der glauben: 
vollen, in Kampf und Drangfalen erfiarkten, Vorzeit? 
Nichts find fie dem Wolfe, und werden nie ihm 
werden, was ihm jene geweſen, weil ihnen gäng 
lich abgeht, was das Wolf anfpeicht, die Wabrbeit, 
Einfalt und Herzlichkeit, das Feuer ber Andacht, 
die Glut der Inbrunſt, die Weihe der wahren Ber 
geiſterung. Das Volk feinerfeits bat feine alten 
Freunde noch Feinesweges vergeffen; es miſſet fie 
mit Schmerzen, und es würde fie gern wieder cin- 
taufchen gegen die neuen Gefänge; die an nähren- 
dem Mark und Salbung zehnmal verloren haben, 





— 2 

was fie mögen gewonnen haben in Abficht der Cor⸗ 
reetheit und der Glaͤttung. Daß dem alfo fet, hat 
ſich gezeigt, als es befannt geworden, daß ich 
wuͤnſchte die alten bewährten Lieder neben den neuen, 
welche die Probe befichen, wieder herauszugeben 
und zu gebrauchen. Eine swanzigiährige Erfahrung 
Bat zur Genuͤge gelehrt, daß das Buch, welches 
in jenen Tagen den Gemeinden der Provinz bier 
aufgefchmetchelt, dort aufgedrungen, von der Mehr⸗ 
heit derfelben aber ſtandhaft verworfen worden, 
nicht geeignet fet, die religidſen Beduͤrfniſſe uns 
fers Volkes gu befriedigen. Und gewiß es bat fich 
bon den neuen Liedern mehr abgeſtoßen fühlen 
müffen als angegogen. Denn ſchwerlich dürfte es 
tieder erkennen in ihnen den Glauben, der mit - 
der Milch der Mutter ihm eingefldßt worden. Nur 
allzu fehr iſt nachgegeben worden im diefem Buche 
dem fchndden und trreligiäfen Zeitgeift; überall find 
"De Sundamentallebren in Schatten geflelt, und 
die Myſterien unfers Glaubens ſind herabgezogen 
aus ihrer idealen Hoͤhe in die niedere Sphaͤre⸗ ei⸗ 
nes gemeinen Denkens. Die angeblichen Verbeſ⸗ 
ferungen der alten Lieder verrathen den Mangel an 


1) 





— 262 — 


Andacht fo ſehr wie den Mangel an Dichtergeiſ. 
Diejenigen Lieder gerade, die in unſerer Kirche zu ei⸗ 
ner Yet vom Kanonicitaͤt gelangt waren wegen ihrer 
Erbabenbeit und Verbreitung, find gänzlich ver⸗ 
wiefen aus unferem Buche; auch Fein einziger der 
unſchaͤtzbaren Gefänge Luthers und feiner Zeitge: 
nofen if darin aufgenommen worden.“ 


Die konigliche Regierung trug anfangs Beden⸗ 
ken, den Gebrauch der von Koſegarten beſorgten 
Liederſammlung zu erlauben. Durch ein Refeript 
vom zwanzigſten Mai 1318 fiellte fie es Kofegarten 
frei, bis auf einer Synode über den Gebrauch der 
von Ihm herausgegebenen Liederſammlung berathen 
worden, bei außerordentlichen kirchlichen Feierlich⸗ 
keiten ein paſſendes Lied, entweder aus ſeiner Lie⸗ 
derſammlung, oder aus einem anderen Geſangbuche 
abdrucken und bei ſeiner Gemeinde vertheilen zu 
laſſen. Mehrere achtungswerthe Maͤnner haben 
ſeitdem auf die Vorzuͤglichkeit der aͤlteren unver⸗ 
faͤlſchten Kirchenlieder aufmerkfam gemacht. Koſe⸗ 
gartens Sohn verließ im Jahre 1817 Greifswald, 
da ihm Die Profeſſur der orientaliſchen Sorachen 








‘ 


— 2603 — 


gu Jena abertragen worden war, und begab ſich J 


im Sommer an ſeinen neuen Beſtimmungsort. 


Als im Herbſte des Jabres 1817 bei der uni- 
verfität zu Greifswald das Reformationsiahiläum 
gefetert ward, hielt Rofegarten. die Rede von Seiten 
der theologiſchen Fakultaͤt. Es war dies die Ge⸗ 
daͤchtnißrede auf den pommerfchen Neformator Jo⸗ 


Bann Bugenhagen, von dem er fast: „Andere 


werden gepriefen werden in biefen Tagen des from⸗ 
men Angedenfens an andern Orten. Ins geziemt 
es, vor Anderen gu preifen den Johann Bugenbhagen. 
Denn Johann Bugenhagen ift der Unfrige in mehr 
denn einem Sinn; als ein Sohn umferes Landes; 


‚als ber Zogling diefer unferer hoben Schule; als 


ber Drdner unferer Gottesdienſte endlich, und als 


der Wiederherſteller unſerer Kicche. 


Die Amtsgeſchaͤfte der Profeſſur und des Pa⸗ 
ſtorates nahmen Kofegartens Kräfte ieht doppelt in 


\ Anſpruch. Er trug die Dogmatik vor, und erklärte u 


einige Bücher des alten Tefiamentes. Doch auch 


den Mufen entfagte er noch wicht, wie eine Fleine 
- Sammlung von Diitchen zeigt, welche er im Ar 
fange des Jahres 1818, für ein paar junge Maͤd⸗ 


[ 


— 264 -- 


chen, welche auf einem Balle Straͤuße vertheilten, 
unter der Ueberſchrift: Die Spruͤche der Straͤu⸗ 
ßermaͤdchen, verfaßte. Manche derſelben bezehen 
ſich auf drtliche Verhaͤltniſſe. Sie find theils ſcher 
haften, theils ernſten Inhaltes. 


of und Myrte gepaart, Einnbild des Schönften 
im Leben, 
Dir, Holbfeliged Kind, bringen wir ahnend 
ed dar, 


Ernſtes Wintergrün, dich geſelb ich zur Myrte ber 
Jugend. 
Ernſt ſei die Jugend und froh; munter das 
Ylter und friſch! 


Nimm die Myrte! Sie mahnt an die ſußeſte 
| Stunde bed Lebens. 
un bie erhabenfte mahnt, ernſte Enpreffe, 
dein Grün! 


Huch Kofegartens wartete in diefem Jahre jene 
erhabene Stunde. Er hatte nun fein ſechszigſtes Lebens⸗ 
jahr vollendet, und feine Kräfte fingen an abzunch- 
men. ‚Doc, trat er zu Oſtern 1818 noch zum zwei⸗ 
tenmale das Mectorat der univerſttaͤt am, wodurch 
denn feine nothwendigen Gefchäfte fih um ein Be- 








deutchbes vermehrten. Während des Sommers It - 


er viel am einem heftigen Kopfweb, welches oft 
Tange anbielt, und bisweilen betäubend ward. Doch 


führ er fort, den Geſchaͤften vorzufichen. Im Sep⸗ 


tember kam ſein Sohn aus Jena zu ihm, um ſeine 
Hochzeit in Greifswald zu feiern. Gern haͤtte der 
Vater die Trauung noch vollzogen; aber er konnte 
nicht mehr dazu gelangen. Er mußte jett die meifte 
Zeit im Bette zubringen und hatte nur noch ſel⸗ 


ten ruhigere Augenbliche. Bald, nachdem er ſei⸗ 


nen nach Jena abreiſenden Kindern Lebewobl ge⸗ 
ſagt hatte, ward der Kopfſchmerz immer anhalten⸗ 
der. Koſegarten entſchlief mit Ruhe und Sraeben ⸗ 
heit am ſechs und zwanzigſten October, fruͤh um 
vier Uhr, umgeben von ſeiner Gattin und ſeinen 
Toͤchtern. Er hatte gewuͤnſcht, zu Altenkirchen zu 
ruhen; daher feine Angehbrigen und fein Jugend⸗ 
freund, Gottfried Quiſtorp, feine Ueberreſte dort- 
bin geleiteten. Gelne alte. Gemeinde empfing fe 


feierlich, und Kofegartens juͤngerer Freund, der Paſtor 


Schwarz su Wyk auf Wittow, hielt am erſten Novem⸗ 
ber die Gedaͤchtnißrede nach Daniel 12. Ders 2. und 3: 
„und viel, die unter der Erde fchlafen liegen, wer⸗ 


' 


& 


— 266 — 


den aufwachen; etliche zum ewigen Lehen, etliche 
zur ewigen Schwach und Schande. Die Lehrer 
aber werden leuchten, wie des Himmels Glanz, 
und die, fo viele zur Gerechtigkeit wieſen, wie die 
. Sterne immer und ewiglich.” Kofegarten iſt bes 
flattet auf der Suͤdſeite des Kirchhofes zu Altch- 
lirchen, wo icht neben ihm auch ſchon fein Schwie- 
gerfohn und Nachfolger gu Altenkicchen, der Pa- 
for Baier, ruhet. 

Koſegarten war won hohem Wuchſe; er batte 
ſchlichtes ſchwarzes Haar, und lebbafte braune Au⸗ 
gen. u der Jugend waren alle feine Bewegungen 
fehr rasch und ungeflüm; im Alter war er gewoͤhn⸗ 
lich ern und fi. Er Konnte ſchnell zu großer Hef⸗ 
tigfeit entzündet werden, kehrte aber auch chen fo 
ſchinell zur Sauftmuth zuruͤck. Den Bittenden kam 
ex Immer freundlich entgegen, und leiſtete ihnen gern 
Beiſtand. Laubeit und Schlaffheit waren ihm verbaßt, 
und er bewies daber ſelbſt, wenn es galt, etwas 
Heilſames ju bewirken, Eifer und Ausdauer. 


— — — X 


Berlin, gedruckt Bei A. W. Hann.